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Interviews & Artikel

MARIONETZ

Die Rückkehr der Münchenpunks

Sie waren eine der ersten Münchner Punkbands, sie sangen Deutsch und sie sind Legende: Die MARIONETZ starteten Ende der 70er-Jahre, spielten 1981 mit "Jetzt knallt's" ein wildes Album mit poppigen Punksongs ein - und landeten schließlich bei einem Majorlabel, das die Band zu den "Nenas des Punkrocks" machen wollte. Doch das Trio zerbrach daran. Nach einem missglückten Revivalversuch Anfang der Neunziger schien die Band für immer Vergangenheit zu sein, vor ein paar Jahren gab es das erste Tributalbum. Jetzt wollen es die Münchner noch einmal wissen. Wir sprachen mit Bandgründer Sigi Hümmer aka Sigi Pop über Münchens Punk in frühen Tagen, die Energie von Dreierbands und die Erfolgsformel der TOTEN HOSEN.





Was bedeuten für dich heute die MARIONETZ?


Eine Rückkehr zu einer sehr kreativen Zeit, in der viel Energie da war. Deshalb spielen wir auch heute wieder die erste LP und die erste Single. Das waren damals die spontansten Songs: Noch ohne Plattenfirma, noch ohne im Kopf festgelegt zu sein.



Wie lange ist das her?

Die meisten Songs sind fast 30 Jahre alt. Wir haben schon 1977 unter anderem Namen zusammengespielt, aber das war noch so BLACK-SABBATH-Sound. 1978 haben wir dann die MARIONETZ gegründet. Und sechs, sieben Lieder von damals sind jetzt schon dabei: "Susi Schlitz", "Nachbarn", "Gas Gas Gas", "Lebendig" zum Beispiel. Das sind Songs, mit denen ich heute eine Menge Energie rauslassen kann.



Wie ist das, nach 30 Jahren wieder am Anfang anzuknüpfen?

Das ist schon seltsam. Vor allem, dass es mir so Spaß macht. Ich habe ja eigentlich 1983 aufgehört, in Bands den Bass zu spielen. Und ich habe jetzt nach gut 23 Jahren wieder damit angefangen - und es war gigantisch. Außerdem muss ich auch sagen: Ich stehe total auf die alten Songs. Ich habe jetzt 13 Jahre Sigi-Pop-Akustik-Konzerte gemacht und da habe ich im Endeffekt auch die ganzen Lieder von früher gespielt. Das sind in sich total geniale, logische Songs, ähnlich wie bei den RAMONES, so einfach gestrickt, die gehen ins Ohr. Das sind so Evergreens, die langweilen nicht.



Ist es nicht spannender, etwas Neues zu machen?

Eigentlich nicht. Wenn jetzt große Resonanz käme, dann gibt es noch eine Menge Songs, die wir nachschieben können. Stücke, die noch gar nicht aufgenommen sind, oder wirklich alte MARIONETZ-Songs. Aber im Moment geht es erst einmal darum, die alten Sachen mal richtig live zu spielen. Und zwar so, wie sie damals schon klingen sollten. Damals hatten wir das noch nicht drauf, aber heute können wir alle absolut spielen. Jetzt hört sich das so an, wie es damals eigentlich gedacht war.



Was ist denn anders als damals?

Wenn ich die alten Aufnahmen höre, dann klingt das alles nach viel Euphorie, aber extrem dünn. Heute ist der Sound wie ein Baseballschläger, das ist richtig brutal. Da ist eine Brutalität in der Musik - von der Energie her. Wenn ich jetzt auf der Bühne stehe, haut es mich fast um.



Standen die MARIONETZ früher nicht eher für Funpunk?

Ich hatte immer einen Fuß im Pop gehabt. Aber wir haben schon auch kritische Stücke gemacht wie zum Beispiel "Gas Gas Gas" gegen die Umweltverschmutzung. Oder ein Song wie "Gustav Glück" ist ja auch nicht so witzig, wenn man von einem drogengestörten Menschen schreibt, der im Irrenhaus lebt. Ich hab das eben so ein wenig sarkastisch witzig gemacht und vielleicht ist das der Grund, warum uns viele Leute als Funpunk tituliert haben. Deutschpunk kann man schon eher sagen. Wobei Deutschpunk immer als politischer Punk dargestellt wird und wir waren ja überhaupt nicht politisch. Wir waren natürlich immer links, aber bis auf das "Deutsche Lied" haben wir nichts Politisches gemacht. Und der Song ist oft auch noch falsch verstanden worden.



Da warst du in den 80ern ziemlich bekannt und bei einem Majorlabel unter Vertrag. Warst du da nicht draußen aus der Szene?

Eigentlich schon. Total. Ich habe mich in der Zeit sehr verändert. Ich habe straight edge gelebt, bin Vegetarier geworden, habe immer mehr mit Rauchen und Trinken aufgehört. Die total abgestürzten Zeiten von früher waren da vorbei, zuvor hatte ich ja eingeschmissen, was ging. Für mich war das damals sogar willkommen, dass wir uns richtig von der Szene abgrenzen konnten. Ich war zwar einer der allerersten Punks in München, aber ich hatte mich aber immer schon ein wenig von den ganzen Proletenpunks distanziert. Und daher kam dann der Ausdruck "Edelpunk", weil ich Wert darauf gelegt habe, dass es nicht nur um Biergläser rumschmeißen geht, sondern wie bei den früheren CLASH oder SEX PISTOLS um etwas Kreatives. Die kamen ja auch alle aus der Kunstecke, das waren intelligente Leute, die eine Subkultur machen wollten. Später dann die Szene um EXPLOITED, G.B.H, DISCHARGE - das war schon was anderes.



Warum?

Die Szene hatte da begonnen, sich gegenseitig zu zerfleischen. Die Punks haben sich gegenseitig zusammengehauen. Das mit der Gewalt hat mich schon immer angekotzt. Ich war DJ im Damage, dem ersten Punkladen in München. Da kamen am Wochenende die Biederstein-Rocker, dann die Sechziger-Hooligans, dann die Bayern-Hooligans, dann kam die Bürgerwehr von Sendling - und jeder wollte immer die armen Punker verhauen. Das war grausam: Immer musstest du eine Gaspistole dabei haben, oder einen Schlagstock.



Heute ist Punk dagegen absolut salonfähig geworden ...

Klar, ist Punk schon längst ins Massenbewusstsein eingeflossen, aber das muss nicht bedeuten, dass die Szene kaputt ist. Die Musik ist immer noch existent und die Bands werden immer besser. Schau dir doch mal NO USE FOR A NAME oder NO FX an, die können wahnsinnig gut spielen. Oder so ganz neue wie BILLY TALENT, die sind so tight, so hundertprozentig. Ich glaube, Punk lebt immer noch, weil er nie leben durfte. Der hat nie so aufplatzen dürfen wie die Hippieszene, die mit PINK FLOYD oder GENESIS irgendwann so richtig weit geworden ist. Und mir gefällt vor allem an Punk, dass es kaum einen Generationenkonflikt gibt. Da spielen die LURKERS und da gehen die jungen Punks hin und dann spielen junge Bands und die Alten gehen hin. Da gibt es kaum Unterschiede.



Und du reihst dich jetzt in die LURKERS-Linie ein?

Man muss das schon sagen: Wir sind Altpunks. Dazu kann ich auch stehen, das ist okay. Ich werde in ein paar Monaten 50. Wir waren ja im Grunde mit THE PACK damals die erste Punkband in München. PACK waren noch vor uns gestartet, haben aber englisch gesungen. Insofern ist es für mich eher ein Kompliment, ein Veteran zu sein.



Bereust du heute, dass die MARIONETZ nicht so groß wie die TOTEN HOSEN oder die ÄRZTE geworden sind?

Manchmal habe ich mich das schon gefragt. Die ÄRZTE und die HOSEN und wir waren am Anfang in der gleichen Liga. Bloß bin ich ein extrem kreativer Mensch, der immer nach seinen Impulsen gelebt hat. Und wenn ich den Impuls hatte, monatelang in einer Höhle in Indien zu leben oder in Kalkutta den Sterbenden zu helfen, dann habe ich das durchgezogen. Weil ich der Meinung war, dass das vielleicht wichtiger ist, als irgendein Punkkonzert vor lauter Besoffenen zu spielen, die nicht einmal wissen, wie die Band heißt. Die TOTEN HOSEN waren musikalisch sogar schwächer als wir, die konnten nicht so gut spielen wie unsere Band. Aber sie waren eben kontinuierlich und haben 20 oder 25 Jahre lang total ihren Stiefel durchgezogen. Und wir haben uns praktisch bei jeder Platte im Stil neu erfunden: Die erste war Punkrock, die zweite war poppig und die dritte hatte eher so Rockeinflüsse. Auf jeder habe ich übrigens ein anderes Instrument gespielt. Auf der ersten war ich Bassist und Sänger, auf der zweiten Keyboarder und Sänger und auf der dritten Gitarrist und Sänger. Und auf meiner ersten Soloscheibe war ich dann auch noch Schlagzeuger und Sänger. Ich hab also alles durch.



In den vergangenen dreizehn Jahren gab es dich ja fast nur als Akustikgitarrist. Wie ist es denn dazu gekommen?

Ich hatte 1992 zusammen mit dem Pamp von GARDEN GANG in München ein Konzert mit TV Smith gesehen. Und da steht dieser Typ nur mit einer Akustikgitarre in einem Café und spielt Punkrock-Songs. Wahnsinn. Damals haben Pamp und ich beinahe so etwas wie einen Schwur geleistet und uns überlegt, eine Akustikpunkrock-Szene in München aufzubauen.



Und was kommt jetzt?

Die MARIONETZ haben heute die härteste und beste Besetzung aller Zeiten. Es ist wieder ein Trio, also diese MOTÖRHEAD-Besetzung: Ich als Bassist singe, der Gitarrist ist Chris Void, ein absoluter Topmann. Und unser alter Drummer ist wieder mit dabei, der Django. Es gibt eigentlich in Deutschland kaum bessere Musiker für Power-Punkrock als die beiden. Musikalisch gesehen ist es von der Power her die ideale Besetzung wieder zu dritt zu spielen. Ist vielleicht nicht so virtuos wie in Vierer- oder Fünferbesetzung, aber darauf kommt es uns momentan nicht an. Es geht nur darum, puren, alten Punkrock zu spielen. Mit Pop-Einfluss, aber vielmehr Gewicht auf Punk.



Euer erstes offizielles Revival-Konzert wird auf dem Punk-Festival zum Filmstart des Münchenpunk-Films "Mia san dageng!" am 12. Mai sein. Geht ihr dann auch auf Tour?

Man muss dazu sagen, dass die MARIONETZ damals nur in München und Umgebung gespielt haben. Wir waren einfach zu blöd, richtige Tourneen auf die Beine zu stellen. Und vor 20, 25 Jahren war das auch schwieriger als heute. Da gab es kaum Auftrittsorte, kaum Konzertagenturen. Wir haben sogar für eine Schlageragentur mit der MÜNCHNER FREIHEIT gespielt. Und weißt du, was für ein Frust das für einen Musiker ist, wenn du Vorband von SPIDER MURPHY GANG oder MÜNCHNER FREIHEIT bist und vor deren Fans spielst? Das kann eine Band richtig kaputt machen, und das hat bei uns schon einiges ausgehöhlt. Heute dagegen buchst du mit den richtigen Leuten einfach Konzerte und spielst dann vor den Menschen, für die du die Musik gemacht hast. Und das ist einer der Punkte, die mich am MARIONETZ-Revival reizen: Jetzt können wir endlich mal in ganz Deutschland spielen.



Also sozusagen eine zweite Chance?

Genau. Das ist wie die Frau, die du früher nie bekommen hast. Jetzt ist sie da und sagt: Komm, gehen wir zu mir! Und jetzt ist die Energie da, es noch einmal richtig zu machen. Mit einer guten und lockeren Einstellung, denn wir wissen, dass wir nichts mehr zu verlieren haben. Wir machen das jetzt eine Zeit lang - und wenn es keinen Spaß mehr macht, hören wir einfach wieder auf.



Alex von Streit

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #71 (April/Mai 2007)

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