Interviews & Artikel : SVEN BRUX :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

SVEN BRUX

Vom Punkrocker zum Sicherheitsbeauftragten des FC St. Pauli

Der FC St. Pauli ist 2010 100 Jahre alt geworden, und Sven Brux tippt gerade einen Bericht über das von ihm organisierte Jubiläumskonzert mit SLIME, TALCO und PANTEÓN ROCOCÓ, als ich ihn in der Geschäftsstelle des Vereins besuche, um zu erfahren wie aus einem „stadtbekannten Punker“ ein Sicherheitsbeauftragter wurde.

Wo kommst du her, wie bist du Punk geworden?

Geboren und ausgewachsen bin ich in Brühl, das ist bei Köln, und da bin ich, wenn man so will, Punkrocker geworden. Ausschlaggebend war damals, das muss so 1980 gewesen sein, eine englische Schülergruppe aus unserer Partnerstadt, in unserem Jugendzentrum. Die hatten eine Platte mitgebracht, eine leuchtend gelbe, von den SEX PISTOLS. Wie die Irren sind die dann da rumgehüpft und uns sind die Augen aus dem Kopf gefallen, was ist das? Später habe ich mir dann meine ersten drei Platten gekauft, SEX PISTOLS, DEAD KENNEDYS und HANSAPLAST, und dann nahm das seinen Lauf.

Wie sahen deine Szeneaktivitäten aus?

In Bonn habe ich immer diese Punktreffen mit organisiert sowie Konzerte, früher auch schon in Köln, im Stollwerck, dann aber mehr in Bonn, da war damals eine aktivere Szene. Für Konzerte sind wir dann oft ins AJZ Bielefeld, nach Hannover in die Korn, ins Ruhrgebiet und bis nach Hamburg gefahren. Ein Fanzine habe ich auch gemacht, den Exterminator, habe beim Zap ein bisschen mitgeschrieben und in Hamburg, als es mit Fußball losging, war es das Millerntor Roar.

Wie bist du dann nach Hamburg gekommen? Das war doch so Mitte der 80er Jahre, oder?

Genau, ich habe da in Bonn gewohnt. Da hatten wir dann viel Ärger mit der Polizei, wie das so ist. Dann musste ich zum Zivildienst. Ich hatte damals 20 Monate abzuleisten und der Zivildienst war damals, vielleicht auch noch heute, die beste Gelegenheit für einen jungen Mann, die Stadt zu wechseln. Ich gehörte halt auch nie zur Siffpunker-Fraktion, die immer nur arbeitslos und besoffen in der Ecke lag. Ende 1986 bin ich dann also zum Zivildienst im Deutschen Seemannsheim am Michel nach Hamburg gekommen und bin dann hier hängengeblieben.

Das Millerntor Roar-Fanzine war damals etwas Besonderes, weil sich das Fanzine nicht ausschließlich um Fußball drehte, hieß es doch im Untertitel „Fans, Fußball, Viertel“.

Das Heft ist damals entstanden aus einer Initiative heraus, die seinerzeit den damaligen Stadionneubau, den Sportdome, verhindert hat. Die Initiative entstand aus St. Pauli-Fans auf der einen Seite und Anwohnern auf der anderen Seite und den entsprechenden Mischmengen. Als das Projekt erfolgreich beendet war, haben wir uns gesagt: „Mensch, wir können ja was bewegen, da tut sich ja was, lasst uns ein Fanzine machen.“ Der Begriff und wie man ein Fanzine macht, war uns aus der Punk-Szene her ja nicht fremd, aber in der Form beim Fußball bis dahin nicht existent, vor allem in Deutschland. Das haben wir 1989 gestartet und das ist dann ja auch eine Erfolgsnummer geworden. Das Millerntor Roar hat sich dann im Frühjahr 1993 aufgelöst und in die beiden Fanzines „Unhaltbar“ und „Übersteiger“ aufgespalten. Als ich dann 1998 hier in den Verein wechselte, da passte es nicht mehr, auch noch beim „Übersteiger“ mitzumachen.

Du hast die Seite gewechselt?

Nee, so nicht, vom Einstellungsträger und den Aufgaben her natürlich, aber vom Kopf her natürlich nicht. Ich war der erste Fanbeauftragte des Vereins und habe den Fanladen eröffnet. Aber nach achteinhalb Jahren hatte ich dann da auch so nicht mehr die richtige Lust und wollte was Neues. Da habe ich mir quasi selbst den Job ausgedacht, den ich jetzt mache.

Wie bist du Fanbeauftragter geworden? Der Verein galt damals ja noch als ziemlich bieder und altbacken.

Der Einfluss der neuen Linken Szene aus dem Umfeld, Hausbesetzer, Punkrock, Millerntor Roar und so weiter, der wurde ja immer größer, da kam dann der Verein auch nicht mehr dran vorbei. Ich habe dann das Angebot bekommen, im Rahmen einer ABM-Maßnahme im Hamburger Fanprojekt da St. Pauli-mäßig etwas aufzubauen. Das lief zwei, drei Jahre als ABM-Maßnahme und dann als normaler Job.

Was umfasst heute dein Aufgabengebiet? Wie lautet deine offizielle Berufsbezeichnung?

Die Signatur unter meinen Mails lautet „Leitung Organisation und Sicherheit“. Das beinhaltet eine Vielzahl von unterschiedlichen Sachen, von der Durchführung der Veranstaltungen, vor allem der Heimspiele, geht das hin bis zu Festivalorganisation, das habe ich aber vorher auch schon gemacht. Dann gibt es Sachen mit Fans und Fanclub, die nebenher laufen, Gästefans, die diese und jene Wünsche haben. Da muss halt irgendeiner ein Auge drauf haben, dass an einem Heimspieltag alles klappt. Das geht bis zur Vorbereitung von Sitzungen mit Polizei und Fanprojekten, Ordnungsdienst, Hochbahn und wer da alles noch mit zu tun hat. Das muss protokolliert werden, es müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Entscheidungen treffe ich dann, beispielsweise wie viele Ordner wir einsetzen. Ich laufe dann am Spieltag auch mit Funkgerät rum, manchmal ist nix los, aber oft gibt es Situationen, in denen jemand eine Entscheidung treffen muss, und das bin dann ich.

Beim Festival waren 20.000 Besucher, war das zu erwarten? War das ein Risikogeschäft?

Nee, die Bands haben ja nicht die normalen Gagen bekommen. Wir haben ein teures, hoch professionelles Ding aufgezogen, was Bühnentechnik, Licht, Kameras angeht, die ganze Durchführung war schon Hurricane-mäßig. Es gibt auch noch eine DVD, die wird auch der Hammer. Ein Ziel war es, dass da nur Bands spielen, deren Mitglieder auch wirklich St. Pauli-Fans sind, was wir ohne rot zu werden dann auch behaupten können, und das haben wir auch hinbekommen. Sogar große Namen waren mit dabei, die uns halfen, die 20.000 zu erreichen. Es war kein Festival, wo eine Band nach der anderen spielt. Es gab genügend Bands unterschiedlicher Couleur, die dann trotzdem super zusammengearbeitet haben, Seemannschor, Einspieler, Gedichte vom 90-jährigen Herrn Peine, kleinen Schulkindern und allem, was da noch zwischen war. Das war schon klasse.

Was hat dein derzeitiger Job für dich noch mit Punkrock und Punkrock-Idealen, wenn es sie denn gibt, zu tun?

Ach, mit Punkrock hat der Job erst einmal gar nichts zu tun. Wenn man jetzt Ideale nimmt, wie sich nicht klein kriegen zu lassen, sich auch mal Ziele setzen, die nicht unbedingt zu verwirklichen sind, Festivals oder irgend so etwas, oder allein diesen Fußballverein, der noch immer ein Ausnahmeverein ist im großen Geschäft Fußball, dann ist es ein bisschen Punkrock, gegen den Strom zu schwimmen, Dinge anders und trotzdem gut zu machen. Wenngleich das nicht unbedingt Punk-Ideale sind, die gibt es in anderen Subkulturen auch, wie gegen den Strom schwimmen. Für mich heißt Punkrock nicht unbedingt unzuverlässig sein oder undiszipliniert oder so etwas, das mag auf heutige Szenen vermeintlich zutreffen, aber wenn man gute Sachen machen möchte, dann muss man auch dafür arbeiten, so! Das mögen andere Punks anders sehen, aber das war damals auch schon mein Ding, da habe ich mich überhaupt nicht geändert.

Ist St. Pauli ein Punkrock-Verein, müssen Punks St. Pauli gut finden?

Bitte nicht!

Wie reagierst du, wenn du jetzt mit Jugendlichen in bemalter Lederjacke, Nietengürtel und gefärbten Haaren konfrontiert wirst, die genau so aussehen wie du vor 25 Jahren?

Das Auftreten ist erst einmal komplett egal, da gibt es dumme Köpfe und helle Köpfe gleichermaßen, wie in jeder Kleidung, das ist überhaupt nicht das Problem. Die Vergangenheit, die ich habe, hilft mir aber dann, wenn aus den Reihen jugendlicher Subkulturen hier im Stadion – ob es jetzt Punks sind oder andere, ist eigentlich egal –Randale gibt oder gegen Bullen geht. Dann kann ich aus Erfahrung denen Sachen sagen, was sie besser nicht tun sollten, und warum es unvernünftig ist und manchmal auch politisch unklug, wenn man dieses und jenes tut. Da hier allgemein bekannt ist, dass ich mir das nicht angelesen habe, sondern aus eigener Erfahrung weiß, wovon ich rede, wie das etwa ist, wenn man in den Knast geht, wird dem, was ich sage, oft auch Glauben geschenkt.

Gibt es keine Irritationen, wenn gerade du in Sicherheitsfragen mit der Polizei zusammenarbeitest, nach dem Motto „Herr Brux, wir kennen Sie ja noch von früher aus ganz anderen Zusammenhängen“?

Das sagt so keiner. Ich nehme an, dass die das alles wissen. Die müssen ja nur einmal den Computer anmachen, dann ist klar, was früher war. Da gibt es aber auch nichts zu verheimlichen und ich habe da auch nichts zu verbergen. Wenn man jung ist, dann macht man eben auch viele Sachen, die im Nachhinein unvernünftig erscheinen, aber genau aus den Sachen habe ich auch gelernt. Ich würde sie politisch heute noch gut finden, aber würde sie vielleicht anders machen. Also einen Stein irgendwo hinzuwerfen, das verschafft womöglich Erleichterung in der Situation, könnte aber politisch äußerst unklug sein für die Sache und für einen selbst in der Konsequenz natürlich auch. Das muss man heute manchmal ein paar jungen Leuten vermitteln. Wir haben ja hier die Probleme, Schanzenfest und die Randale-Kiddies aus Vorstädten, das kenne ich alles. Ich kann das auch nachvollziehen: Klar, du fährst in die Stadt, lässt die Sau raus und dann brennen die Autos von ganz normalen Bürgern oder Sachen gehen kaputt von Leuten, die hier wohnen. Dann muss man den Kids erst einmal erklären, warum das scheiße ist. Dann sagen die sicherlich: „Was willst du Spießer denn, das ist alles cool und Revolution ...“ Ich denke, das ist ein Spannungsfeld, das es in allen Jahren und Zeitaltern gegeben hat. Ob es die 68er waren, Brokdorf, Wackersdorf, wo auch immer, da waren immer Leute, die eben einen Zacken erlebnisorientierter waren als andere, die sich erst einmal stundenlang hingesetzt und diskutiert haben.

Und wie ist das mit „erlebnisorientierten“ Fans?

Das ist beim Fußball nicht anders. Ich versuche dann meine Erfahrungen mit einzubringen, damit es ein gutes Ende nimmt. Was diese Sicherheitsdinge betrifft, haben wir beim FC St. Pauli schon frühzeitig andere Wege eingeschlagen, und auch was den Umgang mit Stadionverboten, das Zulassen von Fan-Utensilien betrifft, und so weiter, genauso wie früher schon mit dem politischen Ansatz, gegen rechts tätig zu werden, da waren wir auch die Ersten. Später in meinem Job waren wir die Ersten, die immer neue Wege gegangen sind, die jetzt wieder von vielen Vereinen nachgemacht werden, in positiver Art, wie ich finde. Wenn ich dann sage: „Nee, wir gehen jetzt einen komplett neuen Weg, wir lassen alles zu in den Kurven: Doppelhalter, Blockfahnen und so weiter. Wir sagen den Auswärtsfans: „Passt auf, das ist unser Deal: Ihr dürft hier alles, was ihr wollt, was woanders verboten ist, die einzige Bedingung von uns ist: kein Pyro. Wenn Pyro, dann bekommt ihr in den nächsten Jahren gar nichts mehr gestattet. Also haltet eure Kurve selbst clean, dann dürft ihr euch hier austoben.“ Das wird als sehr faires Angebot angesehen, da gab es auch schon sehr viel positives Feedback. Als wir damit angefangen haben, vor drei Jahren oder so, war die Polizei ebenso wie viele andere Vereine sehr skeptisch: „Das funktioniert doch nie“, „St. Pauli schon wieder“ ... und bumm, es hat funktioniert. Wir haben wesentlich weniger Vorfälle dieser Art, wesentlich weniger Strafen zu zahlen und jetzt ziehen viele Vereine nach und sagen: „Cooles Projekt.“ Auch die Polizei muss das denn mal anerkennen, dass man mit der reinen Repressionsschraube nicht weiter kommt und auch mal neue Wege gehen muss. Ich bin daraufhin auch gleich ernannt oder gewählt wurden, zum Sprecher der Sicherheitsbeauftragten bundesweit. Ich sitze da in entsprechend hohen Gremien beim DFB, DFL oder so, da muss ich dann immer hin. Das heißt, dort sieht man auch, St. Pauli geht zwar unkonventionelle, aber schlussendlich erfolgreiche Wege. Lasst uns dieses Wissen doch zunutze machen, für alle. Ob ich das dann bin als Person, ist erst einmal egal, aber es ist für mich manchmal dann auch schon komisch, dann denke ich natürlich auch an solche Fragen, an solche Dinge zurück. Wenn ich wie letztens mit dem Innensenator und dem höchsten Polizisten, mit was weiß ich wie viel Lametta auf den Schultern, zusammensitze und mir denke: Alter, wo bist du hier gelandet? Du sitzt hier im Rathaus mit dem Innsenator und anderen Leuten dieses Kalibers und sprichst über Sicherheitsfragen. Vor wenigen Jahren, im Verhältnis zur Gesamtgeschichte, bist du da selber noch rumgerannt und hast Steine geschmissen. Das ist schon witzig. Der alte Fan-Soziologe Dieter Bott, der hat mich mal als „Joschka Fischer der Fan-Szene“ bezeichnet. Ich nehme das mal als Lob hin.

Kay Werner

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #92 (Oktober/November 2010)

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