ALBUM LEAF

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Das Bildnis des Jimmy LaValle

Mit THE ALBUM LEAF kann man ruhig einen Schlechtwettertag im Bett verbringen. Mit THE ALBUM LEAF kann man aber auch der Sonne beim Untergehen zuschauen. Getragen von atmosphärischen Songs und dieses Mal auch in größerem Umfang als je zuvor, entführt „A Chorus Of Storytellers“ den Hörer in unendliche cineastische Weiten. Viele halten THE ALBUM LEAF für die perfekte Soundtrack-Band. Doch das war zumindest so, bevor Mastermind Jimmy LaValle die Gedanken seiner Hörer vermehrt durch seinen Gesang in vorbestimmte Bahnen lenkte. Ist das jetzt schon zu viel Pop? Und wieso hat LaValle auf einmal soviel Lust aufs Singen? Fest steht, dass man nun nicht mehr nur noch von seinem Projekt sprechen kann. THE ALBUM LEAF ist eine richtige Band und das kann man auch hören.

Noch schlimmer als die Angst des Journalisten vor dem leeren Blatt, muss wohl eine kreative Blockade für Jimmy LaValle gewesen sein. Nach fünf Alben wie „Into The Blue Again“ und „In A Safe Place“ hat er mit THE ALBUM LEAF einen Musikstil etabliert, der vor kleinen Details nur so strotzt. Wo soll man hier nun den Anfang finden? Mit welcher Note, welchem Synthesizer beginnen, ohne alles am Ende doch nur zu verwerfen? „Ich bin ein Tüftler und probiere gerne neue Sachen aus. Dabei ergibt es sich dann auch, dass ich unbewusst neue Melodien herausfinde, die ich dann als interessant erachte.“ „A Chorus Of Storytellers“ ist also nach dem Zufallsprinzip entstanden? „Na ja, nennen wir es nicht Zufall sondern spontane Eingebung. Im letzten Jahr hatten wir mit THE ALBUM LEAF die Möglichkeit, den Stummfilm ,Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen‘ mit einem Soundtrack zu versehen. Viele Leute sind der Meinung, dass sich unsere Musik perfekt als Filmmusik eignet, da sie viel Platz für Gedanken lässt. Das war für mich der Ausgangspunkt: Ich habe dieses Mal meine eigenen Gedanken mit Musik untermalt. Dazu kommt, dass ich zum ersten Mal im Studio nicht alles allein eingespielt habe, sondern dass andere einen bedeutenden Anteil an den Songs haben.“

Dass „A Chorus Of Storytellers“ einen Schritt nach vorne in der Entwicklung der Band ausmacht, kann man deutlich hören. Es ist nicht nur der gestiegene Anteil der Songs, in denen LaValle singt, das Album klingt insgesamt auch wie ein Band-Allbum. Die elf Tracks des Albums sind frisch, wallend und auf wunderschöne Weise komplex. „Die Jungs sind allesamt gute Freunde von mir, die ich schon seit langem kenne. Es ist mir sehr wichtig, dass alle ihr Potenzial voll ausschöpfen können und THE ALBUM LEAF nicht als mein Projekt, sondern als ihre Band ansehen.“

Die interne Qualitätskontrolle gegen Redundanzen nach der Schreibblockade also? Das Ergebnis ist auf jeden Fall das poppigste ALBUM LEAF-Album bisher. „Es gibt Leute, die befürchten, dass wir uns immer mehr an THE POSTAL SERVICE annähern. Jimmy Tamborello und ich haben zwar mal zusammen Musik gemacht, ansonsten wird man aber keine Gemeinsamkeiten finden. Wir sind einfach keine Pop-Band.“

Für LaValle scheint alles seinen ganz natürlichen Gang zu gehen. „Nach über zehn Jahren, die THE ALBUM LEAF nun schon auf dem Buckel haben, kann ich sagen, dass ich nie Zweifel an dem hatte, was ich gemacht habe. Alles hat sich vollkommen homogen entwickelt. Am Anfang habe ich noch in meinem Schlafzimmer Songs aufgenommen, heute kann ich nach Reykjavik zum Abmischen fahren.“

In Island traf sich der Soundtüftler wie schon bei „Into The Blue Again“ mit Birgir Jón Birgisson von SIGUR RÓS. Erstaunlich, wenn man den gesamten Backkatalog von THE ALBUM LEAF betrachtet, ist jedoch, dass es keine richtige SIGUR RÓS-Note auf „A Chorus Of Storytellers“ gibt. „Die Songs sind schon fertig, bevor ich sie endgültig mit Birgir abmische. Sein Einfluss auf die Struktur und die Idee ist da eher gering.“

Dabei scheinen die Isländer auch musikalisch die einzige Band zu sein, die THE ALBUM LEAF für Unwissende annähernd beschreiben kann. Beide Bands eröffnen diese cineastischen Soundlandschaften, in denen jeder von uns seinen Platz finden kann. Der songwriterische Ansatz scheint jedoch ein anderer zu sein: „Mir geht es darum, dass ich mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, möglichst viel Raum schaffe. Ich möchte, dass die Hörer sich in unserer Musik verlieren können.“

Unterstützend dazu ist auf Konzerten Videoartist Andrew Pates mit an Bord, der mit seinen surrealen Filmen die Songs der Amerikaner zu einem noch intensiveren Erlebnis werden lässt. „Ich kann die Jungs um mich herum gar nicht oft genug für das, was sie leisten, loben. Sie alle sind fantastische Musiker und Künstler.“ Mit diesen Worten schließt Jimmy LaValle, um kurz darauf mit seiner Band erneut ein paar hundert Menschen zu verzaubern.