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Interviews & Artikel

DISTEMPER

Russlands Ska-Punkband Nummer Eins

Wenn die Musiker von Russlands Ska-Punkband Nummer eins ihre Instrumente zücken, steht niemand mehr still. Und das aus gutem Grund: in zwanzig Jahren Bandgeschichte und auf 14 Alben purer Ska-Wildheit entwickelte das Moskauer Quintett die perfekte Symbiose zwischen kräftigen, schnellen Punk-Rhythmen und tanzbaren Ska-Elementen. Mit ihren donnernden Punk-Salven, den scharf abgefeuerten Bläsereinsätzen und der russischen Reibeisenstimme des Sängers Dazent gehören sie definitiv mit zu den stärksten musikalischen Exportgütern aus dem Land der kalten Winter. Seit ihrem ersten Auftritt im Ausland 2002 sind DISTEMPER von den europäischen Bühnen nicht mehr wegzudenken. Die Live-Performance der routinierten und energiegeladenen Musiker ist ausschlaggebend für ihren Erfolg. Die oft respektvoll als „die russischen MIGHTY MIGHTY BOSSTONES“ bezeichneten DISTEMPER verstehen es vom ersten bis zum letzten Takt, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und zum Ausrasten zu bringen. Und wer sich schon so lange im Musikgeschäft bewegt, kann natürlich auf eine bewegte Geschichte, mit Höhepunkten, Rückschlägen und kleinen Anekdoten, zurückblicken. Einen kleinen, aber auf keinen Fall vollständigen Überblick über die Machenschaften dieser grundsympathischen Moskauer Band liefert der folgende Artikel.

Die Geschichte von Russlands dienstältester Ska-Punkband beginnt, wie die so vieler anderer Bands, in einem feuchten, dunklen Keller. Dort trafen sich im Sommer 1989 Bai (Schlagzeug), Kisel (Bass) und Nossaty (Gitarre/Gesang), um aus den Resten der Band KRISISNOJE OTDELENIE („Krisenabteilung“) DISTEMPER zu formen. Zu dieser Zeit spielte die Band allerdings noch keinen Ska-Punk, sondern einen Mix aus Thrash-Metal und NYC Hardcore. „Thrash-Metal war Ende der 1980er Jahre in Russland sehr populär und wir standen auch auf harte Gitarrenmusik. Allerdings konnte keiner von uns was mit den typisch düsteren Texten der Metal-Bands und deren Mystik anfangen. Wir wollten etwas Positiveres transportieren und so sahen wir uns selbst eher dem Hardcore verbunden.“

Das erste Konzert fand bereits zwei Monate nach Bandgründung statt und 1991 wurde das Debüt Album „Mui Sewodnja S Baem“ aufgenommen. Als ein Jahr später der Sänger und Gitarrist der Punkband KITSCH zu der Band stieß, wurden die Songs wesentlich melodischer und Dagents markanter rauher Gesang wurde zu einem Markenzeichen von DISTEMPER. In dieser Besetzung wurde 1993 das Album „Oi-Du-Du“ aufgenommen und DISTEMPER machten sich vor allem als gute Live-Band einen Namen. Mit dem Album „Gorod“ begannen sich DISTEMPER dem Ska-Punk zuzuwenden. Mit Iljitsch wurde die Band durch einen Saxophonisten verstärkt. „Zu dieser Zeit hat uns Ska-Punk und im Allgemeinen die Geschichte der Ska-Musik sehr interessiert. Ein weiterer Grund für den endgültigen Stilwechsel waren die überaus positiven Reaktionen des Publikums und die Möglichkeiten, uns durch Ska-Punk besser ausdrücken zu können. Das Wechselspiel zwischen harten Gitarrenriffs und den tänzerischen Ska-Elementen kam unserer Musik sehr zugute.“

Wurden die ersten beiden Alben in D.I.Y.-Manier von der Band selbst herausgebracht, so wurde das neue Album vom Label Sojus („Bündnis“) veröffentlicht. In Folge spielten DISTEMPER auf einigen bedeutenden Festivals und auch die Medien wurden auf die Band stärker aufmerksam. Durch die wachsende Popularität wurden DISTEMPER zu Pionieren der Ska-Musik in Russland, einer Musik, die dort bis dahin kaum Beachtung fand. Bald schon wurden auch die Majorlabels auf die Band aufmerksam. Die – meist zweifelhaften – Angebote, inklusive der Bitte, den Namen zu wechseln, wurden aber allesamt abgelehnt.

Trotzdem ging es für die Band weiter bergauf und die Schar der Fans vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. DISTEMPER konnten dabei besonders durch ihre positive und ausgelassene Stimmung auf den Konzerten punkten, die so ganz und gar nicht dem schweren russischen Gemüt entsprach. Die Erfolge, die DISTEMPER vor allem auf den Konzerten feierten, wurden 1997 mit dem Live-Album „Vnature! Ale!! Horosh!!!“ Rechnung getragen. Im selben Jahr erschien noch das Studioalbum „Face Control“. Im Vergleich zu den Vorgängeralben waren Musik und Texte nachdenklicher und stellenweise sogar etwas finsterer. Bis heute unterscheidet sich dieses Album von der Grundkonzeption deutlich von allen anderen.

Mit Ljocha und Vasja wird die Band 1999 um eine Trompete und eine Posaune ergänzt und der Wandel zu einer Ska-Punk Band mit schlagkräftiger Bläserfraktion perfekt gemacht. In der neuen Besetzung wurde das Album „Nu Vsje ...“ aufgenommen und die alten Alben „Oi Du-Du“ und „Face Control“ wurden von dem damals umtriebigsten Punk-Label Hobgoblin Records wiederveröffentlicht. Das Coverartwork für die Wiederveröffentlichungen wurde, wie auch bei allen weiteren Alben bis 2001, von dem Bassisten Kisel gestaltet, der sich nebenbei auch als Tätowierer verdingt und auch für einige Verschönerungen an seinen Bandkollegen verantwortlich war.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends erreichte die Band ihren ersten Höhepunkt in ihrem musikalischen Schaffen. Sämtliche russischen Musikmagazine berichteten über die Band. Mit dem Wechsel zum neu gegründeten Label BRP Records schnellten auch die Verkaufszahlen in die Höhe. Erstmals wurde mit „Ska Punk Spionui“ („Ska-Punk-Spione“) ein Album auch auf CD veröffentlicht. Bisher erschienen alle Veröffentlichungen, wie in Russland und weiten Teilen Osteuropas üblich, lediglich auf Kassette. Leider verließ direkt nach den Aufnahmen zu „Ska Punk Spionui“ Iljitsch die Band. Er konnte aber schnell durch die neue Saxophonistin Ksenia ersetzt werden.

Ein nicht ganz unbedeutendes Konzert im Jahr 2000 war für DISTEMPER der Auftritt bei einer Anti-AIDS-Gala im Dom Kulturui Gorbunowa, welches auch von MTV übertragen wurde. Zum ersten Mal präsentierten DISTEMPER hier nämlich dem Publikum ihr neues Markenzeichen – den tanzenden Hund. Der Hund als Zeichnung auf den Covern von DISTEMPER war ja schon länger präsent, aber das Maskottchen mit der übergroßen Hundekopfmaske, welches seitdem das Publikum noch zusätzlich zum Tanzen animiert, wurde hier geboren.

2001 verließ das Gründungsmitglieder Nossaty aufgrund von Alkoholproblemen die Band. Alle Konzerte fanden bereits ohne ihn statt und auch das neue und achte Album „Dobroe Utro“ („Guten Morgen“) wurde ohne ihn eingespielt. Den Sound von DISTEMPER beeinträchtigte der Verlust der zweiten Gitarre aber nicht – im Gegenteil – die Songs auf dem neuen Album sind geradliniger und eingängiger. Wenig später wird dieses Album noch mal neu und mit englischen Texten unter dem Titel „Hi, Good Morning“ aufgenommen. DISTEMPER wollten damit international etwas mehr Beachtung finden, es blieb letztendlich aber nur bei einem Experiment. „Hi, Good Morning“ wurde nie offiziell veröffentlicht und so kursieren die Aufnahmen heute als gesuchte Sammlerstücke.

Eine weitere Kuriosität, die sich allerdings zu einem Kassenschlager entwickelte, ist der Song „Pesnja razbojnikov“, den DISTEMPER zu dem Sampler „Detski Sad, Schtanui Na Ljamkach“ beisteuerten. Mehr oder weniger bekannte Bands coverten hier beliebte Kinderlieder. Der Sampler fand auch in den Massenmedien breite Beachtung und landete auch in der Rotation des Radiosenders Nasche Radio (Unser Radio), welcher in über 200 Städten Russlands ausgestrahlt wird und der den Song dadurch zu einer Art Visitenkarte der Band machte. Außerdem gelingt es DISTEMPER, sich mit dem Song für längere Zeit in diversen Hitparaden zu halten.

Der Popularitätsschub gipfelte 2002 im Auftritt bei dem Festival „Nashestvie-2002“ (Invasion 2002), wo die Band vor sagenhaften hunderttausend Leuten spielte. Danach gingen DISTEMPER zum ersten Mal auch außerhalb Russlands auf Tour. Sie spielten einige Konzerte in Skandinavien, Deutschland und Österreich und das Album „Dobroe Utro“ erschien in Deutschland auf Vinyl (An’na Nadel/Wanda Records). Von da an waren sie gern gesehene Gäste auf deutschen und europäischen Bühnen. Ein Umstand, der ihnen dabei in die Hände spielte war, dass Bands aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Europa und vor allem in Deutschland schwer angesagt waren. Es fanden über all Russendiskos statt und DISTEMPER waren mit dem Song „Traktoristui“ auf dem Sampler „Russendisko Hits Vol. 1“ vertreten. Sie waren dabei aber mit Abstand die härteste Band auf dieser Samplerreihe. Ihren Wurzeln blieben sie bis heute treu und so sind die harten Punk-Rhythmen bei immer noch Bestandteil des DISTEMPER Sounds.

Mit einer besonderen Hommage an den russischen Punkrock unterstrichen DISTEMPER dies 2003 mit dem Tribute-Album „Nam Po ...!“, auf dem ausschließlich alte russische Punk-Klassiker im Ska-Punk-Style gecovert wurden. Die Tour im Juli 2003 führte die Band durch zehn Länder Europas, jedoch verließ Ksenia kurz vor Tourstart die Band aus persönlichen Gründen. Und was sich zudem auf der Tour schon abzeichnete, wurde Ende 2003 dann auch Realität. Mit Kisel verloren DISTEMPER ihr zweites Gründungsmitglied an den Alkohol. Während für Ksenia bis heute kein Ersatz am Saxophon gefunden wurde, kam für Kisel der jetzige Bassist Lelik. Die immer wiederkehrenden Alkoholprobleme in der Band ließen dann auch den Sänger Dagent zu einem strikten Antialkoholiker werden.

Ebenfalls noch 2003 erschien unter dem Titel „Ska Punk Party International“ das Split-Album mit der amerikanischen Band THE KNOW HOW, das – zumindest releasetechnisch – den Sprung auf den amerikanischen Kontinent ermöglichte. Mit dem Album „Ska Punk Moscow“ stiegen DISTEMPER dann endgültig zu einer der besten Ska-Punkbands Russlands auf. Zudem gab es die Band nun bereits seit 15 Jahren, was zusätzlich mit einer „Best Of“-CD gefeiert wurde. Das Jubiläumskonzert im Club Toschka stellt gleichzeitig den Auftakt zur längsten Tour in der Bandgeschichte dar. Die Tour durch Europa dauert fast zwei Monate und beinhaltete 54 Konzerte.

Wie treffend der Titel des folgenden Albums „Podumay Kto Tvoi Druzya“ („Denk nach, wer deine Freunde sind.“) gewählt war, mussten DISTEMPER kurze Zeit später auf schmerzhafte Weise in Voronesh erfahren. Nach einem Konzert kam es zu einem geplanten Überfall durch Neonazis auf die Band. Vor dem Haus des Veranstalters, bei dem die Band übernachten sollte, wurden sie von einer circa zwanzigköpfigen Gruppe, zu denen auch Führer von Nazi-Hooligan-Gruppen aus Moskau und anderen Städten gehörten, angegriffen. Bai und Ljocha sowie der Veranstalter wurden dabei schwer verletzt. Der Bandbus und Teile des Equipments und der Instrumente wurden zerstört.

Seit der Jahrtausendwende, als Ska und Ska-Punk auch in Russland immer beliebter wurden, unterwanderten rechte Fussball-Hooligans die Konzerte. Da sich in Russland nur wenige Menschen damit klar auseinander setzten, distanzierten sich auch nur wenige Bands von diesem Teil des Publikums, so dass recht schnell Nazis und Hooligans die Mehrheit auf vielen Ska-Konzerten ausmachten. DISTEMPER hatten jedoch immer eine klar antifaschistische Stellung eingenommen und diese durch ihre Popularität auch immer wieder nach außen getragen.

Der bis jetzt letzte Besetzungswechsel erfolgte 2006. An der Trompete wurde Ljocha durch Vitalik ersetzt. Von nun an erschienen die Alben im Ein-Jahres-Takt. Den Beginn machte das Split-Album mit der bekannten Moskauer Punkband TARAKANY („Schaben“) mit dem Titel „Esli Parni Obyedenyatzya“, auf dem sich die Bands gegenseitig covern. Und als Bonus gibt es „If the kids are united“ von SHAM 69 im Ska-Punk-Stil mit russischem Text. Auf der folgenden Ska Punk United Tour (mit SKANNIBAL SCHMITT, MAD MONKS, JAN FEAT. U.D.S.S.R.) durch Europa wurde der Song im Zugabenteil immer mit allen Bands zusammen gespielt, was wegen der sieben bis acht Bläser sehr gewaltig war. Mit „Mir Sosdan Dla Tebja“ wurde das Songwriting 2007 noch mal ausgereifter, jedoch ohne dass dabei die ursprüngliche Kraft und Intensität des DISTEMPER-Sounds verloren ging und zum ersten Mal drehte die Band zwei professionelle Videoclips, die in Rotation über einen russischen Musiksender ausgestrahlt wurden. Die anschließende Tour in Europa ging allerdings als die Tour der Buspannen in die Geschichte ein, die mit der Verschrottung des geliebten Bandbus endete. Glücklicherweise trat Sänger und Fahrer Dagent zwei Tage vor der ersten großen Panne in den ADAC ein, der die entstehenden Kosten etwas abfederte und dafür sorgte, das lediglich ein Konzert abgesagt werden musste. Die 80 Euro Jahresbeitrag waren mal wirklich gut investiert.

Mit „My Underground“ erschien das bis jetzt letzte Album, auf dem sie wieder mehr zurück zu den Ursprüngen gehen und der puren Energie des Punk mehr Raum lassen. In Deutschland ist dieses Album im November 2009 erschienen. Und vom 02. bis zum 19. Dezember haben auch die Fans in Deutschland, Frankreich und Belgien die Chance, DISTEMPER dieses Jahr noch Mal live auf der Bühne zu erleben. „Wir freuen uns immer wieder, wenn wir in Deutschland spielen können. Wir haben hier viele Fans und die Infrastruktur für Bands ist hier einfach unglaublich. Hier reißen sich die Veranstalter wirklich noch den Arsch auf, damit sich die Bands wohl fühlen.“

Andreas Kühn

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #87 (Dezember 2009/Januar 2010)

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