Interviews & Artikel : ROGER MIRET :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

ROGER MIRET

Zwischen Hardcore-Front und persönlichen Niederlagen

Niemals ein Buch nach seinem Umschlag beurteilen, das ist eine alte und schlaue Regel, und sie trifft auch auf Roger Miret zu, der seit bald 25 Jahren der New York Hardcore-Legende AGNOSTIC FRONT vorsteht und seit nunmehr drei Alben auch noch die eher an 77-Punk orientierte Band ROGER MIRET & THE DISASTERS betreibt. Wer Roger mal persönlich kennen gelernt hat, der weiß, dass der Kerl ein freundlicher, eher leiser Zeitgenosse ist, immer sympathisch und offen - und kein aggressiver, tumber Stumpfling, für den ihn manche ob des harten Bühnenauftritts mit AF halten. In verschiedenen Gesprächen über dieses Interview tauchte nämlich immer wieder dieses Zerrbild auf. Nun, vielleicht denken die letzten Zweifler nach diesem Interview anders, in dem es sowohl um AF wie um das neue Album der DISASTERS ging - und auch um Punk und Hardcore ganz allgemein.

Roger, wie geht's dir? Du hast schon mal frischer ausgesehen ...


Ich bin müde und krank ... Ich bin jetzt beinahe drei Jahre fast pausenlos auf Tour und einfach müde - und freue mich darauf, dass in drei Wochen erstmal alles vorbei ist. Na ja, und in diesen drei Jahren ist auch eine Menge passiert, da war zum Beispiel eine Scheidung ... Wenn ich zurück in den USA bin, ziehe ich mit meiner Freundin nach Arizona, aber es ist echt hart, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, wenn du ständig auf Tour bist. Ich muss also erstmal mein Leben wieder ordnen, wenn ich zurück bin.

In solchen Momenten, wenn du über so etwas nachdenkst, bedauerst du da auch mal, dich so konsequent für die Musik entschieden zu haben?

Bedauern? Nein, es ist eher das Wissen, dass man manches auch anders hätte machen können. Und was für Optionen hätte ich denn auch gehabt? Das hier ist mein Leben, und da wünscht man sich, dass einem der Partner zur Seite steht, den Rücken stärkt. Na ja, aber so ist das eben ... Und ich glaube, heute bedauert meine Ex-Frau Denise ihre Entscheidung auch.

Zu erfreulicheren Dingen: Just ist das neue DISASTERS-Album "My Riot" erschienen, und es ist rundum gelungen. Ja, irgendwie könnte man beinahe den Eindruck bekommen, da steckt etwas mehr Herzblut drin als im letzten AGNOSTIC FRONT-Album.

Das sind zwei ganz verschiedene Platten, und ich hatte auch viel Spaß an "Another Voice". Das neue DISASTERS-Album entstand in einer Phase meines Lebens, als das ein totales Chaos war - und doch findet sich auf dieser Platte auch sehr viel Liebe. Ich hatte auch viel Spaß, da verschiedene neue Sachen auszuprobieren. Textlich steckt in dieser Platte auch sehr viel von mir drin. Aber versteh mich nicht falsch, ich widme mich beiden Bands mit gleich großer Begeisterung, doch die DISASTERS sind schon eher meine Band, weil ich da eben für alles alleine verantwortlich bin. Da habe ich weniger mit solch starken Erwartungen von außen zu tun wie bei AGNOSTIC FRONT, da mache ich einfach, was ich will. Ich experimentiere mehr, gehe textlich auch mehr in die Tiefe, inklusive des Themas Liebe. Und ja, es macht mir Spaß.

Heutzutage ist es ein größerer Unterschied denn je, ob man ein Punk- oder ein Hardcore-Konzert besucht, die beiden Szenen haben oft nicht mehr viel gemeinsam. Mit den DISASTERS einerseits und AGNOSTIC FRONT andererseits bist du in beiden Welten zu Hause. Wie gehst du damit um? Schlagen da zwei Herzen in dir?

Also für mich war "Victim In Pain" immer eine Punk-Platte. Nur wurde damals dann der Begriff "Hardcore" immer populärer, man fing an, in Hardcore und Punkrock zu trennen. G.B.H., DISCHARGE, AGNOSTIC FRONT, das war damals "Hardcore-Punk", und dann trennte sich das eben. Mir ist die textliche Ebene einer Platte sehr wichtig, und da sind sich das letzte AGNOSTIC FRONT-Album und die DISASTERS-Platte sehr ähnlich, geht es in denen doch darum, wie es ist, ein Punk- oder Hardcore-Leben zu leben. Musikalisch freilich sind da Unterschiede, fallen die beiden Platten in verschiedene Kategorien der heute stark unterteilten Szenen. Meine Wurzeln liegen aber im Punkrock, da komme ich her: Ohne THE CLASH und die RAMONES hätte es auch AGNOSTIC FRONT nie gegeben.

Die Frage ist, ob das die Fans all jener Metalcore-Bands interessiert, die allein auf ihren Stil fixiert sind und Punks verachten.

Ist doch klar: Deren Wurzeln liegen eben nicht im Punk, sondern im Metal. Statt THE CLASH sind deren Helden eben PANTERA oder so. Die sind nicht mit DEAD KENNEDYS, SEX PISTOLS und MINOR THREAT aufgewachsen, die verstehen das nicht und werden es nie verstehen. Man muss sich wohl eingestehen, dass das heute zwei verschiedene, getrennte Genres sind, und das ist natürlich schade für jemanden wie mich, der die ganze Geschichte sieht, aber so ist das eben. Für mich gilt da einfach die Regel "Never trust a hardcore kid that has not listened to punk". Und trotzdem muss man sich eben heute den Realitäten stellen, und ob nun eine Punk- oder eine Hardcore-Band in einem Club spielt, das zieht eben ganz verschiedene Leute - und genau so ist es bei AGNOSTIC FRONT einerseits und den DISASTERS andererseits, mit ein paar wenigen Überschneidungen. Wenn ich mit den DISASTERS spiele, sind da viel mehr Frauen im Publikum, mehr cool gekleidete Leute, aber eben auch ganz verschiedene Typen, und bei AF wollen die Leute eben ausrasten, da liegt eine Menge männliches Testosteron in der Luft, haha.

Apropos: Ich habe jüngst den Buch-Reprint des Spät-Achtziger New York-Fanzines Schism in die Finger bekommen, und da finden sich neben Interviews mit all den Straight Edge-Helden auch eines mit AF - und mit der obskuren, dumm-rechten Band YOUTH DEFENSE LEAGUE. Nun ist es aber auch so, dass AGNOSTIC FRONT immer wieder in den Ruch der Rechtslastigkeit geraten sind, obwohl dafür eigentlich nie so richtig Belege vorgebracht werden.

Na ja, das verfolgt mich schon eine ganze Weile, aber ich habe nie verstanden, warum - und in den letzten Jahren kam das zum Glück kaum mal hoch. Von Anfang an, schon auf "United Blood", sprachen wir von Unity zwischen Schwarzen und Weißen, Punks und Skins. Textlich hatten wir immer wieder Statements, die man höchstens als anti-amerikanisch werten kann: gegen den Krieg, gegen Religion - wie kann man da nationalistische Tendenzen herauslesen? Unser Statement war, dass keine Freiheit und keine Gerechtigkeit zu finden ist in den USA. Ich glaube, diese Fehleinschätzung von AF hat etwas damit zu tun, dass manche Leute nur das sehen können, was sie sehen wollen, dass sie nicht bereit waren, sich unsere Texte mal im Detail anzuschauen: "United and strong, Blacks and Whites!" Da kann ich nur sagen, ja hören die denn nicht zu?! Zum Glück aber bin ich in den letzten Jahren nicht mehr darauf angesprochen worden.

Na ja, ich fragte ja auch nur, weil es aber doch bei einigen Leuten im Hinterkopf hängen geblieben ist.

Nun, damals war eben dieser Song "Public assistance" kontrovers diskutiert worden - und ich hatte den Text auch bewusst kontrovers formuliert. Ich selbst komme aus einer Einwandererfamilie, aus Kuba - ich habe erst seit einem Monat die amerikanische Staatsbürgerschaft - und ich sagte damals, und dazu stehe ich bis heute, wenn man einem etwas gibt, sollte man es allen geben, also staatliche Unterstützung, medizinische Versorgung und so weiter. In den USA ist es leider nicht so wie hier in Deutschland, wo jeder krankenversichert ist. Und darum ging es in meinem Song: Wenn etwa eine Frau aus einer armen Einwandererfamilie auf Sozialhilfe ungewollt schwanger wird, bekommt sie die Abtreibung vom Staat bezahlt, aber jemand, der Arbeit hat und nur wenig verdient, bekommt diese Unterstützung nicht. Auf diesen Widerspruch habe ich hingewiesen, dass jemand eben Support bekommt, nur weil er schwarz oder Hispanic und arm ist. Nein, gebt diesen Support allen, das war und ist meine Forderung. Es ist einfach die Wahrheit, und die tut weh, und deshalb haben sie alle so laut geschrien damals. Dabei war es nur eine Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit in den USA, nach Sozialleistungen für alle, die es in zig Ländern auf der Welt gibt, aber nicht in den USA. Doch statt Zustimmung, erntete ich für diesen Song nur Kritik, aber irgendwie hat mir diese Kontroverse auch gefallen, denn es zeigte mir, wie dumm und ignorant Menschen sein können. Die haben den Songtext gelesen, aber nicht kapiert, worum es eigentlich geht.

Du hattest bis vor kurzem noch die kubanische Staatsbürgerschaft. Wie siehst du das Verhältnis von Kuba und USA?

Es gibt keines! Und das wegen dieser Vorfälle Anfang der Sechziger, das ist doch lächerlich. Aber ganz ehrlich, ich habe die USA noch nie verstanden und werde sie wohl auch nie verstehen: Eines der reichsten Länder der Welt hat einen dermaßen hohen Anteil von Leuten, die in Armut leben, wie geht das? Es ist doch nicht wie Brasilien, Indien oder China ein Dritte-Welt-Land! Warum also müssen in den USA Menschen auf der Straße leben, warum hungern? Warum gibt es so viele Verbrechen, warum sind so viele Menschen Analphabeten? Kuba dagegen hat eine extrem geringe Analphabetenrate. Warum? Weil Castro sich um die Menschen kümmert, ihnen Bildung und Gesundheitsvorsorge gibt. Und wenn jemand Arzt werden will, kann er das auch. In den USA dagegen hast du Pech gehabt, wenn du kein Geld hast - dann kannst du nicht studieren, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als für McDonalds zu arbeiten.

Aber dafür gibt es auf Kuba keine freie Presse und Kritiker werden nicht gerade nett behandelt. Da fällt es mir manchmal schwer, bei aller Sympathie für Kuba für Castro zu sein.

Klar, da hast du natürlich Recht. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was nach Castros Tod mit Kuba passieren wird.

Warst du denn mal selbst in Kuba?

Nein, ich habe meine Verwandten dort nie gesehen, denn ich hatte ja keinen Reisepass. Meine Mutter war mal dort, es sind auch die Verwandten von ihrer Seite, die väterlicherseits leben in den USA. Ich selbst hatte eben bis vor kurzem nur einen kubanischen Reisepass, und das war ein verdammter pain in the ass ... Wenn ich irgendwo hingefahren bin, brauchte ich für jedes Land ein Visum. Kannst du dir vorstellen, was das bei einer Europatour für ein Theater war ...?

Wie, das hast du dir all die Jahre antun müssen, mit mehreren Touren im Jahr?!

Oh ja, und ich habe es gehasst ... Es war ein Alptraum, ich musste für jedes Land einzeln ein Visum beantragen, Formulare unterschreiben, dass ich nicht Asyl beantragen werde oder mich um die Staatsbürgerschaft dieses Landes bemühen wolle, und so weiter. Und nach all den Jahren habe ich jetzt endlich einen US-Reisepass bekommen, muss nur zum Flughafen fahren und kann hinfliegen, wo immer ich will.

Hat sich sonst was für dich verändert?

Ja, ich lache jetzt über den ganzen Ärger von früher. Und ich habe Bürgerrechte, ich darf jetzt wählen.

Sprechen wir noch mal über die neue Platte. Wieso ist die auf People Like You erschienen und nicht mehr auf Hellcat?

Ich wollte mal was anderes ausprobieren, das Rezept mal komplett ändern. Ich habe kein Problem mit Hellcat, ich dachte nur, es ist mal an der Zeit für eine Veränderung. Ich bin schon lange mit André von People Like You befreundet, er hat mich immer wieder nach einer Platte für sein Label gefragt, und wer so an mir interessiert ist, wird, denke ich, auch einen guten Job machen, wenn er meine Platte rausbringt. Da ich grundsätzlich nur Verträge über eine Platte unterschreibe, ist das Risiko für beide Seiten überschaubar. Bei Hellcat beziehungsweise Epitaph war ich für zwei Platten, aber ich hatte zuletzt nicht den Eindruck, dass ich ihnen besonders wichtig war. In den USA erschien die Platte auf Sailor's Grave Records, einem Sublabel von Thorp, wo auch das letzte U.S. BOMBS-Album erschienen ist, aber auch KINGS OF NUTHIN' oder MAD SIN. Es ist ein neues Label, und sie geben sich echt Mühe.

Du und Duane Peters auf einem Label, hier wie in den USA, das macht ja auch Sinn, denn irgendwie seid ihr euch ja recht ähnlich.

Oh ja, Duane ist ein Guter, wir sind schon lange befreundet, und ich hatte mich vor dem Deal auch lange mit ihm unterhalten.

Das letzte AF-Album erschien auf Nuclear Blast, die zwar Ende der Achtziger als Hardcore-Label begonnen haben, aber heute ja ein pures Metal-Label sind. Wie kam es dazu?

Wir hatten eine neue Platte fertig, aber kein Label. Und so redeten wir mit allen, die interessiert waren, und letztlich fiel unsere Wahl auf Nuclear Blast, weil Markus Staiger, der Besitzer von Nuclear Blast, einen sehr guten, ehrlichen Eindruck machte. Wir unterschrieben einen Deal über drei Alben, und wir werden auch schon bald mit dem neuen AF-Album beginnen.

Haha, aber ihr seid jetzt auch Labelmates von ein paar sehr lustigen, pseudogefährlichen Düstermetal-Bands.

Jaja, ich weiß, aber das macht Spaß, und wir stechen da wirklich heraus.

Man könnte ja auch vermuten, dass Markus sich da einen persönlichen Traum erfüllt hat und nach 20 Jahren eine der legendären Bands seiner Jugend gesignt hat ...

Genauso sehe ich das auch, ist doch cool.

Was sind deine nächsten Pläne?

Wenn ich das wüsste ... Ich werde meine Sachen packen und in einer Lagerhalle unterstellen und dann nach Phoenix, Arizona fahren, ins Hotel gehen und uns dann ein Haus suchen. Und dann schauen wir mal. Irgendwie macht das mir aber auch Spaß, einfach noch mal von vorne anzufangen. Auf jeden Fall freue ich mich darauf, dort das ganze Jahr mein 1932er Hot Rod fahren zu können, das übrigens auch auf dem DISASTERS-Cover zu sehen ist.

Was ist eigentlich aus deiner alten Zweitband LADY LUCK geworden?

Na ja, das hatte sich dann erledigt, als ich mich von meiner Frau getrennt hatte, und ihr Bruder war vorher schon mit seiner anderen Band beschäftigt. Als wir damals nach der Tour in die USA zurückgekehrt waren, entfernten Denise und ich uns immer weiter voneinander, und das brachte uns letztlich auseinander. Sie lebt jetzt in London und macht immer noch Musik.

Ich hörte, dass sie als Yoga-Lehrerin arbeitet.

Ja, richtig, und ich selbst mache auch gerne mal Yoga, wenn ich die Ruhe dafür finde. Es tut mir richtig gut, auch wenn ich mich manchmal frage, was wohl meine Fans davon halten, hahaha. Es hat viel mit innerer Stärke zu tun, es verändert deinen Körper, und nach einer Yoga-Stunde fühle ich mich immer richtig gut.

Roger, vielen Dank für das Interview.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #68 (Oktober/November 2006)

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