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Interviews & Artikel

ANDREW JACKSON JIHAD

We didn’t come here to rock, we only came to disappoint you

Wir erleben seit einigen Jahren eine Renaissance akustischer Musik und es lässt sich sagen, dass selbst an Montagen bei akustischen Gigs auf und vor der Bühne anscheinend mehr Energie freigesetzt wird, als bei herkömmlichen Punkbands mit Stromgitarren an jedem anderen Tag. GHOST MICE mit ihrem Label Plan-It-X, mit denen ANDREW JACKSON JIHAD auch schon eine Split-CD teilten, wäre beinahe sogar eine Art Akustik-Manifest gelungen. Denn Folk-Punk, wie diese Erscheinung manchmal unzureichend genannt wird, ist im Grunde gar die konsequente Fortsetzung von Punkrock: insofern, als dass die Produktionsmittel rückerobert werden, machen sich die Künstler damit doch unabhängig von Logistik und, wichtiger noch, von den leeren Klangkonventionen des modernen Punkrocks.

Dass etwa der sorbische GEIGERZÄHLER in New York auftreten kann, liegt auch an der Transporttauglichkeit einer einzelnen Violine. Wenn Kevin Seconds akustisch auftritt, wird endlich wieder die Einheit von Publikum und Künstler deutlich. Auch die Improvisation setzt neue Kreativität frei, etwa wenn Vic Ruggiero von den SLACKERS gleichzeitig Gitarre, Hi-Hat und Mundharmonika spielt oder Will DeNiro von den ZATOPEKS mit Jazzbesen auf einem Holzstuhl trommelt, um Eggnog von den YOOHOOS zu begleiten. Insbesondere Kepi Ghoulie, der ebenso elektrisch auftritt, liebt das gemeinsame Musizieren, sei es spontan vor Ort oder indem er mit anderen Künstlern auf Tour geht, wie im letzten Jahr mit ANDREW JACKSON JIHAD aus Arizona, die Ende Mai wieder in Europa weilen. Selbst wenn bei allen das Lied an sich und damit die Botschaft im Vordergrund steht, ist keiner der genannten Künstler dogmatisch. Die Plattenaufnahme muss dem Live-Ereignis nämlich keineswegs ähneln. Im Falle des Duos ANDREW JACKSON JIHAD wird dafür sogar ein ganzes Orchester von der Säge über Kepis Pfeifen bis zur Posaune eingesetzt.


Was bedeutet euer Name ...?

Benjamin: Der Name ist albern. Wir brauchten einfach einen Namen für den Flyer unserer ersten Show. Ich selbst schlug ANDREW JACKSON JIHAD vor und Sean sagte: „Mir doch egal“, und sechseinhalb Jahre später heißen wir immer noch so.

Und wer ist Andrew Jackson? Ein ehemaliger Präsident oder sonst irgendwer, den ich kennen muss?

Sean: Andrew Jackson war der siebte Präsident der Vereinigten Staaten. Er war böse, gleichzeitig aber auch eine interessante politische Gestalt. Er glich zum Beispiel zum ersten Mal in der Geschichte der USA die Staatsverschuldung aus, war aber genauso für die Völkermordpolitik gegen die eingeborenen Amerikaner verantwortlich. Eine Politik, die in weiten Teilen bis heute fortexistiert.

Und darauf bezieht sich der „Jihad“?

Benjamin: Wenn man zwanghaft nach einer Bedeutung sucht, könnte man sagen, dass Andrew Jackson sehr leidenschaftlich Krieg geführt hat. Es ist meines Ermessens nach aber unfair, den Begriff „Jihad“ in einem Zusammenhang zu verwenden, den die westliche Welt geprägt hat, denn er hat hier eine missbräuchliche Bedeutung bekommen. Wir selbst haben es seinerzeit als Begriff für eine Art Krieg verwendet, das ist aber auch nicht akkurat.

Sean: Die tatsächliche Bedeutung von „jihad“ lautet „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“. Der Begriff wird in der westlichen Kultur falsch verwendet. Auch von uns.

Also ein Übersetzungsfehler.

Sean: Ja. Ich messe unserem Namen keinerlei Bedeutung bei. Müsste uns unser Name aufrichtig darstellen, so hießen wir wohl die „fröhlich-traurige akustische Rock’n’Roll-Band“.

Wenn ich eure Musik beschreiben müsste, was würde zutreffen: Liedermacherkram, Zigeuner-Jazz, Folk-Punk, Skiffle?

Benjamin: Akustischer Black Metal.

Sean: Skiffle gefällt mir! Das ist eine vergessene Kunst. Für Zigeuner-Jazz sind wir nicht talentiert genug, außerdem keine Zigeuner, deswegen bleibe ich bei „fröhlich-trauriger akustischer Rock’n’Roll-Band“.

Ich halte euch für äußerst talentiert. Live und auf Platte habt ihr aber zwei vollkommen unterschiedliche Gesichter. Es wäre wahrscheinlich sinnlos, eure Musik eins zu eins aufzunehmen, außer live vor Publikum meinetwegen.

Sean: Wir haben auch schon reine Duo-Aufnahmen gemacht, nur Ben und ich, auf die ich sehr stolz bin. Für ein Album ist es aber wohl besser, wenn man Zeit hat und sich sehr talentierte Musiker borgt, um die Gestalt der Lieder auszufüllen und sie interessanter klingen zu lassen. Live behaupten wir uns ebenfalls gut, wir machen genug Witze, denke ich, um das fehlende Schlagzeug vergessen zu machen.

Benjamin: Sean schreibt die Lieder und sie sind gut genug, um akustisch eine Botschaft vermitteln zu können, allein mit Gesang und Gitarre. Es ist gleichsam lohnend, sich im Studio Zeit für die Arrangements zu nehmen und zusätzliche Spuren aufzunehmen, um die Musik damit restlos unwiderstehlich zu machen. Mit den Gästen zu musizieren macht uns ebenfalls sehr viel Spaß. Die zusätzlichen Instrumente mit auf Tour zu nehmen, wäre aber sehr teuer und mit großem Aufwand verbunden. Wir haben auf einem Album voller Länge immerhin durchschnittlich zehn Gäste.

Sean: Es verlangt auch nicht jedes Lied Bläsersätze oder Pianos.

Benjamin: Einen sehr talentierten Multi-Instrumentalisten mit auf Tour zu nehmen, könnte allerdings sehr viel Spaß machen. Außerdem sind wir im Moment gerade mit Kepi Ghoulie auf Tour und der spielt ja auch bei uns mit. Es kommt immer ein wenig darauf an, welche Talente und welche Instrumente uns zur Verfügung stehen. Mit einem Schlagzeug würden wir wahrscheinlich gewöhnlicher klingen.

Auch wenn die an sich das Gegenteil machen von dem, was ihr tut, erinnert ihr mich an ATOM AND HIS PACKAGE. Durch die Publikumsansprache, die prosaischen Themen, den Humor. Ihr verwendet außerdem ebenfalls musikalische Referenzen in euren Liedern, in eurem Fall „When the saints go marching in“, Woody Guthrie-Texte oder das SIMON AND GARFUNKEL-Lied „Mrs. Robinson“.

Sean: Atom ist ein sehr talentierter Liedermacher. Es gefällt mir, populäre Songs in unsere Musik zu integrieren. In technischer Hinsicht, weil eine Vertrautheit entsteht, die sich als Verkaufsargument positiv auswirken könnte ... möglicherweise. Aber auch, weil Musik so viel Inspiration bietet. Es macht einfach Spaß, bestehende kulturelle Errungenschaften in neue Zusammenhänge zu setzen.

Benjamin: Ich denke, dass es auch die Erkenntnis vermittelt, dass Musik niemals in einem Vakuum existiert und dass es am Ende des Schaffensprozesses vermessen wäre, anzunehmen, man hätte etwas Neues erschaffen. Jeder Musiker ist sich des Gegenteils bewusst und darum ist das Zitat ein Eingeständnis, dass bereits ein reicher Schatz guter Musik existiert.

Sean: Ich mache es auch, weil ich mich dadurch cleverer fühle. Auch wenn das Schreiben von eigenen Sachen vielleicht noch cleverer wäre.

Wie ist das für das Publikum, auf Shows mit richtigen Bands umzuschalten zwischen elektrisch und akustisch, zwischen vom Mischpult abgenommen und roher Nacktheit?

Sean: Der „Rotterdam Rumble“ war wirklich lustig. Du hattest da sehr viele traditionelle Punk-Fans, die sich auf unsere Musik erst ein wenig einstellen mussten. Das waren hauptsächlich Hardcore-RAMONES-Fans, die zunächst für eine Minute oder so desinteressiert waren, dann aber Zugang zu unseren Texten fanden oder uns auch einfach nur fluchen gehört haben.

Benjamin: Wir spielen eigentlich auf sehr vielen normalen Shows. Als Vorband beispielsweise, wenn eine Band nach Phoenix kommt, sei es Pop-Punk, Metal oder irgendein abgefahrener Indie-Kram, und da haben wir uns eigentlich immer gut behauptet. Mir scheint, der Underground akzeptiert heute mehr musikalische Formen und Genres. Der Sound oder die verwendeten Instrumente scheinen an Bedeutung gegenüber der Botschaft verloren zu haben.

Sean: Im Dezember waren wir mit einer Hardcore- beziehungsweise Metal-Band namens ROYAL MONSTERS auf Tour. Die sind ziemlich gut. Meine vorherige Tour war im September zusammen mit BLUNT MECHANIC, einer Indierock-Band. Und mit Bens Metal-Band MALAKAI waren wir auch schon auf Tour. Die klingen ein bisschen nach COALESCE oder CONVERGE, auch ein wenig wie MOGWAI. Irgendwie langweilt mich elektrische Musik gerade gar nicht, ich mag Sägegitarren.

Kepi Ghoulie sagte, dass keines der Konzerte auf dieser Tournee dem anderen geglichen hätte. Immer spielte jemand anderes mit oder es standen nicht immer dieselben Instrumente zur Verfügung. Du, Ben, spielst normalerweise Kontrabass.

Benjamin: Normalerweise ja, ich versuche, das auch live so oft wie möglich zu machen. Zu Kepi will ich sagen, dass er ein ganz verblüffendes Individuum ist. Er vertritt die Philosophie, jeder Tag könnte dein letzter sein und jede Show wird die Show deines Lebens werden. Und diese Einstellung sorgt für eine immer wieder unwiderstehlich freudvolle Erfahrung, anstatt lediglich die Anlage aufzubauen und jeden Tag dasselbe Programm abzuspulen. Wenn du aufhörst zu experimentieren und zu improvisieren, wäre das Touren langweilig und lediglich ein Job. Es ist für Band und Publikum aufregender, wenn man jede Nacht etwas anderes ausprobiert und versucht, die beste Show seines Lebens zu spielen.

Ich war auch beeindruckt von der Interaktion des Publikums mit euch, insbesondere dass an einem Montagabend in Berlin so viele mitgesungen, mitgeklatscht und mitmusiziert haben.

Benjamin: Kepi ist gut bei der Zuschaueranimation. Ich hatte ein Bier in der einen Hand, in der anderen eine Zigarette und Kepi, der wahrscheinlich nur meinen Kopf sehen konnte, warf mir ein Tamburin zu, das wahrscheinlich irgendjemandem auf den Kopf fiel. Er ist nicht nur ein fantastischer Musiker, er ist auch ein guter Freund. Ich bin dankbar für die gemeinsam verbrachte Zeit, in der ich seine besondere Sicht auf die Welt kennen gelernt habe.

Sean: Das ist wahr. Er hat mir beigebracht, heute ist der beste Tag deines Lebens, denn gestern ist vergangen und morgen noch nicht da. Das fasst, vielleicht etwas unzureichend, aber doch Kepis Lebenseinstellung ganz gut zusammen. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, heute wäre vorüber, um für morgen Platz zu machen. Nur auf dieser Tour nicht. Da war jeder Tag der wahrhaftig beste Tag meines Lebens.

Walmaul

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #95 (April/Mai 2011)

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