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Interviews & Artikel

COMEBACK KID

Nicht alles muss mit einer Pille behandelt werden ...

Jeremy ist 24, er lebt in Winnipeg, Kanada und arbeitet wie sein Vater als Tischler. Er baut bei einer Firma Möbel und abends, nach getaner Arbeit, trifft er sich mit ein paar Freunden in einem Keller und macht mit ihnen zusammen Musik. Drei Jahre später verliert er seinen Job, weil er mehr Zeit mit seinen Freunden und irgendwo in einem Van auf der Straße verbringt, als in der Firma, um Stühle und Betten zu bauen. Ich weiß nicht recht, ob es die Art ist, wie Jeremy mir davon erzählt, oder seine Wortwahl, die mich stutzig macht. Er hat seinen Job verloren, andere würden vielleicht provokanter formulieren und sagen, sie wären gefeuert worden, oder sie hätten die Initiative ergriffen und gekündigt, aber Jeremys Beschreibung ist erstaunlich nüchtern. Er hat den Job verloren, weil er eben nicht den Job, sondern seine Band an erste Stelle gesetzt hat. Trotzdem schwingt in der Aussage eine leichte Schwermut mit, eine gewisse Nostalgie, dass das Leben von damals wohl durchaus auch seine Reize hatte. Insgesamt zumindest scheint es etwas solider und bodenständiger gewesen zu sein als das, was er jetzt macht. „Na ja, ich denke, Musik, dieser obskure Stil ... dieser Punk/Hardcore-Stil von COMEBACK KID ist, denke ich, mein Beruf.“ Willkommen im Hier und Jetzt. Mir gegenüber sitzt Jeremy Hiebert, 34 Jahre alt, Gitarrist der Band COMEBACK KID. In wenigen Tagen wird COMEBACK KIDs vierter Longplayer erscheinen, produziert von Eric Ratz (BILLY TALENT, CANCER BATS) und im zehnten Bandjahr beginnt der Promotion-Wahnsinn wieder von vorne. Wie schon bei den beiden Vorgängern, wurde das Album nach einem der Songs benannt: „Symptoms + Cures“. Eine Steilvorlage, um über Krankheiten und die Fäulnis dieser Welt zu reden.

Beim Titel „Symptoms + Cures“ hat jeder wohl eine gewisse Vorstellung, worum es gehen könnte. Die „Symptoms“ sind die Dinge, die in der Welt verkehrt laufen, während die „Cures“ potenzielle Heilmittel sind, einfach, logisch, simpel. Obwohl der Titel der Platte zwar Heilung verspricht, erwartet man aber eigentlich vielmehr die programmatische Analyse der Symptome als tatsächliche Lösungen und Antworten. Diese liegen wie immer außerhalb der Platte, verschimmeln als erhoffte Reaktion des Hörers: Wunschdenken. „Na ja, ich glaube nicht, dass es ein kohärentes, einheitliches Thema gibt, das sich durch die Platte zieht. Aber der Titel kann eine ganze Reihe von Sachen zusammenfassen. Ich meine, es gibt einfach so viele Dinge im Leben, die du durchmachst, und du wirst oft die Symptome für deine Probleme erkennen können, aber häufig nicht die richtige Lösung dafür finden.“

Zum Glück hat Jeremy aber auch noch eine ganz eigene Interpretation des Titels. Mit „Broadcasting“ hatte man sich ja bereits thematisch der Medien und ihrer Maschinerie angenommen, ihrer demagogischen, verführerisch illusionären Funktion. Für Jeremy sind die Medien aber auch häufig Ursache der Symptome, oder vielmehr die Projektion eines fremdbestimmten Selbstbildes: „Es gibt einfach so viele Probleme, von denen die Leute dir erzählen, dass du sie hättest, und du bist immer damit beschäftigt, eine Lösung dafür zu finden. Aber vielleicht sollte man sich manchmal auch fragen, ob die Leute einem nicht den Kopf einfach nur mit irgendwelchem Müll füllen, wenn sie dir einreden, du hättest irgendwelche Probleme, obwohl du eigentlich ganz normal bist und einfach mit deinem Leben auch so weitermachen könntest wie bisher, denn das Leben an sich ist schon eine echt verrückte Angelegenheit. Und es ist so einfach, die Leute negativ zu beeinflussen. In Amerika zum Beispiel: Du guckst Fernsehen und in jeder Werbung geht es darum, dass man dieses oder jenes Problem hat, also kauf dies, kauf das, hier ist die Lösung. Für mich zielt der Titel der Platte zumindest darauf ab, aber gleichzeitig kann es, wie in der Kunst, eben ganz vielfältig interpretiert werden.“

Also, ein Referenzverlust, verursacht durch die Medien? Wer ist noch normal und wer nicht? Was ist angemessen? Den Menschen fehlt der nötige Bezugsrahmen, das Maß, an dem sie sich orientieren können, in der Folge werden Regeln und Werte zusehends pervertiert. Gibt es ein praktisches Beispiel, Herr Hiebert? „Ich bin eigentlich ein sehr schüchterner und unsicherer Typ, auch wenn ich vor tausenden Leuten auf der Bühne stehe. Manchmal fühle ich mich in Situationen und unter Menschen unwohl und unsicher, aber das gehört eben zu mir. Es ist ein Teil meiner Persönlichkeit, meines Charakters und dafür brauche ich keine Pille, es ist nichts, das behandelt werden muss.“

Ich hatte das Ganze jetzt allerdings mehr gesamtgesellschaftlich aufgefasst, wozu mir konkret das Dilemma der Überflutungen in Pakistan einfällt, wo offensichtlich das durch die Medien geschaffene Bild des Terror und al-Qaida unterstützenden Staates Pakistan, die Bevölkerung der reicheren westlichen Nationen davon abhält zu spenden und somit hunderttausende unschuldige Menschen dem an sich linderbarem Leid überlässt. Auch hier scheint den Menschen der nötige Radar zur Beurteilung der Situation zu fehlen.

„Es gibt definitiv eine Doppelmoral, wenn es um humanitäre Fragen geht. Es gibt Länder, für die scheint es zumindest einfacher zu sein, Hilfsgüter und Spenden zu erhalten, solange sie nicht im Zusammenhang mit Terrorismus und der Unterstützung von Terroristen stehen. Ich meine, jetzt mal ehrlich, es gibt im Moment so viele Menschen, die Vorurteile gegenüber muslimische Länder und Menschen mit starken religiösen Ansichten haben. Was man natürlich auch diskutieren muss, schließlich unterdrücken auch Religionen häufig die Menschen, aber es hilft eben auch einigen bei ihrem Leben. Genauso wie die Religion kann aber auch die Presse einem Land schaden, wenn es, wie zum Beispiel jetzt, eine Naturkatastrophe gibt. Die meisten Leute dort sind unschuldig und nun einfach zwischen die Fronten geraten. Die meisten Menschen hier wissen über ein Land eben nur, was sie aus dem Fernsehen und den Nachrichten kennen, und das ist zumeist negativ, zumindest wenn es um islamische Länder geht. Daher sind wohl viele Leute mit ihrer Hilfe zurückhaltender, was traurig ist. In einem anderen Interview bin ich gefragt worden, welches Problem auf der Welt ich abschaffen würde, wenn ich könnte. Ich würde mich für Rassismus entscheiden. Es gibt so viele Problemfelder, die mir wichtig sind, ich bin Veganer, es geht mir also auch um Tierrechte, aber was mir am wichtigsten scheint, wäre, wenn wir uns als Gleiche unter Gleichen sehen würden, völlig unabhängig von irgendwelchen Unterschieden wie Rasse, Religion, Meinung, was auch immer. Wir müssen uns einfach als Gleichberechtigte begreifen. Ich glaube kaum, dass wir das zu unseren Lebzeiten erleben werden, aber es ist definitiv etwas, auf das es sich hinzuarbeiten lohnt. So viel Ungerechtigkeit existiert immer noch auf der Welt ...“

Jeremy scheint erschüttert, zugleich aber auch verbittert, was die Frage der Religion angeht. Auch religiöse oder sonstige Ideologien bergen die Gefahr der Aufgabe des gesunden Menschenverstandes und des Annehmens zweifelhafter Überzeugungen und Handlungen. Auch hier das von Jeremy beschriebene Symptom des fremdbestimmten Selbstbildes, umso überraschender finde ich es, dass er auf seiner linken Wade die betenden Hände von Albrecht Dürer tätowiert hat. Schade, dass mir das erst auffällt, als ich ihn dann später auf der Bühne sehe.

Ähnlich zwiespältig wie diese Eindrücke erscheint zudem das Gesamtwerk „Symptoms + Cures“. So könnte man es einerseits als sehr vielschichtig, andererseits aber auch als Flickenteppich beschreiben. Viele Einflüsse und unterschiedliche Sounds vereinen sich dort auf häufig unkonventionelle Weise. „Andrew und ich haben das gesamte Songwriting gemacht. Wir wissen schon, was für eine Art Band wir sind, aber wir wollen trotzdem nicht das gleiche Album noch mal machen. Wir verfolgen immer wieder neue Ideen und Einflüsse, klar, wir bleiben dabei immer noch im Bereich einer Melodic-Hardcore-Band, aber du hörst ja trotzdem neue Musik und hast neue Ideen und das findet sich dann natürlich auch auf einer neuen Platte wieder.“

In diesem Fall scheint diese Entwicklung im darauf folgenden Produktionsprozess einschneidende Konsequenzen gehabt zu haben. Hatte man sich doch auch hier für einen neuen Mann entschieden, beschloss auch dieser neue Wege zu gehen. „Eine Sache, die Eric Ratz unbedingt haben wollte, war unterschiedliche Gitarrensounds für jeden Song. In der Vergangenheit lief es immer so: wir haben uns einen Gitarrensound gesucht und den für die gesamte Platte genommen. Aber er sagte, er habe sich die Songs so oft angehört, von den Demos, die wir ihm gegeben hatten, und es wären ziemlich einzigartige Songs und er fände es daher besonders wichtig, dass wir unterschiedliche Gitarrensounds für die Songs finden. Deshalb hat es natürlich auch eine ganze Zeit länger gedauert, die Platte aufzunehmen, weil wir versucht haben, klangmäßig den Songs zu entsprechen. Es gibt Songs, die sind eher heavy, und eher punkige Songs, der Klang ist eben einfach nicht so statisch durch die Platte hinweg.“

Folglich ließen sich eine ganze Reihe von Referenzen heranziehen, um die Platte zu beschreiben, RISE AGAINST, BILLY TALENT und, was Jeremy persönlich vermutlich sehr freut, PROPAGANDHI „Ich würde am liebsten so was machen wie PROPAGANDHI, ein bisschen mehr politisch, aber das wird nicht von allen in der Band mitgetragen. Daher müssen wir immer einen Kompromiss finden und das kann manchmal einfach ein Problem sein. Wir haben manchmal Kommunikationsprobleme, wir sind einfach unglaublich unterschiedlich, ob in unseren Lebensstilen, unseren Ansichten oder unserer Position in der Gesellschaft, wir sind fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber wenn alle gleich wären, wäre es ja auch langweilig. Es hält die Dinge also interessant, aber gleichzeitig verzögert oder erschwert es doch vor allem Entscheidungen wenn es ums Touren oder Aufnehmen geht. Also müssen wir uns immer bemühen ein Resultat zu bekommen, mit dem alle einverstanden sind. Vielleicht ist es ja auch eine unserer Stärken, so verschieden zu sein.“

David Micken

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #92 (Oktober/November 2010)

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