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Interviews & Artikel

FLOGGING MOLLY

Zurück in die Heimat

FLOGGING MOLLY sind seit geraumer Zeit schon ein Phänomen: Die Konzerte der 1997 im Molly Malones-Pub in Los Angeles gegründeten Band um Sänger und Songwriter Dave King sind feucht-fröhliche Gute-Laune-Veranstaltungen, bei denen irische Trinkfreude und Punkrock-Ungestümheit Hand in Hand gehen, überlegte Texte aber nicht zu kurz kommen. Im Gegensatz zu manch anderem Vertreter dieses Genres, dessen irische Wurzeln zwei, drei oder mehrere Generationen zurückliegen, ist das im Falle von Dave anders: Er wurde 1961 in Dublin geboren, spielte mit dem Ex-MOTÖRHEAD-Mann Fast Eddie Clarke bei FASTWAY, wanderte Ende der 80er in die USA aus, fand erst dort nach Jahren wieder zu seinen kulturellen Wurzeln und gründete daraufhin die wohl derzeit erfolgreichste Folkpunk-Formation. Mit "Float" veröffentlicht die siebenköpfige Band Anfang März ihr viertes Album, auf dem die Band erneut auf den Spuren von DUBLINERS und POGUES wandelt. Ich unterhielt mich mit Dave King via Mobiltelefon, als der während des Weihnachtseinkaufs in einer Dubliner Shopping Mall gerade eine kleine Pause einlegte.

Dave, lebst du wieder in Irland oder bist du nur zu Besuch da?


Nein, ich wohne jetzt wieder hier. Und im Moment kaufe ich die letzten Geschenke.

Was hat dich auf die "Grüne Insel" zurückgezogen?

Ich habe 18 Jahre in den USA gelebt, und ich hatte einfach das Gefühl, es sei an der Zeit, nach Hause zurückzukehren. Keine Ahnung, was die Zukunft so bringt, aber aktuell halte ich es für die richtige Entscheidung. Auf jeden Fall war es die richtige Entscheidung für das neue Album, denn das haben wir hier in Irland aufgenommen, die restliche Band kam dafür hier rüber. Es war eine viel direktere Herangehensweise, und es ist ein viel positiveres Album geworden, finde ich. Ich habe die Platte in den letzten Tagen die ganze Zeit im Auto gehört, nachdem wir sie gemastert haben, und ich bin sehr zufrieden damit.

Inwiefern spielt es eine Rolle, ob du ein Exil-Ire in Los Angeles bist, der ein Album macht, oder ein Ex-Exil-Ire in Dublin? Beeinflusst der Aufenthaltsort die Musik?

Zuerst einmal spielt es eine Rolle, dass ich nicht mit Präsident Bushs Ansichten zum Irak und dem Krieg dort übereinstimme. Da ich nicht die US-Staatsbürgerschaft habe, kann ich in den USA nicht wählen - und da blieb mir nur die Abstimmung mit den Füßen. Das Dumme ist nur, dass ich immer noch Steuern zahle in den USA und damit den Krieg finanzieren helfe. Ich hielt es aber für wichtig, nach Irland heimzukehren - in ein Land, das so friedlich ist wie seit langem nicht mehr, das ein ganz anderes Land ist als das, das ich vor vielen Jahren verlassen hatte. Versteh mich nicht falsch, ich bin gerne in den USA, ich liebe die Menschen dort, Bridget und ich sind oft da. Aber ich stimme eben nicht mit der Bush-Regierung überein, und da ist es für mich ein Statement, auch mal eine Weile hier in Irland zu leben.

In den letzten Jahren hat sich die Republik Irland vom Armenhaus Europas zu einer Boom-Region entwickelt.

Ja, der Unterschied zwischen 1989, als ich in die USA ging, und heute ist unglaublich. Das ist sehr schön, und es herrscht in Irland eine sehr positive Atmosphäre. Das Wichtigste ist der Frieden, der heute herrscht, und dazu kommt der wirtschaftliche Boom, der viele Menschen aus anderen Ländern nach Irland gebracht hat. Es ist ein gutes Gefühl, heute in Dublin durch die Straßen zu laufen und Menschen von überall her zu sehen. Allerdings ist Irland heute auch eines der teuersten Länder Europas.

Und wo lebst du?

Nicht in Dublin, sondern draußen auf dem Land. Es ist einfach schön, wenn du nach acht Monaten Tour in so eine wundervolle Umgebung zurückkehren kannst, wo um dich herum nur Wiesen, Schafe und Kühe sind.

Früher war Irland aber ein armes Land, in dem die katholische Kirche mit überkommenen Moralvorstellungen das Leben der Menschen diktierte und der Konflikt mit den Protestanten im Norden das politische Klima bestimmte.

Ja, aber es hat sich viel geändert, so ist Irland eines der wenigen Länder, die in Folge zwei Präsidentinnen hatten. Es ist heute ein viel liberaleres Land, und es ist wohl der Tatsache geschuldet, dass wir so eine streng religiöse Vergangenheit haben, dass wir in den letzten Jahren so ein "Erweckungserlebnis" hatten. Ja, ich glaube wirklich, dass Irland heute ein sehr liberales Land ist. Als ich damals aufwuchs, hatte ich das Gefühl, die Kirche schwebt wie eine dunkle Wolke über mir, haha. Und so ganz ist das Gefühl bis heute nicht verschwunden, dieses unbestimmte Schuldgefühl. Verglichen mit damals, als viele Leute arm waren, ist es auch ein gutes Gefühl, jetzt in einem Shoppingcenter sitzen zu können und all die Menschen mit ihren gefüllten Einkaufstaschen zu sehen.

Wie schätzt du die Perspektiven im Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland ein?

Ich habe kürzlich ein Foto gesehen, auf dem der irische Premierminister Bertie Ahern und der nordirische Protestantenführer Ian Paisley zusammen ein Foto anschauen, auf dem sie beide lachen - und beide lachen darüber. Das zeigt mir, dass wir schon sehr weit gekommen sind, dass wir schon viel von dem überwunden haben, was uns trennt, gerade auch die Religion betreffend. Und dass wir hoffentlich gelernt haben, wie sinnlos es ist, sich darüber zu streiten. Ich hoffe, dass Irland jetzt ein großer Schmelztiegel von Menschen aus aller Welt wird. Und ja, ich glaube fest daran, dass der Friedensvertrag in Nordirland Bestand haben wird.

Wie bist du aufgewachsen - mit Hass auf die Briten und Protestanten?

Als ich noch jung war, war die IRA allgegenwärtig, und unsere Lebensbedingungen waren eine Brutstätte für IRA-Sympathisanten. Ich selbst hatte aber schon früh das Gefühl, es müsse eine andere Lösung geben als Gewalt. Ich verspürte nie wirklich Hass auf die Engländer, man machte eher seine Witze darüber, indem man die Briten für wirklich alles verantwortlich machte - und meine besten Freunde waren Engländer.

Und das Verhältnis zwischen Musikern und Musikfans aus beiden Lagern, wie war das?

Religion spielte in diesen Kreisen überhaupt keine Rolle! Ich spielte mit Leuten aus Nordirland in Bands und wusste nicht mal, ob sie Katholiken oder Protestanten waren, und es war mir auch egal. Das ist das Großartige an Musik, sie brachte Leute aus allen Lagern zusammen, und deshalb war und ist Musik so wichtig in Irland, denn sie reißt alle Grenzen zwischen den Menschen nieder. Mit FLOGGING MOLLY haben wir auch mal in Belfast gespielt, und es war eines unserer besten Konzerte. Und im Juni werden wir wieder dort spielen.

Wie kamst du nach vielen Jahren klassischer Rockmusik zu irischer Foklore?

Ich kann da nur für mich selbst sprechen und nicht für Bands wie die DROPKICK MURPHYS. Als ich damals Bridget Regan traf und wir anfingen, zusammen Musik zu machen, dämmerte es mir so ganz allmählich, dass man vielleicht traditionelle Musik mit meiner Musik, der Rockmusik, verbinden könnte. Und da ich weit weg von Zuhause war, war das für mich eine Möglichkeit, eine Verbindung nach Hause herzustellen. Damals hatte ich Probleme mit meiner Aufenthaltserlaubnis und konnte die USA deshalb nicht verlassen. Und so benutzte ich irische Musik, irische Instrumente dazu, auf diesem Wege nach Hause zurückzukehren. Das Ergebnis war und ist die Mischung irischer Musik mit harten und aggressiven Elementen, Musik, die dir sofort ins Gesicht springt.

Nun bist du aber tatsächlich Ire, während viele andere US-Bands, die irisch anmutenden Folkpunk spielen, höchstens irische Vorfahren haben.

Meine Vermutung dazu, weshalb Menschen, die eine oder mehrere Generation von ihren kulturellen Wurzeln entfernt sind, diese später wieder aufgreifen, ist die, dass diese Herkunft romantisch verklärt wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, und ich habe ja am eigenen Leib erfahren, wie sich das Verhältnis zu dem Land positiv verändert, wenn man viele Jahre nicht mehr dort lebt - und das schlägt sich auch in den Texten nieder, die jetzt, da ich wieder in Irland lebe, viel direkter sind. Die sind heute nicht mehr so verträumt wie früher, glaube ich, und das trifft auch auf die Musik zu. Und ja, es spielt eine Rolle, wo du bist, wenn du ein Album schreibst, das Album reflektiert deine Umgebung, und genau das ist bei unserem neuen Album geschehen.

Aber warum ist es so, dass gerade die irische Folkmusik sich so gut mit Punkrock kombinieren lässt? Deutsche Volksmusik, traditionelle italienische Musik, alte französische Musik beispielsweise werden meines Wissens überhaupt nicht mit Punkrock kombiniert.

Ganz einfach: Irische Musik war früher die Musik, mit der wir sagen konnten, was wir wollten, als sonst keiner hören wollte, was wir zu sagen hatten. Wir hatten nur unsere Musik. Das, was du als "traditionelle Musik" bezeichnest, und Punkrock sind für mich ein und dasselbe. Da gibt es keinerlei Unterschied! Und das hat auch viel mit Unterdrückung zu tun. Denn der Inhalt der Texte drehte sich fast immer um dieses Thema, wobei trotz des düsteren Hintergrundes immer etwas Hoffnung durchschimmerte. Und so waren die DUBLINERS für mich immer auch Punkrock - genau wie Johnny Cash! Es sind die Worte, die Art, wie du sie sagst und singst, es ist die Einstellung, die dahintersteht - darauf kommt es, das macht für mich Punkrock aus.

Wer kauft FLOGGING MOLLY-Platten? In den USA verkaufen die sich im Bereich von mehreren hunderttausend Stück, sind das alles Iren zweiter und dritter Generation, sind das alles Punkrocker?

Wenn ich mir unser Publikum anschaue, dann sehe ich da Menschen zwischen zehn und siebzig, Menschen mit einem eigenen Geschmack. FLOGGING MOLLY ist keine Band, die einen bestimmten "Markt" anspricht, wir machen einfach nur unsere Musik, die Musik, die wir lieben, und wir haben das Glück, dass diese Musik auch viele andere Leute anzieht. Verkaufszahlen sind das eine, aber das andere ist, dass ich einfach schöne Musik machen will, Musik, die mir gefällt, die besten Lieder, die ich schreiben kann.

Wie weit war der Weg, den du gehen musstest, um von Heavy Metal und Hardrock letztlich zu dem Folkpunk von FLOGGING MOLLY zu gelangen?

Es war ein weiter Weg, aber als mich die Idee dann traf, so wie einen ein Ziegelstein am Kopf trifft, war es ganz einfach. Ich hatte ja nicht nach einer neuen Idee gesucht, die Idee kam mir ganz unvermittelt, als ich damals Bridget auf der Fiedel spielen hörte. Ab da fiel es mir ganz leicht, neue Lieder zu schreiben, ich hatte ja eine klare Richtung. Davor spielte ich Rockmusik, aber wir lernen alle dazu, und so kam ich eben zu irischer Musik. Nichts passiert ohne Grund, und so stehe ich jetzt hier, mache ganz bewusst die Musik, die ich mache und machen will. Und das ist auch wieder Punkrock, ha.

Euer neues Album "Float" entstand erstmals in Irland - was ist anders?

Hör dir einen Song wie "Float" an, "Punch drunk grinning soul" oder "The story so far", die sind ganz anders als das, was wir bislang gemacht haben. Die sind musikalisch vielfältiger, als wir es bisher waren.

War das eine bewusste Entscheidung?

Nein, das hat sich so entwickelt. Die Dinge kommen, wie sie kommen, und man kann nicht immer wieder die gleiche Platte machen. Ich fühle mich einfach gut mit dem neuen Album, aber ich bin natürlich auch sehr nahe dran. Und es klingt ganz anders als alles, was wir vorher gemacht haben, das ist großartig. Ich muss einfach immer wieder was Neues machen, damit es für mich interessant bleibt.

Aber im Kern ist doch jeder Song ein FLOGGING MOLLY-Original - und was macht ein solches aus?

Wichtig ist, dass alle unsere Songs von allen gemeinsam eingespielt werden, es sind also alle Musiker gleichzeitig im Studio, und das macht die Energie von FLOGGING MOLLY aus. Und daran wird sich auch nie was ändern, davon lebt die Band. Wir haben das Album im Sommer hier in Irland in einem Studio auf dem Land eingespielt, und - von Bridget mal abgesehen, wir beide leben ja hier - war keiner aus der Band zuvor jemals so richtig in Irland. Wir hatten alle viel Spaß, lebten im Studio, standen zusammen auf und fingen gleich an zu spielen, aßen zusammen - und natürlich haben wir auch einiges an Bier getrunken, da war ein richtiger kleiner Pub im Studio. Wir haben sieben 50-Liter-Fässer Guinness geleert in der Zeit ... Wir haben bis vier Uhr morgens gefeiert und sind dann um zwölf Uhr mittags aufgestanden.

Das klingt nach einer Menge Spaß! Dave, besten Dank für das Interview.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #76 (Februar/März 2008)

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