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Interviews & Artikel

EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN

This is not a Blixa-Bargeld-Interview

Das vorne weg: Ich bin kein besonders großer Fan der Neubauten, bin es nie gewesen. Und schon gar kein enttäuschter Fan aus ihren Anfangstagen, dazu habe ich noch zu wenig graue Haare - circa zwei konnten bisher ausgemacht werden. Weitaus weniger jedenfalls als Herr Bargeld hat, den ich zum Interviewtermin im Prenzlauer Berg treffen soll.



Ich habe keine besonderen Erwartungen, mich treibt eher das Interesse, wobei ich die neue Platte allerdings weitaus besser finde als die letzten zwei, drei. Aber ich hätte es wissen müssen: in einem Stadtteil in dem die Plattenhändler durch unerträgliche Arroganz glänzen, fällt auch der Frontmann der Neubauten nicht aus dem Raster. Dass der wie immer schwarz gekleidete Sänger ein Künstler und ein Künstler der Selbstinszenierung ist, sollte klar sein. Und nachdem die Journalistin vor mir heraus komplimentiert wurde - "Man sei nicht hier um über China, sondern um über die neue Platte zu sprechen." -, bin ich an der Reihe.

Ich mache mir etwas Sorgen, denn auch ich habe nicht nur Fragen zur neuen Platte. Ich empfinde es der Ox-Leserschaft als schuldig, ein Gesamtbild der Band inklusive vielleicht interessanter Anekdoten aus der Bandhistorie abzuliefern. Bargeld ist scheinbar anderer Meinung, bestimmt und wie ich finde sehr herablassend, beinahe gelangweilt beantwortet er meine Fragen kurz und knapp. Offensichtlich ist ihm der Promozirkus doch mehr zuwider, als er auf meine direkte Frage zugeben will. Das Ox ist aber kein Heft, das nur nach der Tanze der Plattenfirmen pfeift oder als deren verlängertes Ohr dient, auch wenn es in meiner Enttäuschung mit diesem Text vielleicht die Falschen trifft. Denn mit neubauten.org haben die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem sie völlig unabhängig von Plattenfirmen und nervigen Zwischenhändlern, nur mit Hilfe der Unterstützung von Fans, sogenannten Supportern, ihre Platten produzieren können: "Es ist nicht so, dass Mute oder irgendeine andere Plattenfirma, die wir vorher hatten, großartig Einfluss genommen hätte, auf die Art und Weise, wie wir die Musik zu spielen hätten, aber es gibt immer noch viele feine Mechanismen dazwischen, die uns das Leben relativ schwer machten. Und am schlimmsten davon ist der Zwischenhandel. Die Neubauten kriegten keinen geringen, aber auch keinen großartigen Vorschuss für eine Platte. Trotzdem kann ich von einem Vorschuss, den mir eine Plattenfirma heute zahlt, keine Platte mehr aufnehmen. Das zwingt mich automatisch dazu, mit einer Platte Verlust zu machen, weil ich noch mehr Geld reinstecken muss. Wir sind immer noch weit davon entfernt mit ?Perpetuum Mobile' schwarze Zahlen zu schreiben. In dem wir das jetzt über Subskribenten vorfinanzieren, schaffen wir für uns zumindest die theoretische Möglichkeit, dass es funktionieren könnte. Tatsächlich lehnen wir uns, da wir ja jetzt selbst unsere Plattenfirma sind, sehr weit aus dem Fenster, dieses Risiko ist uns bewusst."

"Alles wieder offen" ist das erste Album seit "Perpetuum Mobile", das wieder regulär erscheint, während die Band in der Zwischenzeit alles andere als untätig war - mit dem Unterschied, dass die anderen Alben exklusiv den Supportern zugänglich waren. "Im Pressetext steht, dass wir 200 Tage im Studio waren für diese Platte. Aber in den 200 Tagen haben wir sechs Alben aufgenommen, das ist nicht so schlecht." Die meisten dieser Alben sind nur für Supporter erhältlich, limitiert und längst ausverkauft. Ebenso exklusiv, wie die fünfzehn Songs, die monatlich ins Netz gestellt werden. "Aber das ist ja alles Material. Und das Tolle an diesem Material ist: Es gehört uns. Wir können das in anderer Form, weniger limitiert noch mal veröffentlichen, oder wir können eine Kompilation davon machen, das steht uns ja alles frei." Die Supporter haben auch die Möglichkeit den Arbeitsprozess der Band mit zu verfolgen: "Da herrscht aber höchstens eine indirekte Einflussnahme. Klar lesen wir, was die Leute in den Foren dazu zu sagen haben und ziehen da auch Anregungen heraus."

Mehr will Blixa nicht über das Supporterprojekt sprechen, das hätte er auf der Promotour zu "Perpetuum Mobile" vor Jahren bereits zu genüge getan, ob ich nicht mal Fragen zu neuen Platte stellen könne. Da fällt zuerst der Titel auf. "Alles wieder offen" ist bewusst ein programmatischer Titel, "weil es die erste Platte ist, die die Neubauten als Plattenfirma selbst veröffentlichen. Und da ist für uns erst mal alles wieder offen." lautet die einsilbige Antwort auf meine Frage danach. Der Pressetext zu "Alles wieder offen" spuckt große Töne: Es wäre die Platte, die sich der Bandhistorie am bewusstesten ist. "Na ja, die Situation, in der sich die Band befindet habe ich ja schon kurz umrissen. Für uns heißt es mit dieser Veröffentlichung ?do or die'. Entweder die Veröffentlichung findet Resonanz und Widerhall und funktioniert in irgendeiner Weise für uns - oder es heißt Neubauten finito."

Auch von "Nagorny Karabach" heißt es, dass es sich auf den Neubauten-Klassiker "Armenia" bezieht. Für Bargeld ist dieser Bezug natürlich nur indirekt da: "Der Witz ist, Nagorny Karabach ist eine armenische Enklave Aserbaidschans. Wenn man eine Umfrage unter Neubauten-Fans machen würde, würde ?Armenia' bestimmt zur Nummer Eins gewählt. Das ist der Bezug." Als ich versuche, den Bogen zu dem aktuellen Song zu schlagen und den Text lobe, weil ich ihn sehr poetisch finde, ernte ich ein sichtlich geschmeicheltes "Vielen Dank", mehr Einblick gewährt mir der Poet aber schon nicht mehr: "Es geht ja nicht um das reale Nagorny Karabach, es geht ja um das Nagorny Karabach of my mind. Ich war ja tatsächlich nie dort."

"Ich finde, im Leben eines jeden intelligenten Menschen muss es eine Periode gegeben haben, in der DaDa eine Faszination oder ein Ausgangspunkt gewesen ist, sonst kann ich die Person nicht ernst nehmen" sagt Bargeld und wirft dabei mit einem ironischen Lächeln einen, wie mir scheint, abfälligen Blick auf mich, um sich zu vergewissern, ob ich überhaupt weiß, wovon er spricht. "Bei mir war das ungefähr mit 15. Um diesen Text - ?Le't do it a Dada' - zu schreiben, musste ich nicht weit ausholen, ich habe nur ein Buch aus dem Regal gezogen und ein paar Fakten gecheckt, um sicher zu gehen, dass ich nichts Falsches erzähle." So die prosaische Antwort auf meine Frage, welche Rolle Avantgardebewegungen, insbesondere DaDa für die Neubauten heute noch spielen. "Wenn, dann handelt es sich ja auch nicht um ?euren' sondern um ?meinen' Bezug zu dem Thema. Ich schreibe die Texte. Ich habe keine Ahnung, wie Alex oder die anderen das sehen" stellt er das Possesivpronomen in meiner Frage richtig.

Die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN sind für viele untrennbar mit dem Mythos des Westberlin der 80er Jahre verbunden. Eine Zeit, die Bargeld zu Unrecht für mystifiziert hält. Ich fragte ihn, wie er heute, wo er gar nicht mehr hier, sondern in Peking lebt, die Stadt Berlin empfindet. "Ich bin gebürtiger Westberliner und ich bin immer noch so oder zum Arbeiten hier, aber ich sehe die Entwicklungen und Veränderungen in Berlin jetzt immer sehr ruckartig. Das hat für mich so einen Zeitraffer-Effekt. Ich habe den Ostteil der Stadt nie so richtig kennen gelernt, außer vielleicht Prenzlauer Berg und ein bisschen Mitte. Und da ich die meiste Zeit nicht da bin, sehe ich, wie sich gerade diese Teile so extrem schnell verändern. Z. B. letztes Mal stand das Schild da gegenüber noch nicht da. Und wenn ich das nächste Mal hier bin, steht das wahrscheinlich nicht sehr gelungene Beispiel moderner Architektur da drüben fertig da."

Als ich mich erkundige, welche weiteren künstlerischen Projekte in Aussicht stehen, schließlich hat er sich mit zahlreichen Filmauftritten und Theaterinszenierungen, Performances wie "7000 Bücherfeuer" oder "temporäre CD-Brennerei", die quasi als Vorläufer für seine Spoken-Word-Performances "Rede/Speech" diente, in zahlreichen Aspekten der bildendenden Kunst etabliert, fällt die Antwort erneut kurz und bündig aus: "Als nächstes mache ich ein Album mit Alva Noto - googlen! Du weißt ja wie es geht", lautet die Antwort, als er den Namen im Anschluss noch buchstabiert, kommt mir das weniger wie eine Hilfestellung, vielmehr sehr herablassend vor.

Ich frage mich, da ich gerne nach misslungenen Interviews in Selbstzweifel verfalle, ob ich vielleicht die falschen Fragen gestellt habe. Ich habe aber alle Fragen, die mir zum neuen Album und deren Produktionsbedingungen in den Sinn kamen, gestellt. Vielleicht, denke ich mir, aufgrund der Lustlosigkeit, mit der Herr Bargeld darauf geantwortet hat, gibt es zu den EIINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN mittlerweile auch nicht mehr mehr zu sagen oder zu fragen. Von Entzauberung hat Bargeld in einem anderen Interview gesprochen. Entzauberung bezüglich der Tatsache, dass die Band ihren Fans mittels Mittschnitten ihrer Studiosessions Einblick in ihre Arbeitsweise gewährt. Eine Form der Entzauberung, die sich andere Bands so nicht leisten könnten. Bei mir hat diese Entzauberung auch gewirkt, aber anders.

Ronnie und Stephan hatten bei meinem KOMMANDO SONNE-NMILCH-Interview, das man aber eher ein angenehmes Gespräch nennen könnte, auf meine Frage, welche Fragen sie denn gerne beantworten würden, gesagt, sie hätten sich eh vorgenommen, nur Fragen zu beantworten, die sie sich selbst stellen würden. Sie hätten aber in all den Jahren bisher immer noch keine professionelle Herangehensweise an Interviews entwickelt. Ich war froh darüber. Während mir das Interview mit Bargeld nicht nur meine eigenen Unprofessionalität vor Augen führte, sondern auch klar machte, dass Bargeld, der zugegebenermaßen an diesem Nachmittag ja eine ganze Reihe von Interviews über sich ergehen lassen durfte, vielleicht eine zu große Professionalität entwickelt hatte. Ein flüssiges Gespräch kam dabei jedoch nicht zustande. Ich möchte mit diesem Artikel in keiner Weise das Werk Blixa Bargelds oder seine Person diskreditieren, nichts liegt mir ferner. Auch liegt mir nicht daran, das neue Album der Neubauten zu verreißen. Im Gegenteil, wie bereits erwähnt, halte ich "Alles wieder offen" für wesentlich besser als seine Vorgänger und ich wünsche ihnen, dass es die verdiente Resonanz erhält. Ich bin an diesem Nachmittag bloß kein Fan geworden, so großartig ich vieles in der Geschichte der Neubauten inklusive des Supporterprojektes auch finde.

Chris Wilpert

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #74 (Oktober/November 2007)

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