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Interviews & Artikel

STOOGES

These guys look like a bunch of punks

Im Oktober 1967 spielten die STOOGES aus Ann Arbor, Michigan ihr erstes Konzert - und vierzig Jahre später veröffentlichen sie mit "The Weirdness" ein neues Album, gerade mal ihr viertes. Mögen andere die Geburtsstunde des Punkrocks auf das Jahr 1976 legen, so gibt es gute Gründe, die Band um James Osterberg alias Iggy Pop, die damals vom Manager der ähnlich auf Krawall gebürsteten MC5 als "Punks" bezeichnet wurde, als die Begründer des "Schockrocks" zu sehen.





Es gab damals keine andere Band, deren Sänger sich so ekstatisch ins Publikum warf, sich mit Erdnussbutter beschmierte und "I wanna be your dog" ins Mikrofon stöhnte, vom hemmungslosen, selbstzerstörerischen Umgang mit Drogen ganz zu schweigen. Und erst die Musik: Ohne die STOOGES und ihre musikalische Brutalität wäre womöglich einiges anders gelaufen, wäre Hippies und Bombastrockern das Feld überlassen worden. Doch so sprengte eine Horde Zwanzigjähriger so manche Party - in echt und im übertragenen Sinne. Die Brüder Ron und Scott Asheton (Gitarre bzw. Drums) waren neben Iggy der Kern der STOOGES, die 1969 ihr erstes Album veröffentlichten, auf dem sich die Klassiker "1969", "No fun" und "I wanna be your dog" finden. Kaum verwunderlich, dass die Kritiker und die Plattenkäufer die STOOGES verschmähten, ebenso wie den Nachfolger "Fun House" von 1970 mit dem fantastischen "T.V. eye". Umbesetzungen folgten, die "Karriere" geriet ins Stocken, Iggys Drogensucht wurde ein Problem, schließlich wurden sie von ihrem Label Elektra vor die Tür gesetzt. Erst Monate später geht es weiter: David Bowie, als "Ziggy Stardust" zum Star geworden, nimmt Iggy 1972 unter seine Fittiche, besorgt ihm einen neuen Plattenvertrag und so entsteht das dritte Album, "Raw Power", dem nach Meinung vieler Fans aber genau die fehlt. Trotzdem werden "Search and destroy", "Raw power" und "Shake appeal" zu Klassikern, doch die Band hat ihren Zenit überschritten, im Februar 1974 ist alles vorbei, nachdem zuvor mit "Metallic KO" ein mitreißendes Live-Dokument diese Phase der Band verewigte.

Was folgte, war eine wechselhafte Solokarriere von Iggy Pop, der aber mit seinen mittlerweile bald 60 Jahren (am 21. April ist es soweit) zur sehnigen Ikone geworden ist, und eine weit weniger beachtete musikalische Laufbahn seiner Mitstreiter Scott und Ron Asheton, die sich dann aber 2003 doch wieder über den Weg liefen: Aus zwei geplanten Songs für Pops "Skull Ring"-Album wurden vier, Mike Watt von den zwei Generationen später wichtigen MINUTEMEN und fIREHOSE stieg mit ins Boot, und so waren die STOOGES nach 30 Jahren Pause plötzlich wieder aktiv, spielten begeisternde Konzerte und nahmen schließlich sogar noch ein neues Album auf, das dieser Tage erschienen ist. Ich hatte die Chance, mit einem auskunftsfreudigen Ron Asheton über all das zu sprechen.



Ron, wie sind deine Gefühle bezüglich der STOOGES-Reunion?


Nun, diese Reunion ist etwas, was ich viele Jahre lang erhofft hatte. Seit die Band damals auseinanderbrach, habe ich immer weiter in Bands gespielt, ich habe diverse Platten veröffentlicht, und in der ganzen Zeit hat mein Bruder Scott immer wieder versucht, eine Reunion zu organisieren. Das Problem: Iggy hasst Reunions. Er meinte dazu, man spiele ein Konzert zusammen oder eine kleine Tour, und das sei es dann wieder gewesen. Dass es dann mit den STOOGES doch wieder geklappt hat, kam so: Eines Tages rief mich Iggy an und meinte, er plane da ein Projekt, ob ich nicht interessiert sei. Ich könne sofort Nein sagen oder zwei Wochen überlegen und dann immer noch Nein sagen. Ich antwortete ihm, dass ich Projekte liebe, die Antwort sei Ja. Das Projekt bestand dann darin, in Florida zwei Songs für seine neue CD einzuspielen.



Wir reden vom "Skull Ring"-Album ...

Genau, und aus den geplanten zwei Songs wurden vier, ein Indikator, dass wir gut klarkamen, im Studio alles bestens lief. Und als wir dann am Abmischen waren, sagte Iggy zu mir und Scott, dass sein Management vermehrt Anfragen bekomme, ob nicht ein paar Shows der STOOGES möglich seien, speziell für das Coachella-Festival in Kalifornien. Und dann ging es hin und her, sollen wir das machen oder nicht? Scott und ich waren dafür, und irgendwann sagte Iggy: "Okay, if you guys wanna do it, let's do it." Ich hatte schon vorher immer wieder mit Mike Watt gespielt, wusste, dass er alle Songs kennt, und so wurde er unser Bassist. Alles lief ganz easy, und nach dem Konzert kam dann Iggy zu Mike Watt und fragte ihn, ob er Zeit habe für weitere Konzerte. Ich stand daneben und dachte mir nur "Yesssss! ". Tja, und das war der Neubeginn. Es hatte sich alles ganz natürlich ergeben, wir bekamen gute Reaktionen auf die Konzerte, und wir fingen an, uns regelmäßig zu treffen, um neue Songs zu schreiben. Und als dieser Songwriting-Prozess begonnen hatte, wusste ich, dass das Ganze mehr war als nur so eine Reunion-Band, sondern wirklich eine lebendige Band, die neue Songs schreibt, sie aufnimmt, ein neues Album macht. Und ich bin wirklich glücklich darüber.



Du hattest also nicht mehr geglaubt, dass es zu einer Reunion kommt.

Nein. All die Jahre, die ich arm war, in denen ich trotzdem weiter Musik machte, nach einem Konzert fünf oder zehn Dollar in der Tasche hatte, hatte ich aber trotzdem den Traum, dass es eines Tages weitergeht. Und es ist schön jetzt zu sehen, wie die Leute unsere Musik genießen.



Das klingt für mich, als hättest du all die Jahre das Gefühl gehabt, da einen Job noch zu Ende bringen zu müssen.

Ja, das hast du gut ausgedrückt, genauso habe ich das empfunden. In all den Jahren seit dem Ende der Band hörte ich immer wieder, wie Leute davon erzählten, dass die STOOGES sie und ihre Musik beeinflusst hätten, dass sie mein Gitarrenspiel schätzten. Und solche Aussagen kamen auch von vielen richtig erfolgreichen Musikern. Ich bin keiner, der die ganzen Musikmagazine liest, aber immer, wenn mal wieder was über die STOOGES zu lesen war, jemand mich als Vorbild nannte, riefen mich Freunde an und erzählten mir davon. In solchen Momenten hatte ich dann immer das Gefühl, dass wir nie für unsere Leistung belohnt worden waren, dass ich meine Mission noch nicht erfüllt hatte. Klar, Iggy war ständig aktiv und unterwegs, spielte immer wieder STOOGES-Songs, aber davon hatte ich nichts. Deshalb ist es jetzt ein richtig gutes Gefühl, dass sich der Kreis geschlossen hat, ich rausgehen kann, um unsere Musik zu spielen. Und in gewisser Weise ist es heute sogar besser als damals, denn wir waren unserer Zeit voraus und nie wirklich bekannt und beliebt, verkauften seinerzeit nicht viele Platten. Erst im Laufe der Jahre wurde unsere Musik so richtig entdeckt, und deshalb ist es so ein gutes Gefühl, jetzt rausgehen zu können, um meine Bestimmung zu erfüllen, haha.



Wie stehst du denn zu den Reunions der letzten Jahre, von MC5, NEW YORK DOLLS, RADIO BIRDMAN ...?

Mit Deniz Tek habe ich vor zwei Tagen erst telefoniert, die machen im im Juni eine große US-Tour. Ich freue mich für sie, und ich war ja mal Quasi-Mitglied von RADIO BIRDMAN, als wir damals, 1980, zusammen in NEW RACE spielten. Ich bin jedenfalls ein großer RADIO BIRDMAN-Fan, es freut mich wirklich, dass sie wieder aktiv sind. Und ich freue mich auch für MC5, die haben es ebenfalls verdient. Die waren damals meine Lieblingsband, wir haben viele Konzerte zusammen gespielt, unterschrieben zur gleichen Zeit unseren Vertrag bei Elektra wie sie. Später dann war ich zusammen mit Michael Davis, dem Bassisten von MC5, zusammen in DESTROY ALL MONSTERS, und danach kam dann NEW ORDER - nicht zu verwechseln mit der englischen Band -, wo Dennis Thompson trommelte, der dann auch bei NEW RACE war. Schön also, dass auch MC5 wieder zusammengefunden haben, nur wäre es noch schöner gewesen mit allen ursprünglichen Mitgliedern, Fred Smith und Rob Tyner. Es ist auch schade, dass unser alter STOOGES-Mitgründer Dave Alexander heute nicht mehr mit uns spielen kann. Was die Dolls anbelangt, so kannte ich die nur am Rande, aber es waren gute Bekannte von Iggy. Im Laufe der Jahre habe ich dann oft mit Sylvain Sylvain telefoniert, und er machte auf mich immer einen sehr netten Eindruck. Ich stand Arthur Kane immer recht nahe, der lebte zur gleichen Zeit wie ich in Los Angeles, und ich kannte ihn auch, als er wie ein Penner auf der Straße lebte.



Wieso denkst du, dass Reunions von Bands wie den STOOGES heute Sinn machen?

Die heutige Musik ist oft etwas seicht, und viele Leute suchen nach Musik, die etwas tiefer geht. Und da finde ich es gut, dass man etwas in der Zeit zurückgehen und wirklich gute Musik finden kann. Aktuell haben sich ja THE POLICE wieder zusammengefunden, und ich mag die ja durchaus, aber Sting war ja auch danach riesig, und so gilt meine Sympathie eher uns kleinen, nicht so bekannten Bands, die jetzt die Chance haben, noch mal etwas bekannter zu werden.



In der Tat sitzt man als Fan von Bands wie MC5 oder STOOGES ja oft der Fehleinschätzung auf, dass nur deshalb, weil man selbst sie für essentiell hält, der Rest der Welt das auch so sehen muss - und stellt dann fest, dass viele Leute STOOGES oder MC5 höchstens noch dem Namen nach kennen, gerade mal Iggy Pop als Person bekannt ist.



Haha, ja, so ist es, aber jetzt wird es ja etwas besser. Ich selbst hasse es ja, wenn man mich irgendwo erkennt, etwa auf dem Flughafen, doch Iggy passiert das ständig. Meine schönste Geschichte dazu ist vom Januar 2006, als wir in Adelaide, Australien auf dem Big Day Out-Festival spielten. Abends vor unserem Auftritt ging ich in die Hotelbar, und die echt attraktive junge Frau hinter dem Tresen fragte mich, ob ich auch in einer Band spiele. Ich erzählte, dass ich bei den STOOGES bin, und sah, dass sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was es mit dieser Band auf sich hat. Ich erwähnte dann Iggy Pop, und sie meinte, den Namen habe sie schon mal gehört. Ich wollte nett zu ihr sein, und so organisierte ich für sie und ihre Freunde ein paar Tickets. Am nächsten Tag dann, während unserer Auftritts, hörte ich dann trotz des Geschreis von tausenden Leuten die Stimme dieser Frau irgendwo direkt vor der Bühne, und dann sah ich sie, auf den Schultern ihres Freundes sitzend. Normalerweise achte ich bei Konzerten nicht auf das Publikum, aber da war sie, in der fünften Reihe, sie schaute mich an, machte das Victory-Zeichen und war völlig begeistert. Das war ein wunderschönes Erlebnis für mich, denn es zeigte mir, dass wir auch heute noch Leute, die nie zuvor von uns gehört haben, begeistern können.



Rockmusik ist heute Teil der Alltagskultur und nicht mehr dazu angetan, für große Aufregung zu sorgen. Doch damals, Ende der Sechziger, als die STOOGES und MC5 - die ja vom FBI überwacht und als Staatsfeinde betrachtet wurden - mit einer ganz neuen, lauten Form des Rock'n'Rolls auf die Bühne gingen, war das ja angeblich noch anders. Wie gefährlich war es denn damals wirklich, in einer Band wie den STOOGES zu sein?

Also damals war es ein ganz großer Unterschied, ob du lange oder kurze Haare hattest, ja, das Aussehen eines Menschen war sehr wichtig. Die Welt war noch sehr "straight". Wir kamen aus Ann Arbor, Michigan, einer Universitätsstadt, und da gab es damals, 1969, zwar schon ein paar Beatniks und Intellektuelle, aber das war eine ganz eigene Clique, die unter sich blieb. Und dann waren dann die Jocks, die Sportlertypen, die in Burschenschaften organisiert waren und Biertrinken als ihr Hobby ansahen. Wenn die uns auf der Straße sahen, warfen die aus dem Auto heraus mit vollen Bierflaschen nach uns, oder es passierte uns, dass wir in ein Restaurant gingen und man sich weigerte, uns zu bedienen - wir wurden einfach von der Kellnerin ignoriert, und die Jocks machten uns klar, dass wir da nicht willkommen sind. Oder noch vor den STOOGES, als wir noch THE PRIME MOVERS hießen und Iggy trommelte, da wurden wir schon mal von einer Studentenorganisation als Partyband gebucht. Da kam es immer wieder vor, dass man uns nur wegen unseres Aussehens verprügeln wollte, da galt es vorsichtig zu sein, und nicht nur einmal mussten wir flüchten, unser Equipment in aller Eile ins Auto verfrachten und zusehen, dass wir Land gewinnen. Das war echt wie im Film. Oder als wir dann auf Tour waren, das war immer ein Risiko. Einmal spielten wir ein Konzert in einem kleinen Ort in Michigan, und Iggy trug seine enge Lackhose. Dummerweise platzte aber mitten im Auftritt seine Hose im Schritt auf und man sah wirklich alles. Er ging kurz von der Bühne, band sich ein Handtuch um und die Show ging weiter, doch als wir dann von der Bühne gingen, nahm mich ein alter Wachmann, der da Dienst hatte - er war sicher schon 70 - zur Seite und warnte mich: "Ich mag euch Burschen, aber da im Publikum befand sich auch die Tochter eines Polizisten, und die kam zu mir sagte, ich solle den Sänger verhaften wegen des Zeigens seines Geschlechtsteils. Ich sagte, das könne ich nicht, und so ging sie los, um ihren Vater zu holen." Ich war alarmiert, und so ging ich zu Iggy, um ihm zu sagen, er solle sich besser ganz schnell verziehen. Freunde brachten Iggy dann weg, doch während wir noch im Backstageraum waren, kamen plötzlich sechs Polizisten rein und fragten nach diesem "Iggy-Guy". Ich war versucht ihnen zu antworten "Iggy has left the building", doch ich blieb ernst, was die Cops nicht davon abhielt, uns alle zu verhaften, mit der Begründung, wir kämen erst frei, wenn Iggy sich stellt. Sie suchten Iggy, und sie fanden ihn dann, als er gerade aus dem Kofferraum eines Autos kroch, um in ein anderes Auto zu steigen, das ihn nach Ann Arbor zurückbringen sollte. Sie verhafteten ihn, er verbrachte die Nacht im Knast, und wir mussten seinen Eltern morgens um vier die Nachricht überbringen, ihr Sohn sei im Knast. Iggys Vater hat ihn dann auf Kaution rausgeholt, haha. Also ja, es war damals gefährlich für Typen wie uns, es gab immer Reibereien mit der Polizei, die Leute, die anders aussehen, einfach nicht leiden konnte. Unser Lebensstil widersprach der Norm, es ging immer um Freaks gegen Frats. Im Laufe der Jahre und bis heute hat sich dieser Konflikt abgeschwächt, aber es ist immer noch eine wilde und verrückte Welt da draußen. Zum Glück aber werden wir heute bei Konzerten nicht mehr mit irgendwelchem Zeug beworfen.



Die STOOGES werden immer wieder neben MC5 als Urväter des Punk bezeichnet. Wie bist du das erste Mal mit dem Begriff "Punk" in Kontakt gekommen?

Wenn man damals von jemandem als "Punk" bezeichnet wurde, war das jedenfalls nie nett gemeint. Das erste Mal, dass ich den Begriff in anderer Bedeutung hörte, war, als John Sinclair, damals Manager von MC5, unser erstes Album in den Händen hielt und sagte "These guys look like a bunch of punks". Und er meinte das ganz offensichtlich nicht in negativer Weise. Das war das erste Mal, dass wir mit dem Begriff "Punk" in Verbindung gebracht wurden. Ansonsten war Punk eine allmähliche Weiterentwicklung vom Fünfziger-Poodle-Rock'n'Roll über die English Invasion, den STOOGES-Ära-Punk und später dann Grunge. Unterm Strich geht es immer um Rock'n'Roll, aber damals, 1969, war es sicher John Sinclair, der verschiedene Eindrücke mit dem Wort Punk zusammengefasst hat und der Sache so einen Namen gab. John lebt heute übrigens in Amsterdam und macht immer noch Musik.



Das dritte STOOGES-Album "Raw Power" wurde seinerzeit von David Bowie produziert - und es gilt bis heute vielen Fans als missglückt, eben wegen Bowies weichspülerischer Produktion. Wie stehst du zu diesem Vorwurf?

Also als ich damals diesen Mix hörte - wir lebten damals in den Hollywood Hills und bekamen das Acetat zugeschickt -, war mein erster Eindruck "It suuuuuucks!". Ich mochte es überhaupt nicht. Iggy sagte nur, wenn wir damit nicht einverstanden wären, würde die Platte überhaupt nicht erscheinen. Je öfter ich die Platte dann aber hörte, desto mehr gefiel sie mir. Als Iggy dann vor ein paar Jahren einen neuen Mix des Albums veröffentlichte, bei dem die Zuckerglasur fehlte, kam ein ganz rohes, dreckiges Album heraus, und ich fand das ein interessantes Konzept, doch im Laufe der Zeit hatte ich mich an den Bowie-Mix gewöhnt, er gefiel mir immer besser. Ich habe aber sowieso ein seltsames Verhältnis zu dieser Phase der STOOGES, denn nach diversen Umbesetzungen durfte ich nicht mehr Gitarre spielen, sondern musste an den Bass wechseln. Ich fühlte mich wie ein Außenseiter, und "Raw Power" war eigentlich schon ein Iggy Pop-Album, denn er hatte den Plattenvertrag unterschrieben, er hatte das Management organisiert, den Plattendeal klargemacht. Wir anderen in der Band waren nur seine Angestellten. Es war für mich ein komisches Gefühl, Bass zu spielen, aber es machte durchaus auch Spaß, und ich war stolz, auf einem Album auf CBS Columbia spielen zu dürfen.



Du hast dann auch nach dem Ende der STOOGES im Februar 1974 nicht aufgehört, Musik zu machen.

Nach dem Ende der STOOGES blieb ich in L.A. und gründete zusammen mit meinem Bruder und Dennis Thompson NEW ORDER. Irgendwie lief das aber nicht so richtig, und so ging ich zurück nach Michigan und stieg bei DESTROY ALL MONSTERS ein. Bei dieser Band blieb ich dann von 1977/78 bis 1985, und 1981 gab es NEW RACE, zusammen mit Deniz Tek und Rob Younger von RADIO BIRDMAN und Dennis Thompson von MC5. In der Zeit danach versuchte ich mich dann als Schauspieler, spielte in diversen kleinen Produktionen und später dann auch in größeren wie 1990 in "Mosquito", wo auch Gunnar Hansen mitspielte, der "Leatherface" aus "Texas Chainsaw Massacre". Danach wandte ich mich dann wieder der Musik zu, spielte bei DARK CARNIVAL, der neuen Band um die DESTROY ALL MONSTERS-Frontfrau Niagara. Danach gab es dann die WILD RATS: Ich bekam einen Anruf und wurde gefragt, ob ich für den Film "Velvet Goldmine" in einer STOOGES-ähnlichen Band spielen wolle, und so traf ich dann auf Thurston Moore, Mike Watt, Steve Shelley und Sean Lennon, wir nahmen sogar eine Platte auf. Aber wieder mal Pech gehabt, das Label - London Records - wurde aufgekauft und zugemacht, die Platte landete irgendwo im Regal. Aber es ging weiter, denn bald darauf rief mich Mike Watt an und lud mich ein, J Mascis zu treffen, die hatten STOOGES-Songs aufgenommen, und bei einem Konzert hier in der Stadt spielte ich dann am Ende eines Sets STOOGES-Songs mit ihnen. Ich sagte J, es habe mir Spaß gemacht, ich würde das wohl noch mal machen, also lud er mich ein, mit ihm zu touren, durch die USA und Europa. Und bevor es dann mit den STOOGES wieder losging, hatte J noch die Idee gehabt, einfach nur STOOGES-Songs zu spielen, und das machten wir dann auch. Und ich schätze mal, weil es darauf so gutes Feedback gab, hatte auch Iggy irgendwie davon gehört, denn bald darauf kam dieser Anruf von ihm, von dem ich ganz am Anfang erzählt habe. Ich habe also nie aufgehört, Musik zu machen, ich machte immer weiter.



Wie hast du denn rein körperlich die STOOGES überlebt, an deren Ende Iggy Pop ein Heroinwrack war? Dave Alexander, der 1975 starb, war ja wegen Drogenproblemen schon vorher ausgestiegen.

Ganz einfach: Ich habe nie Drogen genommen, ich hatte nie ein Drogenproblem. Drogen haben mich nicht interessiert, ich sah ja, was die mit Leuten anstellen, und letztlich haben sie ja auch mein Leben zerstört, denn sie zerstörten meine Bandmates und Freunde. Ich habe einfach immer weitergearbeitet - und mir die Hoffnung bewahrt, dass irgendwas Gutes passiert, dass ich einen Plattenvertrag bekomme, dass die Welt meine Musik hören will. Oder, um es mit einem alten Blueser-Ausdruck zu sagen, "I had to pay my dues". Die ganzen alten Blueser, Muddy Waters, BB King, John Lee Hooker, die mussten über sechzig, über siebzig werden, bevor sie die ihnen zustehende Anerkennung erhielten. Na ja, ich habe einen großen Selbsterhaltungstrieb.



Wie habt ihr es seinerzeit eigentlich geschafft, der Einberufung und damit dem Einsatz im Vietnamkrieg zu entgehen? Damals mussten ja hunderttausende Männer in eurem Alter den Wehrdienst ableisten, sind dort gestorben.

Haha, wir haben uns eben alle eine kleine Geschichte ausgedacht, und für unsere schauspielerischen Fähigkeiten hätten wir eigentlich einen Oscar verdient. Vor der Musterung hatte ich mich eine Woche lang nicht geduscht, drei Nächte nicht geschlafen, hatte meine Haare besonders lang wachsen lassen und sah wohl aus wie ein Idiot in diesem Mantel, der mir viel zu groß war. Außerdem trug ich die Golfschuhe von Iggys Vater, und als ich dann ins Musterungszimmer gerufen wurde, spielte ich die ganze Zeit in einer Hand mit zwei Würfeln. Ich schaffte dann nicht mal den Intelligenztest und ich erzählte ihnen, ich sei neurotisch, drogenabhängig und schwul. Es war eine echt gute schauspielerische Leistung, nach ein paar Wochen musste ich noch mal zum Psychiater, die spielten noch etwas mit mir, aber letztlich ließen sie mich laufen. Na ja, und die anderen haben das genauso gemacht. Mein Bruder etwa hatte sich vor der Musterung einfach besoffen, der war extrem feindselig und kotzte denen sogar in das Musterungsbüro. Da haben sie ihn rausgeschmissen, aber er war so besoffen, dass er auf der anderen Straßenseite zusammengebrochen ist, so dass ihn die Bullen aufsammelten und erstmal eine Nacht in den Knast steckten. Ich meine, wir hatten die Band, die war unsere Priorität, wir wollten nicht nach Vietnam. Freunde von mir starben dort. Es war gar nicht mal so, dass wir gegen die Soldaten waren, aber alles, was wir damals im Kopf hatten, war die Band.



Werden wir die STOOGES in nächster Zeit wieder in Europa sehen können?

Ja, wir spielen ganz nahe bei Deutschland, in Landgraaf in den Niederlanden, auf dem Pinkpop-Festival. Und ich hoffe, dass wir auch ein paar Shows in Deutschland spielen.



Ron, vielen Dank für das Interview.

Ich danke dir: "Auf Wiedersehen, mein Freund" - diesen Satz habe ich mir aus dem Deutschunterricht in der Schule noch gemerkt.


Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #71 (April/Mai 2007)

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