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Interviews & Artikel

PÖBEL & GESOCKS

Oi! Oi! Oi!

BECK’S PISTOLS, PÖBEL & GESOCKS, Ungewollt, Scumfuck, Raumschiff Wucherpreis – wer immer in den letzten 30 Jahren in Deutschland mit Punkrock zu tun hatte, dürfte irgendwann irgendwo auf eine der Aktivitäten des Willi Wucher aus Duisburg bzw. Dinslaken gestoßen sein. Mit seiner Band – der Namenswechsel von BECK’S PISTOLS zu PÖBEL & GESOCKS wurde Anfang der Neunziger von einer gewissen Brauerei angeregt – war er schon immer ein Mann fürs Grobe, für alkoholgeschwängerte Lieder, deren bekanntestes mit dem wundervollen Refrain „Pöbel & Gesocks, Oi! Oi! Oi!“ einer der großen Klassiker des deutschen Punkrocks ist. Willi war schon früh medial präsent, etwa Anfang der Achtziger in den Filmen „No Future“ und „Punk im Pott“. Wie viele andere frühe Punks in den Achtzigern wechselte er zwischenzeitlich ins Skinhead-Lager, um nach kurzer Zeit festzustellen, dass es zuhause doch am Schönsten ist, und so wechselte er erneut das Lager. Seinem ersten Fanzine „Ungewollt“ folgte das legendäre „Scumfuck“, ein klassischer A5er, aber schon recht professionell gemacht, und zuletzt „Raumschiff Wucherpreis“, dessen Nr. 23 aber das vorläufige Ende der Verleger-Karriere des Herrn Wucher darstellte, der übrigens im bürgerlichen Leben einen ganz anderen Nachnamen trägt. Ich nahm das neue P&G-Album „Beck’s Pistols“ zum Anlass, Willi mal ein paar längst überfällige Fragen zu stellen, denn seltsam, aber wahr, in 20 Jahren Ox gab es bislang nie ein Interview mit ihm im Ox.

Willi, wäre ich bei einer Ruhrgebietstageszeitung, würde ich jetzt was von wegen „Urgestein des Revier-Punks“ oder so schreiben. Gib den nach 1985 Geborenen doch mal einen Überblick über dein bisheriges Schaffen. Ich habe als erste öffentliche Nennung deines Namens immer irgendwie dein Auftauchen in der „Punk im Pott“-Doku des WDR aus den frühen Achtzigern im Sinn.

Vielen Dank für die Bezeichnung „Urgestein“ – ich bin froh, dass du kein Ruhrgebietstageszeitungsredakteur geworden bist, sondern „nur“ das Ox machst. Bei Urgestein denke ich nämlich primär an Stein, und Steine bewegen sich bekanntlich nicht, sondern sie liegen blöde, doof und sinnlos irgendwo herum, ohne irgendetwas zu bezwecken. Also halte ich mich selbst weder für einen Stein, auch kein Gestein und erst recht kein Urgestein. Ich selbst bin aber ein Freund des Tun und Handelns, und das eigentlich schon seit sehr langer Zeit. So, und nun komme ich auch schon dazu, die erste Frage zu beantworten: Vor der „Punk im Pott“ Dokumentation im WDR gab es bereits einen ersten Film, der viel besser und professioneller gemacht war. Für Adolf Winkelmanns Filmproduktionen drehten wir seinerzeit zusammen mit Michael Braun den wohl ersten echten, ehrlichen Deutschpunk-Film, der ganz legal an einem herrlichen Sonntagmittag in der ARD lief: „No Future – Kein Bock auf Illusionen“. Das war seinerzeit ein Film über die Punk-Szene hier in Duisburg. In dem Streifen spielte ich die Hauptrolle, ich war sehr groß und dick und immer mit „großer Fresse“ versehen. Diese Rolle war aber nicht nur „gespielt“, denn ich war damals wirklich so und deshalb kam das Filmteam auch auf mich zu. Zusammen mit dem nicht ganz offiziellen Nachfolger „Punk im Pott“ sollen beide Filme in nächster Zeit auf einer so genannten „2 in 1“-DVD neu veröffentlicht werden; dies von der Firma Hans Records, die auch schon unsere „Als die Bilder saufen lernten“-3D-Trilogie-DVD – drei Scheiben mit neun Stunden PÖBEL & GESOCKS für Auge und Ohr – herausbrachte. Ups, ich komme vom Thema ab ...

Also zurück zu deinen Aktivitäten.

Bereits lange davor rannte ich hier in Duisburg als Motivierungskünstler – ohne zu wissen, was das eigentlich ist – durch die Gegend. Ich organisierte jeden ersten Samstag im Monat die damals deutschlandweit bekanntesten Punkertreffen in Duisburg am Bahnhof. Mehr oder weniger waren das übrigens die wahren Vorläufer der später folgenden Chaostage in Hannover, denn auch bei uns ging es damals schon richtig gepflegt mit Bambule und Randale ab. Auch das erste richtig große und fette Deutschpunk-Festival im Duisburger Eschhaus wurde von mir veranstaltet und erstmals traten dort fast alle angesagten deutschen Bands zusammen auf: KFC, IDIOTS, HASS, RAZORS, ARTLESS und viele mehr. Dazu machte ich das seinerzeit wohl auflagenstärkste Punk-Fanzine namens Ungewollt. Außerdem hatte ich im Duisburger Norden eine ganz normale Kneipe aufgetan und für die Punkrock-Szene vereinnahmt, in der sich am Wochenende die komplette Szene aus dem Ruhrpott traf – und ich war der Diskjockey! Das spielte sich von 1978 bis 1981 ab, aber ich kann leider nicht alle meine Aktivitäten von damals aufführen, denn dazu fehlen mir mittlerweile Geist, Hirn und Erinnerungsvermögen. Dummerweise habe ich mich dann so 1981/82 zu sehr in die Skinhead-Ecke verschlagen, das wurde im Laufe der folgenden zwei bis drei Jahre sogar richtig scheiße und ich denke gar nicht mehr gern an diese verschwendete und sinnlose Zeit zurück – aber zum Glück fragst du ja nicht nach solchen Kellerleichen. Puh! Dieser Kelch ging somit an mir vorüber und ich gönne mir einen großen Schluck aus der Bierpulle darauf. Uff, sehr großer Schluck. Rülps.

Nun kennen dich viele wegen deines Fanzines namens Scumfuck Tradition, das in den Neunzigern einflussreich war. Parallel dazu gab es ein Label, einen Laden und auch einen Mailorder. Was ist davon geblieben, was sind deine heutigen Tätigkeiten im Scumfuck/Wucherpreis-Imperium?

Seit meinem Herzinfarkt vor ziemlich genau zwei Jahren ist es deutlich weniger geworden. Der Körper spielt einfach nicht mehr mit und rebelliert, wenn es zu viel Gechecke wird. Bis vor noch nicht allzu langer Zeit kümmerte ich mich um mein Scumfuck-Label, auf dem in unregelmäßigen Abständen mal gute, mal weniger gute und auch mal weniger schlechte Sachen veröffentlicht wurden. Das Label habe ich allerdings komplett eingestellt, ich produziere nichts mehr, weder Singles noch LPs, noch CDs noch sonst was. Ich war zuletzt auch Herausgeber des Fanzines „Raumschiff Wucherpreis“, mit Erscheinen der Nummer 23 war aber auch diese Herrlichkeit vorbei, das Zine gibt’s nicht mehr. Und somit drückte ich einige weitere schwere Steine aus der Umlaufbahn um mein Herz. Ich war sogar stolzer Besitzer eines Platten-, CD- und T-Shirt-Ladens, wodurch zugleich der Mailorder aufblühte, es war ein richtiges Punkrock-Business mit dem Verkauf und/oder Versand von Tonträgern aller Art. Nun, den Laden hab ich auch seit gut einem Jahr aufgekündigt. Den Scumfuck-Mailorder gibt es aber noch; von zu Hause aus bestücke ich meine Kunden nach wie vor mit exklusiven Musiken und Kleidungsstücken, auf denen primär natürlich irgendwas bezüglich PÖBEL & GESOCKS geschrieben steht. Und deshalb funzt die Scumfuck-Website auch noch so hervorragend, da ist alles nach wie vor im Soll und aufgrund der lieben Hilfe einiger guter Freunde sind wir auch stets topmodisch gestaltet, grandios aktuell und stets unnachahmlich informativ. Eine Sache kann ich aber ganz sicher nie abstoßen oder verdrängen oder gar aufgeben: meine Band PÖBEL & GESOCKS.

Nochmal zurück in die Neunziger: Das „Studentenheft“ Ox und das prollige, pubertäre Scumfuck konnten sich nie gut leiden. Was genau hatten oder haben wir überhaupt gegeneinander?

Gegeneinander? Das ist mir so krass ausgedrückt eigentlich nie bewusst gewesen. Du sagst ja selbst, dass du ein Studentenheft machst und wir ein prollig-pubertäres Heft – das ist ja nicht wirklich unbedingt dieselbe Linie, die wir da verfolgen. Aber von einem „Gegeneinander“ konnte eigentlich nie die Rede sein, jeder macht sein eigenes Ding und das ist gut so. Außerdem muss ich hier an dieser Stelle mal ein ehrliches Bekenntnis abliefern: Meine mittlerweile 17-jährige Tochter liest schon seit rund zwei Jahren regelmäßig das Ox. Und ich habe mir die derzeit aktuelle Ausgabe #89 auch kürzlich gekauft, weil da ja die CD mit unserem „Guido“-Track beiliegt. Und ich bin beeindruckt: So unendlich viele Berichte und Interviews, das ganze Drumherum mit Kochstudio und Reviews und News und Infos, dazu die grandiose Aufmachung. Mal davon abgesehen, dass mich natürlich nicht jedes Thema oder jede Band wirklich dolle interessiert, ist das Ox mehr als eine übliche Klolektüre und besticht durch verdammt viel Komplexität, die ich dem Heft nicht zugetraut hätte. Die im Ox steckende Energie ist wirklich beeindruckend, Hut ab! So, und das kannste jetzt als unvoreingenommenes, echtes Kompliment ansehen. Ich hätte nicht gedacht, dass aus einer Studentenzeitung mal so was werden könnte! Im Übrigen gibt es wichtigere Dinge im Leben als so ein überflüssiger Zwist, oder?

Die Diskussion um die „Grauzone“ beschäftigt derzeit die Szene. Im Grunde ist die sicher sinnvoll, aber es wird da auch viel Paranoia geschürt und man hat das Gefühl, als würden da auch ein paar Leute von Rechts sich einen großen Spaß daraus machen, durch das Streuen von Informationen Unruhe zu schüren. Einen solchen Vorwurf hast du 2003 schon erhoben, als du in der Kritik standest. Wie siehst du angesichts deiner damaligen Erfahrung die heutige Diskussion?

Da ich schon seit längerem nicht mehr in alle Dinge meine Nase beziehungsweise Ohren reinhalte, kann ich nicht viel zur derzeitigen Grauzonen-Diskussion sagen. Aber ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass Kräfte von Rechts effektiv in die linke Szene hineinwirken, um Unruhe und Unfrieden zu stiften. Die nennen sich bisweilen in ihren Foren „Kämpfer hinter den feindlichen Linien“, und das trifft’s ja wohl meistens auch. Es werden Probleme erfunden (!), die dann gezielt in der linken Szene gestreut werden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie bestimmte rechte Pappnasen es seinerzeit abfeierten, als sie dafür sorgten, dass Bands wie 4 PROMILLE, DEADLINE, PÖBEL & GESOCKS etc. plötzlich für absolut unsinnige Sachen angefeindet wurden. Diese Hetz- und Hasskampagnen werden konsequent so lange durchgezogen, bis sie etwas bewirken, bis etwas hängen bleibt. Auch wenn’s jetzt abenteuerlich klingt, ich kann dir garantieren, dass viele Dinge, die innerhalb der linken Szene Thema sind, eigentlich gar kein Thema wären, wenn das rechte Pack es nicht reinschmuggeln würde. Und für die ist es wie ein seelischer Reichsparteitag, wenn sie beispielsweise einem Fanzine namens Plastic Bomb Probleme aufhalsen, weil das Fanzine ein Label betreibt, bei dem eine englische Band namens DEADLINE ein Album veröffentlicht. Erinnert sich da noch jemand dran?

Bei dir ging es um deine dann eingestellten Geschäftsbeziehung zu Dim Records.

Selbige Sachen liefen (natürlich) auch seinerzeit gegen mich ab, als ich mich von dem unsäglichen „Dumm“-Records-Betreiber lossagte und in einem Aufwasch dann auch mal gleich an die ganze rechte und auch unpolitische Szene einen persönlichen Verzicht aussprach. Herrje, da tauchten dann Fotos von mir auf, die entweder „echt“, aber dafür 20 Jahre alt waren, oder so lächerlich schlecht gefälscht, dass das sogar bei vielen Antifas nur für ein Lächeln sorgte. Ich ließ mich dann auch auf einige Diskussionen bei Indymedia ein, hatte dort auch viele Fürsprecher und Leute, die zu mir standen – aber das braune Volk war seinerzeit wohl komplett arbeitslos und hatte nix anderes zu tun, als immer und immer wieder loszuballern und was bei Indymedia reinzuposten. Also ließ ich das mit den Internet-Diskussionen sein und sprach lieber persönlich mit Leuten auf unseren Konzerten beziehungsweise damals noch in meinem Ladenlokal. Im Nachhinein betrachtet war das der richtige Weg, denn das Internet ist halt sehr verlogen, falsch und alles andere als fälschungssicher. Eine „echte“ Diskussion oder auch Auseinandersetzung mit realen Menschen, die reale Namen haben, ist immer noch besser als virtuelle Laberei mit Leuten, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Nach all diesen Erfahrungen muss ich aber doch fragen, warum P&G ausgerechnet auf dem Ehrlich & Laut Festival spielen müssen, auch noch zusammen mit den vollkommen unerträglichen FREI.WILD?

Okay, wobei ich den Zusammenhang hier nicht wirklich erkenne, sorry. Das Ehrlich & Laut Festival – warum sollen wir da nicht spielen? Wir sind bereits letztes Jahr dort aufgetreten und es war alles top. Man kann bei der Veranstaltung zwar nicht von hundert Prozent Punkrock sprechen, weil auch sehr viele „Normalos“ wie auch Langhaarige und Rocker dort unter den Zuschauern sind – nicht wirklich unbedingt das, was man einen „Pogomob“ nennen kann. Aber solange da keine rechten Partyfreaks oder Ähnliches rumläuft, tut mir das nicht weh. Der Großteil des Publikums beim Ehrlich & Laut waren generell Punks und Skins, das sollte nicht unerwähnt bleiben – und für solche Leute musizieren wir natürlich auch immer noch am liebsten. Im Vorfeld hatten wir uns auch bei einigen der anderen auftretenden Bands über das Festival erkundigt, und uns wurde generell nur Gutes erzählt, oder dass man es als Live-Band abnicken kann.

Betrifft das auch die Band FREI.WILD?

Die haben es aufgrund einiger Dinge, die ich gar nicht kenne, tatsächlich bis hier hinein in unser Interview geschafft, oder!? Herrje, was fang ich mit so was an? Deren Musik ist nicht meine Musik, weil ich diesen Onkelz-Deutschrock nicht wirklich mag. Wir haben jetzt, glaube ich, schon zwei oder gar drei Mal zusammen auf irgendwelchen großen Festivals gespielt, aber ich habe mich nie unters Publikum gemischt und deren Show angeguckt, weil mich das einfach nicht interessiert. Wir spielen bei Festivals ja auch mit unzähligen anderen vielen Bands zusammen, mit denen wir absolut nix zu tun haben, die wir nichtmal vom Namen her kennen, deren Musik uns am Arsch vorbeigeht. „Rechts“ oder „politisch unklar“ ist die Band nach meinem Kenntnisstand aber nicht – oder nicht mehr? Erst letzten Sonntag habe ich mit Andy von Nix Gut über die Band und diese Thematik ein längeres Gespräch geführt und er sicherte mir zu, dass es bei FREI.WILD politisch absolut mit korrekten Dingen zugeht. Ansonsten geht mir diese ganze Thematik aber wirklich am Allerwertesten vorbei, weil ich mich nicht wirklich bei allem auskennen kann. Ich weiß aber schon sehr gut, was eine Nazi-Band ist und wie solche Bands heißen. Ich glaube, dass FREI.WILD nicht dazuzählen.

Du erwähntest es eben schon: Du hattest 2008 einen Herzinfarkt. Nun könnte man so was als „Kann passieren“ abtun, aber für die meisten Betroffenen ist es ein einschneidendes Ereignis, das sie oft zum Anlass nehmen, ihr Leben grundsätzlich zu ändern. Was hat sich für dich seitdem geändert?

Der Herzinfarkt war insofern „vorteilhaft“, dass ich einige Dinge eingestellt beziehungsweise beendet habe, also Label, Fanzine und Ladenlokal. Eine großartige Veränderung fand in meinem Leben deshalb aber nicht statt – wozu auch? Deshalb fokussiere ich meine Energie jetzt mehr auf PÖBEL & GESOCKS; dazu widme ich meiner Familie etwas mehr Zeit, was vor allem meinen Kindern zugute kommt. Last but not least macht mir mein neuer Job als „Führungskraft“ in einer Werkstatt für behinderte Menschen enorm viel Spaß, weil ich glaube, dass ich damit endlich auch mal etwas zurückgeben kann an solche Leute, die es brauchen, und somit verhelfe ich mir selbst ganz nebenbei zu einem sozial guten Gefühl.

Aber warum brüllst du dich weiterhin als Sänger einer Band heiser, anstatt sich von dem ganzen Szene-Kindergarten zu verabschieden und ein ruhiges Leben zu genießen?

Wenn ich alles beenden würde, was mir Spaß macht, bräuchte ich nicht zu leben. Das von dir erwähnte „ruhige Leben“ möchte ich nicht führen, weil ich es nach wie vor unruhig, flippig und laut mag. Scheiß was auf den Herzinfarkt, das Herz schlägt halt, solange es schlägt ... Das war – so ganz nebenbei erwähnt – eine Textzeile aus unserem neuen Album. Und vom Szene-Kindergarten – war es je anders? – muss ich mich nicht ausdrücklich verabschieden, weil ich aus solchen Sachen längst raus bin. Geschadet hat mir das bisher übrigens nicht.

Das neue PÖBEL & GESOCKS-Album trägt den Titel „Beck’s Pistols“ – recht gewagt angesichts der Tatsache, dass es mit der Brauerei vor Jahren schon rechtliche Auseinandersetzungen gab, mit der Folge, dass die BECK’S PISTOLS seitdem PÖBEL & GESOCKS heißen.

Ohne Wagnis kein Erlebnis! Zudem gilt die Tatsache, dass wir seinerzeit „nur“ erklären mussten, den Bandnamen zu ändern. Und den haben wir jetzt ja nicht wieder geändert, und wollen das auch nicht tun. Wir haben nur ein zeitliches Dokument zu der Thematik verfasst, das zufällig denselben Titel trägt. Außerdem spielen natürlich auch geschicktes Marketing und verkaufsfördernde Motive eine große Rolle. Wir haben uns das schon sehr gut und lange überlegt, wie wir mittels richtiger Aufmachung und dem dazugehörigen Titel möglichst viele Exemplare vom neuen Album verkaufen können. Denn wir sind jung und brauchen das Geld, ähem ...

Guido Westerwelle ist Jurist – und mit „Guido“ setzt ihr ihm auf dem neuen Album ein schönes Denkmal. Bist du sicher, dass er euch diese Ausschnitte aus seinen Reden durchgehen lässt? Und was habt ihr nur gegen den armen Mann?

Er ist Jurist?! Das wussten wir nicht. Wir halten ihn eigentlich für einen Kabarettisten, der lustig-famose Texte verfasst, die zur allgemeinen Erheiterung beitragen sollen. Wir haben rein gar nicht gegen diesen „armen Mann“ – wobei „arm“ auf seinen Besitzstand und sein Vermögen bezogen ja wohl völlig falsch ausgedrückt ist. Aber wir haben etwas dagegen, dass das deutsche Volk rumjammert, es würde uns immer schlechter gehen, und dann ausgerechnet diese neo-liberale Guido-Partei bei der Bundestagswahl im letzten Jahr das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt. Inmitten der größten Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit! Wie absurd ist das eigentlich? Deshalb auch die ewig-wiederkehrende Textzeile „Ich begreif das nicht“. Und wegen der Redeausschnitte im Song: Auch hier gilt: Ohne Wagnis kein Erlebnis!

BECK’S PISTOLS und PÖBEL & GESOCKS waren und sind nicht zuletzt wegen ihrer expliziten Texte beliebt. Erwachsene Menschen können mit so was umgehen, doch wie ist das bei deinen Kindern? Ab welchem Alter wussten die, was ihr Papa da macht? Und wie erklärt man den Kleinen seine Texte?

Hm, es bedurfte eigentlich nie vieler großartiger Erklärungen, weil die vier Kinder ja mit der ganzen Sache groß geworden sind. Sie haben immer gesehen, mit wem ich zusammen war, sie haben zwangsläufig immer meine Lieblingsmusik mitangehört, und meinen Lebensstil kennen sie ja auch nicht anders. Das war und ist alles relativ easy und glücklicherweise besitzen alle meine vier Kinder die Gabe, sich selbst ein Bild von all dem zu machen, was um sie herum passiert. Deswegen entwickeln sie sich auf ihre ganz eigene Art. Die beiden Ältesten gehen aufs Gymnasium, vom Intellekt her stehen die jetzt schon ganz weit über mir ... was mich aber nicht weiter betrübt, ganz im Gegenteil. Die Texte und das Aussehen meiner Kumpels muss man dann auch gar nicht weiter erklären, die haben eine Art „Learning by doing“-Prozess mitgemacht – und machen ihn teilweise auch noch mit. Die Angelegenheit ist unkomplizierter als man denkt.

Waren die auch schon auf Konzerten?

Auf unseren Konzerten war noch keines meiner Kinder, aber sie kennen natürlich die ganzen Videos mit unseren Live-Auftritten. Es ist halt nix Besonderes für sie, wenn sie mich da auf der Bühne singen sehen und das Volk vor der Bühne abfeiert. Die sind das gewohnt. Peinlich ist es meiner ältesten Tochter nur bisweilen, wenn sie davon hört, das ich mich mal wieder auf der Bühne entblößt habe. Na ja, das ist auch verständlich – und in letzter Zeit hab ich das ja auch sein lassen. Glaube ich.

Sonst noch was? Zum Beispiel das erstaunlichste Gerücht über Willi Wucher?

Über Willi Wucher gibt es keine Gerüchte – es gibt nur Legenden, Vermutungen und Sagen! Dass diese nicht immer stimmen, liegt in der Natur der Sache. Im Übrigen gehen mir die Gerüchte, gleich welcher Art, mittlerweile absolut am Allerwertesten vorbei. Wer mich kennt, kann selbst abschätzen, wie wo was wann warum wahr und echt ist oder eben nicht.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #90 (Juni/Juli 2010)

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