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Interviews & Artikel

RISE AGAINST

Der Morgen nach der Apokalypse

Man will ja keine andere Band dissen, aber das Gefühl, eine hohe Chartplatzierung gehe für einheimische wie US-Bands mit Punkwurzeln unweigerlich mit einer stetigen „Verpoppung“ und „Mainstreamisierung“ einher, trügt einen letztlich nicht. Privat und tief in sich drin mögen solche Musiker der Szene, der sie entstammen, treu geblieben sein, doch die Songs ihrer Bands klingen oft nur noch nach gefälligem Pop-Rock. Wieder eine Band also, die sich den Schneid hat abkaufen lassen, im Tausch gegen viele neue Fans. Und dann gibt es da die paar wenigen Ausnahmen, beispielsweise RISE AGAINST, die auf beinahe schon unheimliche Weise seit zehn Jahren alles richtig machen, musikalisch aggressiv und textlich wie auch in sonstigen Aussagen engagiert geblieben sind, auch wenn sich die durschnittlichen Zuschauerzahlen pro Konzert seitdem mehr als verzehnfacht haben dürften. Mit „Endgame“ ist im März das sechste Album der Band aus Chicago erschienen, und ich sprach mit Frontmann Tim McIlrath.

Tim, RISE AGAINST sind gefühlt ständig unterwegs. Wo bist du gerade?

Zu Hause in Chicago, aber nächste Woche geht es schon wieder los, wir spielen ein paar Shows in Brasilien und Argentinien – und dann geht es nach Europa. Ich freue mich schon auf das warme Südamerika, wir hatten hier in Chicago gerade erst einen brutalen Blizzard mit extrem viel Schnee, der aber auch Spaß machte. Ich habe zwei Kinder, und die fanden das toll.

Solch extremes Wetter hat andere schon dazu gebracht, sich in den südkalifornischen Dauersommer abzusetzen.

Chicago ist meine Heimat, und ich wohne hier nicht wegen, sondern trotz des Wetters. Ja, die Winter hier sind brutal, aber die Stadt an sich ist immer wieder erstaunlich. Ich war schon überall in der Welt mit meiner Band, und ich freue mich immer, wenn ich hierher zurückkomme. Hier ist meine Homebase, ich genieße es, hier zu sein, wenn ich mal wieder lange unterwegs war.

Von den Qualitäten der Chicagoer Musikszene habe ich mich 2010 beim Riot Fest überzeugt, in dessen Rahmen ihr auch aufgetreten seid. Was macht für dich das Besondere der Musikszene Chicagos aus, und was davon findet sich bei deiner Band wieder?

Es ist schwer für mich zu definieren, was uns oder andere als „Chicago-Band“ auszeichnet. Generell kann man sagen, dass die Bands von hier eine Mischung verschiedener Stile darstellen und alle irgendwie anders sind. Chicago ist eine Insel der Kultur in einem kulturellen Niemandsland: Wir sind nicht die Westküste, nicht die Ostküste, um uns herum ist nur das Kleinstadt-Amerika. Dadurch ist die Szene hier recht isoliert, und jede Band kann machen, was sie will, kann ihren eigenen Sound entwickeln. Hier sind wir etwas mehr mit uns selbst beschäftigt, ganz zu schweigen vom einfachen Touren: An der Eastcoast kannst du leicht am Wochenende ein paar Shows spielen, in New York City, in Boston, in Upstate New York, genauso an der Westcoast, wo du zudem noch die ganze Entertainment-Industrie direkt vor der Haustür hast. In Chicago hast du ein paar kleinere College-Städte um dich herum, wo du spielen kannst, oder du spielst bei einer Party, und diese Isoliertheit der Szene, ihre Intimität, brachte immer wieder einzigartigen Sound hervor, etwa BIG BLACK, ARTICLES OF FAITH, PEGBOY, LOS CRUDOS oder CAP’N JAZZ.

Es gibt auch in Chicago gute Studios und Produzenten, man denke nur an Steve Albini und Electrical Audio, ihr allerdings nehmt traditionell in Fort Collins, Colorado mit Bill Stevenson – von ALL und DESCENDENTS – und Jason Livermore in deren Blasting Room-Studio auf, so auch euer neues Album „Endgame“, und habt Fort Collins als eure „zweite Heimat“ bezeichnet.

Bill und Jason sind fest im Punkrock verwurzelt, wir vertrauen ihrer Meinung, uns interessiert, was sie von unserer Musik, unseren Songs halten, was sie im Studio hinzufügen, was sie weglassen. Ihr Studio ist in einer coolen, kleinen Stadt in Colorado, die über die Jahre wirklich zu unserer zweiten Heimat geworden ist und wo wir viele Fans und Freunde haben, wo unsere Shows immer gut sind. Hinzu kommt, dass unser Drummer Brandon aus dem nicht weit entfernten Denver, Colorado stammt und auch dort wohnt. Und wenn ich mit meiner Familie Urlaub mache, dann fahren wir auch immer nach Colorado. Fort Collins und das Blasting Room-Studio sind der ideale Ort zum Aufnehmen, weit weg von der Oberflächlichkeit und Falschheit von Los Angeles oder New York.

Das aktuelle und die beiden Alben davor habt ihr dort aufgenommen, auch „Revolutions Per Minute“ – meist aber wechseln Bands mit einem Majordeal auch das Studio, meinen Neues ausprobieren zu müssen, oder werden vom Label dazu gezwungen.

Wir haben unserem Label klar gemacht, dass wir entscheiden, wo wir aufnehmen. Wir haben ein gutes Verhältnis zum Label, die haben unsere Entscheidung in Sachen Studio unterstützt, und wir sind darüber sehr glücklich, denn wir wissen, dass nicht alle Bands so eine harmonische Beziehung mit ihrem Label haben. Die Leute dort machen einen guten Job, die verstehen, worum es uns geht, und lassen uns tun, was wir für richtig halten.

RISE AGAINST sind derzeit sicher die größte und bekannteste Punkband, die ihren Überzeugungen treu geblieben ist, die sich zu politischen und gesellschaftlichen Themen immer wieder klar äußert. Wie geht ihr, wie gehst du mit den diesbezüglichen Erwartungen an euch um?

Einerseits kenne ich die Erwartungen, andererseits nehme ich sie aber auch nicht wirklich zur Kenntnis. Ich behaupte nicht, zu wissen, was unsere Fans denken, und zudem sind unsere Fans ja auch ganz verschieden. Der eine steht auf RISE AGAINST und kommt dann über einen unserer Songs auf ein bestimmtes Thema, beschäftigt sich darüber hinaus damit und erwartet vielleicht von uns noch mehr politischen Protest bei unseren Shows. Andere Fans hingegen sind der Meinung, ich solle auch mal die Klappe halten, einfach nur Musik machen, denn sie wollen Spaß haben. Wenn ich mir unsere Fans also anschaue, wollen die einen, dass wir politischer sein sollen, und die anderen sind für das Gegenteil. Wir haben also keine Chance, alle Erwartungen zu erfüllen. Du kannst da letztlich nur auf deine innere Stimme vertrauen und die Message in die Musik packen, die dir wichtig ist – und hoffen, dass du alle Leute damit irgendwie erreichst. Und so werden wir uns weiter darum bemühen, relevante Musik zu machen, falsche Vorurteile und Mittelmäßigkeit zu vermeiden, um die Aufmerksamkeit der Leute auf bestimmte Themen zu lenken. Und letztlich können wir nicht mehr tun, als unsere Musik öffentlich machen und hoffen, dass sie richtig ankommt. Wenn sie ankommt, schön, wenn nicht, dann machen wir trotzdem weiter und versuchen es erneut. Man hat ja sowieso keine Chance, in dieser Hinsicht perfekt zu sein, und zudem bewegen wir uns auf einem schmalen Grat zwischen dem Äußern unserer Überzeugungen einerseits und dem Predigen andererseits. Das ist echt schwer, und ich behaupte auch nicht, dass wir diese Balance immer gut hinbekommen haben. Ich denke aber schon, dass es uns immer wieder gelungen ist, das Leben von Menschen, ihr Denken zu verändern, und das macht mich zufrieden.

Ich habe eben das Buch von Steve Ignorant gelesen, und über seine Zeit bei CRASS sagt er, dass er irgendwann die Nase voll davon hatte, „gut“ zu sein, er konnte mit den Erwartungen der Fans an die Band, die sich mit wachsender Bekanntheit ergaben, nicht mehr mithalten.

Es ist immer wieder interessant, wie sich bei Menschen mit einer gewissen Berühmtheit oder bei Pseudo-Celebrities eine gewisse mystische Aura einstellt. Diese basiert auf einer Übertreibung der Fakten oder auf frei Erfundenem, und daraus entsteht dann ein Bild von einer Person und ihrem Leben, so dass die Menschen glauben zu wissen, wer du bist und wie dein Leben aussieht, und daran knüpfen sie bestimmte Erwartungen. Diese Einschätzungen sind oft völlig falsch. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Sache: Ein Freund war mit seiner Band im Jahr nach uns bei der Warped-Tour dabei, und er kam zurück und sagte, es sei ja echt cool, wie wir in Sachen umweltfreundlichem Verhalten drauf seien. Ich fragte ihn, wovon er rede, und er sagte, man habe ihm erzählt, wir seien zur Vermeidung von Einweggeschirr jeden Tag mit unserem eigenen Geschirr und Besteck zum Catering-Essen gekommen. Ich musste ihm dann sagen, dass das zwar eine gute Idee sei, aber einfach nicht der Wahrheit entspreche. Und solche Geschichten gibt es immer wieder, die stellen so eine Art Mythologie einer Band dar, und es kann auch schnell in üble Nachrede ausarten oder darin, dass von einem erwartet wird, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen, wie im Falle von Steve und CRASS. Dabei erhebt keiner von RISE AGAINST den Anspruch, perfekt zu sein, genau zu wissen, was falsch und was richtig ist. Im Gegenteil, wir stellen uns die gleichen Fragen über das Leben und die Liebe und alles andere wie jeder andere auch. Es gehört zu unserer „Reise“ dazu, sich zu all dem eine Meinung zu bilden und den eigenen Weg zu finden. Ich versuche aber, mir über all das und die Erwartungen an uns nicht zu viele Gedanken zu machen, gerade dann, wenn ich zu Hause bin und einfach nur mit meiner Familie ein ganz normales Leben führen will.

Eines, in dem du dich fleischfrei ernährst. Mal heißt es, du seist Veganer, an anderer Stelle ist von vegetarischer Ernährung die Rede.

Ich bin Vegetarier.

Und wie sind deine Erfahrungen als Vegetarier, als jemand, der sich dazu äußert, gerade jetzt, da das Thema durch Jonathan Safran Foers Buch „Eating Animals“ so viel Aufmerksamkeit erfahren hat?

Als ich im Alter von 15 Mitte der Neunziger Vegetarier wurde, gab es keine Veggieburger. Heute bekommt man einen bei Burger King und McDonald’s, und hätte mir das damals jemand erzählt, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Heute ist es recht leicht, in einem Restaurant ein vegetarisches Gericht zu bekommen, doch 1994/95, als ich damit anfing, reagierte man beinahe noch mit Entsetzen auf das Bekenntnis, man sei Vegetarier. Da war das Klischee noch sehr lebendig, dass man als Vegetarier sicher Hippie-Eltern hatte, die einen in einer Kommune mit Karotten, Gras und Baumrinde aufgezogen hatten, hahaha. Ich antwortete dann, ich sei in Chicago aufgewachsen und hätte jahrelang jeden Tag Hot Dogs gegessen. Ich wurde mit Fleisch aufgepäppelt, ich hatte als Kind Geburtstagspartys bei McDonalds, ich war ein ganz normaler amerikanischer Teenager. Ich finde es heute sehr angenehm und ermutigend, dass Vegetarismus von der Mainstream-Gesellschaft immer mehr akzeptiert wird, dass immer mehr Informationen über die industrielle Fleisch- und Lebensmittelproduktion zu den Leuten vordringen, darüber, wie die Lebensmittelindustrie unser Essen in ein vor allem dem Profit dienendes Produkt verwandelt hat. Heute ist doch die Gewinnmarge eines Produktes wichtiger als dessen Qualität. Und so richten immer mehr Leute ihr Augenmerk darauf, was sie essen, sie bekommen immer mehr mit von den alarmierenden Entwicklungen im Zusammenhang mit Lebensmitteln. Und da steht das Fleisch im Mittelpunkt des Interesses, das in den USA zu 99% aus industrieller Massentierhaltung stammt. Dieses Fleisch ist wirklich sehr, sehr ungesund, es stammt von Tieren, die eigentlich ihr ganzes Leben über krank sind und permanent mit Medikamenten versorgt werden. Es rechnet sich für die Industrie einfach nicht, Tiere in Gesundheit und ohne Medikamente zu züchten – es ist billiger, sie mit Medikamenten gerade so bis zur Schlachtreife am Leben zu erhalten.

Du hast Kinder, wie ergeht es denen in der Schule?

Als sie in die Schule kamen, dachte ich, dass sie sicher die einzigen vegetarischen Kids dort sind – und war überrascht, dass das nicht der Fall war. Es gibt also noch mehr Eltern, die ihre Kinder vegetarisch aufziehen, und das finde ich ermutigend.

Es gibt also noch Hoffnung – es ist nicht alles so düster wie in den dystopischen Romanen „Nineteen Eighty-Four“ von George Orwell und „Brave New World“ von Aldous Huxley, die dich beeinflusst haben. Dennoch trägt euer neues Album den düster wirkenden Titel „Endgame“.

Ja, da hast du Recht. Wir leben in beängstigenden Zeiten, wo von Weltuntergangsszenarien geredet wird, sowohl in Hinblick auf das weltweite Finanzsystem wie das Klima oder die Verbreitung nuklearer Waffen betreffend. Unser Albumkonzept „Endgame“ dreht sich nun darum, wie eine Welt, wie unser Leben aussehen könnte nach so einem Kollaps. Wie wäre das Leben für die Überlebenden? Auf unserem Album wird spekuliert, dass es ein schönes Leben wäre, dass die künstlichen Trennungen zwischen den Menschen in unserer heutigen Gesellschaft Vergangenheit wären, dass wir ein Leben leben würden, das besser ist sowohl für uns selbst wie für den Planeten, für das Verhältnis unter den Menschen. „Endgame“ steht für das erste zarte Morgenlicht am Horizont nach der Nacht der Apokalypse.

Ein schönes Bild.

Ja, oder? Ich wollte versuchen, das Negative aus dem Bild des Untergangs, der Apokalypse zu nehmen, zeigen, dass es ein Danach gibt. Es ist doch klar, dass unser Tun Folgen haben wird, dass es einen Zusammenbruch geben wird, dass daraus aber auch Gutes entstehen kann, dass die Welt, die aus der Asche des Untergangs entsteht, eine bessere sein kann für uns alle. Das macht eine Apokalypse viel weniger beängstigend. Das alles macht das Konzept von „Endgame“ aus, und dazu passt auch das Coverartwork, das zusammen mit dem Wort „Endgame“ unmittelbar Assoziationen auslöst.

Man sieht auf diesem Foto ein Kind mit einer US-Fahne durch ein Getreidefeld auf ein Haus zulaufen, über sich den blauen Himmel.

Wir wollten ein Bild haben, das nicht den Erwartungen entspricht, die man mit dem Begriff „Endgame“ – Endspiel – verknüpft. Es sollte ein Bild sein, das eher beruhigend wirkt, das eher gegenteilige Assoziationen hervorruft, nicht nach Untergang und Dunkelheit aussieht. Ich wollte auch unserem aggressiv wirkenden Bandnamen RISE AGAINST etwas entgegensetzen, der ja sowieso direkt Reaktionen und Gefühle auslöst.

Von wem stammt das Cover?

Von Evan Hunt, einem Fotografen aus Chicago, der eigentlich nur Fotos von uns für ein Magazin machen sollte. Das war schon vor ein paar Jahren, und uns gefielen seine Fotos so gut, dass wir seitdem immer wieder mit ihm gearbeitet haben. Für das neue Album mussten wir uns dann wieder mit dem Thema beschäftigen, und irgendwie kamen wir dann auf Evan. Er hat ein gutes Auge für interessante Motive, und als wir ihm dann unsere Idee für das Cover erklärten, verstand er sofort, was wir wollten, und kam mit diesem Foto an, das du jetzt auf dem Cover siehst.

Wofür steht die US-Fahne auf dem Cover?

Es steht für die Suche des kleinen Jungen nach einem neuen Zuhause, an dem er diese Fahne hissen kann. Ich schreibe aber nie Songs, die einen Bezug zu diesem Land haben, ich habe dabei immer die Welt als Ganzes im Blick. Es könnte also auch die deutsche, britische oder italienische Flagge sein. Ich finde, dass das Wort „Patriot“ gerade in den USA vom konservativen, rechten, religiösen Lager als Geisel genommen wurde, und die haben den Begriff zu etwas sehr Hässlichem gemacht. Gleichzeitig kann ich mir aber vorstellen, den Begriff, das Konzept Patriotismus positiv zu deuten, auch wenn das 2011 in den USA wirklich schwer fällt. Auf „Appeal To Reason“ hatten wir den Song „Hero of war“ und da wurde sofort ein Bezug zum US-Militär hergestellt, der gar nicht gegeben war. Für mich sollte das ein Song über die Probleme mit dem Militär überall auf der Welt sein. Und so ist eben auch die Flagge auf dem Cover universell, so wie RISE AGAINST eine Band sind, die überall auf der Welt tourt und überall Fans hat. Die Band war und ist für uns eine wundervolle Gelegenheit, immer wieder festzustellen, dass wir mit den Menschen in anderen Ländern mehr Gemeinsamkeiten haben als Trennendes. Das ist eine Erkenntnis, die in direktem Zusammenhang steht mit meinen Aktivitäten in dieser Band – vorher war ich ein ganz typischer Amerikaner, und die Amerikaner sind nun mal sehr ethnozentrisch, sehen dieses Land als das einzige an, das zählt. Als wir vor zehn Jahren das erste Mal zusammen mit SICK OF IT ALL nach Europa kamen, war das eine unglaubliche Erfahrung. Nach fünf Wochen Tour kam ich als ein ganz anderer Mensch zurück nach Chicago, und mir war klar, wenn jeder Amerikaner die Möglichkeit hätte, so zu reisen wie ich, einfach die Welt zu sehen und andere Menschen zu treffen, andere Sprechen zu hören, andere Speisen zu essen, andere Politik mitzubekommen, dass es eine die Augen öffnende, erleuchtende Erfahrung für sie wäre. Wenn es nach mir ginge, müsste jeder Amerikaner gezwungen werden, diese Erfahrung zu machen – dann wäre dies ein anderes Land. Für die Amerikaner hat aber leider das Reisen in andere Länder keinen so hohen Stellenwert wie etwa für die Australier oder die Europäer. Speziell die Punkrock-Community als weltweites Phänomen hat mit zu dieser Sichtweise beigetragen. Punk ist kein Phänomen, das auf Chicago oder die USA begrenzt ist, es verbindet mich mit Menschen von Singapur bis Europa.

Tim, vielen Dank für dein Zeit.

Joachim Hiller

 


RISE AGAINST „are our Midwest brothers from a different mother“ sagten ANTI-FLAG 2004 über die Chicagoer Band, die in ihren frühen Tagen untrennbar mit denen der Pittsburgher Politpunks verwoben waren. ANTI-FLAGs Fat Wreck-Debüt „Underground Network“ erschien zeitgleich mit RISE AGAINSTs erstem Album „The Unraveling“ (Fat Wreck, 2001), auf dem die Band ihren Trademark-Sound bereits definierte: RISE AGAINST orientierten sich klar an BLACK FLAG, DESCENDENTS und BAD RELIGION. Die rauhe Stimme von Sänger Tim war das gewisse Etwas, das RISE AGAINST von der Masse ähnlicher Hardcore-Punkbands abhob. Seit diesem Debüt hat sich eine Menge verändert. Das Interesse an ANTI-FLAG, die zeitweise sogar populärer waren als RISE AGAINST, hat massiv abgenommen, wohingegen RISE AGAINST heute Bands wie RANCID oder BAD RELIGION als Vorbands buchen und auf beiden Seiten des Atlantiks vor mindestens 4.000 Leuten pro Nacht spielen.

Zwischen „The Unraveling“ und dem heutigen Erfolg liegen jedoch fünf Alben. Das zweite RISE AGAINST-Album „Revolutions Per Minute“ erschien 2003 (Fat Wreck) und brachte der Band erste Erfolge. Sie spielten sowohl die MAD CADDIES als auch SICK OF IT ALL an die Wand, als diese sie als Vorband mit nach Europa brachten. Dieser Erfolg rief die Majors auf den Plan, und so erschien „Siren Song Of The Counter Culture“ (2004) bei Universal. Wider der Szeneerwartung, dass die Band nun weichgespült werden würde, lieferte diese ein sehr hartes Album ab und behielt die Härte auch auf „The Sufferer And The Witness“ (2006, Universal) bei.

Der darauf enthaltene Song „Prayer of the refugee“ sorgte letztlich für den Durchbruch: RISE AGAINST vertrieben ihn über „Guitar Hero: World Tour“ und wurden in den USA über Nacht zu Stars. Nur böse Zungen behaupten, dass „Appeal To Reason“ (2008, Universal) deswegen deutlicher rockiger wurde, ein Vorwurf, den sie unberechtigterweise auch an „Endgame“ (2011, Universal) richten werden, das neueste Album der Band, das eine gelungene Brücke zwischen Hardcore-Punk und ruhigeren Sounds schlägt. Bemerkenswert ist und bleibt, dass RISE AGAINST ihre jetzige Popularität dafür nutzen, Organisationen wie PETA und Save Darfur zu unterstützen.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #95 (April/Mai 2011)

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