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Interviews & Artikel

FACE TO FACE

Wer zuletzt lacht ...

FACE TO FACE sind wieder da, jene Band, die 1991 in Victorville, 130 km von L.A. entfernt in der Mojave-Wüste gelegen, gegründet wurde und aus ZERO TOLERANCE hervorging. Das Debüt „Don’t Turn Away“ erschien 1992 auf Dr. Strange, „Big Choice“ kam 1994, „Face To Face“ 1996, „Ignorance Is Bliss“ 1999, „Reactionary“ 2000, „Standards & Practices“ 2001, „How to Ruin Everything“ 2002 – und bald darauf war Schluss, man war ausgebrannt, über zehn Jahre in der Punkrock-Tretmühle forderten ihren Preis. Nun meldet sich die Band in der Besetzung Trever Keith (vocals, guitar), Chad Yaro (guitar, vocals), Scott Shiflett (bass, vocals) und Danny Thompson (drums) mit einem neuen Album zurück, doch ihr eigentliches Comeback begann schon vor drei Jahren, in den USA spielen sie seitdem regelmäßig, eine UK-Tour gab es auch, und zumindest einen Auftritt auf dem Groezrock auf dem europäischen Festland. Ein „richtiges“ Comeback ist es aber erst, wenn ein neues Album vorliegt und eine komplette Europatour gespielt wird. „Laugh Now, Laugh Later“ gibt es seit Anfang Juni, die Tour ist in Planung, da war klar, dass ein Interview geführt werden muss.

Trever, wo bist du gerade?

Irgendwo auf dem Weg von Los Angeles nach Vancouver. Dort spielen wir das erste Konzert unserer Tour, doch dahin müssen wir über 2.000 Kilometer mit dem Bandbus hinfahren. Es ist nicht unsere erste Tour, wir spielen seit bald drei Jahren wieder Konzerte zusammen, aber es ist die Tour zum Album. Wir haben im Vorfeld ein paar Songs online veröffentlicht, als Stream, und die Reaktionen darauf waren sehr gut, so dass wir denken, dass auch die Tour gut wird.

Dennoch ist es eine Art Neuanfang, zwischen 2003 und 2008 war die Band aufgelöst, „How To Ruin Everything“, euer letztes Album, erschien 2002.

Unsere Comebacktour spielten wir vor bald drei Jahren, seitdem waren wir mit den DROPKICK MURPHYS in England und spielten 2010 auf dem Groezrock, aber ich gebe zu, Europa haben wir bislang etwas vernachlässig, stattdessen waren wir zweimal in Südamerika und in Japan und Australien, und auch in den USA und Kanada haben wir uns etwas rar gemacht. Die Band gibt es seit 20 Jahren, und ich weiß, dass es ein Fehler war, dass wir vor dem Break Europa so vernachlässigt haben, es gab nur drei oder vier Touren. Irgendwie haben wir das nie auf die Reihe bekommen, und auch die ganzen Festivals haben wir nie gespielt. Aber ich verspreche, das wird sich alles ändern, jetzt da wir wieder richtig aktiv sind: Ihr werdet uns in den nächsten Monaten ausgiebig zu Gesicht bekommen.

Das klingt gut – vor allem, da ihr eine Menge echter Fans hier habt.

Haha, ist doch klar, wo wir so gute Musik machen. Sorry, ich bin ein Klugscheißer, haha. Unsere Fans in Europa verzeihen uns sogar unser seltenes Touren, das ehrt sie.

2011 wird also euer Jahr, die Band feiert ihren 20. Geburtstag.

Ja, 1991 wurden FACE TO FACE gegründet, ich bin als Einziger von der damaligen Besetzung übrig, wobei Scott Shiflett am Bass auch schon seit 1995 dabei ist – er ist in Sachen FACE TO FACE also auch längst ein „Lebenslänglicher“. Das Gleiche gilt für Chad Yaro an der Gitarre, der war seit 1993 und bis 2001 dabei und jetzt wieder seit der Reunion. Nicht zu vergessen Danny Thompson, der seit 2008 für uns Schlagzeug spielt und inzwischen zu einem echten FACE TO FACE-Mitglied wurde.

Eine Band, die 20 Jahre existiert, die muss einem eine Menge bedeuten. Dennoch gab es 2003 diesen Bruch, der zur Auflösung führte, und noch von Anfang 2006 gibt es ein klares Statement von dir: „There aren’t any plans for a reunion, nor do I think the idea is very appealing to any of us.“

FACE TO FACE spielen in meinem Leben, in meiner Karriere als Musiker ein zentrale Rolle, und bei Chad und Scott ist es genauso. Wir wussten das, und weil wir uns das eingestehen mussten, haben wir die Band schließlich wiederbelebt. Als wir die Band auflösten, verspürten wir den Drang dazu aber genauso: Wir wollten andere Projekte verfolgen, und wir sahen es als wichtig an, da eine klare Linie zu ziehen. Es sollte die deutliche Botschaft rüberkommen, dass FACE TO FACE Geschichte sind und wir uns anderen Dingen zuwenden. Rückblickend war das ein Fehler, wir hätten einfach nur eine Pause ankündigen sollen, das hätte uns genauso die Möglichkeit für andere Projekte gegeben, aber wir tendieren dazu, saubere Schnitte zu machen. Damals hielten wir das für richtig, und so hatte ich ja auch die Möglichkeit, die Alben mit VIVA DEATH, THE LEGION OF DOOM und meine Soloplatten zu machen. Es war in kreativer Hinsicht sehr erfüllend, das tun zu können, aber FACE TO FACE hatten einfach eine Lücke hinterlassen, die sich auch durch die anderen Projekte nicht schließen ließ.

Was brachte die Band doch wieder zusammen?

FACE TO FACE ist eben eine einzigartige Erfahrung, nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch die Reaktionen des Publikums betreffend. Das ist schwer zu beschreiben, aber zwischen den Fans und uns besteht eine beinahe kultische Verbindung. Wir sind keine Band mit weltweiten Hits, die riesige Hallen füllt, unser Erfolg misst sich stattdessen in der Tiefe der Verbindung zu unseren Fans. Unsere Musik bedeutet denen etwas, sie bewirkt etwas, auch wenn ich das nicht genau beschreiben kann und die Musik für jeden etwas anderes bedeutet. Dem einen hilft sie durch schwierige Lebensabschnitte, andere empfinden sie als inspirierend, wieder andere sagen, sie verwandle negative Gefühle in positive. Es entwickelt sich also eine persönliche Beziehung – vielleicht liegt es an meinen Texten, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist es eine gemeinsame Erfahrung, die wir und unsere Fans teilen, und daraus entwickelt sich eine Energie, die wir bei unseren anderen Projekten so nicht fanden, und wir alle definieren uns über diese Band und ihre Musik. Dieser Einsicht mussten wir uns einfach stellen, und an dem Punkt haben wir die Band ins Leben zurückgerufen und sind sehr glücklich darüber. Klar, die Band aufzulösen gab uns damals auch Kraft und Freiheit, doch die Reunion kam aus freien Stücken, wir trafen eine bewusste Entscheidung, und seitdem gehen wir auch viel freier an alles heran, machen uns nicht mehr verrückt, in dem wir uns Ziele setzen, deren Erreichen wir dann als Erfolg bezeichnen: Es gibt jetzt keine Mindestzahl an zu verkaufenden Alben mehr, keine Mindestzahl an Zuschauern mehr. Unsere Lebenserfahrung, unser Alter – ich bin 42, Scott 44 – haben uns etwas weiser und fokussierter werden lassen, wir können jetzt besser beurteilen als noch vor ein paar Jahren, was wichtig ist im Leben, in unserer Karriere, und wie wir mit Menschen mittels unserer Musik kommunizieren. Am wichtigsten ist aber, dass wir mit FACE TO FACE etwas haben, mit dem wir etwas schaffen, was anderen Menschen etwas bedeutet, dass wir mit unserer Musik eine Kommunikationsform haben, die jenseits von Sprachen und so weiter funktioniert. Wir fühlen uns jetzt frei, machen uns keinen Kopf mehr über „Erfolg“ und was immer man dafür hält. Und das ist ein gutes Gefühl.

War da so was wie eine Midlife-Crisis?

Hör mal, das ist das zweite Interview für Europa zu diesem Album, das zweite aus Deutschland, und im ersten stellte man mir genau die gleiche Frage. Hahahaha! Du musst verstehen: Das Ego eines amerikanischen Mannes ist sehr, sehr zerbrechlich. Also in der Generation meines Vaters äußert sich eine Midlife-Crisis dadurch, dass Männer ihre Haare verlieren und eine Corvette kaufen. In meiner Generation und als Musiker ist das Zeichen dafür dann wohl eher das Bedürfnis, eine Soloplatte zu machen. Keine Ahnung, ob das also meine Midlife-Crisis war oder ist, ich habe ja ständig bekloppte neue Ideen, bei denen meine Frau mich dann immer mit diesem seltsamen Blick anschaut und wissen will, was als Nächstes kommt: Ein Motorrad, Fallschirmspringen ...? Wir alle kommen in unserem Leben an den Punkt, an dem wir verstehen, dass wir nicht ewig leben, und man nimmt so viel als gegeben hin, das gar nicht selbstverständlich ist. Wer weiß, wie lange wir FACE TO FACE noch machen können? Also sollten wir verstehen, dass diese Band etwas Wertvolles ist, was wir da geschaffen haben und was unsere Fans all die Jahre ermöglicht haben. Das müssen wir anerkennen, die Band pflegen und sehen, wie lange wir das machen können, denn keiner von uns hat Lust, seinen Lebensunterhalt mit irgendeinem blöden Job zu verdienen – Musik zu machen ist so viel besser.

Eure letzten Alben sind auf Vagrant Records erschienen, das neue hingegen auf deinem eigenen Label Antagonist Records in Zusammenarbeit mit People Like You. War sonst keiner interessiert, oder wolltest du einfach selbst alles unter Kontrolle haben?

Um ehrlich zu sein: zu einem kleineren Teil stimmt Ersteres, vor allem ist aber Zweiteres der Grund. So richtig interessiert war niemand, aber ich bin eben auch seit 20 Jahren im Geschäft und habe mitbekommen, wie sich das Musikgeschäft komplett verändert hat, es wird nie mehr so sein, wie es mal war – und das begrenzt die Möglichkeiten sehr, die man als Band hat, wenn man im alten Kontext denkt. Sich ein Label suchen, das mir Geld gibt, das die Platte promotet, das sich um alles kümmert, sich an den Meistbietenden verkaufen – das war früher mal so. Heute sind Bands gezwungen, sich dem alten D.I.Y.-Gedanken zuzuwenden, und letzten Endes bin ich darüber erfreut. Ich bin ein Control-Freak, und ich liebe es, wie viel Einfluss ich jetzt habe. Ich arbeite gerne mit People Like You zusammen, denn die wissen, worauf es ankommt, wir sprechen die gleiche Sprache. Nichts ist besser, als sein Schicksal selbst in der Hand zu haben. Und wenn jetzt etwas schiefgeht, weiß ich, dass ich selbst schuld bin.

Das neue Album knüpft eindeutig an eure alten Platten an, doch es sind neun Jahre vergangen, ihr habt euch als Musiker und Menschen verändert. Worin unterscheiden sich FACE TO FACE 2011 von denen des Jahres 2002?

In verschiedener Hinsicht. Wir konnten nicht mit unserem langjährigen Produzenten Chad Blinman arbeiten, er ist aus Los Angeles weggezogen, das haute nicht hin. Stattdessen nahmen wir mit unserem Freund Joby J. Ford von THE BRONX auf, der hat sich ein cooles, kleines Studio namens Big Game Lodge eingerichtet. Ich habe mit ihm schon bei verschiedenen anderen Projekten zusammengearbeitet, und irgendwann sagte er, wir sollten doch einfach bei ihm aufnehmen. Das war finanziell auch sehr erfreulich, es war eine sehr entspannte Atmosphäre, und so konnten wir ohne jeden Einfluss von außen die Platte machen, die wir machen wollten. Wir hatten dann noch genug Geld, um Joe Baresi fürs Abmischen zu bezahlen, und das Resultat klingt sicher anders als unsere alten Alben, denn Chad hat einen anderen Stil, ebenso Joe, und das hört man: Wir klingen aggressiver, der Bass ist mehr im Vordergrund, ebenso das Schlagzeug, der Mix ist einfach anders. Markant ist aber natürlich wie gehabt mein Gesang und der von Chad, unser Gitarrenspiel, die Kombination aus beidem – und unser Songwriting ist auch eine Konstante. Man muss einfach sofort erkennen können „Ha, das sind doch FACE TO FACE!“, darauf kommt es an.

Sehr cool ist das Coverartwork von Corey Miller, den man auch aus der TV-Show „LA Ink“ kennt. Wie seid ihr an den gekommen?

Das beantwortet dir am besten Scott, der kennt die Story besser als ich.

Alles klar ... Scott?

Du willst wissen, wie wir an Corey kamen? Das war ganz einfach, und eigentlich war er es, der uns anbot, für uns das Artwork zu gestalten. Wir waren für so eine Music & Tattoo-Convention gebucht, und ein Freund von uns fragte mich, ob wir nicht Corey treffen wollten, der sei ein großer FACE TO FACE-Fan und würde gerne mal für einen Song oder so bei uns trommeln, denn er spielt auch Schlagzeug. Ich kannte „LA Ink“ gar nicht, auch Corey nicht, aber die Idee klang lustig, ich redete mit Trever darüber, und der bat Corey, doch mal zu unserer Probe zu kommen, um einen Song zu lernen. Und so kam es, dass er „I’m trying“ lernte und wir den Song dann bei der Convention live spielten. So freundeten wir uns an, und irgendwann fragte er, ob er nicht auch mal Artwork für uns machen könne. Klar, dass wir da Bock drauf hatten, und letztlich stammt von Corey sogar der Albumtitel. Er kam immer zu unseren Proben im Vorfeld des Album, und während wir an den Songs arbeiteten, machte er zu verschiedenen Stücken Zeichnungen, und eben das Coverartwork. Das ergab sich also einfach so, er war total enthusiastisch, es ist also nicht so, dass wir ihm hinterherlaufen mussten. Ich bin echt zufrieden, es ist mein liebstes FACE TO FACE-Cover, und es passt zum Rest der Platte, denn alles hat sich diesmal ganz unstressig fast von alleine ergeben. Und ganz ehrlich, wir als Band haben nie besser geklungen als heute, wir kommen sehr gut klar untereinander, es passt einfach alles. Wahrscheinlich liegt das am Alter, haha. Ehrlich, wir haben eine Menge gesehen und erlebt, Bands haben sich zerstritten, Freunde sind gestorben, da macht man sich Gedanken, was wirklich wichtig ist. Mit 25 ist es leicht sich, sich in selbstgefälligem Bullshit zu ergehen, mit Mitte 40 dagegen ist man ruhiger und friedfertiger und das hilft. Außerdem sind wir auch in der Zeit Freunde geblieben, als die Band pausierte.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #96 (Juni/Juli 2011)

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