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Interviews & Artikel

BROILERS

Neue Wege

Ende März, der Frühling macht auf Sommer, Sammy Amara und ich sitzen auf einer Laderampe in einem Düsseldorfer Gewerbehof, wo der BROILERS-Frontmann sein Grafikbüro hat, und trinken Kaffee in der Sonne. Sammys kleiner Hund Emma bewacht uns, verjagt mit lautem Gebell die großen Hunde der anderen Mieter, und es ist ein perfekter Nachmittag, um über das neue Album zu plaudern, das zu diesem Zeitpunkt noch zwei Monate von seinem Release entfernt ist, das kaum jemand außerhalb des engen Zirkels von Freunden, Familie und Label gehört hat. „Santa Muerte“, das ab dem 10.06. zu haben ist, erscheint einerseits wieder auf People Like You, andererseits ist vieles neu: der Sound der Band hat sich gewandelt, um die geschäftlichen Dinge kümmert sich JKP, das Label und Management der TOTEN HOSEN, deren Wege sich in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach mit denen der BROILERS kreuzten. Es herrscht Aufbruchstimmung, Sammy und seine Band sind euphorisch und unsicher zugleich, sind gespannt darauf, welche Reaktionen „Santa Muerte“ hervorrufen wird, wohin das Album die Band führt.

Sammy, Amara ist der Name einer Stadt im Irak. Gibt es da eine familiäre Verbindung oder woher kommt dein Nachname?

So genau beantworten kann ich die Frage nicht, mein Vater hat die Geschichte seiner Familie nicht so weit zurückverfolgt. Aber mein Vater stammt aus dem Irak, wurde in Bagdad geboren. Das Wort Amara hat aber auch einen lateinischen Stamm, „amaro“ heißt bitter, „amara“ ist die weibliche Form, und es gibt auch in Bulgarien, Italien oder Spanien Orte, die Amara heißen. Das wollte ich eigentlich schon längst mal im Detail recherchieren.

Wie kam dein Vater nach Deutschland?

Mein Vater ist in sehr jungen Jahren von zu Hause weg und kam dann in den Sechzigern nach einem Studium in der Türkei nach Deutschland. Hier machte er seinen Doktor und ist hiergeblieben. Er lernte dann meine Mutter kennen, die als Sekretärin in einem Möbelhaus arbeitete, und „entführte“ sie dann vom Schreibtisch weg, haha.

Eine Migrantenkarriere also, wie sie sich die CDU wünscht: Die nützlichen, gebildeten Ausländer dürfen gerne zu uns kommen.

Ja, genau, das entspricht dem Bild des erwünschten Ausländers. Wobei ich das dann natürlich wieder verwässert habe als Skinhead, Punk, was auch immer, haha. Und auch wenn ich hier geboren bin, erlebe ich ja immer noch kuriose Sachen, etwa dass ich für meine gute Aussprache des Deutschen gelobt werde: „Sie haben sich hier aber gut eingelebt!“ Und das bekommt man dann in schlimmstem Sächsisch gesagt ...

Wie gehst du mit diesem Thema um, mit dem du ja ungewollt immer wieder konfrontiert wirst?

Es ist okay, darüber zu reden, in einer Zeit, da dieser unsägliche, schielende Sarrazin auf die Bildfläche getreten ist. Infolgedessen kommt das Thema auch wieder mehr in Interviews vor. Ich bin aber durchaus genervt von der Debatte, frage mich, was ich damit zu tun habe. Ich bin 1979 in diesem Land geboren, nach meinem Selbstverständnis bin ich kein Migrant, ich beherrsche die deutsche Sprache sehr gut und mag sie. Dass ich so einen „Migrationshintergrund“ habe, fällt mir immer nur dann auf, wenn mich Leute darauf ansprechen. Immerhin, solche Fragen sind in den letzten Jahren wesentlich weniger geworden. In meiner Kindheit sah das noch ganz anders aus.

Du bist in Düsseldorf aufgewachsen?

Ja, in Hellerhof, direkt neben Garath, da gab es zwei Seiten, die Maroks und die Faschos, da bekam man schon zu spüren, dass man zwischen den Stühlen saß. Aber ich bin froh, dass ich nicht in Bayern aufwachsen musste, ich denke, das wäre noch eine Nummer härter gewesen, mit dem Background, in Lederhosen ...

Sprichst du die Sprache deines Vaters?

Arabisch? Nee, und auch sein Arabisch ist mittlerweile recht verwaschen, da sind viele deutsche Wörter drin. Mein Vater war auch schon ewig nicht mehr im Irak, das wurde irgendwann zu riskant, das tut er sich nicht mehr an. Ich selbst war nur einmal als Kind da, vor vielen Jahren, und würde mir dieses Land schon gerne mal anschauen, wobei ich an sich keinen richtigen Bezug dazu habe. Ich wurde auch völlig „westlich“ erzogen, wurde evangelisch getauft. Mit erwachsenen Augen würde ich Bagdad dennoch gerne noch mal sehen, ich kann mich nur erinnern, dass ich das als Kind gruselig und beeindruckend zugleich fand. All die fremden Menschen, meine Oma, diese großen leeren Wohnräume, in denen man auf dem Boden sitzt ... Wobei die Familie dort auch recht westlich ist, da gab es einen riesigen, langen Esstisch, und Kopftuch wurde nicht getragen. Ich will jetzt nichts Falsches sagen, aber Kopftuch tragen auch im Irak nicht die Großstädter, das ist schon eher „bauernartig“.

Machen wir mal einen Sprung von dir zur Band, wobei auch die etwas mit Identität zu tun hat. Wo seht ihr euch heute, mit euren Wurzeln in all diesen Subkulturen?

Im Scherz sagen wir immer „BROILERS – bringing the kanak back into Oi!“. Wir bilden optisch wie musikalisch eine Schnittmenge. Optisch fanden wir schon immer „hard & smart“ cool, also sich gut und stilvoll zu kleiden, auf den kleinen Unterschied zwischen regulärer Kleidung und echt guter Kleidung zu achten. Style eben. Diese Feinheiten, diese Kontraste sind für mich in meinem ganzen Leben sehr wichtig. Ich finde es cool, einen Anzug zu tragen, darunter aber tätowiert zu sein – auf so was stehe ich. Das coolste Styling ist aber immer dann hinfällig und sinnlos, wenn nichts dahinter steckt.

Dazu passt, dass du als Grafikdesigner arbeitest.

Klar, unser Design ist uns sehr wichtig und entspricht sicher nicht dem, was man mit dem zeitgenössischen Punkrock verbindet. Wir waren in unserem Stil den anderen immer etwas voraus, und gleichzeitig kann man ohne Wissen um den Bezug der BROILERS zu Punkrock von der Optik nicht zwingend darauf schließen – speziell auch beim neuen Album. Das Optische verbindet uns bei den BROILERS also, genau wie unsere musikalische Sozialisation, die sehr ähnlich ist. Wir haben bis heute Bands, die wir gemeinsam geil finden.

SOCIAL DISTORTION?

Die sind heute nicht mehr so wichtig, wie sie es mal waren. Klar, Mike Ness hat mich optisch, was man ja unschwer erkennen kann, sehr beeinflusst, wobei der das auch nicht erfunden hat, sondern der Latino-Mafia-Ästhetik entlehnt hat. Das war für mich eine dankbare Inspirationsquelle. Deshalb also sind SOCIAL DISTORTION ein gemeinsamer Nenner unserer Band. Dann natürlich THE CLASH, und Bruce Springsteen ist in letzter Zeit für uns wichtig geworden, das ergab sich so während unserer Weinproben.

... Weinproben?!

Ja, gemeinsam Wein trinken und dabei proben. Irgendwann legen wir Instrumente weg, trinken Wein, und dann gehen die Finger auf dem iPod immer auf Springsteen.

Aber wie ging es so richtig los, was hat dich als Teenie optisch wie musikalisch angesprochen, als du in den frühen Neunzigern auf Punkrock & Co. gestoßen bist?

Punkrock trat dadurch in mein Leben, dass ich durch einen Zufall an die „Learning English“-Platte der TOTEN HOSEN kam, diese Coversong-Platte. Ich fing dann an, die Originale zu kaufen, stieß auf die SEX PISTOLS, und das war mein Ding. Ich besorgte mir diverse Bildbände und Songbücher, und Sid Vicious war einfach eine geile Sau, wobei meine Idealvorstellung eine Mischung aus Sid Vicious und Johnny Rotten war. Das hat mich mit zwölf, 13, 14 total gekickt, und entsprechend lief ich in Bondagehosen und Creepers rum. Durch Punk kam ich dann zu JRE, Jugend gegen Rassismus in Europa, eine in den Neunzigern aktive antifaschistische Jugendorganisation, und Antifa, was mir aber optisch irgendwie zu „zeckig“ wurde, das ging für mein Empfinden gar nicht, das war mehr Hippie als Punk. Das war mir alles zu weich, bei JRE waren das Leute, die weggerannt sind, wenn die Nazis kamen, anstatt sich zu wehren, und bei der Gelegenheit lernte ich Glatzen kennen, die ganz traditionell unterwegs waren, also Oi!-Skins und SHARP!-Skins. Da merkten wir, dass das ein Outfit war, vor dem die Leute Angst hatten, und wir hatten davor ja selbst Angst. Deshalb war es interessant für uns, denn es war für uns Jugendliche ja wichtig, zu provozieren und zu schockieren. Mit Punk ging das irgendwann nicht mehr, da war die Reaktion irgendwann eher „Ach, süß!“. Als 15-jähriger Skinhead machte man aber natürlich auch niemandem richtig Angst, haha.

Wir reden da von der Zeit Mitte der Neunziger, als Punk durch den großen Erfolg von GREEN DAY, OFFSPRING & Co. salonfähig wurde. Andererseits war das kurz nach der Wiedervereinigung mit den diversen rassistischen Vorfällen wie jenen in Rostock, Mölln und Solingen.

Genau, und da konnte man mit dem Glatzenlook hervorragend auffallen. Dabei war uns wichtig, das Statement zu machen, dass wir echte, traditionelle Skinheads sind, um uns von den Nazis abzusetzen. Dass das nicht jeder Außenstehende kapiert hat, war nicht so wichtig, denn wir wussten das ja.

Und wie funktionierte das mit dem Skinheadsein und dir als „Halbkanake“?

Haha, ganz schlecht. Ich bekam von den Faschos und von den Kanaken aufs Maul. Andi, unser Schlagzeuger, sagte neulich, dass er es einerseits bedauere, nicht vorne auf der Bühne zu stehen, er mich andererseits aber nicht darum beneide, da vorne aufs Maul zu bekommen. Ich war eben immer schon der „Kopf“ in der Band und habe entsprechend drauf bekommen. Meinen Vater machte diese Skinheadsache damals übrigens sehr wütend, „die“ Skinheads waren ja überall in den Medien.

Dem fehlte also das popkulturelle Verständnis dafür, was du da machst.

Vollkommen, natürlich! Ich habe zwar versucht, meinen Eltern die Unterschiede zwischen solchen und solchen Skinheads klarzumachen, aber das hat ja keiner verstanden. Aber mit 15, 16 willst du die Eltern ja auch provozieren, und so war das gut, wie es war.

Dann machen wir an dieser Stelle doch mal einen gewaltigen Sprung nach vorne: Mit der neuen Platte „Santa Muerte“ ärgert man die Eltern nicht mehr.

Meine Mutter ist totaler Fan der Band, hat mir aber auch hartes Feedback zum neuen Longplayer gegeben. Sie bat mich darum, dass ich ihr die Songs schicke, und nach ein paar Tagen rief sie mich an und sagte: „Du weißt ja, dass ich stolz auf dich bin, aber ... die Platte ist Wasser auf die Mühlen all jener, die euch ankreiden, ihr wäret nicht mehr hart genug. Die verstehen die Texte doch gar nicht, die du singst.“ Ich antwortete: „Das ist mir egal, für die schreibe ich die Texte ja auch gar nicht. Die Leute, die Bock auf uns haben, erarbeiten sich die Texte. Die Wixer, die rummeckern, die hätten wir auch mit einer Hardcore-Platte nicht mehr bekommen.“

Wie kommt deine Mutter zu dieser Einschätzung?

Ich singe eben manchmal ... um die Ecke. Zwischen den Zeilen steht die ganze Wahrheit, aber du kannst natürlich auch immer alles direkt frei heraus sagen, voll in die Fresse. Mir macht Letzteres aber keinen Spaß. Das ist jetzt kein Zitat, aber so als Beispiel singe ich statt „Ich töte dich, du Wixer!“ lieber „Trete doch vor deinen Schöpfer“. So was finde ich charmanter, und ich mag generell lieber Bands, die es schaffen, ganz geschickt durch die Blume etwas zu sagen. So ist das auch mit Büchern und Filmen, es sind für mich die kleinen Details, die etwas interessant machen. Aber wie findest du das neue Album denn?

Ich kenne es erst seit ein paar Tagen, und ich war schon überrascht, weil es deutlich anders ist als die bisherigen.

Uns ist es nicht mehr möglich, das Album zu bewerten, wir stecken da so tief drin, uns fehlt der Abstand. Und in den vier Jahren , die seit dem letzten Album vergangen sind, haben wir uns ja ganz allmählich verändert, haben zig Gigs gespielt, während du jetzt nur das Ergebnis dieser Veränderung in Form des Albums hörst. Ich bin deshalb sehr gespannt auf die Reaktionen auf das neue Album. Wie empfindest du die Platte?

Als weich, melodiös und zugänglich – was alles keine negativen Attribute sind. Im Vergleich zu „Vanitas“, und natürlich den älteren Sachen, ist da nichts mehr räudig und köterig. Wie denkst du, dass jemand, der die BROILERS durch das neue Album kennen lernt, auf eure alten Platten reagiert?

Dem wird auffallen, wie extrem sich der Gesang verändert hat. Meine Stimme hat sich mit jedem Album verändert, und das wird auffallen, vielleicht auch missfallen. Früher habe ich, so war das eben in der Bomberjackenzeit, richtig gegrölt, ins Mikro gekotzt, gebellt, das musste ja hart klingen. Das war wichtig, das war ein Stilmittel der neueren Oi!-Musik. Dazu kam, und das war eine ungeheuer furchtbare Kombination, dass ich irgendwann anfing, Sänger wie Nick 13 von TIGER ARMY gut zu finden, der exakt das Gegenteil von Grölen macht. Und diese Mischung war schrecklich, da war zwischen dem Grölen und Rülpsen auch mal ein Jaulen drin, ganz furchtbar. Eine einzigartige, aber nicht gerade herausragende Art zu singen ... Das war 2004 bei „LoFi“ – für mich die Art zu singen, die mir bei mir am wenigsten gefällt.

Und warum hast du das gemacht?

Das schlich sich so ein im Proberaum, ich habe da unbewusst irgendwas, was man hörte, übernommen. So allmählich kam es auch, dass ich aufhörte zu grölen, denn wir spielten zunehmend richtige Touren und nicht nur einzelne Konzerte, und wenn man jeden Abend grölen soll, dann fickst du deine Stimme. Das richtige Grölen kann man zwar lernen, ich beherrsche es aber nicht. So wurde immer weniger gegrölt, und dazu kam, dass ich Mitte des letzten Jahrzehnts begann, zu Hause auf der Akustikgitarre Lieder zu schreiben. Zu Hause konnte ich nicht brüllen, also präsentierte ich die Lieder auch so im Proberaum. Die Songs waren also von Anfang an anders ausgelegt. 2007 merkte man diese neue Art zu singen schon auf „Vanitas“, und jetzt, 2011, ist da eben meine Stimme zu hören, so wie ich eben singe. Das ist ein Selbstfindungsprozess und es hat mich selbst erschrocken, wie jung ich auf der neuen Platte klinge. Das liegt daran, dass ich versucht habe, verständlicher zu singen, legte die Lieder also höher an, und so kam eines zum anderen.

Und du bist zufrieden?

Ja, eigentlich schon. Und vor allem kann ich so auch längere Touren durchstehen.

Das klingt nicht ganz überzeugt, sondern eher wie eine Einsicht aus Vernunft, weil es eben hilfreicher ist so zu singen.

Es hat eben lange gebraucht, bis ich mich getraut habe, meine Stimme so zu zeigen, wie sie ist.

Womit wir wieder beim Thema Identität sind.

Klar, damit hat das was zu tun, wie auch das Grölen früher. Es war früher eben wichtig als Skinhead-Band, dass man hart ist. Ich habe mich mit 15 Jahren noch nicht getraut, der zu sein, der ich bin. Bis zur Selbstfindung hat es lange gedauert, aber der auf „Santa Muerte“, das bin jetzt ich. Ich kam in den letzten Monaten auch schon mal aus dem Proberaum und dachte mir „Wäre schön, wenn wir jetzt noch ein richtig hartes Lied hätten“, aber da wurde nichts daraus, es hat sich nichts ergeben, es hat sich nichts, was wir probierten, „echt“ angefühlt.

Ist diese Einschätzung Konsens in der Band, oder hat das der Sänger und Bandboss entschieden?

Mein Art zu singen wurde nicht in Frage gestellt, das bin ich, da kann mir keiner reinreden. Wenn es um politische Texte geht, dann sprechen wir darüber, ob die anderen das Thema so sehen wie ich, und dann wird auch mal diskutiert. Meine Songs stelle ich der Band vor, wir probieren dann aus, was funktioniert und was nicht. Wir hatten diesmal auch zwei, drei harte Songs mit ins Studio genommen, aber das Endresultat fühlte sich nicht gut an. Wir haben über jeden der 18 aufgenommenen Songs abgestimmt, und die Songs, die hart waren, landeten unten in der Liste, weshalb wir sie nicht aufs Album genommen haben. Wir haben das also ausgiebig diskutiert, Andi etwa will wie die DROPKICK MURPHYS auf jedem Album einen Hardcore-Song haben, doch mich stört das bei den Murphys total, das wirkt gezwungen, kalkuliert. Bei AGAINST ME! fiel mir das auch auf, und dieser Song von „White Crosses“ wurde auch noch die erste Single. Ich liebe AGAINST ME!, und die haben ganz klar das Problem, dass sie aus ihrem Szene-Background nicht rauskommen, obwohl sie das wollen. Man merkt Tom Gabel total an, dass die Nerven blank liegen, bei allem, was er sagt. Bei jedem Interview kann man herauslesen, wie unwohl er sich fühlt, wie unsicher: Das ist sein Background, da kommt er her, die alten Fans will er zufrieden stellen, doch mit dem Majordeal – der sich mittlerweile erledigt hat – stellt er das Gegenteil dar von dem, was er einst gesungen hat. Schwierig, schwierig ...

GASLIGHT ANTHEM sind ein ähnliches Ding.

Ja, aber die haben keinen Background. Der Sänger ist zugetackert, das ist alles, sonst würden die auch nicht solche Reaktionen hervorrufen.

Ich erwähne die auch deshalb, weil du Bruce Springsteen angesprochen hast. Ich mag den schon ewig, aber lange Zeit durfte man das als Punk- und Hardcore-Fan nicht zugeben, weil der seit dem missverstandenen Hit „Born in the USA“ als konservativer Mainstream galt.

Mich nervt total, wie jetzt jeder Springsteen gut findet! Zugegeben, ich habe den auch spät für mich entdeckt, aber noch vor den Typen von GASLIGHT ANTHEM. Als Punk ging Springsteen gar nicht, und ja, auch ich habe „Born in the USA“ missverstanden, weil ich nie auf den Text gehört habe. Irgendwann habe ich die Platte mit vielen anderen von meiner Nachbarin „vererbt“ bekommen und sie intensiv gehört, auch „No surrender“, und gemerkt, wie Punk das eigentlich ist. Und dann habe ich mir nach und nach seine anderen Platten gekauft.

Man muss auch sehen, dass er ein großer Fan von SUICIDE ist, oder seine Verbindung zu Patti Smith. Den kann man als Punk schon gut finden.

Auch seine Konzerte sind genial, und ehrlich, außer bei THE CLASH empfinde ich bei keiner anderen Musik solche Glücksgefühle wie bei Springsteen. Unter meinen zehn Inselplatten ist Springsteen also dabei.

Mit solch einem Musikgeschmack und der neuen Platte wird das mit den BROILERS, so wie ich das sehe, nichts mehr mit neuen Fans aus dem Deutschrock-Lager ...

Das will ich auch gar nicht! Sowieso ist dieses „Deutschrock“-Ding eine für mich völlig unverständliche neue Szene, die sich gebildet hat mit dem Konsens „Musik ist Musik, Politik ist Politik“, „Erst saufen wir zusammen, danach hau ich dich tot“. Dieses völlig wertfreie Annehmen von allem Möglichen, das ist mir völlig unverständlich. Das führt zu YouTube-Playlisten bestehend aus BETONTOD, WIZO, KATEGORIE C, irgendeine andere Fascho-Band und noch die Klassiker.

Darf ich das so schreiben?

Ja natürlich! Das ist für mich eine Mischung, die nicht geht! Du kannst WIZO nicht mit KATEGORIE C verknüpfen. Das sind beides Bands, die bewusst für etwas stehen.

Auf irgendwelchen Festivals, ich denke da an die einschlägigen Onkelz-Tribut-Festivals, spielen heute all solche Bands munter nebeneinander.

Ja, und das finde ich nicht gut. Zugegeben, wir haben diese EL-Rocknacht auch mal ausprobiert und sind uns jetzt sicher, dass das nichts für uns ist. Wir haben es 15 Jahre ohne diese Szene geschafft, also brauchen wir die auch jetzt nicht. Die Leute, die was im Kopf und Bock auf die BROILERS haben, die hören uns, und wenn jetzt jemand, weil ich sage, dass ich keinen Bock auf Deutschrock habe, keinen Bock mehr auf uns hat, gut, damit kann ich umgehen. Mich stimmt es einfach traurig, wenn ich Punkbands sehe, die jahrelang hart gearbeitet haben und jetzt plötzlich umsatteln, ihre Musikrichtung umbenennen, nur um vielleicht etwas vom Kuchen abzubekommen.

Plötzlich macht da eine ehemalige Punkband vom Niederrhein große Heckscheibenaufkleber, gibt sich eine andere Optik, und du weißt genau, wo sie hinwollen.

Das ist Scheiße, das tut mir in der Seele weh, das ist nicht gut. Aber klar, das gigantische Vakuum, das die Onkelz hinterlassen haben, das will gefüllt werden und es wird gefüllt. Deshalb bin ich sauer auf die Onkelz, die hätten niemals aufhören dürfen, haha.

Du warst nie Fan?

Nein, ich war immer Fan der Gegenseite, der TOTEN HOSEN. Ich konnte mit den Onkelz nie was anfangen. Damit hat man sich bei uns in Düsseldorf-Süd klar positioniert: Du hörst Onkelz, dann parkst du dein Auto an der Tankstelle und bist Hooligan- und/oder Fascho-mäßig unterwegs. Oder du bist Hosen-Fan, oder ÄRZTE-Fan – die waren bei uns aber nicht so wichtig –, dann standest du auf der anderen Seite, warst Punker, Hippie, irgendsowas. Dann warst du nicht so hart wie die anderen Jungs, konntest nicht so gut boxen, aber so war das damals. Was die Onkelz als Band erreicht haben, das ist beachtlich, doch was sie hinterlassen haben, das macht mich sauer.

Dennoch ...

... gibt es eine Schnittmenge, was die Fans betrifft, ich weiß. Ich weiß aber auch nicht, wie klar meine Ansagen noch werden müssen, dass ich keine Faschos auf unseren Konzerten will. Warum kommen ein paar von denen dennoch? Ich kapiere das nicht.

Wenn man sich mal in den diversen Foren umschaut, ist es bestimmten Leuten aus dem rechten Lager egal, dass die Bands, zu deren Konzerten sie gehen, sich klar gegen Nazis aussprechen. Die scheinen einfach wertfrei den Event als solchen zu „genießen“, die gehen auch zu ANTI-FLAG oder RISE AGAINST.

Ich verstehe es trotzdem nicht. Die gehen zu RISE AGAINST, aber warum? Ich gehe doch nicht dahin, wo ich mich beschimpfen lassen muss! Wäre ich Fascho, ich wäre konsequenter.

Vielleicht sind das ja auch keine „richtigen“ Faschos, sondern Leute, die nicht wissen, wo sie eigentlich hingehören?

Wenn Leute taumeln und schon anfangen zu denken, dass sie eigentlich nicht ins Lager der Rechten gehören, dann darf man die nicht zurückweisen, finde ich, dann müssen Freunde mit denen sprechen, und sie lange auf Herz und Nieren prüfen. Meine Aufgabe kann das nicht sein, ich kann den Leuten immer nur vor den Kopf gucken. Solchen Leuten darf man die Tür nicht vor der Nase zustoßen, denn aus vielen Menschen mit so einem Background ist doch noch was Gutes geworden. Es darf jedoch nie ein leichtfertiges „Herzlich willkommen, dann machst du jetzt bei uns mit“ sein. Den Wechsel der Lager muss man sich durchaus erarbeiten.

In „Schwarz grau weiß“ von „Santa Muerte“ geht es um eine ähnliche Thematik.

Eigentlich geht es da um Patriotismus, ein Phänomen, das ich nicht nachvollziehen kann. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass meine Wurzeln so „verwaschen“ sind ... Stolz ist ja per se nichts Schlechtes, man kann stolz sein auf das, was man erreicht hat, auf seine Freunde, auf Dinge und Personen, die einem wirklich nahe sind. Aber auf den Zufall, auf das Land, in dem du zufällig geboren wurdest? Das kann ich nicht nachvollziehen. Zudem resultieren aus der Verbundenheit zu einem Land ja so viele schlechte Sachen, wie auch aus übertrieben gelebtem Glauben. Aus Religion und Nation entstehen immer wieder Kriege! Das ist für mich nicht nachvollziehbar, genau wie auch die Fußballweltmeisterschaft 2006, die hat bei mir auch ganz gemischte Gefühle ausgelöst: Einerseits war es schön, so viele glückliche Menschen Arm in Arm zu sehen, andererseits aber nervte dieses ganze Fahnengewedel und die daraus resultierende Freude der Konservativen, die da Morgenluft witterten. Das hat meiner Meinung nach die Tore geöffnet für eine Debatte wie die von und um Sarrazin, so was macht mir Angst, denn ich befürchte, dass mit dem „richtigen“ charismatischen Mann – oder Frau – ein extrem hohes Potenzial existiert, in diesem Land etwas sehr Schlechtes anzurichten, gesteuert von der Bild-Zeitung. Meine Horrorvorstellung ist, dass in 15 Jahren Xavier Naidoo für die CSU kandidiert und einen extremen Rechtsruck in die Gesellschaft bringt. Da wird konservativ nicht mehr mit blond und blauäugig verbunden, sondern mit einem Migranten, der äußerst konservativ und als knüppelharter Christ auftritt. Die neue Rechte wird ganz anders sein, als wir sie uns vorstellen – die hört HipHop und R&B.

Du erwähntest mehrfach die frühe Prägung durch DIE TOTEN HOSEN, und mit eurem Management-Deal mit der Hosen-eigenen Firma JKP schließt sich jetzt der Kreis, zudem du ja als Grafiker schon seit einer ganzen Weile auch für JKP arbeitest. Auch habt ihr mehrfach im Vorprogramm der Hosen gespielt, und jetzt, in der Kombination von JKP einerseits und eurem bewährten Label People Like You andererseits, tun sich neue Möglichkeiten auf. Welche – und wie kam es zu?

Es gibt die Möglichkeit, einige Fehler, die die Hosen gemacht haben, nicht zu machen, Fettnäpfchen zu umschiffen, denn die Bands sind sich in manchen Aspekten nicht unähnlich, haben aber andererseits einen anderen Background. Die Hosen haben mit JKP sehr gute Kontakte und gute Leute, die für sie arbeiten, und davon können wir als Band profitieren, auch wenn wir eigentlich schon recht stark sind und es auch alleine recht weit gebracht haben.

Nun setzt sich eine Firma wie JKP nicht für die erstbeste dahergelaufene Band ein, sondern überlegt sicher ganz genau, mit wem sie sich da einlässt. Was sehen die in euch, warum glauben die an euch? Und was wollt ihr eigentlich – den großen Durchbruch?

Letztlich musste das einfach sein. Ich bin zu jung für einen Herzinfarkt, und da ich in der Vergangenheit extrem viel an Bandangelegenheiten geregelt habe, ging das einfach von der Arbeitsbelastung her nicht mehr, da musste professionelle Hilfe her. Die Arbeit wurde in den letzten Jahren immer mehr – ich brauche jemand, der mir Arbeit abnimmt. D.I.Y. ist gut und wichtig, das werden wir weiterhin leben, nur hilft uns jetzt jemand dabei. Wie es zu der Zusammenarbeit kam? Die Hosen haben unsere DVD gesehen, diese Bandstory, und wir haben alte Aufnahmen von denen gesehen, und da fiel uns auf, wie ähnlich wir uns sind. Es sind beides Punkbands, die die gleiche Scheiße hinter sich haben, und wenn man mal etwas hinter die Kulissen schaut bei den Hosen, stellt man fest, wie viel mehr Punk die eigentlich sind als so manch andere Band, die das für sich beansprucht. Das ist ein unglaublich geiler Haufen alter Freunde, da sind viele Leute dabei, die schon 1982 mit denen rumhingen. Deshalb denke ich, dass wir mit JKP die absolut richtige Entscheidung getroffen haben, und ich sehe eine blühende Zukunft vor uns.

Karriere Rockstar?

Dahin ist es noch ein weiter Weg, aber wenn man es schafft, nach außen hin „Rockstar“ zu werden und nach innen hin der gleiche Typ zu bleiben, dann ist daran nichts auszusetzen. Ich habe da Bock drauf, wir alle haben schon immer Musik gemacht, um gehört zu werden. Wenn man es schafft, die breite Masse zu erreichen und dabei das, was man denkt, mitzuteilen und sogar noch ein paar Leute zum Nachdenken bringt, dann hat man das Medium Musik ideal genutzt. Ich will nicht sinnentleert irgendwas in die Gegend trällern, sondern das loswerden, was mich berührt, das ist ja auch Therapie für mich. Und man sollte den Leuten zudem eine Alternative bieten zu anderen Bands, die derzeit so rumkrauchen – wenn du weißt, was ich meine ...

Oh ja, ich mag schlechte norditalienische Rock-Bands auch nicht. Doch lass uns noch mal über die Entstehung des Albums reden: Bislang waren die Aufnahmen allein eure Sache, aber ich könnte mir vorstellen, dass das Management interessiert war, zu wissen, was ihr da so anstellt im Studio – und eine Meinung dazu hatte.

Andere Meinungen höre ich mir gerne an, und wenn es eine Kontroverse gibt, diskutiere ich auch gerne. Ich habe aber eine sehr klare Vision von der Band, und ich bin es auch, der die Texte singen muss, nicht jemand vom Management oder dem Label. Entsprechend ist es nicht leicht bis unmöglich, uns bei unserem kreativen Prozess dazwischenzufunken. Wir machen das, was wir machen, schon sehr lange, ich kenne unsere Fans und weiß, wie die ticken, so dass ich mir sicher bin, dass wir den richtigen Weg gehen. Diese Vorstellung setzen wir eigentlich immer durch, auch wenn man schon mal Kopfschütteln dafür bekommt. Deshalb sind das 100% wir auf „Santa Muerte“, alles andere geht nicht. Das wussten aber alle, die sich mit uns eingelassen haben. In der Hinsicht sind wir ein alter, knochiger Opa, den kann man nicht mehr verbiegen. So ist das.

Wie und wo habt ihr aufgenommen?

Wir haben ein neues Studio probiert, das Principal Studio in Münster, wo die Hosen auch aufgenommen haben.

Aha.

Nein, nix aha. Andi und ich haben vor Jahren, als Kiddies mit unserer ersten Band, mal zum Spaß Prospekte von Studios bestellt. Auf unsere Briefe hat kein Studio reagiert, nur eines: die vom Principal Studio schickten so einen ganzen Ordner mit Infos, und uns war klar, da wollen wir mal aufnehmen. Wir haben uns dann im Vorfeld dieses Albums diverse Produktionen angehört, auch von den Hosen, und das gefiel uns alles sehr gut, so dass wir Kontakt aufnahmen. Wir nahmen ein Demo zur Probe auf, waren begeistert, und wussten, dass wir dort aufnehmen müssen, dass wir in unserem bisherigen Studio, wo wir die letzten 15 Jahre waren, nicht mehr arbeiten können. Wir brauchten den Abstand, wollten mal was Neues sehen. Letztlich war „Santa Muerte“ nach einem Monat konzentrierter Arbeit im Kasten, wir lebten in der Zeit im Studio, fuhren abends nicht nach Hause, waren also ganz fokussiert und konzentriert – ein sehr gutes Arbeiten. Vincent Sorg vom Principal Studio ist unser Produzent gewesen, wobei mir diese Vorstellung im Vorfeld durchaus Angst machte. „Produzent“, das hieß für mich, dass da einer sitzt, der alles entscheidet, als Aufpasser der Plattenfirma und des Managements, doch nach dem Demo und vielen Gesprächen war mir die Angst genommen. Letztlich kamen von Vincent viele gute Vorschläge, und die, die uns gefielen, haben wir angenommen. Ich muss sagen, dass ich vor dieser Art des Arbeitens mehr Angst hatte, als angemessen war. Man kann nicht sagen, uns habe irgendein Produzent versaut, das haben wir alles schön alleine geschafft, haha.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #96 (Juni/Juli 2011)

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