Interviews & Artikel : DIE ÄRZTE :: ox-fanzine.de

Das aktuelle Ox

Unsere Aboprämie

Wer das Ox bis zum 01.11.2019 neu abonniert, erhält auf Wunsch das neue REFUSED-Album „War Music“ (Spinefarm) auf CD als Prämie. (Versand ab 18.10. Solange Vorrat reicht.)

 

Abo gegen Tasche!

Wer das Ox neu abonniert, wer ein Abo verschenkt oder als Ox-Abonnent einen neuen Abonnenten wirbt, der bekommt von uns die Ox-Tasche (fair gehandelte Bio-Qualität) geschenkt!

 

California über alles

"California über alles - Dead Kennedys Wie alles begann" ist das erste umfassende Buch über die DEAD KENNEDYS. Es konzentriert sich auf die Gründungs­phase der Band in der Szene von San Francisco bis zum Erscheinen des ersten Albums "Fresh Fruit For Rotting Vegetables". Autor Alex Ogg sprach dafür mit vielen Zeitzeugen.

 

Kochen ohne Knochen

Das Ox-Kochbuch 5 & Kochen Ohne Knochen #23

Kochen ohne Knochen - Das Ox-Kochbuch 5: Über 200 rein pflanzliche Rezepte für Beginner und Könner, für Veganer, Vegetarier und Allesesser, von simpel bis anspruchsvoll. Von Punks, nicht nur für Punks.
Dazu jede Menge Merchandise rund ums Kochbuch: Küchenmesser, Profimesser, Hand- und Geschirrtuch, Küchenschürze, Stofftasche, Sparschäler, Frühstücksbrettchen, Pfannenwender, Buttons, ...

Kochen ohne Knochen #23: Die neue Ausgabe des veganen Magazins ist jetzt im Handel und bei uns erhältlich.

 

Interviews & Artikel

DIE ÄRZTE

Runter mit der Gitarre, Jazzer!

Sie polarisieren immer noch: Während sich die vierköpfige Ox-Redaktion begeistert von dem Vorschlag des Herausgebers und Chefredakteurs zeigte, DIE ÄRZTE nicht nur mal wieder zu interviewen, sondern sie zum "Titelthema" zu machen, meinte ein namentlich der Redaktion bekannter, dem Ox eigentlich freundschaftlich verbundener Mensch dagegen, "eine ,Band‘ wie DIE ÄRZTE [hätte] nichts im Ox verloren. Punkt." Und fügte noch hinzu: "Ich hoffe nicht, dass ihr die noch aufs Cover packt", nichts von der längst getroffenen Entscheidung der Redaktion wissend. Aber nicht nur in diesem Punkt irrte dieser Mensch: Warum er den Begriff Band im direkten Zusammenhang mit DIE ÄRZTE in Anführungszeichen setzte, will mir schon alleine aus dem Grund nicht einleuchten, dass es sich bei den sich bekanntlich aus dem singenden Schlagzeuger Bela B., dem singenden Gitarristen Farin Urlaub und dem singenden Bassisten Rod González zusammensetzenden DIE ÄRZTE um ein musizierendes Trio handelt, was per Definition durchaus eine Band darstellt. Viel gravierender aber sein Irrtum, DIE ÄRZTE hätten im Ox nichts verloren. Das Gegenteil ist der Fall: Während die Band in manch anderen Publikationen deplatziert erscheint, nur als popkulturelles Phänomen wahrgenommen wird, passt sie perfekt ins Ox, da man sich in Sachen Musik, Attitüde und Herangehensweise sehr ähnlich zu sein scheint. Außerdem: wo sollte die beste Band der Welt auch besser hinpassen als in das beste Fanzine der Welt? Eben. Und bevor ich mich jetzt noch in einem weiteren Schachtelsatz verliere, leite ich direkt zu dem Gespräch über, das Joachim mit Farin Urlaub anlässlich der Veröffentlichung des fantastischen neuen Albums "Jazz ist anders" führte, zu dem ich im Vorfeld ein paar Stichworte beisteuerte und das ich dann abtippen durfte.


Wie sprecht ihr das Wort "Jazz" aus? So wie im Englischen, also richtig, oder so, wie es Musiklehrer und Kulturdezernenten tun, mit einem deutschen A?


Wir sagen ganz normal Jazz. Ich bin so sozialisiert worden, dass ich schon sehr früh Englisch gelernt habe - und danach auch noch ein paar andere Sprachen - und von daher ist es für mich ganz normal, "Jäzz" zu sagen, so wie auch Beijing statt Peking.

Da spricht der Globetrotter aus dir. Und der Klugscheißer.


Ich bin halt so ein Snob. Und ja, ich habe die Tendenz zum Klugscheißen. Aber manchmal ist es eben so, dass ich Dinge einfach weiß. Als souveräner Mensch kann man das dann natürlich für sich behalten, aber ich muss alle an meinem kleinen Wissensschatz teilhaben lassen. Worüber mein näheres Umfeld immer extrem erfreut ist. Allerdings war ich mal mit einem Professor für Arabistik oder so was Ähnliches unterwegs und da legst du aber erst mal die Ohren an. Der erläutert dir anhand diverser Dinge, dass du eigentlich gar nichts weißt.

Wird man da demütig, wenn man auf solche Menschen trifft? Wenn man denkt, man wäre schon ziemlich smart, dann aber mit jemand wirklich Klugem konfrontiert wird?

Ich habe schon so viele solcher Leute getroffen, da wird man schon ziemlich demütig. Aber ernsthaft: Man geht ja so durchs Leben, legt sich grob sein Weltbild fest und dann trifft man jemanden, der einem sagt: Nein, das ist ganz anders. Der Diesel-Partikelfilter ist da mein Lieblingsbeispiel, also der Katalysator für Diesel. Da denken du und ich doch, das wäre eine Supersache. Dem ist aber nicht so. Eine gute Freundin von mir, die Chemikerin ist und auf diesem Gebiet forscht, hat mir erklärt, dass die Dinger lebensgefährlich und umweltschädlich sind, da durch diesen Katalysator zwar die groben Teile ausgefiltert werden, die winzigen aber durchfallen. Und diese kannst du nicht mehr aushusten, weil sie so fein sind. Ohne den Katalysator haften die winzigen an den größeren Teile, so dass du die wenigstens wieder abhusten kannst. Natürlich traut sich jetzt keiner, das an die Öffentlichkeit zu bringen, da den Leuten erzählt wurde, sie sollen sich so einen Filter kaufen. Neulich bin ich am Ku'damm bei BMW vorbeigefahren und da glaubt man, die verkaufen Luftverbesserungsmaschinen. Eine unfassbare Werbestrategie: "Tun Sie der Umwelt einen Gefallen, fahren Sie BMW". Nein, tun Sie der Umwelt einen Gefallen und fahren Sie Bahn! Wobei ich natürlich auch Auto fahre. Aber wir schweifen gerade ganz schön ab, oder?

Wir kommen wieder aufs Thema, denn unsereins hält sich ja für engagiert und problembewusst, kümmert sich und kauft Bio und ...


Und jetzt stellen wir fest, dass die Schweine der Supermarktketten ihre Lieferantenkette so viel besser organisiert haben, dass die ganzen sympathischen Bio-Bauern aus der Gegend eine viel schlechtere CO2-Bilanz haben, da sie die Supermärkte einzeln ansteuern müssen und so deren Äpfel mehr CO2-Ausstoß verursachen, als die, die aus Neuseeland kommen. Und da falle ich echt vom Glauben ab. Es kann doch nicht sein, dass alle Sachen, von denen ich dachte, sie wären richtig, doch falsch sind. Weil man halt oft nicht weit genug denkt. Die Welt ist unheimlich komplex geworden ...

Zudem legen Leute wie du bestimmt ein paar Kilometer mehr im Jahr zurück als der normale Mensch, nicht nur mit der Band, sondern auch zum persönlichen Amüsement.


Ja klar, ich bin sowieso die größte Umweltsau ... Wir unterstützen zwar wegen unserer Tour dieses Aufforsten von Panama - also nicht ganz Panama -, aber ich müsste wohl den gesamten zentralafrikanischen Regenwald in seinen Grenzen von vor zweihundert Jahren neu pflanzen, um meine ganze Fliegerei auszubügeln.

Die ganzen Rohstoffe für die CD- und Vinyl-Produktion nicht zu vergessen.

Genau, und so sehr ich mich über Leute ärgere, die sich umsonst Musik aus dem Internet laden, ist das eigentlich die umweltfreundlichste Art.

Wobei das auch nicht zu unterschätzen ist. Irgendwo stand neulich, dass man mit dem Strom, den eine Anfrage bei Google verbraucht, eine Glühbirne einen Tag lang brennen lassen könnte.

Und wenn Google einen schwarzen statt eines weißen Hintergrunds hätte, würde das drei Kernkraftwerke auf der Welt einsparen. Jetzt könnten wir uns die ganze Zeit solche Details erzählen, so dass man als Leser denkt: "Was sind denn das für Hippies? Geht's da auch mal um Musik?"

Okay, Musik. "Jazz ist anders". Wo seid ihr, wenn Jazz woanders ist?


Wir haben uns ja geschickt auf dem großen Spielfeld der Musikstile positioniert. Wir stehen quasi überall, wo Jazz nicht ist, wir sind nicht die Manndeckung von Jazz. Und das finde ich cool.

Aber was ist an Jazz so scheiße?

Das sagen wir ja gar nicht. Er ist nur anders und unterscheidet sich von uns. Das ist eine wertfreie Feststellung, die Wertung bringst du ja rein. Wir sagen ja nicht: "Wir sind besser als Jazz", wir geben nur zu, dass das, was wir machen, eben kein Jazz ist.

Hörst du selber Jazz?

Ja, aber keinen Freejazz. Das "freeste" was ich habe, sind ein paar Improvisationen von Charlie Parker. Aber die höre ich auch nicht jede Woche.

Also so was wie John Zorn nicht, von dem einige sagen, der wäre ja schon wieder Punk.

Nee, das mag ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass Bela von dem wieder alles hat, aber der hat sowieso alles von allen. Aber ich habe eh so einen Tunnelblick, was meine Musiksammlung angeht: Ich habe nur Musik, die ich wirklich höre. Das ist zwar auch viel, aber ich bin keiner, der sagt: "Ja die kenne ich, von denen habe ich das erste und das dritte Album". Ich habe das, was ich mag, und was ich nicht mag - ich bekomme ja auch viel geschenkt -, das verschenke ich weiter. Wenn ich mit Bela über Musik rede, empfiehlt er mir meistens 98 Bands, von denen mir dann zwanzig gefallen, und ich empfehle ihm zwei. Die aktuelle PLACEBO höre ich sehr gerne, da geht Bela aber der Gesang auf die Nerven und was ich an ... AND YOU WILL NOW US BY THE TRAIL OF DEAD gut finde, kann er auch nicht verstehen. Trotzdem spiele ich gerne in einer Band mit Bela, haha.

Eigentlich sollte die Frage, woraus du nach all den Jahren noch die Motivation ziehst, Interviews zu geben, dieses Gespräch eröffnen.

Ganz ehrlich? Aus schlechten Beispielen. Es gibt Leute, deren Musik ich zwar mag, die mir aber ein Stückchen unsympathisch werden, wenn sie wegen "kein Bock mehr" keine Interviews mehr geben. Als Fan denke ich mir doch, wenn der so eine geile Platte gemacht hat, dann hat er doch bestimmt irgendwas dazu zu sagen. Und wenn er das nicht hat, dann wertet das eine Platte in meinen Augen ein wenig ab. Um selbst nicht so doof rüberzukommen, mache ich noch Interviews. Dass ich wiederum in Interviews unsympathisch rüberkomme, ist dann halt mein Denkfehler, haha.

Es ist ja leider oft so, dass Bands, die ein starkes mediales Interesse hervorrufen, in Interviews zu Politikern mutieren, also nur Phrasen absondern und zu keiner persönlichen Aussage mehr fähig sind. Bei euch ist das zum Glück nicht der Fall.

Wenn man zu sehr frei von der Leber weg quatscht, besteht natürlich die Gefahr, dass man beispielsweise Sachen sagt, die aus dem Gespräch heraus total humorvoll klingen, sich aber später blöd lesen, weil der Interviewer einen einfach nicht verstanden hat. Ist erst kürzlich wieder passiert. Wenn du mich jetzt fragst: "Farin, wie groß bist du" und ich "Drei Meter, haha" antworte und du dann "Farin Urlaub ist drei Meter groß" schreibst und man so was häufiger erlebt, ständig falsch zitiert wird, dann kann ich schon irgendwie verstehen, wenn man nur noch druckreife Antworten gibt. "Ich rede jetzt ganz langsam, um mich nicht zu verhaspeln und sage total langweiligen Sülz", so was finde ich schade.

Dass ihr eben nicht so euer Programm runterspult, sieht man ja an euren Auftritten. Wo andere Bands ihren Rockshow-Stiefel durchziehen, weiß man bei euch nie, was man bekommt und man hat das Gefühl, da oben auf der Bühne stehen drei Kumpels, die Spaß haben.

Sollte es auch nur einmal nicht so sein, steige ich aus der Band aus. Ernsthaft! Wir haben aber schon einen groben Plan, diese Liste mit Liedern, die wir auch so halbwegs spielen, wenn nichts dazwischenkommt. Aber es kommt halt so oft was dazwischen. Es ist ja auch viel schöner, sich ablenken zu lassen. "Dieses Stück können wir ja auch morgen noch mal spielen, lass' uns lieber über Kacke reden, was fällt uns denn zum Thema Kacke ein?" Ich liebe das. In welcher Band kannst du so was schon machen?

Wenn die Leute die Songs hören wollen, wie sie auf Platte sind, sollen sie die Platte hören.

Genau. Wenn ich eine Band sehe, die live gut und sehr original klingt, dann finde ich das zwar beeindruckend, aber nach acht Stücken ist das zwar nicht unbedingt langweilig, aber es fehlt die Überraschung, eine weitere Dimension. Es ist wie die Platte, nur lauter und mit mehr Leuten um dich drum, von denen einige schlechter riechen. Wenn du zu einem DIE ÄRZTE-Konzert gehst, kann es zwar sein, dass wir an einem schlechten Tag unerträglich albern sind, an einem guten aber, ja, perfekt. Ich blicke übrigens gerade hier in unserem Büro auf ein altes Foto von uns, auf dem wir als chilenische Straßenmusiker verkleidet sind und denke dabei, wir sind schon irgendwie cool, auf eine sehr uncoole Art. Und daneben hängt völlig ironiefrei ein Poster von Johnny Depp in seinem Piratenoutfit. Beides hat was Schwachsinniges, ist aber auch cool, haha.

Die Frage ist also, wie man mit so einem Scheiß immer durchkommt, warum die Leute das alles mitmachen?

Damit, dass du gesagt hast, da stünden drei Kumpels auf der Bühne, hast du verraten, dass du dich selber quasi dazugehörig fühlst. Wir machen ja keine Insider-Musikerwitze, über die nur die fünf Jazzer im Publikum lachen können; wenn wir so richtig albern werden, ist das auch eine Einladung an alle, mal Fünfe gerade sein zu lassen. Ich glaube, du kommst zu uns zum Konzert und weißt, du hast drei Stunden gute bis absurd gute Laune. Und trotzdem geht's auch um große Themen und große Gefühle.

Es ist aber schon ein Anachronismus, dass eine Band wie DIE ÄRZTE, die alles anders, alles "falsch" macht, riesige Stadien füllen kann, in Zeiten, wo Bands gecastet werden, oder zumindest eine Art Formel brauchen, um zu funktionieren und darüber auch verkauft werden.

Wenn ich wüsste, wieso das so ist, könnte ich ja wie THE KLF ein Buch darüber schreiben. Wir versuchen, uns darüber nicht zu viele Gedanken zu machen. Wenn da so eine "Magie" da sein sollte, dann will man ja auch, dass die so bleibt. Wenn die DIE ÄRZTE-Formel lauten sollte: "Mach alles anders", dann wäre das ja eben auch wieder eine Formel. Wir entscheiden aus dem Bauch heraus, manchmal sind das goldrichtige Entscheidungen und mal total falsche, die auch nach vier Jahren noch falsch sind, mit denen man aber auch leben kann. Die Welt ist aber groß genug für viele verschiedene Spielarten von Musik, auch für "Formel-Bands". Ich nehme Leuten ab, dass sie nur einen Stil mögen, aber wir haben uns nie festgelegt, finden ja auch nicht nur Punkrock gut. Zwischen unserem ersten und dritten Album ist soviel passiert und zwischen dem dritten und dem was weiß ich wievielten jetzt ist noch mehr passiert, warum sollte man das nicht raushören?

Gibt es also überhaupt kein Konzept, egal wie das aussehen mag, eine Art Klammer, die bis zu einem gewissen Punkt hilft, das durchzuziehen?


Nein. Wir sind selbst überrascht, was letzten Endes auf einem Album drauf ist. Drei-, viermal im Laufe der Jahre habe ich den Versuch gemacht, vorher zu sagen: "Lass' uns ein Album machen, das in die und die Richtung geht." Worauf Bela gesagt hat: "So funktionieren wir nicht", womit er Recht hat. Das einzige Mal, wo das ging, war, als aus Versehen ein Konzeptalbum entstanden ist. Nichts könnte schlimmer sein, als so einen Erwartungskatalog abzuarbeiten. Hier die Ballade, da die Country-Nummer und dort das Anti-Nazi-Stück. Furchtbar, so möchte ich nicht musizieren müssen.

Die Menge der sich reimenden Textzeilen in euren Stücken ist schon beeindruckend. Liegt dieser Hang zu "Reim dich oder ich fress' dich" in der Kindheit begründet oder woher kommt das?

Das ist schon cool, oder? Ich weiß gar nicht, wer mich da mehr sozialisiert hat, Wilhelm Busch, wo ich als kleiner Junge dachte, Bilderbücher wären alle genau so, oder die COMEDIAN HARMONISTS, die eine Fortsetzung davon mit anderen Mitteln waren und die geschickte Reime hatten. "Klaus" auf "Haus" zu reimen ist für mich kein geschickter Reim, aber - um ein bisschen Eigenlob stinken zu lassen - "Es gibt ja noch uns oder Phillip Boa, wir sind noch älter und noch besser als je zuvor" ist ein Reim, von dem ich selber sage: der ist gut. Bela hat auf jedem Album mindestens vier Stück, wo ich denke: "Die Sau. Da ist er mir zuvorkommen."

Bei richtigen Literaten sind solche Reime aber total verpönt.

Stimmt, deswegen will ich mich von solchen auch unterscheiden. Tatsächlich sitze ich an einem normalen Reim ein paar Sekunden, an so einem abgedrehten aber richtig lange. Man will ja trotzdem noch einen Text vermitteln und strickt den Text nicht um einen tollen Reim herum, sondern will so was in die Geschichte einbauen, die man vermitteln will.

DIE ÄRZTE haben ja ein ganz großes Problem ...

Zu viel Geld?

Nein, man kann euch nicht mehr schlecht finden.

Das glaube ich nicht.

Komm, dass euch alle dieses Wohlwollen entgegenbringen, das muss doch langweilen.

Mittlerweile ist es zwar so, dass der größte Teil der Musikzeitschriften uns mag, abgesehen von einem bestimmten Schreiber, der uns aus persönlichen Gründen immer verreißt, auf dessen Verrisse ich mich aber immer freue, und ein paar Stadtanzeigern, aber wir haben ungefähr zehn Jahre gegen hämische Kritiken angespielt, die nicht nur von Zeitschriften und dem Radio kamen. Man gewöhnt sich daran und bekommt ein dickes Fell. Und das ist auch jetzt nicht weg. Wenn die Leute uns jetzt gut finden oder an uns nichts mehr auszusetzen haben, dann wiegt mich das aber nicht in Sicherheit. Wir haben damals dazu gestanden, was mir gemacht haben, und wir stehen heute zu dem, was mir machen. Das ist für mich das Einzige, was zählt. Die große Belohnung für das Ganze ist ja nicht, dass das Bankkonto nach einer Tour aus den Nähten platzt, wie man annehmen könnte, wenn man sich zum Beispiel Mick Jagger ansieht, sondern, dass da Leute vor der Bühne stehen, die mit geschlossenen Augen deine Texte mitsingen. Als ob es ihre Gedanken wären, die sie aber nicht so gut formulieren konnten. In solch einem Augenblick wird dir wirklich warm ums Herz. Und hinterher kriegst du auch noch Geld dafür, haha. Wenn das nicht das perfekte Leben ist, dann weiß ich auch nicht.

Du hast ja kürzlich den Bildband "Indien & Bhutan - Unterwegs 1" veröffentlicht. Wo setzt sich das, was du mit der Band machst, in deiner Fotografie fort? Gibt es da eine Verbindung?


Wenn überhaupt, gibt es eine Verbindung nur in den Bildunterschriften. Ich will jetzt nicht erklären, was ich da beabsichtigt habe, das wäre wie ein erklärter Witz. Entweder liest du das raus, und wenn nicht, dann habe ich versagt. Das ist die einzige Parallele. Zwischen Optik und Akustik sehe ich keine Verbindung.

Also gibt es nicht die eine künstlerische Handschrift, die sich durch das gesamte Schaffen zieht?


Ach, es wäre schön, wenn ich so was hätte. Vielleicht ist es aber der Drang, kreativ zu sein. Es ist ja schon mehr als ein Beruf, ich muss das machen. Ich will das nicht zu einer Daseinsberechtigung verklären, aber mir fehlt was, wenn ich nicht irgendwas schaffe. Das muss nicht von hohem Wert, das kann auch Krickeln sein.

Bist du semiambitionierter Fotograf oder guter Knipser? Wo setzt du deine Maßstäbe an?


Da gibt's tatsächlich eine Parallele zur Musik. Wenn ich ein Lied mache, möchte ich, dass es mir gefällt. Ein Lied, das technisch einwandfrei ist, mich aber nicht anspricht, würde ich nie rausbringen. Und so ist es auch beim Fotografieren: Ein Foto darf schlecht sein, solange mich das Motiv interessiert. Noch besser ist es natürlich, wenn das Motiv mich packt und das Foto auch noch einigermaßen gut ist. Aber ich habe keinen künstlerischen Anspruch, weil ich doch eher versuche, dokumentarisch zu fotografieren. Künstlerisch bedeutet, etwas in Szene zu setzen, etwas hinzuzufügen oder zu rauben und nicht einfach abzubilden. Von daher bin ich schon eher in der ästhetischen Dokumentation zu Hause. Macht das Sinn?

Du bist also der nicht der Mittelformat-Frickler, der eine halbe Stunde rumfummelt.

Die Zeit hast du unter Menschen nicht. Viele Menschen auf einem Marktplatz: Motiv sehen und abdrücken.

Du warst ja in Gebieten unterwegs, die touristisch nicht so erschlossen sind. Ich selbst war vor zig Jahren mal in Turkmenistan und da konnte man gar nicht so fotografieren, wie man wollte. Entweder wurdest du beobachtet, wodurch das Fotografieren gefährlich wurde, oder die Leute wollten, kulturell bedingt, gar nicht fotografiert werden. Hast du da ähnliche Erfahrungen gemacht?

In Indien hast du genau das gegenteilige Problem. Da musste ich oft sagen: "Sorry, Speicher voll", weil ich sonst die ganze Familie und noch die Nachbarsfamilie hätte ablichten müssen. In Bhutan dagegen durfte ich nicht in Tempeln fotografieren. Da habe ich diese unglaublichen Bilder quasi mit den Augen getrunken und mitgenommen. Aber das ärgert mich nicht, das ist halt so, das respektiere ich. Ich habe die Leute auch immer vorher gefragt, wenn ich Porträts gemacht habe.

Kriegsfotografen sagen dagegen, erst abdrücken und dann dem Bombenopfer helfen.

Das könnte ich nicht. Wenn du dich entschieden hast, Krisengebietsreporter zu werden, musst du ja sowieso eine komische Psyche haben, weil es wohl kaum gefährlichere Berufe auf der Welt gibt. Die müssen sich ja irgendwas im Kopf zurechtlegen, um damit umgehen zu können. Und wenn ich so einen Job annehmen würde, dann wollte ich die Welt über dieses Grauen informieren und müsste es natürlich fotografieren, ohne erste Hilfe zu leisten. Denn wenn da jemand mit Verband steht, dann ist es kein dramatisches Bild, dann sagt der Rezipient vielleicht nicht, das ist schlimm, da muss man was machen. Das wäre aber auch nicht meine erste Berufswahl, wenn es mit der Band mal vorbei ist.

FALLS die Band jemals vorbei sein wird, meinst du.


Irgendwann ist da ja auch die biologische Haltbarkeit erreicht. Spätestens wenn wir sterben also ...

Aber man kann ja auch mit fünfundsechzig immer noch gut spielen.

Aber es jetzt schon so, dass ich mich manchmal frage, ob wir noch relevant sind. Als Beispiel: Ich war ein Jahr verreist und in der Zeit ist ein ganz neues Internet-Forum groß geworden. Zwar gab es das auch schon vorher, aber jetzt hat wirklich jeder eine MySpace-Seite. Und dazu möchte ich in meiner Musik natürlich nicht Stellung nehmen. Aber wenn es jetzt immer weiter Themen gibt, wo ein großer Teil unseres potenziellen Publikums sich damit auseinandersetzt und wir darüber nicht singen wollen, weil es uns nicht interessiert, dann ist das schon ein Relevanz-Problem. Ich möchte kein purer Anachronismus sein, also zu nichts etwas zu sagen zu haben.

Vielleicht braucht ihr ja irgendwann, äh, Assistenz-Ärzte auf der Bühne ...

Uh, noch ein so ein Ding und ... tut ... tut ...tut ... dann war das Interview umsonst. Einen hast du frei, der zweite ist ein Kündigungsgrund.

Schuldigung ... Ihr seid auf der nächsten Tour in den richtig großen Hallen unterwegs.

Das ist so absurd. Als unser Veranstalter Kiki meinte, wir würden die Westfalenhalle zweimal vollkriegen, da waren wir noch skeptisch, aber jetzt sind wir schon mit dem dritten Tag im Verkauf. Da denkst du schon, irgendwas ist hier ganz komisch. Genießen und nicht drüber nachdenken. Es ist einfach so, es ist schön und morgen kann es schon vorbei sein.


Joachim Hiller, André Bohnensack

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #75 (Dezember 2007/Januar 2008)

Verwandte Links

Interviews

 

Reviews

Suche

Ox präsentiert

DETROIT COBRAS

Vorstellen muß man die nicht groß: Als THE DETROIT COBRAS vor mittlerweile mehr als zwanzig Jahren ihr Debütalbum „Mink, Rat Or Rabbit“ erschien, fand sich die Formation um Frontfrau Rachel Nagy, Gitarristin Mary Ramirez und die (zumeist) männlich ... mehr