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Interviews & Artikel

SICK OF IT ALL

Ein Blick zurück

Lou Koller ist einer dieser Typen, mit denen man sich ewig unterhalten könnte. Nicht nur, dass 25 Jahre SICK OF IT ALL-Bandgeschichte eine ganze Menge Eindrücke und Erfahrungen bei dem Mittvierziger hinterlassen haben. Als Mitbegründer und Sänger eben jener Band war Koller Mitte der Achtziger auch entscheidend an der Entstehung der New Yorker Hardcore-Szene beteiligt und trug mit SICK OF IT ALL einen großen Teil dazu bei, dass New York Hardcore überhaupt ein eigener Musikstil wurde. Seitdem hat sich, natürlich, eine Menge verändert. Auf der persönlichen Ebene ist Koller, wie er selbst sagt, sehr viel ruhiger geworden. Er erzählt davon, dass er gelernt hat, seine Wut zu kontrollieren, und dass er heute bei weitem nicht mehr so eine überdrehte Person ist, wie er es in den Anfangstagen des NYHC Mitte der Achtziger war. Auf der musikalischen Ebene sind die Änderungen der letzten Jahre so zahlreich wie mannigfaltig. Die New Yorker Szene wurde, so betont Koller, Anfang der Neunziger von Gangsta-Rap infiltriert und dadurch erst zu dem gewalttätigen Mob, mit dem diese heute zuweilen assoziiert wird. Darüber hinaus mutierte der Metalcore, den SICK OF IT ALL, AGNOSTIC FRONT, MADBALL und andere mit metallischen Alben in den Achtzigern mitbegründet hatten, zu einem eigenen Genre, das heute nur noch begrenzt Bezug zum Hardcore hat. Ganz zu schweigen davon, dass SICK OF IT ALL mitverantwortlich für die Erfolge von KORN, AFI und RISE AGAINST sind, denn die New Yorker buchten alle drei für Supportslots, die für deren Karrieren entscheidend waren und somit auch den Grundstein dafür legten, dass diese Bands SICK OF IT ALLs kommerziellen Erfolg in der Folge spielend in den Schatten stellten.

Lou Kollers erwähnte Attitüde, seine Ruhe, macht es sehr spannend, genau diese Entwicklungen mit ihm zu reflektieren. Dass SICK OF IT ALL im April sogar als Supportband für AFI auftreten, sieht er als Ehrensache unter Freunden an. Und auch die anderen Entwicklungslinien des Hardcore sieht er aus einer sehr reflektierten, mitunter überraschend nüchternen Perspektive. Diese Reflektionsfähigkeit und diesen Weitblick erwartet man nicht unbedingt von Bands, die Metalcore mitbegründet haben. Schließlich assoziiert man dieses Genre in aller Regel mit polterndem Raufboldentum, Violent Dancing und weiteren merkwürdigen Ritualen. Dass Lou Koller und seine Bandkollegen heute sehr angenehme Gesprächspartner sind, denen man die Rauheit der New Yorker Szene kaum anmerkt, liegt unter anderem daran, dass SICK OF IT ALL die Wendung des Hardcore gen Metal nicht komplett mitvollzogen haben. Denn als sich die Hardcore-Szene Mitte der Neunziger immer weiter gen Metal öffnete, wandten sich SICK OF IT ALL eher Punk-orientierten Releases zu. Gleichzeitig fiel es genau in diese Zeit, dass Lou Koller selbst ruhiger und SICK OF IT ALL zu einer Band wurde, die gesitteter auftrat und reflektiertere Texte schrieb. Seine Bandkollegen und er, so gesteht Koller ein, wurden damals langsam erwachsen. Ihnen wurde bewusst, was SICK OF IT ALL genau ausmacht, und dass die Band nicht jeden Trend mitmachen muss. Diese Dinge sind der interessanteste Gesprächsstoff für ein Interview mit dem Sänger von SICK OF IT ALL, deren neuntes Album „Based On A True Story“ am 23. April erscheint.

Lou, „A month of sundays“, ein Song von „Based On A True Story“, erzählt von der New Yorker Hardcore-Szene der 80er und frühen 90er Jahre. Damals fanden sonntäglich Matinee-Konzerte im CBGB’s statt, die die New Yorker Community nachhaltig prägten und die im Songtitel für eure Huldigung dieser Jahre stehen. Die Hardcore-Szene, die um die Matinee-Shows herum entstand, unterschied sich sehr stark von der kalifornischen Szene. Die Punk- und Hardcore-Community in New York war von Anfang an viel rauher und ungehobelter als dies an der Westküste üblich war. Kannst du dir diesen Unterschied erklären?

Dafür gibt es einige Gründe. Der Wichtigste ist, dass in Westküstenstädten wie San Diego, Anaheim, Huntington Beach, L.A. und San Francisco deutlich mehr wohlhabende Menschen leben als an der Ostküste. Das liegt an dem warmen Klima in Kalifornien, das zu einer hohen Grundstücksnachfrage führt. Sie lässt die Mieten und die Grundstückspreise steigen, weswegen es sich nur noch recht gut betuchte Menschen leisten können, dort zu wohnen. Sie haben in der Regel genug Geld, um ihren Kids eine gute Ausbildung zu bezahlen und ihnen eine behütete Kindheit zu ermöglichen. Einige dieser Kids stoßen dann über kurz oder lang zur Punk- und Hardcore-Szene, die selbst aus Kids besteht, die behütet aufgewachsen sind und sich um wenige Dinge Sorgen machen müssen. Entsprechend geht es in Kalifornien halbwegs gesittet zu – Gewalt oder Armut sind keine großen Themen in der Szene und waren dies auch in den Anfangstagen nicht. Ich will auch gar nicht dagegen reden, dass es an der Westküste etwas zahmer zugeht – das ist völlig in Ordnung. Man muss eben nur verstehen, wo dieses Erscheinungsbild der Szene herkommt. New York ist im Gegensatz dazu aber eine ganz andere Geschichte. Hier leben sehr viel weniger wohlhabende Menschen. Entsprechend leben hier viele Kids in ärmsten Verhältnissen beziehungsweise wachsen von klein an auf der Straße auf. So formte sich auch die New Yorker Hardcore-Szene in den Achtzigern zum größten Teil aus Kids, die von der Straße und aus den Slums kamen. Sie hatten wirklich existentielle Sorgen und Ängste und wurden immer wieder mit der Gewalt auf den Straßen konfrontiert. Deswegen entwickelte sich die New Yorker Szene zu einer sehr rauhen Szene, die in den Neunzigern leider auch sehr gewalttätig wurde. Neben diesen sozialen Faktoren musst du auch bedenken, dass die Bands, die New York Hardcore vor 25 Jahren überhaupt erst erfanden und somit auch für das Erscheinungsbild der Szene entscheidend waren, meistens junge bis sehr junge Mitglieder hatten, ein Alter, in dem Abgrenzung und die Bildung einer eigenen Identität sehr wichtig sind. Dies befeuerte unseren Willen dazu, die New Yorker Szene von allen anderen Ständen abzugrenzen, enorm. Deswegen haben wir unsere eigene Herkunft in den Anfangstagen so stark betont und Wert darauf gelegt, dass wir New York Hardcore und nicht einfach Hardcore spielen. Dieses Label entwickelte dann eine Eigendynamik, so dass daraus ein eigener Stil wurde.

Interessant, dass du von einer Abgrenzung gegenüber allen anderen Städten sprichst, ich zu Beginn aber nur nach Kalifornien fragte.

Richtig, ich wollte gerade sagen, dass du nicht vergessen darfst, dass sich die New Yorker Szene nicht nur gegenüber Kalifornien abgrenzte. Wir zogen auch eine Linie zwischen den Leuten aus Washington D.C. oder aus Boston und uns. Das hatte nichts damit zu tun, dass man irgendwas gegen die Leute gehabt hätte. Es ging einfach darum, dass die New-York-Szene „die“ New-York-Szene sein sollte und nicht bloß ein Teil der gesamten Szene an der Ostküste. Das ist meines Erachtens ein wichtiger Aspekt. Denn die Szene in Washington war immer schon sehr experimentell und intellektuell, man denke nur an Bands wie BEEFEATER, die Metal und Funk gemischt haben. In Boston ging es dagegen von vornherein um Hardcore-Punk ohne irgendwelche Spielereien. New York war gewissermaßen eine Mischung aus beidem. Denn von der Sache her war die New Yorker Szene, ähnlich wie die Bostoner, einfach eine Punk-Szene, in der sich allerlei arme und obdachlose Kids trafen, die in den Slums lebten. Musikalisch waren wir aber offen für allerlei andere Stile, haben von Anfang an HipHop- und Metal-Einflüsse im Hardcore zugelassen, was wiederum eher eine Parallele zu D.C. war.

Lass uns über diese Offenheit gegenüber HipHop sprechen. Eine Zeit lang gab es diverse Kollaborationen zwischen SICK OF IT ALL und HipHop-Acts. Die bekannteste ist der Song „Survival of the fittest“, den ihr mit MOBB DEEP gemacht habt.

Das ergab sich aus dem sehr kollegialen Verhältnis, das die Hardcore- und die HipHop-Szene früher pflegten. Die damalige HipHop-Szene teilte viele der Ideale der Hardcore-Szene. Die Leute arbeiteten nämlich auch sehr D.I.Y.-basiert, sie veranstalteten Shows und brachten ihre Tapes auf kleinen Labels raus. So ergaben sich auch einige gemeinsame Touren von Hardcore und HipHop-Bands. Wir waren beispielsweise als Support von BOOGIE DOWN PRODUCTIONS auf Tour. Und ich weiß noch, wie KRS-One damals zu mir kam und mir dankte, dass wir so viele Hardcore-Kids auf sein HipHop-Konzert gebracht hatten, die nicht gekommen wären, wenn wir nicht Support gewesen wären. Denn das Schöne an dieser Zeit war, dass die Hardcore-Leute und die HipHop-Kids einfach Spaß zusammen haben konnten, weil sie sich gegenseitig respektierten. In diesem Klima kam es schließlich zu einem kleinen Konflikt zwischen uns und MOBB DEEP. Sie hatten das Album „Hell On Earth“ aufgenommen und bewarben es mit einem Poster, auf dem der SICK OF IT ALL-Drache abgedruckt war. Als wir das mitbekamen sind wir zu ihnen hin, um das ganz entspannt zu klären. Und nach kurzem Hin und Her hatten wir die Sache geregelt. Im Anschluss daran fragten sie uns, ob wir nicht einen Song mit ihnen machen könnten, um die Sache ganz zu bereinigen. So kam es zu „Survival of the fittest“.

Existiert dieses kollegiale Verhältnis noch?

Nein, Gangsta-Rap hat es zerstört – was mich richtig wütend macht. Ich sagte ja eben, dass die New Yorker Szene Anfang der Neunziger leider sehr gewalttätig wurde. Meiner Meinung nach hing diese Entwicklung unmittelbar damit zusammen, dass die Hardcore-Kids auf einmal begannen, Gangsta-Rap zu hören. Dieser hatte nichts mehr mit dem pfiffigen Underground-Rap zu tun, den wir von unseren Touren mit BOOGIE DOWN PRODUCTIONS oder dem Song mit MOBB DEEP kannten, sondern Gangsta-Rap war beziehungsweise ist gewaltverherrlichend. Bevor diese Art von Rap in der Szene beliebter wurde, war die New Yorker Szene zwar eine rauhe Szene voller armer Leute, Gewalt spielte aber eigentlich keine große Rolle. Im Gegenteil, die Szene war sehr offen, und Punks, Gothics und Hardcore-Fans hingen zusammen rum. Als Gangsta-Rap dann populär wurde, nahmen die Kids diese ganzen gewaltverherrlichenden Texte ernst und wurden dank ihnen zu Schlägern, wodurch die Atmosphäre in der Szene immer unangenehmer wurde. Die Leute schlugen bei den Konzerten aufeinander ein; es war die Geburtsstunde des Violent Dancing – mit fatalen Konsequenzen: Kleine Clubs konnten auf einmal keine Shows mehr veranstalten, weil die Leute die Läden zerschlugen und sich die Clubs keine Security leisten konnten. Entsprechend gab es im CBGB’s eine ganze Weile gar keine Konzerte. Damals gehörten wir zu den wenigen Bands, die überhaupt auftreten konnten, weil wir recht bekannt waren und deswegen in größere Clubs gebucht wurden. Sie mussten für unsere Shows aber sehr viel Security einsetzen, Barrikaden errichten, um so zu versuchen, die Gewalt irgendwie in den Griff zu bekommen. Das nervte aber auch total, weil solche Shows und die Gewalt nichts mehr mit Hardcore zu tun haben.

Moment – SICK OF IT ALL gelten als Erfinder der „Wall of Death“ und „Braveheart“, ein weiterer Song eures neuen Albums, beginnt mit dem Drum-Intro, das ihr live immer spielt, wenn ihr das Publikum zur „Wall of Death“ auffordert. Wie passt das mit deiner Ablehnung von Gewalt zusammen?

Ich sehe diese „Wall of Death“-Geschichte mit gemischten Gefühlen. Und ehrlich gesagt, habe ich schon oft überlegt, sie einfach sein zu lassen, denn erstens impliziert der Ausdruck „Wall of Death“ sinnlose Gewalt, zweitens habe ich jedes Mal wahnsinnige Angst, dass etwas passiert. Entsprechend habe ich auch keine gute Erklärung dafür, dass wir das nach wie vor bei fast jeder Show machen. Ich kann mich nur damit rechtfertigen, dass sie bei SICK OF IT ALL-Shows mittlerweile derart institutionalisiert ist, dass Fans sie immer fordern – insbesondere europäische. Ich habe sogar mal ein Mädchen getroffen, dass sich ein Jahr zuvor bei einer unserer „Walls of Death“ das Bein gebrochen hatte. Als sie mir das erzählte, erschrak ich wie nie zuvor. Sie blieb allerdings gelassen und sagte, dass sie das Konzept verstehen würde und deswegen recht entspannt sei.

Wie du zu Beginn erwähntest, gab es in der New Yorker Szene neben der Öffnung zum HipHop auch eine zum Metal. Aus ihr ergab sich mit Metalcore ein eigener Substil von Hardcore, den ihr, AGNOSTIC FRONT, MADBALL und die CRO-MAGS durch metallische Releases in den Achtzigern mitbegründet habt und der kommerziell heute weit erfolgreicher ist als Hardcore. Allerdings spielen viele Bands, die heute als Metalcore bezeichnet werden, puren Metal und haben wenig zu tun mit jedweden Hardcore-Wurzeln.

Anfangs habe ich mich darüber aufgeregt, mittlerweile lässt es mich aber kalt, weil ich das alles nicht mehr an mich ran lasse. Das liegt an zweierlei: Erstens ist diese Entwicklung nicht neu. Sie kam bereits in den Neunzigern auf, als Metal-lastige Hardcore-Bands wie SNAPCASE, STRIFE und EARTH CRISIS bekannt wurden. Schon damals hast du bei ihren Shows haufenweise Kids getroffen, denen Hardcore nichts bedeutete. Wenn du sie fragtest, was ihre Lieblingsband sei, war die Antwort meistens PANTERA. Zweitens mögen ja einige Metalcore-Bands de facto Metal-Bands sein, wie du sagst, unter diesen Bands sind jedoch viele, denen Hardcore auf der ideologischen Ebene sehr wichtig ist. Nimm Bands wie HIMSA oder BLEEDING THROUGH, von denen ich ganz genau weiß, dass ihnen SICK OF IT ALL und andere sehr wichtig sind. Oder den Sänger von AVENGED SEVENFOLD, der den Textauszug „One life, one chance“ von H2O auf die Brust tätowiert hat. Allein wegen dieser Dinge darf man den Trend zum Metalcore weder als ganz neu noch als ganz schlecht verstehen. Darüber hinaus muss man das alles auch mal in einem realistischen Kontext betrachten. Viele der Hardcore-Bands, die sich – wie wir – in den frühen Tagen der New Yorker Szene gründeten, sind heute ziemlich alt und sie spielen einen Sound, den die Kids schon seit Jahren kennen. Bands wie PARKWAY DRIVE oder BRING ME THE HORIZON sind demgegenüber neu, denn ihren Metal gab es in dieser Form vorher nicht in der Hardcore-Szene. Von daher ist es ganz natürlich, dass die Kids sie erst einmal interessanter finden als uns und sie deswegen einen größeren Erfolg haben als wir oder andere, alte Hardcore-Bands. Was wir gerade beobachten, ist meiner Meinung nach ein Generationenwechsel, also etwas ganz Natürliches und nichts, worüber man sich aufregen müsste.

Es gibt sehr wenige Bands, die so eine nüchterne Perspektive auf sich selber haben.

Stimmt, aber was ist daran schlimm? Du musst einfach verstehen, welche Position du in der Welt einnimmst und welche Erwartungen du dementsprechend an die Welt haben kannst. Ich musste das auch erst lernen und dieser Lernprozess war nicht leicht. Er begann Mitte der Neunziger und „Scratch The Surface“ kam gerade raus. Damals wurden wir gefragt, ob wir nicht eine Band aus Bakerfield, Kalifornien mit auf Tour nehmen würden. Diese Band war KORN und wir nahmen sie mit – als Support. Und dann wuchsen KORN auf einmal wie verrückt – sie waren auf MTV, in Film-Soundtracks und die ganzen Medien interessierten sich gar nicht mehr für SICK OF IT ALL, sondern für KORN. Das machte mich verrückt; meine Band nimmt diese Jungs mit und nun haben sie auf einmal viel größeren Erfolg als wir – warum?! Ich sprach mit einigen Leuten darüber, was da los sei, und es war schnell klar, dass KORNs Management und ihre Plattenfirma mächtig in die Band investierten und sie in die Medien und die Soundtracks einkauften. Für uns kam so etwas nie in Frage, weil wir dieses Geld einfach nicht hatten. Es war ein harter Moment, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ein Mangel an Geld den Aufstieg deiner Band behindert. Ich wurde wütend, schließlich holte mich aber Pete wieder runter und brachte mir bei, dass du so etwas nicht an dich ranlassen darfst, sonst kannst du keinen klaren Gedanken mehr fassen. Damals akzeptierte ich, dass SICK OF IT ALL einfach nicht für große Erfolge gemacht sind. Im Gegenteil, wir sind eine Band mit einer konstanten Fanbasis, haben aber auch verstanden, dass wir keine großen Hits landen oder neue Trends auslösen werden. Damit will ich sagen, man muss verstehen, dass sich die Welt um dich herum verändert und du deine Position in dieser sich wandelnden Welt finden musst. Sei es nun der Erfolg von KORN oder gegenwärtig der Aufstieg des Metalcore – beide Phänomene sind der beste Beweis dafür, dass sich auch Hardcore ändert. Und damit musst du leben.

Was du als Veränderung beschreibst, brachte Steven Blush in „American Hardcore“ schlicht auf die Formel „Hardcore is dead“.

Völliger Blödsinn! Hardcore wird dank AGNOSTIC FRONT, MADBALL, uns und ein paar anderen auf der ganzen Welt gehört. Allerdings muss man zur Verteidigung von Blush sagen, dass er das Statement „Hardcore is dead“ nicht so gemeint hat. Ich fand das heraus, als ich bei einer seiner Lesungen in New York war. Pete, Tim von ENSIGN und ich gingen dorthin, weil wir mehrere Kritikpunkte an dem Buch hatten. Einerseits vernachlässigt Blush darin die Bands von der Ostküste sträflich. In „American Hardcore“ geht es ja eigentlich nur um kalifornische Bands der frühen Achtziger. Allerdings gab es zu dieser Zeit auch in New York sehr wichtige Bands, REAGAN YOUTH zum Beispiel, die in dem Buch gar nicht beachtet werden. Andererseits störte mich die Aussage „Hardcore is dead“ gewaltig. Deswegen wollten Pete, Tim und ich Steven Blush bei der Lesung fragen, warum er dieser Auffassung war. Bezeichnend war dann, dass er uns im Publikum sah und sofort auf stur schaltete: Er sagte es spontan ab, nach der Lesung noch Fragen des Publikums zu beantworten, und wollte schnell verschwinden. Wir nervten ihn aber solange, bis er dazu Stellung bezog und sagte, dass Hardcore nur für ihn tot sei und nicht Hardcore per se. Damit kann ich leben, er ist halt Journalist und hat andere Dinge gefunden, die ihn interessieren. Allerdings hätte er das auch bei „American Hardcore“ klarer ausdrücken und nicht einfach „Hardcore is dead“ schreiben sollen.

Du hast den Wandel in der Hardcore-Szene als einen Generationenwechsel beschrieben. Dein Sohn ist heute 17 Jahre alt, hast du jemals versucht, ihn von deinem Hardcore-Verständnis zu überzeugen, ihn für die alte Generation zu begeistern?

Nein, das wäre ein sehr großer Fehler gewesen. Es ist doch bekannt, dass Kinder das ablehnen, was ihre Eltern ihnen eintrichtern wollen. Folglich war mir klar, dass ich genau diese Ablehnung provozieren könnte, würde ich versuchen, ihm Hardcore näher zu bringen. Deswegen entschied ich mich dagegen, auch nur den kleinsten Überzeugungsversuch zu starten. Ich lebte natürlich weiter mein Leben, ging zu Shows und mit SICK OF IT ALL auf Tour. Zuerst fand er das komisch; zumindest scherte er sich lange nicht um Hardcore, aber mit 13 stand er total auf Handy-Klingeltöne. Das fand ich wiederum komisch, wollte ihn aber nicht nerven. Und – siehe da – als er älter wurde, interessierte er sich von ganz alleine für die Musik, die ich auch gerne mag: RANCID und THE CLASH sind heute zwei seiner Lieblingsbands, was mich natürlich freut.

Vor einiger Zeit sagtest du, dass du Manager einer Band werden möchtest, wenn sich SICK OF IT ALL auflösen. Was macht einen guten Manager aus?

Ein guter Manager muss sich in der Branche auskennen und alles für seine Band tun. Gute Branchenkenntnis ist immens wichtig, denn durch die Digitalisierung des Musikvertriebes ist es noch komplexer und schwieriger geworden, den Gewinn für deine Band zu maximieren und nicht von irgendwelchen Leuten oder Labels betrogen zu werden.

Seid ihr betrogen worden?

Klar. Relativity Records, unser erstes Label, schloss seinerzeit einen Vertrag über sieben Alben mit uns ab. Es war total wahnsinnig, dass wir das überhaupt gemacht haben, aber wir waren damals jung und, nun ja, ziemlich dumm. Jedenfalls machten wir zwei Alben auf Relativity, die das Label weder vernünftig promotet noch SICK OF IT ALL irgendwie anders unterstützt hat. Im Gegenteil, wir haben die Promotion beider Alben selbst gemacht, Touren selbst finanziert und so weiter. Kurzum: Relativity hat an uns verdient, aber nichts in uns investiert, weswegen wir unbedingt von ihnen weg wollten. Es war eine glückliche Fügung, dass wir nach diesen beiden Alben recht bekannt waren und einige Labels Interesse an uns zeigten. Relativity war auch bereit, uns für 20.000 Dollar an ein interessiertes Label zu verkaufen. Wir einigten uns dann mit EastWest/Warner, die uns aus dem Vertrag kaufen sollten. Die Reaktion von Relativity war, dass es nun 200.000 Dollar kosten würde, SICK OF IT ALL zu signen. Das fand ich extrem dreist, denn Relativity hatte nichts für uns getan und nun strichen sie sehr viel Geld für die Arbeit ein, die wir selbst gemacht hatten. Seitdem bin ich der Meinung, dass sich jede Band einen guten Anwalt nehmen muss, der unabhängig ist, der also nicht vom Label vorgeschlagen wird, und der alle Verträge genau prüft. Ob Indie oder Major, du musst als Band wirklich extrem aufpassen.

 


SICK OF IT ALL „are a real band and that is ultimately important. People want to be a part of something that speaks truth and that has been the secret to AGNOSTIC FRONTs longevity as well as SICK OF IT ALL and MADBALL!“ – Roger Miret kam richtig ins Schwärmen, als wir ihn baten, anlässlich unserer SICK OF IT ALL-Story doch ein, zwei Worte zu seinen New Yorker Buddies zu sagen. Ebenso ließ sich sein kleiner Bruder Freddy Cricien, Sänger von MADBALL, nicht lange bitten, SICK OF IT ALL zu beschreiben. Per E-Mail schickte er diese brüderlichen Worte: „SICK OF IT ALL sind eine der wichtigsten Bands aus New York. Sie sind sehr einflussreich, eine absolut geniale Live-Bnd und vor allem: eine langlebige Band“. Beide Urteile sind kaum verwunderlich, schließlich gibt es SICK OF IT ALL in der heutigen Besetzung seit 25 Jahren. Armand Majidi (Drums) und Craig Setari (Bass) gründeten die Band Mitte der Achtziger in New York und gewannen kurz darauf die Brüder Pete (Gitarre) und Lou Koller (Gesang) für die Band. Nachdem sie mit ihren ersten beiden Alben „Blood, Sweat And No Tears“ (1989) und „Just Look Around“ (1991) den metallischen New York Hardcore prägten (Rereleases beider Alben erscheinen in diesem Frühjahr auf Reflections Records), schnupperten die vier kurz Mainstream-Luft. „Scratch The Surface“ (1994) erschien nämlich auf EastWest/Warner und passte gut zum damals sehr populären Crossover. Die Band wandte sich aber bald von Metal-Einflüssen ab: „Built To Last“ (1997), „Call To Arms“ (1999), „Yours Truly“ (2000) und „Life On The Ropes“ (2003) waren deutlich punkigere Alben, während „Death To Tyrants“ (2006) und auch „Based On A True Story“ (2010), das neueste Album der Band, wieder etwas metallischer sind, jedoch keinesfalls als Metalcore bezeichnet werden sollten. Den globalen Einfluss der Band belegt das Line-up des SICK OF IT ALL Tribute-Samplers „Our Impact Will Be Felt“ (2007), auf dem unter anderem RISE AGAINST, IGNITE, SEPULTURA, HATEBREED und UNEARTH Songs der New Yorker covern.

Lauri Wessel

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #89 (April/Mai 2010)

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