Interviews & Artikel : SIR HANNES SCHMIDT :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

SIR HANNES SCHMIDT

Über THE IDIOTS, PHANTOMS OF FUTURE, HONIGDIEB

Normalerweise schreibe ich für eine Intervieweinleitung immer eine Zusammenfassung der Aktivitäten des Interviewten, doch wenn der das gleich selbst erledigt, zitiere ich auch einfach mal: "Mein Name ist Sir Hannes, ich lebe mit meinen drei Möpsen in Dortmund und bin auch dort geboren. 1978 gründete ich mit THE IDIOTS eine der ersten Punkbands hier im Lande, mit der ich auch Mitbegründer des Deutschpunk wurde. Parallel zu den IDIOTS gründete ich mit dem Dörfel von der Punkband RIMSHOUT 1986 die Crossover-Indierock-Band PHANTOMS OF FUTURE und seit Anfang 2002 bin ich der HONIGDIEB. Außerdem betreibe ich seit Februar 1987 den Punk-Indie-Metal-Laden Idiots Records in Dortmund in der Rheinischen Straße 14."


Hannes, wie definierst du heute für dich "Punk", wie Punk bist du geblieben?

Punk ist für mich ein Lebensgefühl, ein Herzschrittmacher, der für Individualität, Kreativität und Selbstverwirklichung schlägt. Ein Gegenpol zu jeder Art von Schubladendenken, Engstirnigkeit, Korruption, Unterdrückung, Respektlosigkeit. Genauso gehört für mich dazu, anders zu sein und Andersartiges zu respektieren, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und über sich selber lachen zu können. Nicht käuflich zu sein und keine Werbeverträge mit Alkoholfirmen abzuschließen, wie es zum Beispiel eine Möchtegern-Punkband mit Kirmeshosen seit Jahren macht und damit ihre teilweise neun- bis vierzehnjährigen Fans zum Alkoholkonsum animiert und dabei völlig ihre Verantwortung vergisst. Diese plumpe Doppelmoral wie vor jedem Fußball-Länderspiel, wo es heißt "Keine Macht den Drogen" und das Spiel wird gesponsort von Krombacher ... Da wird den Kids schon von klein auf eingeimpft, dass Alkohol zum Fußball gehört. Dass so etwas in unserem Staat möglich ist, finde ich arg verlogen, wenn nicht gar kriminell. Und wenn ausgerechnet die Bands Werbung für Alkohol machen, die selber schon arge Probleme damit hatten, dann ist das genauso unglaublich. Ich hatte in meiner musikalischen Laufbahn auch Angebote von Brauereien und Zigarettenfirmen, habe sie aber sofort ablehnt. Nun klar, ich habe in meinem Leben auch wirklich sehr exzessiv gelebt, mir wurde öfter der Magen ausgepumpt und ich wurde wiederbelebt, etliche frühere Punk- und Skin-Freunde sind schon im Nirvana, aber man muss ja nicht unbedingt anderen vermitteln, dass es ohne Alkohol und Drogen nicht geht. Außerdem boykottiere ich den Einheitsbrei und die Volksverblödung, durch Radiosender und Fernsehlandschaften, lese lieber ein gutes Buch und bin mein eigener DJ. Mir ist es wichtig, mir selber treu bleiben und im Jetzt zu leben. Sei wie du bist! - das ist mein Motto beim HONIGDIEB, mit welchem ich der Gesellschaft den Esel vorsetze.

Du hast also eine sehr klare Vorstellung von Punk.

Punk habe ich seit 1976 auf meine Art gelebt und lebe es immer noch hundertprozentig authentisch. Ich betreibe meinen eigenen Laden, mache genau die Musik, die aus meinem Herzen kommt, und halte der verlogenen Gesellschaft nach wie vor den Spiegel ins Gesicht. Natürlich singe ich heute nicht mehr wie bei den IDIOTS: "Gezüchtet sind die Schweine im Bayrischen Wald / Mit Macht und Ordnung übertragen sie die Gewalt" und schmeiße dabei Schweinsköpfe ins Publikum. Beim HONIGDIEB geht es genauso um die egoistische, materialistische, korrupte Gesellschaft wie bei den IDIOTS, nur es ist anders verpackt. Ich sehe mich heute mehr als eine Art Eulenspiegel oder Robin Hood in der Computerzeit, Texte und Musik sind absolut anarchisch, was für mich auch eine Art Modern Punk ist: alles ist möglich! Alles ist erlaubt! Mit dem HONIGDIEB mache ich auch bewusst Schlagerparodien und halte die Leute zum Narren. Ich singe: "Wer ficken will, muss freundlich sein" oder "Wann machen wir mal wieder Telefonsex" und wie auf unserer Chinatour klatschen dann dazu 3.000 Leute wie bei Dieter Thomas Heck in der Hitparade ... Oder die Lieder laufen vom Band bei einer Feier in einem Bierzelt, der Mob singt mit und die merken gar nicht, dass sie zum Narren gehalten werden. Das ist für mich Punkrock pur auf höchstem Niveau.

Wie ging das damals los mit Punk und den IDIOTS?

Punk hat 1976 mein Herz und meine Seele erobert, als ich im englischen Radio Iggy Pop und später die VIBRATORS, THE STRANGLERS, SEX PISTOLS, THE DAMNED, SHAM 69, THE CLASH und viele andere Punkrock-Bands hörte. Es war wie eine Explosion für meinen Körper, meine Sinne und meinen Verstand. Punk war für mich genau die Ausdrucksform, mit der ich meine Wut rauslassen und gegen Diskriminierungen, unsinnige Atomenergie, Korruptionen der Politik und Medien, Unterdrückungen wie auch Respektlosigkeiten jeglicher Art rebellieren konnte. Irgendwo hat das alles aber schon früher im Kindergarten angefangen: Damals wurden mir schon Boxhandschuhe angezogen, da ich mich oft für schwächere und gehänselte Kinder einsetzte und sie verteidigte. Dieser Gerechtigkeitsdrang sorgte auch in der Grundschule dafür, dass ich auf jedem Zeugnis eine Aufforderung zu besserem Verhalten gegenüber meinen Mitschülern unter den Noten fand. Dabei wurde ich in den Pausen nur dabei erwischt, wenn ich wieder Mal irgendwelchen Unterdrückern eine Lektion verabreichte.

Und wie machte sich Punk bei dir äußerlich bemerkbar?

Ich habe mir von meiner Mutter einen rosaroten Hosenanzug angezogen, eine Sicherheitsnadel durch meine Backe und durch mein Ohr gezogen, meine Schuhe mit silberner Ofenfarbe angestrichen, und meine T-Shirts zerrissen und bemalt ... Mit dreizehn schickten mich meine Eltern zum Psychiater, da sie mein Auftreten für absonderlich hielten und nicht aus den Medien kannten. Kurze Zeit später war ein Zusammenleben nicht mehr möglich und ich lebte den Punk frei aus. In der Schule wurde ich wegen meines Aussehens oft aus dem Unterricht geworfen. Die Leute auf der Straße schauten mich an, als wenn ich ein Außerirdischer oder ein Monster wäre - als ich dann trotzdem Mamis half, ihren Kinderwagen in die Straßenbahn zu tragen, waren sie noch verblüffter. Mit meinem Aufzug war es möglich, die Leute wie eine Vogelscheuche zu erschrecken und gleichzeitig Aufmerksamkeit zu erhaschen. Durch meine unerwarteten Vorbildaktionen schaffte ich es, die Leute zum Nachdenken anzuregen. Mir ging es darum, Vorurteile abzubauen und Schwächen der Gesellschaft anzusprechen. Oft kam ich dann mit Leuten ins Gespräch und konnte ihnen andere Sichtweisen und Werte vermitteln. Am Anfang kam ich mir aber schon sehr wie ein ausgestoßener Exot vor. Mich trafen viele verhasste Blicke. Durch mein wahnsinniges, selbstbewusstes, nicht einzuordnendes Auftreten mieden es aber die meisten, mich verbal zu provozieren oder handgreiflich zu attackieren. Wenn es trotzdem zu Auseinandersetzungen kam, wusste ich mich körperlich zu wehren, da ich einige Judo- und Ringertricks auf Lager hatte. Auf meiner Schule und in meiner Nachbarschaft versprühte ich den Punkzauber schnell auf andere, so dass wir später fünf Punks in unserem Vorort waren, und in der Rockdisco Keller in der Dortmunder Stadtmitte trafen wir dann noch auf ein paar wenige andere dieser seltenen und bunten Exemplare.

Wie war die Szene seinerzeit in Dortmund, welche Rolle hatten die IDIOTS, wer waren eure Zeitgenossen?

Die Szene in Dortmund wurde schnell recht groß, da wir schon seit Mitte der Siebziger den Keller als Treffpunkt hatten, wo dann ab 1976 regelmäßig Punk aufgelegt wurde. Ende '76, Anfang '77 ging ich auf die ersten Punkrock-Konzerte. Außerdem trafen wir uns sonntags Ende der Siebziger im Dortmunder Norden in einer Spelunke namens Haus Lessing, wo im vorderem Thekenbereich Pornos liefen und abgewrackte Nutten irgendwelchen Freiern für fünf D-Mark einen runterholten, Bilder mit Einschüssen hingen und der Kellner mit einem Glasauge und keinen Zähnen uns bediente - in einem Hinterzimmer tanzten wir Pogo. Neben den IDIOTS waren wohl die CLOX mit am bekanntesten, unter anderem vom Schallmauer-Sampler oder vom 1981 erschienenen "Hartcore"-Sampler, der eine Art Vorreiter für den Begriff "Deutschpunk" war und auf denen auch andere Ruhrgebietskapellen wie UPRIGHT CITIZENS, BLUTTAT, FLUCHTVERSUCH und wir vertreten waren. Dann gab es noch THE NEED, RIMSHOUT und DIE MÄNNER, die alle später auf Idiots Records erschienen sind, oder VOLXEMPFÄNGER, die später zu EKLATANT wurden, MODERN HEROS, ST42 und einige mehr.

Welche Möglichkeiten zu proben und aufzutreten gab es für lokale Punkbands zu dieser Zeit?

Im Dortmunder Norden gab es einen großen Proberaumkomplex, in dem wir mit RIMSHOUT zusammen einen eigenen Trakt angemietet hatten und uns einen Kickerraum sowie einen eigenen Kiosk einrichteten. Dort waren oft über hundert Punks und Skins und wir feierten die wildesten Partys. Dann hatten wir noch eine eigene Fußballmannschaft gegründet: "Dynamo Doppelkorn", die aus Oi!-Skins, Punks und suspendierten Polizisten bestand. Obwohl wir nie unter zwei Promille auf Turnieren aufliefen, waren wir immer sehr erfolgreich. Fünf Jahre lang lebte ich teilweise auf der Straße oder in WGs mit anderen Punks, hauptsächlich in Dortmund, aber auch in Hamburg, Berlin oder Köln. Außerdem veranstaltete ich im Sommer die legendären Punk-Partys am Kanal in der Nähe des Dortmunder Hafens, zu denen auch immer die befreundeten Bochumer Punks und andere Ruhrgebiets-Punkrocker und -Skins kamen. Der Zusammenhalt war immer tierisch groß. Einer für alle - alle für einen. Da wurde jede Zigarette, jedes Brot oder Hamburger aus der Mülltonne geteilt. Für Punk, für unsere Freiheit und Lebenseinstellungen waren auch viele bereit zu sterben, so tief hatte sich diese Ideologie in uns eingebrannt. Das bekamen auch sämtliche Gegner wie Rocker, Popper oder politische Hohlköpfe schnell zu spüren, die bei Auseinandersetzungen so gut wie immer den Kürzen zogen. An den Wochenenden waren oft legendäre Partys bei uns, bei denen meistens die angereisten Punks uns Skins aus anderen Städten der Wildheit der Dortmunder nicht standhalten konnten und bei Gelagen wie Pappfiguren umfielen. Nicht alle Partygäste kamen wieder nach Dortmund, denn einigen von ihnen wurde zum Beispiel künstliches Mäusefell mit Sekundenkleber als Bart angeklebt oder ein Iro verkehrt herum geschnitten sowie die Stirn mit Edding verziert: manch einem haben wir "ficken" oder "Pipi" auf die Stirn oder Glatze gepinselt. Das passierte eigentlich nur den Mode-Punks, die aus Düsseldorf oder Köln anreisten und am Anfang unserer Partys den Mund zu voll nahmen ...

Und wo liefen die Konzerte in Dortmund?

In Dortmund gab es neben dem Keller später noch das Tatort in der Fußgängerzone, wo wir auch mit den IDIOTS spielten. Auch die TOTEN HOSEN machten dort einen ihrer ersten Gehversuche. Außerdem gab es noch das Old Daddy und Anfang der Achtziger das Che, was lange Zeit als unser Treffpunkt galt. Dort spielten wir 1980 auch mit den IDIOTS einen unserer ersten offiziellen Auftritte. Später spielten dort auch SLIME und MIDDLE CLASS FANTASIES oder UPRIGHT CITIZENS ihre "Tournee zum Untergang". Mit den IDIOTS spielten wir Touren mit unseren befreundeten Bands: CHAOS UK, CONCRETE SOX, MDC, INSTIGATORS, UK SUBS und viele anderen. Dann gab es viele Festivals, wo wir oft mit befreundeten Bands wie NORMAHL, DTJ, UPRIGHT CITIZENS, HASS und den alten RAZZIA mit Rajas als Sänger auftraten. 1985 veranstalteten Dörfel von den RIMSHOUT und ich sogar ein Punk-Festival für die Aktion Sorgenkind, von welchem Auszüge im ZDF zu sehen waren, was hatten wir einen Spaß: Punks für Aktion Sorgenkind! Dabei waren AUSBRUCH, DAILY TERROR, RIMSHOUT und THE IDIOTS. Der Dörfel und ich veranstalteten regelmäßig Punkrock-Konzerte in Dortmund und Umgebung, machten selber ein Fanzine, Tapesampler und waren sehr aktiv. Aufgrund der Vielschichtigkeit meiner Aktivitäten - eigene Band, Konzertveranstalter, Punk-Treffen-Organisator, Fanzine- sowie Tapesampler-Gestalter, Punk-Mailorderbetreiber, Plattenladenbesitzer, Labelmacher von Idiots Records - denke ich, war ich einer der stärksten Motoren des Punkrock in Dortmund und im Ruhrgebiet.

Wie weit bist den Weg mit den IDIOTS gegangen, wann und warum kam der Bruch und das Bedürfnis was Neues/Anderes zu machen?

1984 fing es bei mir an, dass ich musikalisch andere Ausdrucksformen suchte, und mit Dörfel von RIMSHOUT und ein paar anderen Jungs öfter improvisierte Sessions machte. Erst nannten wir unsere Band "Hoeschcombo", daraus ist dann 1985/86 PHANTOMS OF FUTURE entstanden. Bis 1989 machte ich beide Bands, also IDIOTS und Phantoms, dann aber entschied ich mich für die Phantoms, weil mir die IDIOTS zu metallisch wurden. Mitte der Achtziger, als unser Hardcore-Metal-Einschlag noch in einer guten Mischung zu unserer Punk- und Oi!-Musik war, gefiel es mir sehr gut, da unsere Musik noch schneller, aggressiver und abwechslungsreicher wurde.

Du meintest eben, die IDIOTS wurden dir zu "metallisch", wo gab es denn überhaupt konkrete Berührungspunkte zwischen Metal und Punk?

Am Anfang, also 1985, haben wir und ein paar andere Bands wie INFERNO mit unseren Lyrics und der aggressiven Musik die Metal-Szene stark beeinflusst, die dann auch später nicht nur über irgendwelche Drachen sangen, sondern auch anfingen, nachdenkliche und sozialkritische Texte zu schreiben. Musikalische Einflüsse bekamen wir wiederum aus der Metal-Szene. Ich veranstaltete dann auch beispielsweise. "Thrash against Apartheid" in der Bochumer Zeche, wo dann die IDIOTS und die EMILS und zwei Metal-Bands, DARKNESS und VIOLENT FORCE, zusammen vor ausverkauften Haus spielten. Die Grenzen verwischten immer mehr und die Szenen wuchsen zusammen. MEGADETH und MOTÖRHEAD coverten die SEX PISTOLS, NAPALM DEATH coverten DEAD KENNEDYS und so weiter. Mille von KREATOR trug ein IDIOTS-T-Shirt auf einer KREATOR-Platte, was auch dazu beitrug, dass wir in der Metal-Szene immer bekannter wurden ... Später gingen mir diese scheiß Metal-Gitarrensoli völlig auf die Nerven und das waren dann am Ende auch nicht mehr die IDIOTS.

Wie du eben schon sagtest, kamen nach den IDIOTS die PHANTOMS OF FUTURE, die in den Neunzigern einen beachtlichen Bekanntheitsgrad besaßen. Wie war zu dieser Zeit denn die Szene im Ruhrgebiet beschaffen und was war das Besondere an den Phantoms?

Zu der Zeit, als ich die Phantoms machte, gab es im Ruhrgebiet viele Bands, die in verschiedenen Musikrichtungen zu Hause waren. Das Ruhrgebiet hatte immer sein eigenes Flair, das die Leute hier immer kreativ bewegt hat. Mit den Phantoms waren wir so was wie die Vorreiter des Crossover, weil wir Punk mit Wave und Rock sehr mystisch miteinander kombinierten. Dabei untermalten wir unsere legendären Shows visuell mit Performance und Lichteinlagen. Ein kleinwüchsiger Freund namens "Adi" oder ein zwei Meter zwanzig großer Riese namens "Heini" und andere wahnsinnige Akteure standen uns dabei Pate. Feuer war bei uns auch viel im Spiel. Ich sprang damals, als böser Clown verkleidet, wie ein Löwe durch einen brennenden Feuerreifen ins Publikum, lange bevor es überhaupt Bands wie RAMMSTEIN gab. Wir waren sehr skurril und originell! Wir spielten über 800 Konzerte in Europa und tourten unter anderem mit den Pistols, Iggy Pop oder den STRANGLERS und waren mehrmals Headliner auf Festivals mit über 15.000 Zuschauern ... Einer der Bekanntesten neben den IDIOTS und Phantoms war sicher Philip Boa mit seiner Indie-Musik, der als Kid auch großer IDIOTS-Fan gewesen war und mich später zu seinem Idol erklärt hat. Dann gab es später die H-BLOCKX oder die GUANO APES, die beide als Vorbands von uns spielten, dann auch sehr bekannt wurden, aber bei denen mir der Spirit und die Ideologie fehlten. Studenten machen Musik, so wie die SPORTFREUNDE STILLER oder zum größten Teil die völlig nichts aussagenden Bands der "Hamburger Schule". Der Schmutz und die Working-Class-Mentalität haben uns und auch viele andere Bands aus dem Ruhrgebiet sicher stark geprägt.

Warum kam dann das Ende der Phantoms, wie ging es für dich weiter?

Ende 2001 machten wir am 25. und 26. Dezember unsere beiden Abschieds-Gigs in der ausverkauften Dortmunder Live Station. Parallel zu den Phantoms hatte ich schon zwei Jahre an dem Konzept sowie an Songs und Texten für den HONIGDIEB gearbeitet. Am 11. Januar 2002 spielten wir dann unseren ersten Auftritt. Ich bin ein Mensch, der immer in Bewegung ist und für meine Kunst und für meine Lebensideologie immer neue Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Bei den Phantoms stimmte für mich in den letzten Jahren des Bestehens nicht mehr die Chemie innerhalb der Band. Dazu kam, dass ich gemerkt habe, dass viele Leute die englischen Texte nicht verstehen, und es für mich eine neue Herausforderung war, wieder in Deutsch zu singen. Dann wollte ich lebensbejahende Musik verkörpern, die den Leuten Spaß und Energie vermittelt, aber gleichzeitig mit einem Augenzwinkern zum Nachdenken anregt. Die Phantoms waren sehr mystisch angelegt mit einem Sex & Drugs & Rock'n'Roll-Touch, das passte nicht mehr zu meinem Lebensgefühl und daher brauchte ich eine neue Plattform für meinen Ausdruck.

Und was genau charakterisiert HONIGDIEB im Vergleich zu deinen vorherigen Bands und wie setzt du das konkret um?

Meine Vorstellung war und ist Musik zu machen, die tanzbar ist und ins Bein geht und den Hörern Kraft für den Alltag gibt. Dann wollte ich musikalisch sowie textlich keine Grenzen mehr akzeptieren und völlig anarchisch zu Werke gehen. Der HONIGDIEB macht: "MoG", Musik ohne Grenzen, das heißt, beim HONIGDIEB ist alles möglich und erlaubt. Da werden schamlos Breakbeat mit Hardrock, mittelalterliche Klänge mit Reggae und Ska oder Punk mit Volksmusik kombiniert. Gleichzeitig wollen wir mit HONIGDIEB die verlorenen Werte wieder vermitteln, da wir uns mit großen Schritten wieder in Richtung Mittelalter bewegen. Als Logo haben wir ja einen Esel, unter dem steht "Sei wie du bist" und der einen ganz frech anschaut ... der macht, was er will! Das kann man natürlich in alle Richtungen deuten. Übrigens kleben mittlerweile über 50.000 davon in Europa auf Ampeln oder Verkehrsschildern. Ich weiß auch nicht, wie die dahin gekommen sind ... Ich hatte auch schnell die Instrumentierung dafür in meinem Kopf: eine Querflöte wollte ich, da sie sehr fröhlich und lebensbejahend klingt. Einen Kontrabass, weil er mehr Tiefe und Gefühl ausdrückt als ein E-Bass. Eine Geige, weil sie auch sehr lebendig ist, und man damit alle möglichen Geräusche wie zum Beispiel Wind, Möwen oder Türgeräusche simulieren kann und dadurch Bilder herbeizaubern, um dann noch mehr in die Musik einzutauchen zu können. Dazu benötigte ich dann noch für den Groove ein Schlagzeug und Gitarre. Beim HONIGDIEB sollte alles per Hand gespielt werden, weil ich kein Freund von steriler Computermusik bin. Ungefähr 30 Musiker lud ich zu den Proben ein, bis sich am Ende die HONIGDIEB-Formation herauskristallisierte. Nichts habe ich dem Zufall überlassen. 200 Bandnamen überlegte ich mir. Lud dann zu mehren Proben aus verschiedenen Strukturen Leute ein, vom Metal und Punk bis zur Lampenverkäuferin, die dann nach dem Hören von fünf bis sechs Songs per Punktesystem ihren Favoriten von den zwanzig besten Namensvorschlägen auswählen mussten. "Honigdieb" gewann mit über hundert Punkten.

All die Jahre hast du parallel auch den Plattenladen Idiots Records betrieben. Wie bist du zu dem gekommen?

Als ich 13 war, wusste ich schon, dass ich mein Leben lang eigene Musik ohne Kompromisse machen will. Dann habe ich mir überlegt, später einen Plattenladen aufmachen zu wollen und dementsprechend mich schulisch und ausbildungstechnisch darauf vorbereitet. Schon 1982 fing ich mit dem Idiots-Mailorder an, habe ich die Punk-Platten aus unserer Wohnung - ich war mit der IDIOTS-Bassistin Anne zusammen - verkauft und einen Mailordervertrieb mit integriertem Fanzine betrieben, verschickte die Scheiben um die ganze Welt. Durch die Fanzine- und Tape-Szene und den Ruf, eine der extremsten und derbsten Punkbands zu sein wurden, wir mit den IDIOTS schnell weltweit bekannt. Wir waren etwa in dem US-Fanzine Maximumrocknroll öfter in den Top Five der Redakteure und wurden dann viel in den amerikanischen Studentenradios gespielt. Es kamen Bestellungen und Auftrittsangebote von überall, aus Brasilien, Südafrika, Japan ... Dann waren wir bestimmt auf weit über zwei- bis dreihundert verschiedenen Tapesamplern vertreten, die um die ganze Welt gingen. Dann gab es noch viele Beiträge auf offiziellen Samplern, wie "Schlachtrufe BRD I" oder "Kampftrinker I", "Das waren noch Zeiten" und einige andere. Weit vor dem Mauerfall spielten wir auch eine Tour in Ungarn und das war gigantisch, die Leute rasteten total aus ... Wir hatten auch Kontakt zu DDR Bands, wie zum Beispiel L'ATTENTAT, und unsere Musik wurde dort und im ganzen Osten auch als Tape illegal vertrieben.

Und wie hat sich die Situation für den Laden verändert angesichts von Elektromärkten, Amazon und Downloads? Wie wird die Zukunft aussehen?

Ich habe mir bewusst immer mehrere Standbeine aufgebaut. Außerdem bin ein Mensch, der am Kern der Zeit lebt und immer wieder neue Ideen hat, um sich über Wasser zu halten. Idiots Records hat den Vorteil, dass hier noch Kultur verkörpert wird und die Kunden aus der ganzen Welt zu mir kommen. Es gibt wirklich Stammkunden zum Beispiel aus Ägypten, Israel, Australien, Brasilien und Amerika, die ganz gezielt einmal im Jahr zum Einkaufen kommen. Es liegt sicher daran, dass fast jede bekannte Metal- oder Punkband schon selber bei Idiots Records war, angefangen von NAPALM DEATH über BIOHAZARD bis zu METALLICA. Diese Art von Mundpropaganda und mein eigener Bekanntheitsgrad hat sicher zu einem gewissen Kultstatus geführt. Die Kombination vom Betreiben des eigenen Ladens sowie das Arbeiten als Musiker, Komponist, Texter, Manager, Konzertveranstalter oder Merchandiser ist sehr arbeitsintensiv, aber verschafft mir Unabhängigkeit und viel Spielraum, auch schwere Zeiten zu meistern. Weit über 10.000 Tonträger habe ich von meinen Bands alleine nur bei Idiots Records verkauft ... das unterstützt sicher auch den Laden und mein freies Schaffen

Welche Werte und Ideen sind für dich seit damals universell geblieben, was hat sich geändert?

Liebe, Ehrlichkeit, Respekt und Unabhängigkeit! Ich wäre damals und würde genauso heute für meine Einstellung und Werte sterben. Mir war und ist es immer noch wichtig, das Original bei meinem Schaffen und nicht eine billige Kopie von etwas anderem zu sein. Ich bin seit vielen Jahren spiritueller geworden und lebe bewusster im Einklang mit dem Universum und der Natur. Es gibt viele Firmen, die ich früher wie heute boykottiere, wie McDonalds, Müller Milch, Lidl, Obi, Cinestar und viele, viele andere - dabei bin ich sehr konsequent. Ich unterstütze lieber Programmkinos und individuelle Einzelunternehmen. Harte Drogen sind für mich seit Ende der Achtziger tabu, sonst wäre ich jetzt schon woanders.

Was bringt die nähere Zukunft?

Wer weiß das schon? Ich hoffe, dass die Menschen wieder etwas bewusster miteinander und mit der Natur leben und nicht weiter alles mit ihrer egoistischen Manie zerstören.

Wolltest du noch was loswerden?

Zum Abschluss wollte ich sagen, dass es mich freut, dass ich schon mit den IDIOTS zeitlose Musik gemacht habe, die immer noch viele Leute bewegt ... Im Film "Punk im Dschungel" haben sie die Szene in Südostasien/Indonesien durchleuchtet und was haben die Punx dort per Siebdruck gedruckt? IDIOTS-T-Shirts! Und letztens war eine Band aus Brasilien in Deutschland auf Tour und die haben mit einer Band aus Witten zusammengespielt. Von der Band aus Witten hat mir der Gitarrist Holger, den ich sehr gut kenne, erzählt, dass sie sich nach dem Konzert unterhalten hatten und die Brasilianer meinten, was, du kennst den Sir Hannes von den IDIOTS? Er hätte ihn fast angebetet und meinte, dass die IDIOTS in Brasilien einer der beliebtesten und einflussreichsten Punk-Hardcore-Bands aus dem Westen waren und immer noch sind ... Nun ich hatte von dort schon immer viel Post bekommen, aber dass wir dort auf einer Augenhöhe mit SEX PISTOLS genannt werden, freut mich doch ein wenig. Ich habe das mal erwähnt, nicht um zu sagen, wie toll ich, wir doch waren, nein - aber viele in Deutschland haben den Status oder den Bekanntheitsgrad der IDIOTS nie so richtig mitbekommen.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #78 (Juni/Juli 2008)

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