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Interviews & Artikel

1984

We are from France – not a white lie

Eigentlich ist es dieser Tage eher ein Stigma für eine Band, gebetsmühlenartig mit JOY DIVISION oder INTERPOL verglichen zu werden, als eine originelle Referenz, um die Neugier auf die Musik der Band zu wecken. Die drei Franzosen der Formation 1984 aus Straßburg müssen sich allerdings nicht hinter dem üblichen Namedropping verstecken, da ihr Sound durch die typische französische Provenienz viel eigenständiger ist als der der meisten aktuellen britischen Bands, die sich in die Reihe der schon nicht mehr zu erfassenden Epigonen der Band aus Manchester stellen. Die Londoner Band WHITE LIES wird deshalb gerade, quasi im Zuge eines „notwendigen“ Kritiker-Common-Sense, fast überall in der Musikpresse demontiert und unter „simples JOY DIVISION-Plagiat“ verbucht (was dem Hype in Großbritannien allerdings keinen Abbruch tut). 1984 beleben hingegen sehr gekonnt das französische Post-Punk- und Cold-Wave-Umfeld, gemeinsam mit Bands wie JOY DISASTER aus Nancy. Letztes Jahr veröffentlichte die Band ihr Debütalbum „Open Jail“. Sänger und Gitarrist Etienne Nicolini, der sein Domizil nahe des Münsters in Straßburg hat, beantwortete einige Fragen, kurz bevor der Nato-Gipfel in Straßburg die Stadt jäh aus ihrer französischen Gelassenheit riss.

Nicht selten assoziiert euch die Musikpresse mit JOY DIVISION und INTERPOL. Ich vermute, das langweilt und nervt euch, gerade wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die französische Cold-Wave-Tradition mit Bands wie ASYLUM PARTY, NORMA LOY oder CLAIR OBSCUR eher für euch von Einfluss gewesen sein dürften. Wie steht ihr zu JAD WIO, die ja früher als die französischen BAUHAUS gehandelt wurden?

Es langweilt nicht, mit JOY DIVISION verglichen zu werden, es überrascht uns nur sehr, da wir zum Zeitpunkt der Aufnahmen unseres Debütalbums „Open Jail“ die Band überhaupt nicht gekannt haben. INTERPOL und JOY DIVISION haben wir erst im Zuge der ersten Medienkommentare auf unser Album wahrgenommen. Die französischen Bands, die du genannt hast, haben uns zwar nicht wirklich beeinflusst, aber ich höre sie zunehmend gerne. Was JAD WIO anbelangt: Wir haben den Sänger der Band letztes Jahr in Paris kennen gelernt und seither verfolgen wir ihre Musik, die ja bis in die 80er Jahre zurückreicht. Wir hatten nie die Intention, wie Cold-Wave- oder New-Wave-Bands der achtziger Jahre zu klingen. Für mich ist „Open Jail“ eher ein Hybrid aus Licht und dunklen Emotionen, und das in einem musikalisch Spannungsfeld aus Punk, Rockabilly, elektronischen Sounds und sogar Flamenco.

Frankreich erlebt gegenwärtig so etwas wie eine Renaissance von Post-Punk-, Cold Wave und Gothic. Bands wie CHARLES DE GOAL feiern ihr Comeback. Glaubst du, dass dies etwas Nachhaltiges ist?

Witzig, dass du das ansprichst. Der Autor eines Beitrags über uns in der französischen Musikpresse erklärte mir, dass er in den 80er Jahren bei einer Band namens C.O.M.A. spielte, deren Bassist später CHARLES DE GOAL gründete. Gerade in Paris gibt es gegenwärtig sehr viele Wave-Rock-Bands. Die Szene ist dort sehr lebendig. Französische Bands hatten schon immer eine ausgeprägte Affinität zur dunkleren Seite der Musik und stilistische Ausprägungen wie New Wave und Cold Wave erlaubten es ihnen, das auszuleben. Frankreich ist ja nicht gerade bekannt als Hochkultur des Rock’n’Roll und wenn du außerhalb von Frankreich jemanden nach französischen Bands fragst, reduzieren sich die Antworten im Wesentlichen auf JUSTICE, DAFT PUNK, AIR oder PHOENIX, also sehr elektronisch geprägte Musik. Deshalb begrüße ich diese neue Ausrichtung auf Genres wie Wave, Rock oder Ähnliches, wobei allerdings mein Eindruck ist, dass Gothic eher ein reines Undergroundthema ist.

Frankreich steht zweifelsohne für Serge Gainsbourg. Eine Vielzahl von Musikern verneigt sich im Rahmen einer persönlichen Hommage vor ihm. Beispielsweise hat Mick Harvey zwei Alben mit Interpretationen von Songs von Serge Gainsbourg eingespielt. Was bedeutet Gainsbourg für euch? Wäre eine Coverversion einer seiner Songs interessant?

Ganz klar, Gainsbourg ist eine Ikone in Frankreich. Er verkörpert so viele Charaktere, vom Poeten bis zum Rebellen, der es sich schon mal herausnimmt, die französische Nationalhymne in einen Reggae-Song zu transformieren, bis hin zum Sexgott und „drunken ghost“. Seine helle Seite nennen die Franzosen „Gainsbourg“, seine dunkle Seite „Gainsbar“. Gainsbourg erschuf eine eigene musikalische Sprache und französische Identität. Die Melodieführung war dabei ebenso wichtig wie die Texte und seine Musik, die immer Bestand haben und niemals altmodisch sein wird. Die Coverversion eines Gainsbourg-Songs planen wir allerdings nicht. Kennst du eigentlich Alain Bashung? Er ist leider im März gestorben. Seine Songs sind etwas dichter als die von Gainsbourg. Er ist ein wahrer Magier im Umgang mit Worten und Texten gewesen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie großartig seine Songs und seine Stimme sind.

Euer Bandname legt natürlich die Vermutung nahe, dass George Orwell und ähnliche Autoren von erheblicher Bedeutung für euch sind. Welche literarischen Einflüsse sind signifikant für euch?

Unser Name ist natürliche eine Referenz an den Roman von George Orwell. Ebenso wichtig ist aber auch, dass 1984 für unsere Generation steht. Ich bin 1984 geboren und es ist interessant, die Welt zu vergleichen, in der wir leben, mit der, wie sie sich George Orwell vorgestellt hat, als er seinen bekannten Roman geschrieben hat. Was für uns aber noch interessanter gewesen ist, ist die Beobachtung der emotionellen Konditionierung der Protagonisten aus diesem Roman im Vergleich zu den Menschen unserer modernen Zivilisation. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die individuelle Freiheit als eines der obersten gesellschaftlichen Ideale gehandelt wird, dennoch fühlen sich die Menschen zunehmend allein und einsam. Und obwohl diese Gesellschaften dem Einzelnen vermeintlich viel an Möglichkeiten bieten, finden die Menschen nichts und verharren in einer Art Apathie. Sie werden durch Zukunftsängste bestimmt und riskieren nichts mehr. Wir gehören vermutlich zu einer ersten Generation, die nicht auf ihre Flaggen „The world is ours“ geschrieben hat. Viele junge Menschen fühlen sich in dieser Welt verloren oder fürchten, an ihr zu zerbrechen. Unsere Texte handeln von Einsamkeit und von Ängsten, allerdings ohne einem Defätismus die Hand zu reichen. Aber nicht nur George Orwell beeinflusst uns, auch die Arbeiten von Hermann Hesse, Günter Grass und Friedrich Nietzsche.

Ihr seid letztes Jahr mit BLOOD RED SHOES auf Tour gewesen. Das war offensichtlich ein großer Erfolg. Wie war eure Erfahrung mit BLOOD RED SHOES und dem deutschen Publikum?

2008 war ein großartiges Jahr für uns. BLOOD RED SHOES haben uns bei ihrem Konzert in Innsbruck entdeckt, als der Clubmanager, unser Labelboss, nach ihrem Auftritt als DJ fungierte und unseren Song „Cache-cache“ spielte. Laura-Mary und Steven fanden den Song auf Anhieb großartig und fragten uns, ob wir sie auf ihrer nächsten Tour begleiten wollten. Für eine französische Band ist das immer eine Art Ritterschlag, wenn sie in Großbritannien auf Tour gehen können und in Hallen wie dem ABC 2 in Glasgow oder im Astoria in London spielen. Wir waren viermal mit BLOOD RED SHOES auf Tour, zuletzt auch in Deutschland. In der Tat, das deutsche Publikum ist anders. Das Publikum ist hier sehr aufgeschlossen und geht ziemlich ab bei den Konzerten. Mittlerweile sind wir sehr gut befreundet mit BLOOD RED SHOES und ich schätze ihre Attitüde, ihren eigenen Bekanntheitsstatus zu nutzen, um neue, unbekannte Bands zu unterstützen.

Man sollte annehmen, dass ihr in Großbritannien vom NME und Melody Maker als das „next big thing“ verheizt werdet und euch die Presse als die französischen Brüder im Geiste der EDITORS durch die Straßen von London treibt. Wie war die Resonanz in der britischen Presse?

Die Resonanz war ganz gut. Allerdings haben sie uns mehr mit den RAMONES, den B-52s und THE CRAMPS verglichen, teilweise auch mit FRANZ FERDINAND. Bisher hatten wir zwar keine Interviews in Großbritannien, aber es gab einige interessante Besprechungen. So hat ein Magazin unsere Debütsingle „Cache-cache“ als ein Labyrinth beschrieben, in dem sich der Hörer verlieren kann. Das hat mir ganz gut gefallen.

Gibt es bei 1984 irgendeine Verbindung mit deutschen Bands?

Bisher haben wir keinen Kontakt zu deutschen Bands. Aber wir planen gerade eine Tour in Deutschland und suchen noch eine Supportband, die zu uns passt. Das Interesse ist schon da, Kontakte und Verbindungen zu knüpfen. Die Franzosen kennen so wenige deutsche Bands und reduzieren deutsche Musik auf Bands wie RAMMSTEIN oder TOKIO HOTEL. Nur wenige Franzosen kennen die TOTEN HOSEN, die ÄRZTE oder großartige Bands wie die FEHLFARBEN und DAF.

Glaubst du, dass französische Musik generell eine nur untergeordnete Bedeutung im europäischen Kontext spielt?

Natürlich, die meisten werden sich bei einer Entscheidung zwischen französischer und britischer Rockmusik für Letzteres entscheiden. Frankreich hat ja nicht diese lange Rock-Tradition und französische Bands müssen sich immer erst ihren Platz auf der internationalen musikalischen Landkarte erkämpfen. Zudem ist der französische Musikmarkt so gestrickt, dass er sich auf die gängigen und etablierten Musikgenres – wie eben die eher elektronisch geprägten Sachen – konzentriert und es für andere Genres nach wie vor schwer ist, sich einen entsprechenden eigenen Markt zu schaffen. Das Internet und unsere Präsenz auf MySpace machen es uns aber zunehmend leichter, international Fuß zu fassen. Es gibt jetzt kaum noch Grenzen. So hat uns unser Plattenlabel Weekender Records über MySpace entdeckt, mochte unsere Musik unabhängig von unserer Nationalität und hat uns Auftritte in Deutschland verschafft und damit vieles angestoßen. Man sollte sich niemals scheuen, außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu spielen und sein Publikum zu suchen – und zu finden. Auch wenn das zunächst eher mit finanziellen Verlusten einhergeht, es lohnt sich.

Markus Kolodziej

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #84 (Juni/Juli 2009)

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