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Interviews & Artikel

MOTÖRHEAD

Zynischer als Nietzsche!

So sehr ich MOTÖRHEAD liebe, so eingeschüchtert war ich dann doch, als ich erfuhr, dass ich tatsächlich die Möglichkeit bekommen sollte, Lemmy Kilmister zu interviewen. Sein Image ist von jeher bedrohlich, da es irgendwo zwischen einem Biker und einem Piraten liegt, der sich meist schwarz kleidet und ein Eisernes Kreuz trägt. Zudem bezeichnet er in seiner Autobiografie „White Line Fever“ nicht wenige Menschen, mit denen er mal zu tun hatte, als Idioten – etwa Angestellte seines früheren Labels Epic/Sony. Und er beschreibt auch seine Alltagsstreitigkeiten wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit einer Stewardess („boneheaded bitch“), die ihm mal während eines Fluges das Glas Jack Daniel’s abgenommen hatte. Er fasst das Ganze mit „Fuck her! And the horse she rode in on!“ zusammen und weitet diese Aussage auch gleich auf Sony aus. Man merkt, dass Lemmy Dummköpfe oder Dummheit nur schwer tolerieren kann. Und so genießt Lemmy den Status einer lebenden Legende, die aggressive Songs schreibt, mit zahllosen Verweisen auf Kampf, Tod und Krieg. Wenn man dies alles bedenkt, wird einem schon etwas mulmig zu Mute, wenn man vorhat, ihn auf seine Sammlung von Nazi-Souvenirs oder den SLAYER-Gig, bei dem er als Hitler verkleidet auf die Bühne kam, ansprechen möchte. Und so war ich etwas verängstigt, dass Lemmy etwas Unverzeihliches in diesem Zusammenhang sagen würde, was meine Liebe zu MOTÖRHEAD zerstören könnte. Zu meiner Überraschung war Lemmy im Interview aber herzlich, einnehmend und extrem tolerant gegenüber einigen meiner dummen Fragen. Nach unserem Gespräch bin ich nicht nur überzeugt, dass Lemmy kein Nazi ist, sondern auch dass er ein kluger Kopf ist, gerade was seinen Umgang mit den Medien angeht.

Gerade wird der Film „Lemmy: The Movie“ über dich gedreht – genießt du das?

Doch, es ist spaßig. Sie haben viel über mich in Erfahrung gebracht – sie waren bei drei Touren mit der Kamera dabei. Die dürften jetzt genug Material haben und sind wohl gerade beim Schnitt.

Es ist immer noch interessant, die Entwicklung deiner Band mitzuerleben. Meiner Meinung nach sind „Inferno“, „Kiss Of Death“ und „Motörizer“ die besten Alben, die ihr gemacht habt – es scheint so, als würdet ihr mit dem Alter besser.

Wir machen aber immer alles gleich. Aber ich glaube, wir haben mit „Inferno“ den größten Fortschritt gemacht. Das liegt aber sicherlich auch an Cameron Webb, dem Produzenten aller drei Alben. Er ist eine großartige Hilfe für uns.

Krieg scheint eines der wichtigsten Themen auf den MOTÖRHEAD-Alben der letzten Zeit geworden zu sein. Früher hat es zwar auch schon Songs über Krieg gegeben, es gab „Bomber“, aber es scheint so, als würden es in letzter Zeit immer mehr ...

Das kann sein, aber es gab schon immer viele Songs über Krieg, und heutzutage gibt es ja auch wieder mehr Kriege, oder?

Das stimmt, aber ich dache, du könntest in diesem Zusammenhang vielleicht mal einen Song wie „Sword of glory“ erklären, der mich ein wenig verwirrt. Zum einen rätst du den jungen Soldaten „Read the books, learn to save your life“, um aus dem Schicksal von den gefallenen Soldaten der letzten Jahrzehnte zu lernen und nicht die gleichen Fehler zu machen. Zum anderen sollen sie das „Sword of glory“ ergreifen, was widersprüchlich erscheint. Ist nicht das Verlangen nach Ehre im Krieg das, was die jungen Männer in den Tod treibt?

Du musst dich in die Vergangenheit versetzen und in die Gefühle von damals: das „Sword of glory“ ergreifen zu müssen, so hat man damals gedacht.

Denkst du, dass die Soldaten aus solchen Songs eine gewisse Stärke ziehen? Hast du je von einem Soldaten gehört, der MOTÖRHEAD mag?

Viele von ihnen hören MOTÖRHEAD. Selbst in Europa, und sogar ein paar deutsche Soldaten kamen zu mir und sagten, dass sie unsere Musik lieben. Aber es sind ja auch nur Kinder, die in den Krieg geschickt werden, verstehst du?

Einige meinen, dass es Osama Bin Ladens Absicht war, Amerika durch die Terroranschläge vom 11. September in einen Krieg zu verwickeln, den sie nicht gewinnen können.

Ich weiß es nicht, könnte möglich sein. Aber das Ding bei Osama Bin Laden ist, dass es keine einschlägigen Beweise gibt, dass er der Drahtzieher der Geschehnisse des 11. September ist. Ich sage nicht, dass er nicht daran beteiligt war, aber ich habe die so genannten Beweise dafür nicht gesehen, aber es sieht für mich so aus, als wäre auch nicht alles wahr, was uns erzählt wird.

Denkst du demnach, dass wir über die Geschehnisse vom 11. September 2001 angelogen wurden?

Ich glaube, dass das durchaus möglich ist. Ich glaube, dass George Bush verschiedene falsche Informationen als Vorwand genommen, um das amerikanische Volk in den Griff zu bekommen. Beim Thema 9/11, bei Bin Laden und natürlich bei Saddam Hussein.

Also würdest du deine Songs als Anti-Kriegs-Songs bezeichnen?

Ja, größtenteils. Aber an uns klebte ewig dieses Etikett, kriegsverherrlichend zu sein, und das, nachdem wir all diese Anti-Kriegs-Songs geschrieben haben. Also dachte ich, ich schreibe einen kriegsverherrlichenden Song und alle sagen später: „Was für ein guter Anti-Kriegs-Song!“ Hahaha! Das war „Kill the world“ vom 2002er Album „Hammered“.

Dennoch hört sich „Death or glory“ vom „Bastards“-Album von 1993 irgendwie kriegsverherrlichend an. Du versetzt dich da in Soldaten, die mit „Hitler down the bloody road to war“ marschieren. Was fasziniert dich an diesem Bild, diesen historischen Ereignissen?

Du ziehst in den Kampf, die Fahne weht und die Trompeten ertönen, und du bist ein Teil einer menschlichen Maschinerie. Es muss ein fantastisches Gefühl sein, so vereint in den Kampf zu ziehen und dein Land zu verteidigen. Aber es ist sicherlich kein fantastisches Gefühl, in einem matschigen Graben zu liegen und damit beschäftigt zu sein, seine Eingeweide im aufgerissenen Bauch festzuhalten.

Ich denke immer noch, „1916“ über die Schlacht an der Somme ist einer der besten Anti-Kriegs-Song, der je geschrieben wurde.

Danke. Der Song wurde sogar schon in Schulen beim Thema Erster Weltkrieg eingesetzt. Und bei einem Konzert kam ein Typ auf mich zu, der mir erzählte, wie er seinem Großvater, der bei dieser Schlacht dabei gewesen war, diesen Song vorspielte, der daraufhin zusammengebrochen ist. Er sagte, es war ganz genau so, wie es in dem Song beschrieben ist.

Bei dem Song „Heroes“ vom „Motörizer“ Album beschreibst du auf der einen Seite die Energie und den Zorn, auf der anderen Seite auch den Tod und die Hoffnungslosigkeit ...

Ja, darum geht es, es gibt immer zwei Seiten.

Das klingt sehr nach Nietzsche. Ein Art von Zustimmung zum Leben im Angesicht des Todes – diese Idee von „Amor fati“, sein Schicksal annehmen ...

Das ist möglich, aber ich bin auch sehr zynisch. Ich bin zynischer als Nietzsche, besonders seit ich älter bin. Haha! Ich glaube nicht, an das Zeug, was sie den Kindern beibringen.

Genau wie beim Thema Religion.

Religion, das ist das Schlimmste. Komm mir nicht mit Religion.

Falls es dir nichts ausmacht, würde ich doch gerne darüber reden. Mich würde interessieren, ob es etwas gibt, was dich an der Figur von Christus interessiert?

Ich denke, es könnte diesen Typen wirklich gegeben haben, aber dass er kein Stück so war, wie es im Neuen Testament steht. Ich denke nicht, dass die Bibel in den Details sehr genau ist. Zumal die Bibel frühestens 200 Jahre nach seinem Tod geschrieben worden ist – du weißt ja, wie sich eine Story in einer Bar innerhalb von nur einem Monat verändert, und 200 Jahre sorgen schon für eine ganz ordentliche Verzerrung. Es ist einfach schwierig zu entscheiden, ob es wahr oder falsch ist, eben weil es schon so lange her ist.

Gibt es überhaupt Religionen, die du respektierst?

Wenn ich mich für eine allein entscheiden müsste, wäre das wohl der Buddhismus, der am meisten Sinn macht. Andererseits, wer sagt, dass eine Religion Sinn machen muss? Es ist verzwickt. Ich glaube nicht an ein höheres Wesen, aber an irgendeine Art von Macht. Ich würde wohl an Reinkarnation glauben, wenn ich überhaupt an was glauben würde.

Denkst du generell eher zynisch über die Menschheit?

Ich meine nicht, dass die Apokalypse nah ist, aber ich glaube trotzdem, dass wir uns selbst auslöschen werden. Aber ich denke, dazu gibt es gar keine andere Alternative, denn unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 200 Jahren zwar schnell entwickelt, doch unsere Psyche hat nicht Schritt gehalten mit dem technischen Fortschritt. Also gibt es immer noch Leute, die wie Höhlenmenschen denken: „Zieh ihm einen mit dem Knüppel drüber, schleif ihn in deine Höhle und weide ihn aus.“ Das große Problem ist, statt eines Knüppels ist es heutzutage eine Atombombe. Ich sehe da einfach keinen Ausweg.

Du trägst oft ein Eisernes Kreuz. Hast du damit schon mal Probleme in Deutschland gehabt?

Eher in Frankreich, haha. Wir hatten bisher noch nie Probleme mit dem Eisernen Kreuz in Deutschland, man mag es eher. Es ist ja ein Symbol, das es schon lange vor Hitler gab. Ein Hakenkreuz, das würde die Leute wirklich aufregen, ich würde nie in Deutschland ein Hakenkreuz tragen ... also, ich würde es nirgendwo tragen. Aber das Eiserne Kreuz ist ein großartiges Symbol, es steht für Mut, es ist auch künstlerisch großartig – es vermittelt ein starkes Bild.

Wo wir gerade beim Thema sind, ich habe in deiner Autobiografie „White Line Fever“ über den SLAYER-Auftritt in den Achtzigern gelesen, bei dem du als Hitler verkleidet auf die Bühne kamst. Was war der genaue Grund für diese Hitler-Verkleidung?

Ich trug damals eine Gummimaske und eine braune Jacke, wie Hitler zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ich fand es damals lustig. Du musst diese ganze Sache mit einer gewissen Distanz sehen. Ich meine, der Zweite Weltkrieg ist passiert, und es war verdammt schrecklich, und der Holocaust war noch schrecklicher. Aber du kannst nicht die ganze Zeit deswegen heulen. Der Zweite Weltkrieg hat doch auch einige lustige Gestalten hervorgebracht: Big fat Göring, den kleinen Hitler mit seinem kleinen Bärtchen, und Klumpfuß-Goebbels, der über die Herrenrasse sprach – über die blonden Götter! Das ist schon sehr extrem. Und das ist lustig, scheiß drauf, was andere dazu sagen. In dem Kontext muss ich unbedingt auf diesen Sketch von Monty Python hinweisen, in dem Hitler, Ribbentrop und Himmler in einem Gästehaus in Devon leben. Der ist einfach großartig, mit „Mr Hilter“ und „Heimlich Bimmler“, hahaha.

Trotzdem habe ich gelesen, dass du in Deutschland angezeigt worden seist, weil du eine SS-Mütze bei einem Fotoshooting getragen haben sollst.

Nein, das ist eine komplette Erfindung der Presse! Denn ich war nur auf Durchreise in Deutschland, als der Artikel rauskam. Ich habe jedenfalls nie in Deutschland eine SS-Mütze getragen, so krass bin ich nun auch nicht. Und wenn ich es getan hätte, dann wäre ich auch auf die Konsequenzen vorbereitet gewesen, da ich weiß, dass es wegen des Hakenkreuzes verboten ist. Ich würde so was nie in Deutschland tun. Ich bin doch nicht blöd – taub ja, aber nicht dumm, haha.

Aber ich habe das Foto in der Presse gesehen ...

Wenn du dir das Foto genauer anschaust, siehst du, dass es ein MOTÖRHEAD-Logo oben auf der Mütze ist. Es sieht aus wie ein Adler, den haben wir mal bei einer Compilation benutzt. Und der Totenkopf ist auf dem Stirnband.

Trotzdem besitzt du Nazi-Uniformen. Wie viel Zeug aus der Zeit hast du?

Das ist richtig, ich habe viel von dem Zeug. Ich sammle ja auch Dolche und Schwerter. Dann habe ich noch einige Uniformen, Dienstgradabzeichen, Auszeichnungen und Orden aus dieser Zeit. Ich habe auch noch ein komplettes Besteckset von Hitler, haha.

Du hast Hitlers Besteckset? Wo hast du das gefunden?

Ich habe es in einem Katalog entdeckt – von einem der US-Soldaten, die den Obersalzberg eingenommen haben. Er hat sich das hundertteilige Besteckset genommen und es über die Jahre verkauft. Ich habe ein Messer, eine Gabel und einen Löffel mit dem eingeprägten Adler. Es ist eine super Investition. Der Wert steigt jedes Jahr um das Doppelte! Das ist meine Altersvorsorge, im Rock’n’Roll gibt’s das ja bekanntermaßen nicht, hehe.

Zeigst du den Leuten das Zeug, wenn sie dich besuchen?

Ich kann es nicht verstecken. Mein ganzes Haus ist voll davon. Ich habe die ganzen Wände damit vollgehängt. Ich finde, es sieht großartig aus – es ist eine Schande, dass es aus solch einer Zeit stammt, aber das Design der Medaillen und Uniformen ist einfach großartig. Ich kann nicht beschreiben warum mich das so fasziniert, es ist einfach so.

Du hast von Besuchern bestimmt schon komische Reaktionen darauf bekommen.

Nein, nicht wirklich. Ich habe auch viele Fotos von meinen Ex-Freundinnen rumhängen, eine davon war eine Farbige. Daher bekomme ich eigentlich kaum Ärger. Ich meine, ich bin der schlimmste Nazi, den du je treffen wirst – ich mag Frauen mit schwarzer Hautfarbe! Viele meiner Freunde sind Farbige und einige sind Juden. Mein Manager ist Jude. Wir haben viele jüdische Freunde – I’m not a Nazi, man! Viele Leute sammeln diesen Scheiß, nicht nur Leute wie ich. Hermann Görings Schwager hat zwei Dolche anfertigen lassen, einen für Hermann, einen für sich. Und man konnte diese Dolche in einem Katalog kaufen – mit einem Startgebot von einem Tausender. Das Zeug kaufen keine durchschnittlichen Skinheads, die Kundschaft besteht eher aus Ärzten und Anwälten.

Ich habe sogar gehört, dass selbst manche Juden Nazi-Andenken sammeln.

Richtig. Der größte Händler für so Zeug in New York war ein Jude. Er sagt dazu: „Hey it’s business! You don’t like it – buy it! Burn it!“

Der einzige Punkt, der mich stören würde, ist, dass die ganzen Neo-Nazis wohl denken: Oh, Lemmy ist cool, der findet das Zeug auch in Ordnung ...

Oh ja, ein paar haben’s versucht. Ein Typ hat mir geschrieben: „Du kennst dich ja gut aus mit dem Führer ...“ Ich habe ihm nur geantwortet: „Fuck off!“. Für so was habe ich keine Zeit. Ich meine damit, du brauchst dir keine Sorgen um Nazis zu machen – alle Nazis sind tot. Du solltest dir mehr Sorgen um die beschissenen Regierungen machen, egal ob hier in den USA oder England. Darum solltest du dich kümmern.

Trotzdem kann ich verstehen, dass die Deutschen über Nazismus besorgt sind. Daher gibt es ja auch Gesetze, die das Tragen von solchen Sachen in Deutschland verbieten. Hältst du solche Gesetze für sinnvoll?

Ich denke, das macht keinen großen Unterschied; Wenn Leute Nazis sind, dann tragen sie keine Erkennungsmerkmale. Hier in den USA gibt es viele Nazis, die auch nichts derartiges tragen, aber du kannst sie jede Nacht in der Bar hören, „Nigger dies“ und „Nigger das“. Es gibt viele Leute, die Vorurteile haben. Schau dir einfach nur den Ärger an, den Obama hat. Er wurde gewählt, okay, aber jetzt wird er fertig gemacht, er wird geschlachtet – er wird bei allem behindert, was er tun will. Es werden sogar Leute dafür bezahlt, um gegen ihn zu demonstrieren!

Wenn du durch Deutschland tourst, besuchst du dann historische Orte – frühere Konzentrationslager oder alte Gebäude aus dem Dritten Reich?

Ja, an solchen Orten war ich schon, aber es gibt ja kaum noch etwas zu sehen, da das Meiste abgerissen wurde. Selbst in Berlin gibt es nur noch wenige Gebäude von damals. Wenn man aber nach Ostdeutschland fährt, vor allem aufs Land, sieht es, was die Architektur betrifft, manchmal aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wir waren mal in Bad Blankenburg, was direkt an der ehemaligen Grenze lag. Dort steht auf einem Feld etwas westlich noch ein Stück der Mauer – das war echt interessant. Das alte Deutschland war echt malerisch – diese Gebäude im gotischen Stil. Genauso wie die alten englischen Dörfer.

Hast du mal ein früheres Konzentrationslager besucht?

Klar, aber es sieht einfach aus wie eine Reihe von Hütten. Sie können so viele Fotos zeigen, wie sie wollen, es bringt dir den Horror einfach nicht näher. Wenn sie neben den Hütten auch die Leichen zeigen würden, dann hätte es einen Effekt, zumindest sollte es einen Effekt haben. Genauso wie auf die Deutschen aus den umliegenden Städten, die nach dem Ende des Krieges durch das KZ gehen mussten, um sich das alles anzuschauen.

Du bist 1945 geboren, dem Jahr, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Ja, ich bin in dem Jahr geboren, als das alles aufhörte. Das heißt, es ging ja noch ein paar Jahre weiter, denn selbst als ich klein war, war in in England noch vieles wie im Krieg, es gab noch Lebensmittelrationierungen, bis ich sieben war – und die Deutschen hatten nicht mal eine Lebensmittelrationierung, sie lebten auf Kosten der Amerikaner, haha. Der Sieg der Alliierten hat England fast ruiniert.

Siehst du noch Nachwirkungen davon, etwa Spannungen zwischen Deutschland und England?

Gelegentlich brüllen die Fußballfans heute noch: „Hey, wer hat denn den Krieg gewonnen?“, wenn Deutschland gewinnt. Aber wir sind das einzige Land, wo sie das tun, selbst die Amerikaner machen das nicht.

Auf jeden Fall gibt es auch immer noch eine gewisse Spannung zwischen England und den USA.

Ja, es gibt diesen nachklingenden Hass aus alter Zeit in der Welt, ob nun wegen realer oder nur eingebildeter Kränkungen.

Mein Vater hat wegen damals noch diese Probleme mit Japanern. Er kennt Leute, die in deren Kriegsgefangenenlagern gefoltert wurden. Hast du auch einen Hass auf etwas aus früherer Zeit?

Also unsere Generation, obwohl wir nur knapp danach geboren wurden, hat es einfach nicht direkt erlebt, man muss schon davon betroffen gewesen sein, um solch einen Hass zu fühlen. Und dann finde ich es ich es auch nur gerechtfertigt, wenn jemand wirklich dort war und er mit seinen eigenen Augen gesehen hat, wie Freunde gefoltert wurden. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man nur darüber redet.

Aber wenn wir gerade über Japan sprechen – hast du auch Kriegsandenken aus dem Pazifik-Krieg?

Nein, ich habe nur ein paar Schwerter – ein paar Samurai-Schwerter, aber das ist nur dieses Touristenzeug aus Japan. Ich habe keine Andenken. Vielleicht sollte ich mir ein paar besorgen, denn die sind echt schön.

Warst du mal im Hiroshima-Museum?

Nein, aber es war beschissen, was wir den Japanern da angetan haben. Meiner Meinung nach war das unnötig. Sie standen doch auch so schon kurz vor der Kapitulation.

Also meinst du, der Westen wollte die Atombombe einfach mal ausprobieren?

Ganz genau! Und das Widerliche war, dass sie gesehen haben, was die Strahlung in Hiroshima und Nagasaki angerichtet hat, und dann machen sie die Tests in Nevada und lassen die amerikanischen GIs nach der Explosion zum Ground Zero marschieren. Das war echt übel, gerade weil sie wussten, welche für Folgen es haben würde.

Wir sind uns einig, es gibt viele beschissene Regierungen in der Welt und eine Menge Machtmissbrauch. Gibt es überhaupt Autoritätspersonen, die du respektierst? Hast du jemals Polizisten, Lehrer oder Offizielle der Regierung getroffen, die du bewunderst?

Ich lege keinen Wert darauf, Regierungsvertreter zu treffen, wirklich! Es ist echt nicht nötig zu wissen, wie sie handeln und warum. Ich denke, es gibt eine Menge Leute, die ihr Bestes versucht haben, bis sie eines Tages der Versuchung erliegen.Und was Obama anbelangt, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen – auf jeden Fall ist auch er von den falschen Leuten umgeben.

Zum Schluss noch eine Frage zu einer Anekdote über dich: Angeblich hat dir ein Arzt mal gesagt, dass es dich umbringen könnte, wenn du weniger Drogen nehmen würdest ...

Nein, das wurde nie gesagt! Allerdings wurde mir geraten, kein Blut zu spenden, hehe.

Es ist schon lustig, dass du als Übermensch in Sachen Drogenmissbrauch gesehen wirst. Die Leute sehen in dir den Helden, der alles nehmen kann und so viel trinken kann, wie er will.

Ja, das habe ich auch schon oft gehört, aber ich weiß nicht, wie die Leute da drauf kommen.

Beschäftigst du dich mit dem Tod?

Wenn du älter wirst, dann denkst du mehr darüber nach, aber es stört mich nicht. Tot zu sein, ist das Gleiche, wie lebendig zu sein – nur ruhiger, haha.

Gibt es sonst noch irgendwelche Mythen über dich, die du gerne widerrufen möchtest?

Ach, das ist mir eigentlich egal. Es wird in den Medien immer irgendwelche Gerüchte über mich geben. Wusstest du, dass ich schon zweimal gestorben bin? Ein französisches Magazin hat meine Todesanzeige gedruckt. Wenn so was über dich geschrieben wird, dann hört es irgendwann auf, dich zu interessieren.

Danke für das Interview – willst du noch was loswerden zum Schluss?

Ja, „Hals- und Beinbruch!“, wie man auf Deutsch sagt.



Übersetzung: Peter Nitsche

Allan MacInnis

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #87 (Dezember 2009/Januar 2010)

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