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Interviews & Artikel

PLACE OF SKULLS

Heaven and hell

Wer sich ernsthaft für Doom interessiert, wird an Victor Griffin nicht vorbeikommen, hat der Mann doch mit seiner Musik, seinem ganz eigenen Gitarrenspiel unzählige Menschen zu Freunden und Interpreten der langsamen Gitarrenmusik gemacht und ist damit - neben BLACK SABBATHs Tony Iommi - der vielleicht einflussreichste Gitarrist, den das Genre hervorgebracht hat, und dadurch mit dafür verantwortlich, dass klassischer Doom so klingt, wie er nun mal klingt. DEATH ROW hieß Griffins erste Band Ende der Siebziger, und diese benannte er 1984 nach dem Einstieg des Frontmanns der ersten PENTAGRAM-Besetzung aus den Siebzigern, Bobby Liebling, in PENTAGRAM um. Musikalisch auf den dunklen Elementen der leider eher erfolglosen Ur-PENTAGRAM aufbauend, erschuf die Neuauflage der Band 1985 mit dem selbstbetitelten und erst Jahre später "Relentless" genannten Debütalbum sowie dem Nachfolger "Day Of Reckoning" von 1987 zwei Meilensteine des Dooms, die auch heute noch Blaupausencharakter für junge Doom-Bands besitzen.



Nach einem weiteren Album, "Be Forewarned" von 1995, verließ Griffin PENTAGRAM, und außer musikalischen Gründen mag da auch seine Wiedergeburt als gläubiger Christ eine Rolle gespielt haben: Gottglaube und okkultes Image standen einander da wohl im Wege. Griffins neu entdeckte Gläubigkeit zeigte sich dann auch ganz offen in den Texten, die er für seine neue Band PLACE OF SKULLS schrieb, deren Debütalbum "Nailed" 2001 von Southern Lord veröffentlicht wurde. Zusammen mit Scott "Wino" Weinrich (HIDDEN HAND, ex-SAINT VITUS, -OBSESSED,- SPIRIT CARAVAN) entstand dann 2003 - wiederum für Southern Lord - das Album "With Vision", das wie das Debüt neben ein paar ganz hervorragenden Doom-Songs auch wieder mit von Gläubigkeit durchzogenen Texten nicht geizte. Der bisherige Höhepunkt, PLACE OF SKULLS' "The Black Is Never Far" erschien Anfang dieses Jahres bei Exile On Mainstream und war Grund für mich, Victor Griffin ein paar Fragen nicht nur über seine Musik zu stellen. Denn so grandios ich diese auch finde, so bleibt halt leider immer der bittere Nachgeschmack zurück, dass da teilweise von etwas gesungen wird, das im krassen Konflikt mit meiner Denkweise steht. Im Gegensatz zu diversen sich religiös gebenden Suburbia-Middleclass-"Hardcore"-Blagen hat man bei Griffin aber wenigstens den Eindruck, dass da eine Selbstreflexion stattfindet, dass da jemand nachdenkt, während er seinen Glauben propagiert, dass der Mann kein Dummkopf ist. Ich kann sein Weltbild zwar nicht verstehen, seinen Glauben nicht nachvollziehen, aber akzeptieren kann ich ihn. Anders sieht es da mit seiner Haltung gegenüber Homosexuellen aus, denn alberner als er kann man seine Abneigung nicht ausdrücken. Ich habe mir ein Nachhaken aber gespart, da ich nicht erwarte, von ihm noch eine differenzierte Meinung zu dem Thema zu erhalten. Über den zweiten Teil dieses Interviews kann sich also jeder seine eigenen Gedanken machen und eventuell entsprechende Konsequenzen ziehen.

Victor, glaubst du, du kannst deine gesamte musikalische Karriere in ein paar Sätzen zusammenfassen?

Schon mit 13 träumte ich davon, Rock'n'Roll zu spielen, mit 16 setzte ich das in die Tat um und mit 18 gründete ich DEATH ROW, die sich dann zu PENTRAGAM entwickelten. In den späten Achtzigern merkte ich dann, dass das nicht der Traum war, den ich mal hatte, und dass das Underground-Element meines Stils nie berücksichtigt werden würde. aber ich entschied für mich, dass gewisse Bestandteile meines Traums nicht so wichtig sind wie die musikalische Integrität, und machte mit dem weiter, was ich bis heute tue. Ich bin jetzt 44.

Was hat dich damals dazu gebracht, gerade diese Art Musik zu machen? Gab es musikalische Vorbilder?

STEPPENWOLF, die ursprüngliche ALICE COOPER GROUP, die ersten paar KISS-Alben und BLACK SABBATH waren die Wichtigsten und ihr Einfluss kam im Grunde genau in dieser Reihenfolge.

Wie groß war dein Einfluss auf den Stil, für den PENTAGRAM berühmt wurde?

Ich hoffe, das klingt nicht arrogant, aber ich denke, er war substantiell. Aber es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem PENTAGRAM-Sound der Siebziger und dem, was PENTAGRAM in den Achtzigern wurden. Ich habe das auch nie so gesehen, dass ich bei PENTAGRAM eingestiegen wäre, ich hatte noch in der Highschool mit Lee Abney DEATH ROW gegründet und Joe Hasselvander und Bobby Liebling kamen dann 1981 dazu. Etwas später verließ Lee die Band, Marty Swaney kam dazu und wir änderten 1984 den Namen in PENTAGRAM. Das erste PENTAGRAM-Album, das man heutzutage unter dem Namen "Relentless" kennt, wurde 1982 und 1983 von uns noch als DEATH ROW aufgenommen. Es wurde aber erst 1985 veröffentlicht, als wir unseren Namen schon geändert hatten. Also ist es eher so, dass DEATH ROW ihren Sound PENTAGRAM vererbt haben, wenigstens für diese Zeitspanne.

PENTAGRAM werden zusammen mit BLACK SABBATH immer wieder als die Erfinder von Doom bezeichnet, auch wenn sie erst in den Achtzigern, nach über einem Jahrzehnt Existenz ihre ersten Alben veröffentlichten. Warum haben PENTAGRAM dennoch so einen starken Einfluss auf die Doom-Szene ausgeübt?

Wir waren eben an der Spitze des Ganzen. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern gab es keine Doom-Szene. Natürlich waren da Sabbath und noch ein paar andere ältere "heavy" Bands, aber die wenigsten waren wirklich "dark" oder "doomy". Wir integrierten die dunklen Aspekte der Musik nicht nur in unser Songwriting auf, sondern unser gesamtes Image, ganz besonders bei DEATH ROW, aber auch bis in die späten Achtziger bei PENTAGRAM. Wir sprachen schon darüber, die ultimative "Doom"-Band zu sein, lange bevor dieser Begriff überhaupt als Genrebezeichnung benutzt wurde. Aber ich glaube, dass vor allem die Langlebigkeit der Band eine große Rolle gespielt hat, was den Einfluss auf manche jüngere Band betrifft. Im Grunde waren wir von der Geburt des Genres an dabei und die meisten von uns sind noch immer aktiv.

Wann ist dir der Begriff "Doom" als Umschreibung dieser Musik zuerst begegnet? Konntest du damit was anfangen?

Wir haben diesen Begriff als Umschreibung eines Musikstils wohl das erste Mal gehört, als ein Schreiber vom Creem oder Circus Magazine ihn benutzt hat, um Ende der Siebziger den Sound von BLACK SABBATH zu beschreiben. Wir haben ihn einfach geklaut und benutzt als eine Art Selbstdarstellung für DEATH ROW und PENTAGRAM. Wir haben ihn also mit Sicherheit nicht erfunden. Dieselbe Entwicklung wie wir machten an anderen Orten der Welt Bands wie SAINT VITUS oder WITCHFINDER GENERAL durch. Wir waren also Teil einer Bewegung, was wir aber erst Jahre später bemerkten.

Gibt es ein Geheimnis, wie man einen normalen Rock-Song in einen Doom-Song verwandelt?

Ich denke, Doom bedeutet, eine ausgeprägte Melancholie sowie eher depressive Emotionen in die natürlichen Grenzen eines Songs fließen zu lassen, während ein normaler Rock-Song wohl eher eine "Good time"-Angelegenheit ist.

1996 war bei PENTAGRAM Schluss, mit PLACE OF SKULLS hast du erst 2000 neu angefangen. Hast du in der Zwischenzeit auch Musik gemacht?

Ich habe danach mehr oder weniger eine Zeit lang rumgegammelt und ein paar Songs geschrieben, die später dann auf dem ersten PLACE OF SKULLS-Album auftauchen sollten. Aber so richtig ernst wurde es erst 1999. Ich hatte diese Auszeit gebraucht, um all das wieder auf mich zukommen lassen zu können.

Warum warst du 1998 nicht dabei, als PENTAGRAM weitergemacht haben?

Ich habe zu der Zeit einige persönliche Veränderungen durchlebt und konnte und wollte das einfach nicht, mental wie auch generell. So um 1999 herum fühlte ich mich wieder ziemlich gut und hatte das Gefühl, dass nun der richtige Zeitpunkt sei, etwas Neues anzufangen. Lee Abney und ich probierten uns an ein paar neuen Songs, suchten dann mittels Anzeige nach einem Schlagzeuger, fanden so Tim Tomaselli und das war's dann auch schon.

War es für dich von Anfang an klar, dass du neben der Gitarre auch den Gesang übernehmen wirst?

Ja, so ziemlich. Wir hatten zwar kurz mit der Idee gespielt, einen Sänger zu suchen, aber die meisten, die in Frage kamen, waren auch nicht besser als ich. Also dachte ich mir: "What the hell ... mache ich es halt selbst." Das vereinfacht auch gewisse Dinge.

Und wieso ist 2003 Scott "Wino" Weinrich bei PLACE OF SKULLS eingestiegen, der ja mit THE HIDDEN HAND schon in einer Fulltime-Band spielte?

Wir hatten gerade eine gemeinsame Tour mit SPIRIT CARAVAN beendet, als Lee Abney PLACE OF SKULLS verließ und wir ohne Bassisten dastanden. Als ich ein paar Wochen darauf mit Wino telefonierte, erzählte er, dass SPIRIT CARAVAN sich aufgelöst hatten. Also fragte ich ihn, ob wir nicht zusammen etwas machen wollten. Wir hatten auch früher schon oft überlegt, zusammen Musik zu machen, aber irgendwas war immer dazwischen gekommen. Jetzt aber wollten wir das beide durchziehen, allerdings ohne zu bedenken, was für ein Hindernis es ist, ungefähr 500 Meilen voneinander entfernt zu wohnen. Trotzdem ist es uns, nach einigen Proben und viel Fahrerei, gelungen "With Vision" aufzunehmen. Zwischenzeitlich hatte Wino angefangen, mit den Leuten Musik zu machen, die später mit ihm THE HIDDEN HAND gründeten.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, wieder getrennte Wege zu gehen?

Es war eine Idee, die in der Theorie besser aussah, als sie dann in der Praxis gewesen ist. Versteh mich nicht falsch, musikalisch und persönlich hat das zwischen uns super funktioniert und den größten Teil von "With Vision" liebe ich immer noch, aber wir sind mittlerweile alle erwachsen geworden und tragen mehr Verantwortung. Unser Privatleben, unsere persönlichen Verpflichtungen machten es schwierig, die Sache am Leben zu erhalten. Wir waren uns einig, den Stress ist es nicht wert, und jetzt macht jeder sein eigenes Ding. Aber ich glaube immer noch, dass es eine coole Sache geworden wäre - wenn die Umstände es erlaubt hätten.

Die ersten beiden PLACE OF SKULLS-Alben erschienen bei Southern Lord, "The Black Is Never Far" aber auf dem deutschen Label Exile On Mainstream. Wie kam es zu dem Wechsel?

Es gab die Option, eine dritte Platte für Southern Lord zu machen, aber langsam wurde deutlich, dass wir kein Interesse mehr hatten, miteinander zu arbeiten. Vor allem, nachdem ich Gerüchte gehört hatte, Southern Lord hätten uns gedroppt, ohne dass es je eine offizielle Bekanntmachung ihrerseits gab. Kurz danach, Anfang 2005, waren wir auf einer kurzen Europatour. Und da haben wir uns mehrmals mit Andreas von Exile On Mainstream getroffen, wir sind in Kontakt geblieben, die Begeisterung für die Idee miteinander zu arbeiten wuchs, und so haben wir bei ihm unterschrieben. Er ist ein sehr hart arbeitender, integrer Kerl, der an die Band glaubt, ohne Bedingungen zu stellen. Ich glaube, das war eine sehr gute Entscheidung.

Ein Song, der mich auf "The Black Is Never Far" noch mehr als alle anderen begeistert hat, ist "Lookin' for a reason", der erinnert, trotz aller Doom-Referenzen, in erster Linie an Chicago Blues, was man von PLACE OF SKULLS so noch nicht kannte. Wie sieht die Entstehungsgeschichte dieses Songs aus?

Was den Text angeht, ist er eine Selbstreflexion meiner Wut und des täglichen Versuchs, vernünftig damit umzugehen. Aber an manchen Tagen ist es total unerträglich und daher kommen die dunklen Aspekte des Songs, wie die Vorstellung/der Wunsch, jemanden zu erschießen oder ähnliches. Und musikalisch ist der Song etwas, das ich schon seit langer Zeit machen wollte, wie es auch bei anderen Songs auf dem Album der Fall ist. Ein komplett neues Element ist der Chicago Blues, glaube ich, jedoch nicht. Er sticht nur mehr heraus als alles, was ich bisher geschrieben habe. Ich stand aber immer schon auf diesen heavy Chicago- und Delta Blues-Vibe.

Überhaupt hast du mit "The Black Is Never Far" einen Schritt hin zu größerer musikalischer Vielfalt gemacht, seien es die psychedelischen Momente, aber auch der Rückgriff auf ganz "normalen" Hardrock und Heavy Metal. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Ich denke, ich habe mich lange genug strikt auf Doom Metal beschränkt. Nicht, dass ich das bereue, aber es war definitiv an der Zeit, sich zu öffnen. Viele meiner Einflüsse finden sich völlig außerhalb dieser Szene, Sachen wie STEPPENWOLF, Robin Trower, der frühe Alice Cooper, so Zeug aus den frühen Siebzigern eben. Ich will schon seit langem einen heavy Blues-Sound in mein Songwriting einfließen lassen, aber es ist bisher nie das Richtige dabei heraus gekommen. Und wie ich erst vor kurzem zu jemandem meinte, lebe ich einfach noch nicht lange genug, um so etwas schreiben zu können. Aber in den letzten Jahren habe ich immer mehr über mich selbst gelernt und nun bin ich in der Lage, all das sinnvoll in mein Songwriting zu integrieren. Es steckt mehr pure Ehrlichkeit im neuen Album, als in allem, was ich vorher gemacht habe. Love it or hate it.

Themawechsel: Du glaubst an die Existenz eines christlichen Gottes und bewunderst die historische Figur Jesus, organisierte Religionen wie die katholische Kirche scheinst du aber abzulehnen. Wo ist da für dich der Unterschied und warum ist der so wichtig?

Es ist wichtig zu wissen, dass Jesus nie gelehrt hat, die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder das Eintreten in eine solche würde dich irgendwie weiterbringen. Seine Lehre basiert auf einer direkten Beziehung zwischen dir und Gott durch ihn. Er selbst ist so eine Art Medium, zu dem er wurde, als er sich für unsere Sünden hinrichten ließ, um die Lücke zwischen Gott und uns zu überbrücken. Es geht nicht darum, jemanden in einem Gebäude mit seiner äußerlichen Rechtschaffenheit zu beeindrucken oder die Abläufe eines Gottesdienstes zu erleben. Ich will so etwas nicht niedermachen, höchstens wenn das wichtiger wird als das, was im Inneren passiert. Jesus lehrte, ihn aus dir selbst heraus zu akzeptieren, was auch direkt durch deine Haltung allem anderen gegenüber reflektiert wird. Es interessiert mich nicht, was jemand von mir denkt, nur weil ich nicht dem entspreche, was sich die vom Menschen gemachte Kirche unter einem Gläubigen vorstellt. Ich weiß, wo ich stehe. Und je älter ich werde, desto ehrlicher werde ich mir und Gott gegenüber, was mein sündiges Verhalten angeht oder wo mir noch etwas fehlt, und auch aufrichtiger, was meine Erlösung angeht. Jedenfalls ist das mein Ziel.

In der modernen Hardcore-Szene gibt es einen Haufen Bands, die mit ihrer christlichen Überzeugung missionieren wollen und dabei einen völlig dogmatischen und undifferenzierten Glauben vertreten, der vermuten lässt, dass sie ihn irgendwann mal selbst eingepredigt bekommen haben. Von Selbstreflexion und geistiger Entwicklung keine Spur. Was hältst du von so einer Herangehensweise?

Es interessiert mich nicht wirklich. Ich kann das zwar nachvollziehen und bis zu einem gewissen Punkt auch begrüßen, aber es ist definitiv nicht mein Ding. Ich frage mich, was für eine Wirkung das haben soll, ein T-Shirt mit einem christlichen Slogan zu tragen. Die wenigsten Menschen werden etwas verstehen, nur weil sie einen Bibelvers oder etwas Ähnliches auf einem T-Shirt lesen, wobei der dann höchstwahrscheinlich auch völlig aus dem Kontext gerissen sein wird. Das ist, als ob man jemandem erklären würde, dass er gerettet werden muss, weil er ansonsten zur Hölle fährt, und ihn dann einfach stehen zu lassen. Was zur Hölle soll das für einen Eindruck auf diese Person machen? Es macht für mich mehr Sinn, die Leute näher kennen zu lernen, Gemeinsamkeiten zu finden und dann vielleicht ein paar Dinge zu diskutieren. Die Menschen sind, finde ich, viel offener für spirituelle Themen und eher gewillt einen anzuhören, gibt man ihnen die Chance, auch ihren eigenen Standpunkt darzulegen und sie dabei ernst nimmt, als wenn man ihnen Bibelverse an den Kopf wirft.

Haben deine Texte einen Missionierungshintergrund?

Ein paar Songs haben diesen Hintergrund, auf der "Love Through Blood"-EP wahrscheinlich mehr als normalerweise. Aber das meiste schreibe ich aus meiner eigenen Perspektive heraus. Ich sehe meine Texte als eine Reflexion meines Glaubens, meiner persönlichen Angelegenheiten und Kämpfe, halt all das, was täglich in mir passiert. Ich habe wirklich einen tiefen Glauben an Gott und Jesus Christus. Aber ich weiß auch, dass die schlechten Dinge, die ich in meinem Leben gesät habe, mich nie verlassen werden. Also versuche ich mein Bestes, wann immer mir danach ist, meinen Glauben auch auszudrücken. Wenn sich jemand davon inspiriert oder ermutigt fühlt, dann ist das cool. Aber niemals werde ich etwas nicht sagen, aus Angst damit anzuecken.

Du bist in den Neunzigern zum Christen geworden. In einem Interview hast du mal gesagt, dein exzessiver Alkohol- und Kokainkonsum hätte dich beinahe umgebracht, und dass du deshalb angefangen hast, über das Leben an sich nachzudenken und du schlussendlich deinen Glauben entwickelt hast. George W. Bush ist es ja ähnlich ergangen. Wie stehst du zur Politik seiner Regierung?

Ich habe nichts gegen seine religiösen Überzeugungen, aber er sollte mehr auf die Ausgewogenheit achten zwischen diesen und seiner politischen Karriere. Ich denke, ein bisschen mehr spirituelles Bewusstsein und Moral würden aber unserer Gesellschaft nach den acht Jahren der linksliberal geprägten Clinton-Regierung und mehr noch nach den letzten sechs Jahren mit Bush nicht schaden. Auch wenn es mit jedem Tag, der vergeht, mehr den Anschein hat, dass es dafür schon zu spät ist. Clintons Handlungen waren für die Masse sicherlich überschaubarer. Aber wie unsere Gründungsväter bin ich für die strikte Trennung von Kirche und Staat, auch wenn bei der Formulierung unserer Verfassung das unterschwellige Wissen um eine höhere Macht durchaus eine Rolle gespielt haben mag. Das verbreitete Misstrauen der Bush-Regierung gegenüber ist jedenfalls gerechtfertigt. Wir sind ein Land mit Macht, aber anscheinend ohne den Willen oder das Bewusstsein, sie vernünftig zu nutzen, ohne sie auszunutzen. Es gibt Menschen in der Welt, die zwar nicht unbedingt wie wir die große Macht, aber diesen haben. Ich bin überzeugt, Willen ohne Macht ist stärker ist als Macht ohne Willen. Viele Amerikaner verfügen über keinen Mut oder keinen Kampfeswillen mehr. Dieses verdorbene Denken, dass uns alles gehört und wir ein angeborenes Recht auf "Glücklichsein" haben, ist die größte amerikanische Lüge überhaupt. Ich liebe dieses Land, die vorherrschende materielle Attitüde macht mich aber krank.

Ich frage das deshalb, weil du auf deiner Website Links zu den Seiten Michael Savages und Neal Boortz' hast, zwei sehr konservativen Radiomoderatoren und Autoren, denen auch gerne nachgesagt wird, homophob und latent rassistisch zu sein. Stimmst du mit ihren Ansichten überein oder ist es als Warnung gemeint?

Ich stimme mit ein paar ihrer Ansichten überein, aber mit rassistischen natürlich nicht. Ich bin mir zudem nicht sicher, ob sie überhaupt irgendwelche rassistischen Ansichten vertreten. Ich glaube auch nicht, dass sie homophob sind, denn der Begriff impliziert schließlich, dass man vor Schwulen Angst hat. Ich halte nichts vom Schwulsein, aber ich habe vor ihnen keine Angst. Das ist doch Political Correctness-Bullshit. Wenn einer vom Schwulsein nichts hält, na und? Aus welchem Grund auch? Ganz offen gesagt, eigentlich ist es doch bescheuert, die Bauart der Geschlechter und welche ihrer Organe zusammenarbeiten sollen, das ist biologisch eindeutig. Das Arschloch ist dafür gemacht, menschliche Exkremente auszuscheiden, und nicht dafür, einen Schwanz hineinzustecken, was aber mit einer Vagina ironischerweise perfekt funktioniert. Es ist wie bei diesem Kinderspielzeug, wo man das richtige Stück Plastik in das passende Loch stecken muss. Einem halbwegs intelligenten Menschen sollte das einleuchten. Ich hasse Schwule nicht, aber ich stimme mit ihrer Lebensweise nicht überein.

In meinen Augen reden Savage und Boortz eine ganze Menge Unsinn, auch die völlig abstrusen Verschwörungstheorie, die sich hinter der Website senderberl.com verbergen, scheinen mir nicht passend zu sein für einen intelligenten Menschen wie dich. Warum also dieser Link?

Passt er nicht zu meinem Image, weil die liberalen Linksaußen jemanden nicht als intelligente Person begreifen können, wenn er nicht mit ihren Überzeugungen übereinstimmt? Ich glaube an das Land, wie es existierte, als ich aufgewachsen bin, wie meine Eltern es noch kannten. Ja, das klingt kitschig, aber auch wenn ich meinen Teil zum "hell raising" und den ganzen Kram beigetragen habe, so habe ich nie komplett meinen Sinn für Moral verloren, der aber unserer Gesellschaft heute fehlt. Jeder ist nur aus auf seinen eigenen momentanen Vorteil, ohne sich um irgendwas zu scheren. Totale und sofortige Selbstbefriedigung scheint das Einzige zu sein, was so viele heutzutage Leute verdient zu haben meinen. Es ist bloß eine Lüge - und die Medien propagieren das auch noch.

Für mich hat gute Rockmusik immer noch den Anspruch, eine Art Gegenkultur zum Mainstream zu sein, zu hinterfragen und keine - von wem auch immer - vorgefertigten Dogmen zu übernehmen. Insofern passen für mich Religion, aber vor allem reaktionäre und konservative Politik - die nun mal zum größten Teil aus der rechten Ecke stammt - überhaupt nicht zu Rockmusik. Ich vermute, da würdest du mir widersprechen.

Oh nein, ich stimme dir da aus ganzem Herzen zu, eine linke Herangehensweise ist in der Tat in der Rockmusik viel akzeptabler. Die Sache ist nur, dass das weniger eine Gegenkultur zum Mainstream darstellt als eine rechte Herangehensweise, da meiner Meinung nach die meisten Leute heutzutage sich eher nach links orientieren. Aber offen gesagt, interessiert mich das überhaupt nicht. Ich bin weder rechts noch links, weder Demokrat noch Republikaner. Ich bin unabhängig, mit Hang zur Libertarian Party, und habe meine eigenen politischen Ansichten und spirituellen Überzeugungen. Rockmusik ist eine Kunstform wie jede andere auch, und liegt damit im Auge und im Ohr des Betrachters. Jeder andere Ansatz an mein Songwriting als der der Integrität - sei es das Schreiben von Partei-Lyrics oder von irgendetwas, das in eine Art Rockmusik-System "passt" - wäre Betrug an mir selbst und an allen Fans, die PLACE OF SKULLS haben mag.

André Bohnensack

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #67 (August/September 2006)

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