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Interviews & Artikel

NICHTS

Tango 2009

Michael „Meikel“ Clauss wurde 1980 Gitarrist der Düsseldorfer Ur-Punkband KFC um Tommi Stumpf, doch ein Jahr später war seine Karriere als Aggro-Punk schon wieder vorbei und zusammen mit dem Ex-KFC-Drummer Tobias Brink, Bassist Christopher Scarbeck und Sängerin Andrea Mothes gründete er NICHTS. Die erfreuten sich im aufkeimenden NDW-Zirkus bald recht großer Beliebtheit, auch wenn die Band mit ihrem Punk-Background damit eigentlich nichts zu tun haben wollte, doch Andreas prägnanter Gesang passte eben in von IDEAL und NEONBABIES geprägte Hörgewohnheiten. Eigentlich beim Neusser Indie-Label Schallmauer unter Vertrag, wo im Juni 1981 die LP „Made in Eile“ erschien, ließen sich NICHTS im Herbst des Jahres mit dem Major CBS ein und die Single „Radio“ wurde nach einem Auftritt in der WDR-Sendung „Bananas“ zum Hit. Im März 1982 erschien das zweite Album „Tango 2000“, auf dem sich mit dem Titelsong und „Ein deutsches Lied“ zwei weitere herausragende Stücke fanden – gerade „Tango 2000“ hat sich in vielen DJ-Sets bis heute zum Klassiker entwickelt. Doch die Band in dieser Form zerbrach bald danach, Clauss und Scarbeck stiegen aus, Mothes und Brink machten weiter und nahmen mit „Aus dem Jenseits“ noch ein drittes Album auf, das aber nicht an den Erfolg von „Tango 2000“ anknüpfen konnte, und 1983 lösten sich NICHTS endgültig auf. Meikel hatte da schon mit BELFEGORE eine neue Band und internationalen Erfolg, doch 1985 beschloss Meikel seine Musikerkarriere zu beenden. Fast forward nach 2009: Ende August spielen NICHTS auf einem Stadtteilfest in Düsseldorf in neuer Besetzung (Meikel Clauss, Sabine Kohlmetz, Ufo Walter, Bazooka Joe Kirschgen) ein respektables Konzert, Anfang Oktober eines in Österreich, und 11.12. ein weiteres im Kölner „Sonic Ballroom“. Es geht also weiter mit NICHTS, neue Stücke werden geschrieben, und für 2010 ist sogar ein neues Album geplant. Tom, Daniel und Joachim trafen sich mit Meikel und der neuen Sängerin Sabine in der Düsseldorfer Altstadt zum gemütlichen Plausch.

Meikel, eure Geschichte war eng verbundem mit eurem Label Schallmauer, zu dem auch ein Plattenladen in Neuss gehörte.

Die Jungs vom Label lebten auf einem Bauernhof bei Heinsberg, und da haben wir wahnsinnige Partys gefeiert, uns unsäglich abgefackelt ... Das waren zwei Brüder, der eine total durchgeknallt und der andere hatte etwas Ahnung von Musik. Das waren Überzeugungstäter, die waren geil drauf, was zu machen, und so brachten sie die erste KFC-Single raus. Die waren ganz schon mutig, und die haben das knallhart durchgezogen. Und an sich waren das auch gute Typen, wenn man mal davon absieht, dass da im Nachhinein noch so ein paar Sachen liefen, unter anderem mit der Steuer, die nicht so gut waren. Das hätte eigentlich in alter Micky Matschkopf-Façon geregelt werden müssen, aber ich war da schon aus den Kinderschuhen raus, hahaha. Heute habe ich zu den Typen keinen Kontakt mehr.

Es ging da um viel Geld, und das heißt, dass zu NICHTS-Zeiten mit solcher Musik noch richtig was zu verdienen war.

Ja, bei NICHTS war viel Geld im Spiel, ich habe da locker eine halbe Million Mark verdient. Wir waren ja mehrfach in den Top Ten oder Top Twenty, mit den Singles „Tango 2000“, „Radio“ und „Licht aus“. Insgesamt haben wir über 250.000 Platten verkauft. Für eine ganz kurze Zeit, als unsere Platte noch nicht raus war und wir den Auftritt in der ARD-Sendung „Bananas“ hatten, waren wir die angesagteste Band überhaupt.

„Bananas“ war Anfang der Achtziger noch vor „Formel Eins“ die beliebteste Popmusik-Sendung, mit Vollplayback-Auftritten von Bands.

Genau, und das hat jeder geschaut – nach unserem Auftritt sprach mich am nächsten Tag jeder darauf an. Anfang 1981 war das, und bei der Aufzeichnung waren in der Garderobe nebenan ROXY MUSIC, die mir erst mal einen Joint angeboten haben. DEPECHE MODE traten da auch auf, das war eine coole Show, und wir haben dann in den nächsten Wochen säckeweise Fanpost bekommen, von Leuten zwischen neun und fünfzehn.

Da gab es noch kein MySpace, da hat man seine Friends per Postkarte geaddet.

Hehe, genau. Zu der Zeit waren IDEAL schon angesagt mit ihrer ersten Platte, die waren aber schon beinahe etabliert, während wir so ein Kid-Phänomen waren, überhaupt nicht intellektuell. Und wir waren unheimlich schnell, das fanden die Kinder cool, und so standen bei unseren Konzerten in den ersten Reihen 500 Fünfzehnjährige und dahinter erst die bis zwanzig.

Rückblickend wird NDW, von den frühen Pionieren mal abgesehen, als Industrie-Hype angesehen, der einen interessanten Ansatz gnadenlos kommerzialisierte und damit zerstörte. Wie echt waren NICHTS?

Wir kamen ja frisch vom KFC und waren damals auf einem harten Trip, sehr Iggy Pop-mäßig und destruktiv. Unsere Musik war nicht positiv, sondern düster, und ich hatte mir ja mit KFC ein totales Schläger- und Proleten-Image aufgebaut. Manche Leute machten damals einen großen Bogen um mich herum, wenn sie mich trafen. Und was deine Frage ganz konkret betrifft: Ich stand schon immer auf der falschen Seite. Ich war ja auch kein „echter“ Punk für die echten Punks, ich kam zu spät. Ich hab das einfach gefühlt, aber mir war das egal, ob mir das jemand ins Gesicht sagt. Ich war zu spät, zu klein, zu blöd. Ich war ja auch ein zweit- oder drittklassiger Kerl, total aggro, weil ich das bei KFC so verstanden hatte, dass das eben so zu sein hat. Ich fand das aber total geil und wir machten uns einen großen Spaß daraus, Leuten auf die Fresse zu hauen. Einen bestimmten Grund, eine Message hatten wir nicht, doch wenn da einer Nazi-Scheiße erzählte – Peng! –, hatte der einen in der Fresse, fettich! Und schon hatte der KFC mal wieder groß zugeschlagen, und so kam es zu unserem Ruf als schlimme Jungs, was wir natürlich gut fanden. Abgesehen davon fanden uns die coolen Leute ja alle Scheiße, Leute wie Janie.

Du meinst Peter Hein von FEHLFARBEN und FAMILY 5, der ja immer zur Geschmackselite zählte.

Ich sag dir mal, wie das damals lief: Die ganzen englischen Bands – und damals ging es nur um die Engländer – hatten damals plötzlich alle Platten mit total geilem Sound. Das war so 1979/80, das waren tolle Musiker mit guten Produktionen, Bands wie BAUHAUS, SIOUXSIE & THE BANSHEES, KILLING JOKE und so weiter, und dagegen kamen die deutschen Bands überhaupt nicht an! Da standest du mit deiner dämlichen Punk-Nummer, hast blöd geglotzt und kamst dir total dämlich vor. Jemand wie Peter Hein und die ganzen Nasen sind natürlich immer schön nach London gefahren, haben sich dort alles abgeschaut, und ihre Coolness baute darauf auf, dass sie sich eben früher abgeschaut hatten, wie was geht. Ich dachte mir dann, wenn die das können, kann ich das auch. Also fuhr ich in der Gegend herum, schaute mich um und fand das cool. Ich lernte verschiedene Leute kennen, wohnte in Squats in Amsterdam, in Wien und sonstwo. Da war die KFC-Sache schon in Auflösung, weil da zwei Alphatiere aneinander gerieten, und so sagte ich mir „Scheiß drauf, mach was anderes!“. Ich zog mir in London coole Bands rein, die ganze New Romantics-Sache, hab RUTS gesehen, SIMPLE MINDS, die unglaublich geil waren. Und da rappelte es bei mir, das war was ganz anderes als dieses ewige Punk-Geschrammel. Als es dann beim KFC zum Bruch kam, suchte ich mir gute Leute – und das war dann NICHTS.

Ein sehr smarter Name.

Der einen ganz simplen Hintergrund hatte: Da stand eine Flasche auf dem Tisch, auf der stand NICHTS, und das war dann der Name. Das war ein Schnaps, den der Onkel unseres jetzigen Bassisten damals hergestellt hat, so nach dem Motto „Was hast du getrunken?“ „Nichts.“. Nach zwei Wochen Proben nahmen wir vier Tage lang auf, und das war die erste Single.

Im Februar 2008 spielte Tommi Stumpff in Düsseldorf auf seiner Party ein Konzert unter dem Namen KFC – und du warst nicht dabei.

Ferdi alias Käpt’n Nuss rief mich vorher mal an und erzählte mir davon, fragte mich, ob ich damit ein Problem habe. Hatte ich nicht, aber Tommi Stumpff ist eben etwas speziell, was manche Dinge anbelangt. Der hat ja zwanzig Jahre rumerzählt, Punkrock sei das Schlimmste und Idiotischste überhaupt – und plötzlich macht der ’ne KFC-Reunion! Alter, hast du eigentlich mal überlegt, was du für eine Scheiße erzählst? Im Brustton der Überzeugung hat der doch jahrelang behauptet, alle Punkrocker seien Schwachköpfe!

Der klassische Adenauer eben: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“

Hahaha, genau. Ich lernte Tommi 1980 kennen, und da war er der geilste Entertainer und beste Texter und Sänger überhaupt. Wir waren mit KFC wirklich eine hammergeile Band. Ich bereue da heute überhaupt nichts, nur kam es damals eben zu einem Machtkampf und es endete im klassischen Showdown und fertig.

Prägnant war bei KFC wie bei NICHTS dein Gitarrenspiel.

Ich war schon immer kritisch mir gegenüber, quäle mich, um etwas besser zu machen, finde mich nicht so toll, und umso schöner ist es, wenn mir immer wieder Leute sagen, wie geil sie meine Musik finden. Ich traue mir immer viel zu wenig zu, weil ich denke, ich könnte und müsste noch besser sein, um überhaupt erträglich zu sein. Ich fand mich also damals schon nicht so toll, und auch meine Band NICHTS nicht – über die die coolen Leute ja auch die Nase rümpften. Aber das ist egal, denn ich musste im Leben lernen, auf das Geschwätz von den ganzen Posern zu scheißen.

Seit 2009 spielen NICHTS wieder Konzerte, mit Sabine als neuer Sängerin ...

... und es funktioniert total geil! Wir bekamen eine Anfrage für einen Auftritt auf einem Gruftie-Festival in Österreich. In dieser Szene werden wir seit bald 30 Jahren gehört, auf jeder Party läuft „Tango 2000“, dieses Stück hat in dieser Szene einen hohen Stellenwert, den ich selbst nicht so recht verstehe. Und so kamen immer wieder mal Anfragen von Remixern, DJs und Bands, die das covern wollten, und das fand ich unglaublich. Freunde erzählten mir immer wieder, welch hohen Stellenwert NICHTS bis heute in manchen Kreisen besitzen. Als Sabine dann im Proberaum das erste Mal ihren Mund aufmachte, war das unglaublich: Wenn man die Augen zumacht, klingt das wie damals.

Es ist also keine „Verzweiflungsreunion“, was ja leider oft bei alten Bands der Fall ist, die dringend Geld brauchen. Nach einem Blick auf deine Website – du bist Heilpraktiker – schließe ich diesen Grund mal aus, doch was ist deine Motivation, es trotzdem zu machen?

Das „Trotzdem“! Das kann man wirklich unter diesem Begriff sehen. Ich wollte es nicht unbedingt machen, aber Sabine hat mich mit ihrer Stimme so überzeugt, dass ich das dann machen wollte. So ist eben meine Mentalität, und so waren Anfang der Achtziger auch die „Echten“ alle drauf: Die haben das nicht gemacht, weil es Neue Welle war, sondern weil es ihr Ding war.

Was hast du denn in all den Jahren vor der NICHTS-Reunion gemacht?

Ach, immer wieder mal was, gerade in den letzten fünf, sechs Jahren. Ganz konkret hatte ich auch keinen Bock mehr, immer nur so rumzunudeln, sondern doch mal wieder richtig was zu machen. Ich stand dann auch mal neben den TOTEN HOSEN auf der Bühne, merkte, wie das so abgeht, und das ist echt schwer zu beschreiben, wie geil es ist, auf der Bühne zu stehen, gerade vor einem großen Publikum. Ich kannte das ja von NICHTS und auch BELFEGORE, und das ist schon so ein Lebenselixier. Schon vom Dabeistehen bei den Hosen war ich tagelang wie auf Speed.

Apropos Speed: Das ganze Rock’n’Roll-Ding klingt für mich nicht wie das typische Rezept eines Heilpraktikers für ein gesundes Leben.

Dann hast du da leider ein völlig falsches Bild im Kopf. Ich könnte dir jetzt empfehlen, jeden Tag Möhrensaft zu trinken. Doch ich habe noch was viel Besseres: Hab einfach nur so viel Spaß wie möglich! Das ist viel besser!

Und wenn das Spaßhaben Dauerparty und jede Menge Drogen beinhaltet?

Macht das auf Dauer wirklich Spaß?! Wer sich mit sowas kaputt macht, der hat die falsche Motivation, der hat auch keinen Spaß. Wer aber wirklich Spaß hat, wer durch die Liebe zu einer Sache motiviert ist, der verträgt auch mehr, der wird nicht abhängig, und dann ist das eine sehr gesunde Sache. Die Chinesen zum Beispiel sagen zum Thema Ernährung, dass gesunde Ernährung natürlich wichtig ist – dass aber noch viel wichtiger ist, dass das Essen schmeckt. Denn wenn du am Essen keinen Spaß hast, dann passiert mit deiner Ernährung auch nicht viel, es kommt zur Stagnation und das ist das Schlimmste für deinen Körper. Ich bin keiner von diesen Gesundbeter-Typen, sondern einer, der den Leuten versucht rüberzubringen, was so ein normaler Mensch verstehen kann. Diese ganzen Müslifresser-Klischees brauche ich nicht. Ich sehe das im Beruf genau wie mit der Band: Entweder du bringst es, oder du bringst es nicht! Du kannst ja erzählen, was du willst, doch sobald du ein Stück spielst, wissen alle, ob du es bringst.

Und wie bist du zu diesem Beruf gekommen?

Ich hatte den Mut, mir anzusehen, was ich bislang so gemacht habe, und dann einfach den Weg zu gehen, der für mich gefühlt der richtige ist – auch wenn mich alle für bescheuert erklärt. Und ich bin auf die Füße gefallen, weil ich an das geglaubt habe, was ich mache.

Dein früherer Bandkollege Tobias Brink, der bei NICHTS Schlagzeug spielte, ist ebenfalls im medizinischen Bereich tätig: Der studierte Medizin.

Der ist wohl Psychiater, aber den habe ich ewig nicht gesehen. Ich weiß auch nicht, wo der lebt, von daher weiß der wohl auch nicht, dass es die Band wieder gebt. Wir zwei waren der Kern der Band, er war sehr musikbegeistert, von ihm ging viel Energie aus, er wollte das unbedingt. Hätte ich irgendeinen Kontakt zu ihm, hätte ich ihn gefragt. Genauso wie Andrea Mothes, die Sängerin: Kein Kontakt! Irgendjemand erzählte mir neulich, dass die in der Nähe von Frankfurt lebt, aber mehr weiß ich nicht. Wir hatten ewig keinen Kontakt, seit über 20 Jahren, und im Internet habe ich natürlich auch mal geschaut, man kann da ja angeblich jeden finden, aber null, nichts. Von Chris Scarbeck weiß ich allerdings, dass er in Texas lebt.

Wie kommt es, dass man sich so aus den Augen verliert, wenn man doch ein paar Jahre so eng war?

Das ist schwer zu verstehen, habe ich aber bei vielen Punkrockern erlebt: Da hat man eine Phase so intensiv gelebt, und dann ist man da komplett raus. Da kommt der Break, da ist dann nur noch Familie oder so, und so sind dann manche Leute wie von diesem Planeten verschwunden. Tobias und ich waren ja sechs, sieben Jahre unzertrennlich, hatten in Paris zusammen die Band G.I. JOE, und dann sagte er von einem Tag auf den anderen, er gehe jetzt Medizin studieren. Dann traf ich ihn hier und da nochmal in der Altstadt, doch seitdem war’s das. Er hat sich auch nie bei mir gemeldet, auch nicht, als ich über seinen Bruder mal Grüße ausrichten ließ. Manche Leute brechen einfach völlig mit ihrem alten Leben, das ist unglaublich.

Nun ist bei Reunions – jemand wie Tom, der beruflich Touren bucht, weiß das genau – die erste Frage seitens der Veranstalter immer, wie viele Leute noch von der Originalbesetzung dabei sind. Da ist die Bilanz bei NICHTS eher mies, du bist der einzige.

Bei uns lief das eben anders, und es geht ja nicht um die Kohle, ich brauche das Geld nicht, sondern bin einfach geil darauf, auf der Bühne zu stehen und Spaß zu haben.

Okay, dann zum nächsten „Problem“: Wer sich NICHTS heute anschaut, will die Lieder von damals hören, im Sound von damals, und keine neuen Lieder oder einen neuen Sound.

Also wenn es nur darauf rausliefe, die alten Stücke zu spielen, dann würden wir das nicht machen. Nur die alten Lieder nachzuspielen, das ist mir zu langweilig. Und so habe ich mich auch von den beiden Jungs getrennt, mit denen ich die Neuauflage zuerst gemacht habe. Eine Legende, auch wenn es nur eine kleine ist, lasse ich sehr gerne ruhen, denn mich selbst nach dreißig Jahren nochmal in die Scheiße zu reiten, das brauche ich nicht. Ich denke, man hört auch heute noch meine Gitarre ganz deutlich heraus, das ist wichtig. Der harte, knallige Telecaster-Sound ist mein Markenzeichen, das macht mir am meisten Spaß, und ich kann ja auch nichts anderes.

Dann werden ja bald ein paar mehr Leute beurteilen können, ob sich NICHTS besser schlagen als KFC, deren Auftritt ja schrecklich war.

KFC sind eine Punk-Legende, und nur ein völlig Hirnamputierter wird irgendwas tun, um das zu beschmutzen. Genau so sehe ich das, und genau so ist das auch mit NICHTS! Deshalb: Du könntest mir eher den Schwanz abschneiden, als dass ich bei einem Konzert mit einer Scheiß-Combo aufschlage. Das ist eine Frage des Ehrgefühls, denn ich bin auch heute noch verdammt stolz auf meine Bands. Warum sollte ich mich da dreißig Jahre später selbst ins Knie ficken? Ich habe einen hohen Anspruch, und deshalb habe ich mich auch vor dem ersten Konzert der Reunion mit zwei guten Freunden überworfen, weil die es nicht gebracht haben.

Nach NICHTS ging das Musikerleben für dich weiter: Nachdem ich damals bei Formel Eins das Video zu „All that I wanted“ von BELFEGORE gesehen hatte, ging ich am nächsten Tag in den Laden und kaufte mir das Album. Die Verbindung zu KFC und NICHTS wurde mir erst viele Jahre später klar, denn vom Sound her war das erneut ein harter Bruch: Keine Frau als Sängerin, düsterer Goth-Rock mit KILLING JOKE-Touch war da angesagt.

Ich habe mich sehr lange für den Sound von NICHTS geschämt, das ging bis in die jüngere Vergangenheit so, als mir ein paar Leute sagten, dass sie das geil finden, was ich damals machte. Und so wollte ich nach NICHTS einen ganz anderen Sound machen, so richtig düster und cool, und das passt auch zu meinem Gemütszustand, denn meine Schwester starb damals an einer Überdosis. Ich war und bin einer der größten KILLING JOKE-Fans, und so machte ich die erste LP, mit ein paar echt verkifften Musikern. Wir schafften es gerade so, die Aufnahmen hinzubekommen, und das war dann 1983 das erste Album „A Dog Is Born“ auf Pure Freude. Es gab dazu dann recht gute Besprechungen, auch international, und es folgte eine Mini-LP namens „Nacht in Sodom“, die auch in London ein kleiner Clubhit war. In der Folge bekamen wir zwei Anrufe, zum einen von Rust Egan, der auch mal bei VISAGE war und sich viel mit so Management-Sachen beschäftigte, zum anderen vom Manager von THE CURE, die uns interessant fanden und uns kennen lernen wollte. Parallel dazu kamen wir mit dem legendären Conny Plank in Kontakt, der uns produzieren wollte, und dann ging alles ruckzuck und wir hatten eine LP fertig. Über den THE CURE-Manager kam dann der Kontakt zu einem US-Produzenten Mitchell Krasnow – der Sohn von Bob Krasnow – zustande, das war so richtig Big Business, und plötzlich hatte ich Schiss, dass ich nicht gut genug bin für einen Deal in den USA. Also haben wir noch ganz schnell drei weitere Stücke zusammengezimmert, und eines davon war „All that I wanted“. Wir hatten da gerade einen Rockpalast-Auftritt, und irgendwie schafften wir es, deren Aufnahme-Mobil zu unserem Proberaum zu lotsen, so dass wir damit kurzfristig für den US-Deal und unsere Tour „All that I wanted“ dort aufnehmen konnten. Conny Plank hat das gemischt, und so kam diese LP zustande. Den Deal über 175.000 Dollar hatten wir aber vorher schon sicher, ohne den Hit „All that I wanted“! Und plötzlich waren wir in den USA richtig angesagt, was wohl an dieser Verbindung aus Metal, Gothic, Elektronik und der Herkunft aus Deutschland lag.

BELFEGORE wurden Ende 1982 gegründet, 1984 kam die LP „Belfegore“, ihr wart in den USA mit HANOI ROCKS unterwegs und in Deutschland mit U2, doch schon nach drei Jahren war im Frühjahr 1985 wieder Schluss. Was ist heute geblieben von deinem musikalischen Output, was ist heute noch zu haben, von Bootlegs mal abgesehen?

Nichts! Hahahaha! Es gibt immer wieder mal Anfragen, aber bislang ist da nie was draus geworden. Die Rechte an den Sachen liegen bei uns, bei mir. Es gibt aber schon ein paar Ideen, was man so machen könnte ...

Worauf wartest du dann?

Ich habe da keinen Bock drauf. Die Vergangenheit ist, wie sie ist, und da das alles so rar und anders und authentisch ist, ist es eigentlich geil. Wenn es das nicht mehr hätte, wäre das alles „down the drain“. Deshalb soll das mit der NICHTS-Reunion, die ja keine ist, auch nach vorne gehen, nicht zurück. Aus diesem NICHTS-Ding jetzt noch irgendwie Kohle rausholen zu wollen, das wäre doch Scheiße. Es gibt aber durchaus Reunions, die ich cool finde, etwa THE CULT, GODFATHERS oder WIRE. WIRE, die sind unfassbar gut, immer noch!

Wir hätten von dir gerne ein Statement zur Tatsache, dass einst die BÖHSEN ONKELZ mit dem Cover von „Kneipenterroristen“ klar das von dir gezeichnete Cover der ersten NICHTS-LP „Made in Eile“ kopierten, um nicht zu sagen klauten.

Ich denke schon, dass NICHTS den BÖHSEN ONKELZ damals geläufig sein mussten. Mit denen habe ich mich aber nie so recht beschäftigt, denn alles, was in diese Richtung ging, fand ich früher indiskutabel. Gut fand ich, dass die irgendwann die Kurve gekriegt haben, aber die hätten schon etwas besser dazu stehen können, nach dem Motto: „Wir waren mal nazimäßig drauf, aber wir machen das jetzt lockerer.“ Das wäre doch viel cooler gewesen. Und was mein Cover betrifft, meine Musik: Ich weiß doch auch nicht, wo ich selbst geklaut habe. Als ich „Tango 2000“ schrieb, war mir die Ähnlichkeit zu „A forest“ von THE CURE gar nicht bewusst. Ich habe so was also nie so eng gesehen, habe selbst bei RUTS, KILLING JOKE und SKIDS geklaut. Und ich freue mich auch, dass Kuddel von den TOTEN HOSEN so manches gespielt hat, wo ich mir dachte, ha, den habe ich ja wohl irgendwie beeindruckt und beeinflusst.

Zum Schluss muss die Frage kommen, was du dir damals bei „Ein deutsches Lied“ gedacht hast. Der Text geht so: „Deutsch sein, niemandem sagen, nur Angst vor Fragen, Scham für mein Land. Stolz sein, ist mir verboten, ich bin hier geboren, mich trifft keine Schuld. Ich sing ein deutsches Lied, ich sing ein deutsches Lied, und will es keiner hören, ich sing ein deutsches Lied.“ Das konnte man schon komplett falsch verstehen ...

Tja mein Lieber, hhmmm, wie soll ich dir das erklären, es ist eigentlich ganz selbstverständlich ... Die Neue Deutsche Welle, die ja erst, lange nachdem IDEAL, FEHLFARBEN und dann NICHTS einige bescheidene frühe Charterfolge hingekriegt hatten, so genannt wurde, war der Anfangspunkt einer Entwicklung, in der die deutsche Sprache als fester Bestandteil „angesagter“ Gesellschaftskultur oder noch genauer der Jugend- beziehungsweise Gegenkultur erstmals seit der Nazi-Zeit etabliert werden konnte. Die Nachkriegszeit mit ihrer sagen wir mal APO-politisierten Protestsong-Romantik und dann die Hippie-Flower-Power-Anglizismen endeten erst mit der NDW. Auch wenn die wenigsten sich noch daran erinnern können: bis circa 1980 war deutsche Sprache als Musiksprache extrem „uncool“, schlagerbelastet und quasi ein Relikt aus alten Zeiten. Das hieß im Klartext: Du singst deutsch, also bist du Nazi-Opa, Vollidiot oder Punk: Und die wurden bis zu diesem Zeitpunkt, da es ja noch keine NDW gab, alle verachtet von der normalen Gesellschaft und vor allem von den Kids. Und vor diesem Hintergrund kam dann dieses Statement, das sehr einfach, unbedarft, ja fast etwas naiv war. Was nun die spätere Aufmerksamkeit für diesen Song anbelangt, wie der ins extreme Gegenteil verdreht wurde, ich frage dich, kann ich das gewollt haben? Du kennst mich ja ein bisschen, das ist doch höchstens ein schlechter Witz, oder?

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #87 (Dezember 2009/Januar 2010)

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RED LONDON sind Ikonen der britischen Oi!-/ Streetpunk-Szene. Sie gründeten sich 1981 in Sunderland in Nordost-England und sind beeinflusst von frühen Punkbands wie The Clash, Chelsea, The Ruts, Stiff Little Fingers, Angelic Upstarts, und The Ja ... mehr