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Interviews & Artikel

EA80

The Real Emo

Mönchengladbach. Zwei Menschen. Ein Gespräch. Über vieles. Es währte Stunden. Ein Tonbandgerät. Keine Fragen. Joints gehen in Flammen auf ... So, oder so ähnlich würde ich dieses Interview vermutlich einleiten, wenn ich EA80-Fan wäre. Die Geheimniskrämerei um diese düstere Band, deren Namen nur Eingeweihte zu deuten wissen, hat mich immer ein wenig abgeschreckt. Vielleicht ist es aber gerade das, was EA80 hier in Deutschland so "berühmt" und die Punkerwelt in "The Real Emo" und "Otto-Normal-Punk" gespalten hat. Ich traf mich mit Schlagzeuger Nico in seinem Laden, der Garage, gelegen auf der verruchten Kneipenmeile in dirty Mönchengladbach.

Du weißt ja, dass ich kein EA80-Fan bin. Wir können uns also auch gern über andere Sachen unterhalten. Wäre doch auch mal lustig, gar nicht über EA80 zu reden. Ich meine, du hast hier ja eine sehr nette Kneipe. Du hast doch bestimmt auch so genug zu erzählen.


Das wäre mir eher unangenehm. Die Band war und ist nun mal ein großer Teil meines Daseins und gerade jetzt, wo wir doch so einiges in der nächsten Zeit mit EA80 vorhaben. Am 17.08. kommt unsere neue Platte raus und am selben Tag ist im Projekt 42 die inoffizielle Release-Party. Wir werden alle bisherigen Alben dieses Jahr auf farbigem Vinyl neu auflegen, und es wird eine sehr nette limitierte Single geben. Da sollte meines Erachtens schon drüber gesprochen werden.


Ich dachte immer, ihr braucht keine Promotion. Es gibt doch immer so große Geheimnisse um eure wenigen Konzerte und den ganzen Schnickschnack drum herum. Da könnten wir doch auch direkt anknüpfen.

Na ja, es lief früher immer alles über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir brauchten nie Werbung oder so etwas. Ich hab einen Flyer im Fenster hängen - ganz schmucklos: EA80, Projekt 42, 17.08. - und das Projekt wird bestimmt voll. Manche können den Flyer allerdings nicht richtig deuten. Hier gibt es einen großen Haufen junger Leute, die EA80 gar nicht kennen. Die kommen hier rein und fragen, was das EA80-Tattoo auf meinen Arm bedeutet. Da sag ich, das ist meine Band. Schau mal bei Wikipedia nach. Selbst ein DJ, der hier mal aufgelegt hat, kam letztens zu mir und meinte: "Mensch Alter, ich wusste gar nicht, dass du eine Punk-Legende bist."


Ist ja auch kein Wunder. Ihr macht euch auch ziemlich rar, das rächt sich irgendwann. Da draußen wächst eine neue Generation heran, die hat wohl nicht mitbekommen, dass es euch gibt.

Es gibt hier in Mönchengladbach ein ziemliches Potenzial an neuen Fans. Wir haben unsere letzte Platte vor drei Jahren rausgebracht und auch sonst sind wir nicht groß in Erscheinung getreten. Bei unserem letzten Album sind viele Leute vielleicht gerade aus der Grundschule gekommen. Wie sollen sie uns auch kennen? Es gibt auch kaum noch Plattenläden, in denen man unsere Platten kaufen kann. Mit Nightmare Records, ein paar Meter weiter, hatten wir kleine Meinungsverschiedenheiten, daher hatte er nie Platten von uns im Laden. Jetzt erst wird er die neue Platte von mir bekommen.


Bist du eigentlich jeden Tag hier, in deiner Garage? Der Laden hieß ja mal anderes.

Ich bin von Mittwoch bis Samstag hier. Unter der Woche lohnt es sich fast gar nicht, den Laden auf zu machen. Was mich eigentlich wundert, weil viele Bands sagen, dass das der schönste Laden ist, in dem sie je gespielt haben. Die Leute stehen halt mehr auf Anmach-Discos wie die schräg gegenüber. Auf diese ganze Glotz- und Anmach-Kultur hatte ich von Anfang an kein Bock. Genauso wenig habe ich den Laden aufgemacht, damit sich Kinder von ihrem Taschengeld besaufen. Aber wenn sie es nicht hier machen, dann machen sie es ein paar Meter weiter oben, da gibt es billig Korn-Cola und es stört keinen, dass sie sich dort besinnungslos saufen. Mir wird nur immer vorgeworfen, dass mein Bier zu teuer ist, aber trotzdem habe ich hier eigentlich immer nur Verluste gemacht.


Und was hält dich dann noch hier?

Meine Mutter ist in Berlin geboren, mein Bruder wohnt auch da, den ich regelmäßig besuche. Ich werde meine Mutter an ihren Geburtsort zurück pflanzen und auf kurz oder lang wird mich hier nichts halten. In Berlin gibt es zwar tausend Kneipen, aber da gibt es auch Tausende von Touris und jeden Tag kommen neue. Da werd ich es dann noch mal versuchen. Die Garage hieß mal "EssBar", aber seit ich kein Essen mehr anbiete, macht dieser Name keinen Sinn mehr. Das mit dem Essen hat sich leider nicht gelohnt.


Ich habe ja auch ein paar Jahre in Mönchengladbach gewohnt. Es gibt wirklich wenige Städte, bei denen ich sage, die sind richtig scheiße - Mönchengladbach gehört auf jeden Fall dazu. Wenn du in Düsseldorf auf dem Bahnhof am Gleis stehst, bemerkst du sofort die Anhäufung der Asi-Kappen-Träger. Klar, hier geht es nach Mönchengladbach. Okay, als ich gerade hier hoch gelaufen bin, sind mir schon ein paar augenscheinlich vernünftige Leute begegnet. Da glimmt vielleicht ein wenig Hoffnung auf ...

Mit den paar Leuten kannste leider kein anständiges Konzert füllen. Natürlich sind hier viele Leute, mit denen ich mich bewusst umgebe, anders geht es auch nicht. Ich habe hier in meiner Kneipe letztens ein Konzert mit PERFECT gemacht und das war des Geilste, was ich überhaupt je in Gladbach gesehen habe - neben unserer Haus- und Hofband DOWN THE DRAIN natürlich. Am Ende hab ich mich wirklich geschämt, dass nur eine Hand voll Leute da waren. Aber was die Leute hier nicht kennen, wollen sie nicht sehen. Es ist manchmal so frustrierend. Wenn PERFECT nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich schon längst dicht gemacht. Sie haben mir noch mal einen richtigen Motivationsschub gegeben. Echt, da kommen die Leute an so einem Abend zu mir und sagen: "Alter, spiel ma METALLICA!", da fällt dir nichts mehr ein. Wenn ich hier nicht meine eigene Musik spielen dürfte, würde ich manchmal ausrasten. Genauso REMOVAL, die CD spiele ich hier manchmal rauf und runter, damals beim Konzert waren drei Leute hier.


Es ist wirklich schwer, den Leuten klarzumachen, dass auch noch etwas anderes außer Punk, Ska und Hardcore richtig cool sein kann. Man kann ja auch nicht jeden Tag nur Erbsensuppe essen. Ihr werdet eurem Stil ja wohl treu bleiben, so viel Neues gab es ja bei EA80 über die Jahre auch nicht wirklich.

Wir werden gleich mal eine Vorabversion von dem neuen Album hören, das übrigens "Reise" heißen wird. Die CD soll für sich sprechen. Ich finde es nicht tragisch, wenn man seiner Musik treu bleibt. Bei den RAMONES hat sich auch niemand beschwert und die hatten noch weniger Facetten als wir. Oder nimm BAD RELIGION. Ich empfinde es in dieser Hinsicht schon fast als Vorteil, wenn man sich und seiner Musik treu bleibt. Und wir sind schon einzigartig. Ganz modern ist ja jetzt dieser Screamo-Scheißdreck, wo sich jede Band gleich anhört. Da kommt einem doch die Kotze hoch. Auch was heute als Emo bezeichnet wird, ist ein Witz.


EA80 ist dann wohl "the real emo". Es ist schon auffällig, dass die meisten Leute EA80 mit negativen Gefühlen verbinden. Ich habe eine Platte von euch und habe die auch immer nur gehört, wenn ich in Liebeskummer fast ersoffen bin.

Und, ging es dir danach besser oder schlechter?


Ich glaube, eine Verbesserung ist nicht wirklich eingetreten.

Dann hast du vielleicht was falsch gemacht.


Vielleicht. Aber anders betrachtet, kann man ja so ein Gefühl mit Musik auch zelebrieren, um sich diesem ganz hinzugeben. Das wiederum kann ja auch ganz gut zum Heilungsprozess beitragen. Wenn man sich vom Negativen ablenken wollen würde, könnte man doch auch fröhliche Mucke hören.

Aber wenn ich Liebeskummer habe, möchte ich doch bestimmt keine Musik hören, bei der verliebte Menschen durch die Gegend rennen. Dann doch lieber etwas, bei dem ersichtlich ist, dass die Menschen, die diesen Song singen, auch Ähnliches durchgemacht haben wie ich. Das baut mich dann vielleicht mehr auf. Mit dem Alter höre ich oft ruhigere Sachen aus den Sixties oder schönen Psychedelic. Wahrscheinlich auch wegen der Kifferei. Hierzu möchte ich auch noch mal sagen, dass man im Wild at Heart in Berlin im Backstagebereich nicht kiffen darf. Das hat mich doch sehr verwundert.


Das sehen wir beide ja eigentlich nicht so eng.

Richtig. Kiffen gehört für mich zu meinem Alltag, seit ich strikter Anti-Alkoholiker bin. Ich habe es früher etwas mit der Sauferei übertrieben, bis ich schlussendlich mit einer akuten Pankreatitis, einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, ins Krankenhaus eingeliefert worden bin. Bei jedem Fünften ist das tödlich. Es fühlt sich an, als würden deine Organe zerreißen oder schmelzen. So etwas bekommt man entweder bei Gallensteinen oder bei übertriebenem Alkoholgenuss. Gallensteine hatte ich nicht. Schon etwas paradox, dann eine Kneipe aufzumachen und sein Geld damit zu verdienen, Alkohol an die Leute zu verkaufen. Die Leute davon abzubringen, ist natürlich vergebene Liebesmüh, aber ich erzähle jedem gern meine Geschichte.


Ich finde, jeder Mensch hat ein Recht auf Rausch. Das Schizophrene ist doch, dass Alkohol frei verkäuflich ist, wobei übermäßiger Alkoholkonsum dem Körper nachweislich schwere Schäden zufügt.

Genau. Kiffen wird verteufelt, obwohl davon noch niemand nachweislich gestorben, oder körperlich abhängig geworden ist. Eher im Gegenteil, Kiffen schießt einen nicht in andere Parallelwelten. Wenn ich noch saufen würde, könnte ich den Job hier nicht machen. Ich würde dann ab einem bestimmten Promillewert alles verschenken.


Erzähl mir bitte von dem neuen Album, damit wir das hinter uns haben.

Das neue Album ist teilweise sehr persönlich, aber die Songs haben auch teilweise etwas Allgemeingültiges, wie es bei EA80-Songs meistens der Fall ist. Wahrscheinlich können sich deshalb so viele Frustköppe darin wieder finden. Die Texte und die Musik sind bis auf das, bei dem Oddel die Musik geschrieben hat, ausschließlich von Martin. Ich möchte sie nicht deuten, es spricht alles für sich. Ich bin aber sehr überrascht, wie offen er mit manchen Sachen umgegangen ist. Da war ein Einschnitt in seinem Leben, und haste nicht gesehen waren neue Texte da. Dieses ist ein Martin-Album, dafür wird wahrscheinlich das Nächste ein Hals-Maul-Album werden. Ich war oft selbst erstaunt, wie sehr ich mich mit ihren Texten identifizieren konnte. Ich kann verstehen, dass es anderen genauso geht.


Da musste wohl etwas verarbeitet werden.

Das ist ja auch total legitim. Wenn irgendwann so etwas passiert und neue Texte kommen, dann machen wir halt eine neue Platte. Aber keiner kann von uns verlangen, dass wir jedes Jahr eine neue CD mit passender Tour am Start haben. Das Gleiche gilt für T-Shirts. Wir können uns auf kein Design einigen, also machen wir keine. Ich finde es zwar schade, weil wir damit schon mal einen Euro nebenher verdienen könnten. Unsere Konten sind nach dem neuen Album, der Single und den Neuauflagen komplett leer. Wenn wir Glück haben, sind die Kosten dafür am Ende des Jahres wieder reingekommen, aber Gewinne machen wir nicht. Einerseits gut, dass es solche Bands gibt, aber andererseits fand ich das persönlich auch immer etwas schade. Ich hatte noch nie einen regelmäßigen Job, und die Kneipe bringt im Moment auch nicht viel ein.


Ich finde es auch schade, dass ihr keine Band-Shirts habt. Es hat einen Erinnerungswert, sekundär hängt es sicher auch mit Vermarktung zusammen, aber die Leute wollen einfach zeigen, dass sie euch und eure Musik gern mögen ... Wird es eigentlich wieder nur 500 Kopien von der neuen Scheibe geben, die bekloppte EA80-Fans dann für 500 Euro bei eBay ersteigern können?

Wir haben zum Konzert in der Kaiser-Friedrich-Halle in Mönchengladbach die "Gladbach soll brennen"-Single kostenlos am Eingang verteilt. Die lagen nachher auf dem Boden, weil sie keiner haben wollte. Und jetzt sind die Hunderte Euro wert. Das ist schon alles kurios. Es wird eine limitierte Single geben. Auf einer Seite wird ein Song in zwei verschiedenen Versionen drauf sein, deren zwei Rillen so geschnitten sind, dass es Zufall ist, welcher Song gerade abgespielt wird. Statt der B-Seite wird bei einigen wenigen Singles ein Mixtape aufgeklebt, auf das die jeweiligen Mitglieder der Band ihre Lieblingsmusik aufgenommen haben. Es werden sicher einige Leute interessant finden, was wir privat so für Musik hören. Ich schieb mal die neue CD rein.


Welch Ehre ... Der eine Song ist schon ziemlich poppig, aber wieder ganz EA80. Da könnt ihr ja auch nicht aus eurer Haut. Man bekommt, was man erwartet. Die Leute werden "Reise" sicher mögen. Danke, dass du sie mir vorgespielt hast.

Wie gesagt, das Album ist teilweise sehr persönlich. Ich glaube, dass sich viele darin wieder finden werden. Es war auch sehr angenehm, als wir das Album bei bluNoise und zusammen mit Guido Lucas aufgenommen haben. Ein sehr netter, kompetenter Mensch. Es ist auch ein Song ohne Schlagzeug dabei, oder einer mit so genannten Special Effects. Dabei geht es übrigens um Sex im Zug. Zudem wird ein Song dabei sein, den wir vor Jahren mal live gespielt haben und der irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Jetzt haben wir ihn wieder neu aufgenommen und man hört gar nicht, dass er eigentlich schon so alt ist. Also es gibt viele interessante Dinge zu entdecken.


Danke für dieses nette Gespräch. Leider werde ich aus Platzgründen diese drei Stunden im Heft nicht komplett wiedergeben können, aber die Leute können dich ja mittwochs bis samstags ab 20 Uhr hier in deiner Kneipe besuchen - das sollten sie wohl bald machen, bevor du nach Berlin gehst.

Sicher, das sollen sie machen! Wenn ich nicht zu beschäftigt bin, werde ich jedem gerne Auskunft erteilen.

Jenny Kracht

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #73 (August/September 2007)

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