WOLF PARADE

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Burn, Montreal, Burn!

Sub Pop wird 20 und WOLF PARADE aus Montreal veröffentlichen ihr zweites reguläres Album - soweit die Fakten. Dass "At Mount Zoomer" zu den besten Indie-Alben des Jahres zählen wird, steht jetzt schon außer Frage. Aber dass WOLF PARADE sogar einen eigenen Musikstil entwickeln würden, damit konnte niemand rechnen. Mit diesem zweiten Album schaffen Dan Boeckner und Spencer Krug, die beiden Songwriter, den großen Sprung aus dem Schatten von ARCADE FIRE und MODEST MOUSE hin zu einer Art Indie-Prog. Dass sie dafür Montreal verlassen mussten, haben sie mit unzähligen Reisen kompensiert. Am Telefon gibt mir Gitarrist Boeckner eine Art Reisebericht.



Ich habe gelesen, dass dir, als du mit deinem Nebenprojekt THE HANDSOME FURS eine Tour durch Amerika spielen wolltest, die Einreise verboten wurde. Was ist da passiert?

Das Ganze war im Grunde ein Problem mit dem Visum und am Ende doch bezeichnend für die Paranoia in den Vereinigten Staaten. Unser Album ist kurz vor der Tour erschienen und wir hatten ein paar Shows in New York und Boston gebucht. Alexei Perry - das zweite Mitglied der HANDSOME FURS und gleichzeitig meine Frau - wollte mit dem Zug dorthin fahren, während ich mit dem Auto unterwegs war. Als ich die Grenze mit dem Künstlervisum, das ich für WOLF PARADE bekommen habe und von dem mir gesagt wurde, dass es auch für HF gelten würde, überquerte, haben sie mich erst passieren lassen und dann - jetzt kommt das Irrwitzige - haben sie mich "gegooglet" und herausgefunden, dass ich gar nicht mit WOLF PARADE, sondern mit HF unterwegs war. Um es kurz zu machen: Seit dem 11. September 2001 werden die Grenzen nicht mehr von einer Art Grenzpolizei kontrolliert, sondern von der "Agency for Homeland Security", von der du bestimmt schon gehört hast. Diese kontrolliert nun alle Arbeitsvisa für die USA und fand heraus, dass Alexei quasi ohne Visum unterwegs war. Sie zogen sie dann also aus dem Zug und sperrten sie erst mal in eine Art Aufbewahrungszelle. Dann erzählten sie ihr, dass sie wahrscheinlich ins Gefängnis muss, da sie illegal nach Amerika einwandern wollte, ohne die nötigen Papiere, um fünf Konzerte zu spielen. Ich holte sie dann aus dem Gefängnis und als "krönenden" Abschluss drohten die Beamten mir damit, gegen mich ein zehnjähriges Einreiseverbot wegen "Menschenschmuggels" zu verhängen. Na ja, was von der ganzen Sache übrig geblieben ist, ist ein Symbol in meinem Pass, wegen dem ich jetzt jedes Mal, wenn ich nach Amerika oder Großbritannien einreisen will, gezielt kontrolliert werde.

Na, herzlichen Glückwunsch. Nach eurem letzten Album "Apologies To The Queen Mary" und nicht zuletzt wegen des Single-Erfolges von "Shine a light" seid ihr viel in der Welt unterwegs gewesen. Was hat sich für dich in der Zeit nach diesem ersten Erfolg verändert?

Nach Abschluss der Aufnahmen haben wir erstmal eine lange Zeit getourt, ich bin umgezogen und habe danach schon wieder mit HANDSOME FURS und WOLF PARADE gleichzeitig getourt. Spencer und ich haben während dieser Zeit immer weiter Songs geschrieben, von denen aber dann doch keiner auf "At Mount Zoomer" zu hören ist. Wir wollten mit einem weißen Blatt ins Studio gehen, und da alles ästhetisch zusammenhängen sollte, fingen wir erst während der Aufnahmen an, unsere Songs gemeinsam zu Ideen zu verknüpfen. Alles sollte zusammenhängen. Viel Gravierendes hat sich also nicht verändert.

Hat es dich zu der Zeit nicht gestört, dass ihr in jedem Interview und jedem Review mit Isaac Brock und MODEST MOUSE in Verbindung gebracht wurdet? Sicherlich war er wichtig für eure Entwicklung, aber dass er quasi omnipräsent war, muss doch ein komisches Gefühl für euch gewesen sein.

Das war wirklich komisch. Es war, wie du schon sagst so, dass sich wirklich jedes Interview auch um ihn und die Musikszene in Montreal drehte. Damals war ARCADE FIRE gerade groß im Kommen und man dachte, dass Montreal quasi das neue Seattle werden würde. Isaac hat zwar das Album mit uns aufgenommen, gemixt haben wir es dann aber selber. Wir sind gute Freunde, aber trotzdem war es seine Musik, mit der unsere eigene immer irgendwie in Konkurrenz stand und wir haben daraus gelernt. Da wir eigentlich keine guten Erfahrungen in dem großen Studio gemacht haben, haben wir dieses Mal wirklich alles selber in die Hand genommen.

Gab es in der letzten Zeit Veränderungen im Bandgefüge und bei den Prioritäten, die ihr euch gesetzt habt?

Ich würde nicht sagen, dass wir Prioritäten in der Band haben. Wir hatten ja noch nicht mal einen Plan, als wir die Band gegründet haben, und standen nach unserem letzen Album schon kurz davor, uns zu trennen, weil wir populärer wurden, als wir es uns jemals erträumt hatten. Der Druck stieg, da wir ja gerne unser Leben durch unsere Musik finanzieren wollten. Wir mussten lernen, dass wir Teile unserer Band für andere Zwecke aufgeben mussten ... Auf jeden Fall hat sich auch unser Songwriting total geändert. Anfangs war es so, dass mal Spencer und mal ich einen Song gemacht haben und wir die Band dann nur noch individuelle Sachen verändern ließen. Die Songs waren quasi fertig, wenn wir sie in den Proberaum mitbrachten. Dieses Mal gibt es quasi einen dritten Songwriter: die restliche Band. Alle Songs auf "At Mount Zoomer" entstanden in einem Raum und die komplette Band war am Songwriting beteiligt.

Wie weit kann man den sehr depressiven Song "Language city" auf euer tägliches Leben beziehen?

Mein Tagesablauf hängt logischerweise davon ab, ob ich auf Tour oder zu Hause bei meiner Frau bin. Ich stehe früh auf, arbeite an Songs, mache eine Mittagspause und probe mit meinen Bands. "Language city" entstand, als ich letztes Jahr in Moskau war. Es war erstaunlich zu sehen, wie stark sich der Kapitalismus als Ersatz für die Sowjet-Ideologie verbreitet hat. Es war wie ein bizarrer Spiegel, durch den man den nordamerikanischen Kapitalismus betrachtet und eine Art Schattenwelt sieht. Der Unterschied ist jedoch, dass der amerikanische Kapitalismus über die Jahre in die sozialen Gefüge hineingewachsen ist, wohingegen dort nach dem Fall des eisernen Vorhangs ein privater Kapitalismus entwickelt wurde, der sich schlussendlich kaum vom überwundenen System unterscheidet. Es gibt enorm viele arme Menschen, die einer kleinen Anzahl sehr reicher gegenüber steht. Durch das Fehlen der Mittelklasse entsteht ein Vakuum, das vor allem die jungen Leute, die ich damals traf, sehr belastet.

Eigentlich sollte das neue Album ja "Kissing The Beehive" heißen. Jetzt trägt es aber den Namen des Studios, in dem ihr es aufgenommen habt.

Anfangs sollte das Album sogar "Fine Young Cannibals" heißen, bis wir eine E-Mail von Roland Lee von den FINE YOUNG CANNIBALS bekamen, der uns höflich darum bat, diesen Namen nicht zu verwenden. Spencer hatte einen Song "Kissing the beehive" genannt und da wir Druck vom Label wegen des Albumtitels bekamen, haben wir einfach diesen Titel gewählt. Zwei Tage später fanden wir dann heraus, dass jemand ein Buch mit diesem Titel geschrieben hat, der sich sehr darüber freute, dass wir von ihm inspiriert worden seien. Keiner von uns hat es je gelesen. Wir wussten nicht einmal, dass es dieses Buch gab. Also schrieben wir wieder an Sub Pop, unser Label, dass wir es uns noch einmal anders überlegt haben.

Wie habt ihr das Album aufgenommen? Es gibt Gerüchte, die besagen, dass ihr einfach drauflos gespielt habt und dann die Teile, die euch gefallen haben, zu Songs zusammengeschnitten habt, um sie dann richtig aufzunehmen.

Das klingt zwar interessant, ist aber nicht wahr. Wir haben zwar improvisiert während der Proben und natürlich haben wir von unseren Ideen auch Rohmixe mitgeschnitten, die wir hinterher bearbeitet haben. "At Mount Zoomer" ist aber unser homogenstes Album geworden, weil auf der einen Seite die komplette Band die Songs geschrieben hat und auf der anderen Seite die Songs in einem sehr kurzen Zeitraum entstanden sind. Für mich war es immer wichtig, dass wir als WOLF PARADE nichts Durchkalkuliertes machen. Es gab nie die Momente, in denen wir zusammensaßen und uns gedacht haben, dass wir als nächstes einen Popsong schreiben müssten oder so was. Wir haben einfach immer drauflos geschrieben, egal, ob sich das dann passend zu dem anhört, was wir vorher schon gemacht haben. Das progressive Element hat sich in den letzten Jahren irgendwie eingeschlichen. Es reflektiert das, was wir selber gerne hören, und schließlich sind wir auch besser in dem geworden, was wir machen. Der vielleicht einzige Anspruch an uns selbst war, uns immer selbst herauszufordern und besser zu werden.

So wie ich die Lyrics auf "At Mount Zoomer" verstehe, sind die Songs sehr beeinflusst durch die Reisen, die ihr unternommen habt.

Das kann man so sagen. Unser letztes Album drehte sich um die Orte, an denen wir großgeworden sind, und den Schock, den man erlebt, wenn man aus einer kleinen Stadt in die Großstadt zieht. Ich bin in den letzten drei Jahren mehr gereist als in meinem ganzen Leben zuvor. Die ganzen neuen Einflüsse und Kulturen haben mein Denken verändert und das spiegelt sich dann logischer Weise auch in meiner Musik wider.

"Kissing the beehive" ist der erste Song von euch, bei dem ihr beide singt. Es hieß immer, dass ihr beim Gesang strikt trennt zwischen den "Spencer-Songs" und den "Dan-Songs".

Lass mich das so beantworten: Das Einzige, was sich für uns bei WOLF PARADE je schlecht entwickelt hat, war, dass sich speziell im Internet zwei Gruppen gebildet haben. Die einen sagten: Ich mag die "Spencer-Songs" und die andere Gruppe konterte dann eben. Sie stritten richtig miteinander. Spencer und ich fanden das sehr komisch.

War es bei den Konzerten so, dass die eine Gruppe solange ruhig war, bis ein "Dan-Song" kam und umgekehrt?

In der Band gab es nie diesen Konkurrenzkampf. Die Geschichte hinter "Kissing the beehive" ist folgende: Wir hatten diesen sehr langen Song aufgenommen und es fehlten nur noch die Lyrics. Aufgrund der Länge des Songs dachten wir uns, dass nur ein Duett in Frage kommen würde. Der Song handelt im Grunde von Musik: Mache etwas, das dir etwas bedeutet, und versuche es unter die Leute zu bringen.