FUCKING WRATH

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Das Ende ist nah

In der letzten Ox-Ausgabe wurde ich mit meiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Mit einer Zeit, als Musik für mich in erster Linie hart und schnell sein musste, als Thrash Metal und Crustpunk meine Anlage verstopften. Schuld an dieser kleinen Zeitreise war das Debütalbum einer Band aus der Bay Area, THE FUCKING WRATH: Bei der Herkunft und dem Namen darf man natürlich ein amtliches Thrash-Brett erwarten. Aber wer hätte gedacht, dass das in Verbindung mit Crust und Stoner Metal noch viel amtlicher wird? Irgendwie hat es die Band mit "Season Of Evil" - so der Name des Erstlings - geschafft, meine musikalische Sozialisation auf knapp 27 Minuten zu komprimieren.


Craig Kasamis, Sänger und Gitarrist von TFW erklärt den Entstehungsprozess von Band und Platte: "Ich bin ein menschlicher Zwiespalt. Mit Heavy Metal bin ich aufgewachsen, aber hingezogen fühlte ich mich mehr zu den Grundsätzen des Hardcore-Punk. Durch Hardcore habe ich gelernt, dass man sich nicht einfach in irgendeine Form pressen lassen soll. Letztendlich kommt es darauf an, was man selbst mag, und davon gibt es eben eine Menge aus jenen Jugendjahren. Mit TFW versuche ich, all das zu verarbeiten, was mich damals der Musik näher gebracht hat. Ich denke dann zum Beispiel daran, wie sich das anfühlte, als wir mit zwölf zu Hause einen Headbanging-Contest abgehalten haben. Solche Gefühle versuche ich dann in einen Song umzuwandeln."

Der Spaß steht im Vordergrund bei TFW. Die Band entstand, weil drei Freunde sich gerne nach der Arbeit im Plattenladen noch zu einem Feierabend-Joint trafen und dabei jammten. Aber von Anfang an war auch klar, dass, so Kasamis, "wir mit TFW auf Tour gehen und Platten aufnehmen wollten. Wir drei spielen schon seit langer Zeit in Bands, Drummer John Crerar ist früher der Sänger von THE MISSING 23RD gewesen, Craig und ‚Bass Master‘ Nick Minasian spielen beide bei OX VS. THUNDERBIRD, und sie wollten, dass das hier der reinste Spaß wird. Wir haben unsere Ziele schon früh abgesteckt und jetzt schauen wir mal, wie weit wir mit TFW kommen."

Diese relaxte Sichtweise wird einem wohl in die Wiege gelegt, wenn man aus Montalvo, Kalifornien stammt: "Es gibt nicht gerade viel zu tun hier. Aber wir haben ein paar coole Leute, die sich in der Szene engagieren und einige großartige Bands wie GLASS AND ASHES, ANCESTORS und EL BARBARO. Und wir haben mit der Hardcore-Szene seit Anfang der 80er eine lange Tradition in der Geschichte von Punk und Hardcore. Allerdings mangelt es uns sehr an geeigneten Auftrittsmöglichkeiten, so dass wir häufig außerhalb spielen müssen. Ansonsten gibt es in Montalvo den Strand, eine Menge Schweine und zu viele verängstigte weiße Bürger. Aber das Wetter ist über das ganze Jahr schön und es gibt eine Menge zu rauchen. Der kalifornische Traum eben."

Der endet allerdings dann, wenn man Craig auf den Albumtitel anspricht. Für Craig hat das Zeitalter des Bösen schon längst begonnen: "Ich kann es kaum abwarten. Ich hoffe, dass ich das Ende unserer Zivilisation noch miterleben darf, aber ich befürchte, dass ich dann schon zu alt bin, um beim Zusammenbruch zu helfen."

Ganz so dramatisch darf man es mit der Ära des Bösen dann aber doch nicht nehmen. Poltern gehört zum Geschäft und ein paar Metal-Klischees müssen sein: Das "Season Of Evil"-Sprachsample am Anfang der Platte etwa stammt aus dem Film "Ghostbusters 2", den sich die Band während der Albumaufnahmen am 06.06.06 anschaute.

Ebenfalls mit Klischees spielt das von AKIMBOS-Schlagzeuger Nat Damm entworfene Covermotiv von "Season Of Evil". Scheinbar hegen TFW ein reges Interesse an antiker, germanischer und christlicher Mythologie. "Das Thema interessiert uns wirklich sehr. Und auch wenn es in Verbindung mit Metal etwas kitschig wirkt und von vielen vielleicht als ein Witz wahrgenommen wird, so steckt doch auch eine Bedeutung dahinter. Die meisten unserer Texte sind metaphorisch und haben häufig einen politischen oder sozialen Bezug." Am meisten regt sich Craig über seine Landsleute auf: "Wir sind alle viel zu fett und zu faul geworden, um uns zu erheben. Was auf der Welt passiert, hat doch überhaupt keine Auswirkungen mehr auf uns, macht sich vielleicht gerade mal in einem erhöhten Benzinpreis bemerkbar." Zu gerne würde Craig den Verantwortlichen mal persönlich die Meinung geigen und ihnen das liefern, was man in seiner Heimat "Street Justice" nennt: "Und was diesen ‚Gott‘ angeht, also, wenn der wirklich was mit Bushs Plänen zu tun haben sollte und eines Tages wirklich vom Himmel herabfährt in all seiner Scheiß-Herrlichkeit, dann bin ich der Erste, der ihm was auf die Fresse gibt."

Tja, bei der Musik darf man kein Feingefühl erwarten. Dennoch sind TFW nach Eigenaussage Craigs ein sehr talentierter Haufen. Und haben trotz aller Brutalität doch auch einen heilenden Effekt: "Ich bemerke immer wieder ältere Typen auf unseren Shows, die versuchen, nur so ein bisschen mitzurocken. Aber irgendwann hüpfen sie dann doch wie ein Flipperball durch den Club. Du siehst also: bei uns werden alte Säcke wieder fit gemacht." So viel zur wiederentdeckten Jugend.