MICK HARVEY

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Behind a BAD SEED

Der Versuch das gesamte Schaffen und Wirken des Multiinstrumentalisten Mick Harvey im Vorspann zu einem Interview wiederzugeben - retrospektiv mehr als annährend 30 Jahre eines Musikerlebens - ist tendenziell ein unmögliches Unterfangen, kurzum: ein Abriss muss hier Genüge tun.

Dem Australier Harvey gelingt es bereits seit den späten siebziger Jahren Euphorie zu stiften: zunächst als Gründungsmitglied der legendären THE BOYS NEXT DOOR und anschließend der explosiven und stilprägenden THE BIRTHDAY PARTY (bereits mit dieser Band ist ein beeindruckendes Kapitel aufgeschlagen, das sich bis heute bei Fans und Kopisten einer uneingeschränkten Ikonisierung erfreuen darf - völlig zurecht und widerspruchslos) gemeinsam mit Nick Cave, Phil Calvert, Tracy Pew und Rowland S. Howard.

Später löste er sich sukzessive von den Wurzeln im australischen Post-Punk, um sich gemeinsam mit Sänger Simon Bonney, Rowland S. Howard - und zusätzlich wechselweise einem halben Dutzend weiterer namhafter Musiker - mit CRIME & THE CITY SOLUTION bis Anfang der neunziger Jahre einem Swamp-Blues getränkten Ritt durch die apokalyptischen Themen der Innenwelt von Simon Bonney zu widmen, deren Songs immer wieder den Soundtrack zu Filmen von beispielsweise Wim Wenders begleiteten. Spätestens zu dieser Zeit fand Harvey zunehmend Gefallen daran, selbst als Arrangeur und Komponist von Filmmusik zu arbeiten, unter anderem für "Ghost Of The Civil Dead" (1988) von Regisseur John Hillcoat, bei dem auch Ex-BAD SEED Hugo Race am Drehbuch mitwirkte und Nick Cave im Film offensichtlich viel Spaß daran hatte, einen durchgeknallten Häftling zu spielen, sowie für "Alta Marea - Die Flut" (1991) und "Vaterland" (1993").

Das blieb der - primär australischen - Öffentlichkeit nicht gänzlich verborgen und 2003 bekam er für seine Musik zum Film "Australian Rules" von Paul Goldman seinen dritten Australian Recording Industry Award (zuvor bereits für den Soundtrack zu Hillcoats "To Have And To Hold", 1997 unter Mitwirkung von Blixa Bargeld und Nick Cave entstanden, und für die Produktion "Where the wild roses grow" von Nick Cave und Kylie Minogue als beste Single des Jahres 1996).

Nebenbei lieferte er mit zwei Soloalben, "Intoxicated Man" (1995) und "Pink Elephants" (1997), eine ganz persönliche Hommage an Serge Gainsbourg ab. Unterstützt wurde er bei diesem Vorhaben von Anita Lane, die beispielsweise bei "I love you ... nor do I", im Original "Je t'aime ... moi non plus", den Part von Jane Birkin übernimmt und ungemein charmant bei Songs wie "Initials B.B." und "The ballad of Melody Nelson" rhythmisch und lasziv ins Mikrophon haucht.

Das alles reicht dem Mann indes nicht, so dass er - selbstverständlich neben weiteren Musikproduktionen für den Film - 2005 nach eigener Ansicht sein wirklich erstes eigenes Album "One Man's Treasure" veröffentlichte. Neben eigenen Stücken legt er hier in Gestalt von Coverversionen den ein oder andern musikalischen Einfluss offen und interpretiert Songs von Lee Hazelwood, THE GUN CLUB und Tim Buckley neu - und das macht er großartig. Aber als ob das den Arbeitstag von Mick Harvey nicht ausreichend füllen würde, ist er seit mehr als zwanzig Jahren kontinuierliches Mitglied und Orchestermeister bei NICK CAVE & THE BAD SEEDS.

Ende Oktober erschien nun eine Werkschau mit Filmsoundtracks, die Harvey in der Zeit von 1994 bis 2005 komponierte ("Motion Picture Music 94 - 05") unter anderem mit "Sparrow" (1996), ein Kurzfilm der australischen Regisseurin Polly Watkins und "Chopper" (2000), der australische Kult-Gangsterfilm von Andrew Dominic, auf dessen Soundtrack sich auch "Release the bats" von THE BIRTHDAY PARTY findet. Mitte Oktober weilte Mick Harvey zu Promotionzwecken in Deutschland und gewährte eine kurze Audienz.

Im Oktober wurde dein Album "Motion Picture Music 94 - 05" veröffentlicht, welches ein Art Werkschau deiner zahlreichen Arbeiten als Arrangeur von Filmmusiken ist. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass deine Reputation als Musiker bei einem breiten Publikum zunehmend durch deine Arbeiten für diverse Filme wächst - du hast zum dritten Mal den Preis der australischen Musikindustrie, ARIA, bekommen - und nicht mehr so sehr als Mitglied der BAD SEEDS. Hängt das auch mit einer Art "natürlicher Entwicklung" eines Musikers zusammen - so wie bei Nick Cave, der bei "The Proposition" erneut für den Film tätig war -, dass man sich mitunter im Korsett einer Band etwas eingeengt fühlt und dort nicht alle seine Ideen verwirklichen kann?


Für mich sind die Aktivitäten im Bereich Filmmusik eher ein Resultat freundschaftlicher Beziehungen oder Ergebnis direkter Anfragen aus meinem unmittelbaren Umfeld, ob ich daran interessiert bin, für einen bestimmten Film Musik zu komponieren. Keine Frage, ich wollte schon immer Filmmusik komponieren, gleichwohl ist es letztlich einfach so gekommen und ich habe es nicht wirklich forciert. Ich sehe es aber nicht als Karriereschritt und sicherlich auch nicht als einen Weg, eigene Ideen zu verwirklichen, zu denen ich sonst keine Möglichkeit hätte. Im Gegenteil, geh mal davon aus, dass man als Komponist eher bei Arbeiten für einen Film aufgrund des hohen Grades der notwendigen Zusammenarbeit eingeengt ist - zumal der Komponist nicht das letzte Wort darüber hat, wie und an welcher Stelle des Films die Musik konkret eingesetzt wird. Grundsätzlich bin ich Arrangeur von Filmmusik und Bandmusiker und als Mitglied bei den BAD SEEDS habe ich mindestens genauso viel Gestaltungsfreiheit, mich künstlerisch zu verwirklichen - wenn nicht sogar mehr - verglichen mit meinen Arbeiten bei diversen Filmen. Wie auch immer, das Thema Filmmusik inspiriert mich ungemein. Ich vermag indes nicht zu beurteilen, welche der beiden Seiten meines Schaffens mehr von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Du hast unter anderem mit Paul Goldman, der bereits Videos für THE BOYS NEXT DOOR, "Shivers", und THE BIRTHDAY PARTY, "Nick the stripper", drehte, und Joan Hillcoat zusammengearbeitet. Hätte ich hypothetisch die Möglichkeit, Filmmusik, Schauspieler und Drehbuchautoren zu wählen, wäre sicherlich die Kombination aus John Hillcoat, Regie, Steve Buscemi und Fairuza Balk als Schauspieler mit der Filmmusik von Mick Harvey mit einem Script, inhaltlich zwischen William S. Burroughs und Hunter S. Thompson, eine favorisierte Variante. Wie würde deine Auswahl aussehen? Hast du Ambitionen, selbst ein Drehbuch zu schreiben?

Ich kann mir nicht vorstellen, Musik für einen imaginären Film zu komponieren, den ich vorab noch nicht gesehen habe. Unabhängig vom Drehbuch oder sonstigen Inhalten des Films ist es für mich enorm wichtig, ein Gefühl für das Tempo des Films und die Atmosphäre der Bilder zu bekommen. Ich habe keine spezifischen Präferenzen, mit welchen Personen ich da konkret zusammenarbeiten wollte - nur die Aufgabe an sich und die Anforderungen, die an mich gestellt werden, und der Umstand, dass diese Personen mit mir zusammen arbeiten wollen - und ich mit ihnen - sind sehr wichtig für mich. Ich bin durchaus daran interessiert, selbst auch Filme zu machen, das wären aber dann experimentelle Filme oder Dokumentationen, für die nicht zwingend ein Drehbuch erforderlich ist.

Nick Cave hat einmal den estländischen Komponisten Avro Part - ein postmoderner Komponist, der 2003 den Classical Brit Award erhalten hat - als einen zentralen Einfluss genannt. Gibt es Komponisten der Gegenwart, die für dich von Bedeutung sind und deine Arbeit beeinflussen?

Sicherlich auch Avro Part und auch Beethoven, sowie viele andere klassische Komponisten. Letztlich sind es aber eher spezifische Werke von Komponisten, die mich beeinflussen, als das Gesamtwerk eines Komponisten an sich.

Du lebst mit der Malerin Katerina Beale zusammen. Die Werke ihrer Ausstellung "Expulsion", zum Beispiel das Bild "Eden", sind unter anderem durch den Song "The death and burial of Cock Robin" oder John Miltons Gedicht "Paradise lost" inspiriert und wirken etwas dunkel und melancholisch auf mich. Wie beeinflussen dich ihre Arbeiten und wie ist der kreative Austausch zwischen dem Musiker und der Malerin?

Es gibt da keinen direkten Austausch in dem Sinne, wie du dir das vermutlich vorstellst. Nur vielleicht insofern, dass alles, was man mag und was einen inhaltlich verbindet, fast automatisch in der jeweiligen Arbeit von uns beiden absorbiert wird und man dies eigentlich in jedwede kreative Tätigkeit überträgt. Wozu das dann gut ist, steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Andererseits hören die meisten Maler während ihrer Arbeit Musik, wohingegen ich mir im umgekehrten Fall nicht wirklich sicher bin, inwieweit sich Musiker intensiv mit Bildern beschäftigen, während sie komponieren. Vielleicht hast du da zu ideelle Vorstellungen. Aber im Hinblick auf den wechselseitigen Einfluss auf die jeweiligen Arbeiten ist es nicht wirklich überraschend, wenn in einer Beziehung beide zusätzlich zum eigenen Geschmack auf sehr ähnliche Einflüsse gleichermaßen reagieren und diese reflektieren.

Mark Butcher hat eine Dokumentation mit dem Titel "Sticky Carpet" über die Independent-Szene in Melbourne gedreht, die dieses Jahr erschienen ist. Darin enthalten ist ein Interview mit Rowland S. Howard, der sich gegenwärtig auch als Fürsprecher für die großartigen THE DEVASTATIONS engagiert, aber ich habe keine Informationen, wie es gegenwärtig um seine eigenen musikalischen Ambitionen oder die von Simon Bonney bestellt ist. Willst du mir dazu etwas sagen?

Rowland geht es gegenwärtig nicht sehr gut und er hat aufgrund dessen seine musikalischen Aktivitäten etwas zurückgestellt. Wir können alle nur hoffen, dass es ihm bald wieder besser geht und er an seinem geplanten Album weiterarbeiten kann. Simon Bonney lebt seit Jahren wieder in Sydney und Alex Hacke hat mir kürzlich erzählt, dass Simon mit ihm in Kontakt getreten ist, mit der Absicht möglicherweise neues Material mit CRIME AND THE CITY SOLUTION einzuspielen. Der Mann ist immer noch von einer Idee getrieben.

Dein Album "One Man's Treasure" enthält ein Stück mit dem Titel "Demon alcohol", angelehnt an einen Song von Bambi Lee Savage - die sicherlich auch von THE BIRTHDAY PARTY, Johnny Cash und den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN beeinflusst wurde - mit dem Titel "I can't count on my man and demon alcohol" mit Alex Hacke an der Gitarre. Dieser Song findet sich auf dem deutschen Dokumentarfilm "Lost In Music". Wie bist du zu Bambi Lee Savage gekommen?

Zunächst muss ich sagen, dass ich die von dir angesprochene Dokumentation nicht kenne, aber ich kenne Bambi recht gut und so sind wir zusammengekommen - kein großes Ding.

Auf eben diesem Album findet sich auch eine Coverversion von "Mother of earth" von THE GUN CLUB. Auch heute - zehn Jahre nach seinem Tod - scheint der Geist von Jeffrey Lee Pierce immer noch allgegenwärtig, was wohl auch Anlass für das holländische Label Flow Records war, zahlreiche GUN CLUB-Veröffentlichungen neu aufzulegen. Inwiefern hat dich GUN CLUB beeinflusst und hattest du Kontakt mit Jeffrey Lee Pierce?

Jeffrey und ich waren enge Freunde. "Mother of earth" war immer ein Song, der mir viel bedeutet hat, und den ich auf das Album nehmen wollte, obgleich ich der Auffassung bin, dass diese Version letztlich nicht so gut geworden ist, wie ich das ursprünglich intendiert hatte - dennoch: meine Entscheidung war, dass der Song es wert war, seinen Weg auf das Album zu finden. Ja, es scheint wohl so, dass viele Leute gegenwärtig die Musik von Jeffrey Lee Pierce wieder neu entdecken. Mich erstaunt es immer wieder, dass in der Wahrnehmung vieler das Spätwerk von GUN CLUB, eben das vierte und fünfte Album "Mother Juno" und "Pastorial Hide And Seek" nicht wirklich präsent ist, sowie auch sein Soloalbum "Wildweed".

Für deine beiden Alben "Pink Elephants" von 1995 und "Intoxicated Man", 1997, hast du Songs von Serge Gainsbourg in englischer Sprache interpretiert und auf diese Weise eine hervorragende Übersicht über sein Werk geschaffen. Seine Tochter Charlotte Gainsbourg hat kürzlich ihr Album "5:55" mit der Hilfe von Nicola Godin und Jean Benoit Dunckel, beide von der französischen Band AIR, und Jarvis Cocker, ebenfalls ein Bewunderer von Serge Gainsbourg, veröffentlicht. Hast du ihr Album gehört oder hat sie auf deine Interpretationen reagiert? Einige ihrer Songs - beispielsweise "The songs that we sing" - erinnern mich an das Album "Dirty Pearl" von Anita Lane.

Nein, ihr Album habe ich noch nicht gehört, dazu kann ich also wenig sagen. Mir sind aber auch keine Reaktionen von Charlotte auf meine Alben bekannt, allerdings hatte ich eine positive Resonanz von Jane Birkin auf meine Interpretationen erhalten. Ich vermute, dass Charlotte zur Genüge mit den Obsessionen ihres Vaters konfrontiert wird und ihre Bemühungen, mit der Vielzahl derjenigen, die sich dem Werk von Serge Gainsbourg verbunden fühlen, Kontakt aufzunehmen, eher überschaubar sind.Und wie verhält sich ihr Album zu Anitas Album "Sex O'Clock"? Gibt es Ähnlichkeiten von Charlottes Album zu diesem Album?

Stimmt, dieses Album hatte ich gar nicht mehr so präsent. Ich vermute aber, weil es aktueller ist und Anita Lane auf "Sex O'Clock" noch eher "französisch" klingt, dass die Ähnlichkeiten hier noch größer sind. Vor einiger Zeit sah ich einen Bericht über Nick Cave, in dem sein Lebenswerk beleuchtet wurde. Auf Fragen, die sich zu einigen Veröffentlichungen von THE BIRTHDAY PARTY bezogen, reagierte er ab und an in einer Weise, die man so auslegen könnte, dass er nicht wirklich mit allen musikalischen Anwandelungen von THE BIRTHDAY PARTY im nachhinein glücklich war. Wie empfindest du diese Vergangenheit und den Umstand, dass THE BIRTHDAY PARTY immer noch von so enormer Bedeutung sind und unendlich viel Musiker beeinflussen?

Ich denke manchmal, Nick war mitunter nicht wirklich verbunden mit der Musik selbst, die wir damals spielten. Zu dieser Zeit hat er vermutlich die Band als eine spezifische Form oder eine Art Vehikel gesehen, um sich mit anderen Ideen, Gedanken und Formen der Darstellung auszudrücken. Vermutlich hat er aus heutiger Sicht einige Zweifel an der Art und Weise der Musik von damals, als Resultat seiner Entwicklung und seiner persönlichen Beziehung zu seinem Songwriting aus der Sicht eines sich stetig entwickelnden Musikers und Songschreibers. Gleichwohl ist uns allen bewusst, dass wir mit THE BIRTHDAY PARTY etwas Einzigartiges geschaffen haben und das Erbe dieser Band etwas sehr Besonderes ist - und diese Einsicht trifft auch auf Nick zu.

Ich gebe dir einige Namen von Bands und Musikern und du kommentierst diese spontan: Zuerst BLUE RUIN - bei denen Phil Calvert als Drummer nach THE BIRTHDAY PARTY aufschlug?

Ihr erstes Album erinnert mich sehr stark an THE BIRTHDAY PARTY. Allerdings habe ich nicht mehr von ihnen gehört als dieses Album, was dem Umstand geschuldet bleibt, dass ich viele australische Bands in den 80er und frühen 90er Jahren leider nicht wirklich wahrgenommen habe, weil ich zu dieser Zeit in Europa lebte.

THE SAINTS?

Für mich eine der besten australischen Bands. Die Alben "Stranded" und "Prehistoric Sounds" und das Album "A Little Madness To Be Free" von Ed Kuepper sind meine Lieblingsplatten von ihnen.

Ennio Morricone?

Meiner Einschätzung nach der beste Komponist von Filmmusik.

Barry Adamson?

Ein alter Freund von mir, den ich allerdings seit der Filmvorstellung von "L.A. Confidential" im Mann's Chinese Theatre in Hollywood nicht mehr gesehen habe. Irgendwie bewegen wir uns gegenwärtig in verschiedenen Kreisen.

Nikki Sudden?

Gemeinsam mit Grant McLennan ein sehr unerwarteter und trauriger Verlust in diesem Jahr.