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Interviews & Artikel

FRANK TURNER

Über England und die Welt

Es ist das Ende eines langen Tages für Frank Turner, der sich in einen Sessel am Fenster des Berliner RAMONES-Museums fallen lässt und das letzte Interview des Pressestages mit den Worten eröffnet: „We have met before, haven’t we?“. We have, an derselben Stelle führte ich 2009 mein erstes Interview mit dem sympathischen Engländer und war beeindruckt von Franks Intellekt und Scharfzüngigkeit. Wenige Musiker können ihre Meinung und ihre Weltsicht so präzise auf den Punkt bringen wie dieser drahtige Brite, der beteuert, dass er sofort eine Doktorarbeit in Geschichte schreiben würde, sollte er kein Geld mehr mit Musik verdienen. Danach sieht es aber, zum Glück, nicht aus, denn „Poetry Of The Deed“, weswegen ich ihn 2009 interviewte, brachte einige Erfolge: Frank tourte in den USA unter anderem mit GASLIGHT ANTHEM, FLOGGING MOLLY und zuletzt SOCIAL DISTORTION und spielte zudem gleich mehrere Europatouren zur Platte. Der Nachfolger „England Keep My Bones“ erscheint im Juni bei Epitaph und ist textlich nachdenklicher als „Poetry Of The Deed“, musikalisch aber ebenso ergreifend und vereinnahmend. Kurzum: Frank Turner hat ganze Arbeit geleistet, weswegen es an der Zeit war, ihn noch mal zu sprechen und ein kleines Update des 2009er Gespräches zu machen.

Frank, bist du Patriot?

Puh, das ist eine schwere Frage, die mir heute noch kein Journalist gestellt hat – ich würde sagen, dass ich ein kontextueller Patriot bin. Mit „kontextueller Patriot“ meine ich, dass ich auf einige Dinge stolz bin, die England hervorgebracht hat. Die Magna Carta, die Tatsache, dass England das älteste Parlament der Welt hat und eines der ersten freien Länder auf der Erde war, sind Sachen, auf die ich stolz bin. Natürlich hast du auch in England etliche Dinge, die alles andere als schön sind: Korruption, Misswirtschaft und dieses typisch britische Verständnis von sozialer Klasse. Trotzdem nervt es mich, dass viele in der Punk- und Alternative-Szene immer denken, man müsste alles schlecht finden, was britisch ist. Das ist falsch, denn das, was ich dir zuerst aufgezählt habe, ist unbeschreiblich wichtig für das menschliche Zusammenleben. Trotzdem bin ich niemand, der aufsteht, wenn die Nationalhymne gespielt wird. Aber wie kommst du auf diese Idee?

Dein neuer Albumtitel lautet „England Keep My Bones“.

Ah, ich verstehe. Der Titel hat aber tatsächlich nichts mit patriotischen Gedanken zu tun. Er dokumentiert mehr oder weniger, dass ich seit dem Release von „Poetry Of The Deed“ kaum mehr in England war. Es war ja mein erstes Album für Epitaph, die es mir ermöglichten auf der ganzen Welt zu touren. So war ich kaum mehr zu Hause, und wenn ich mich dann in England aufhielt, war ich auch dort meistens auf Tour. Deswegen kam mir irgendwann der Gedanke, dass ich erst dann wieder sesshaft in England sein werde, wenn ich unter der Erde liege. Daher der Titel „England Keep My Bones“. England ist darüber hinaus auch ein Thema, das du an vielen Stellen auf dem Album wieder findest. Durch meine vielen Tourneen habe ich einen sehr großen räumlichen Abstand zu England aufgebaut. Infolgedessen habe ich begonnen, auf sehr abstrakte Weise über die Beziehung zu meiner Heimat nachzudenken. Ich habe mir Fragen gestellt wie: „Was heißt es eigentlich, aus England zu kommen?“ Oder: „Wie definiere ich mich kulturell?“ Es ist total spannend, dass ich mir diese Gedanken im Ausland gemacht habe. Normalerweise würde man sich auf Reisen ja nicht unbedingt Gedanken über die Heimat machen. Ich war aber relativ lange auf Welttournee und habe diverse Kulturen kennen gelernt. Deswegen war ich fast nonstop von Dingen umgeben, die einfach ganz anders waren, als ich sie gewohnt war. Und das war super. Es hat nur eben dazu geführt, dass ich irgendwann begann, meine kulturelle Herkunft konzeptionell davon abzugrenzen, was ich erlebte, und dies dann in Songs zu verarbeiten.

Kannst du ein konkretes Beispiel dafür geben?

Klar, ein Thema, das ich explizit auf dem Album aufgreife, ist dieser typisch englische Fetisch für deinen sozialen Hintergrund, über den wir eingangs schon kurz sprachen. Engländer interessieren sich in übertriebener Form für dein Elternhaus, die Schule, die du besucht hast, und die berufliche Position deiner Eltern. Mir ist erst in Amerika aufgefallen, wie abgehoben dieses Klassenbewusstsein ist, da Amerikaner ganz anders drauf sind. Sie interessieren sich dafür, wer du bist, was du machst und was deine Pläne sind. Dein sozialer Hintergrund ist komplett irrelevant. Die Offenheit, mit der sie mir gegenüber traten, hat mich dazu gebracht, über das englische Klassenbewusstsein genauer nachzudenken.

Du kommst aber selbst auch aus einer Diplomatenfamilie.

Stimmt, aber da kann ich nichts für. Und ich habe auch nicht gesagt, dass es schlimm ist, aus einem solchen Hause zu kommen, sondern nur, dass ich ein übertriebenes Klassenbewusstsein ablehne. Mich haben aber schon viele Kids aus der Punk-Szene wegen meines Elternhauses abgelehnt. Als Kind bekam ich ein Stipendium vom Eton College, einer ziemlich guten Schule. Wenn ich das erzähle, halten mich viele für einen Trottel, nur weil ich auf der Schule war.

Dein Vater arbeitete als Diplomat in Bahrain, wo du auch geboren bist. Wie schätzt du vor diesem Hintergrund die Geschehnisse in Ägypten, Libyen, Syrien und natürlich Bahrain ein?

Zuerst muss ich sagen, dass ich nur die ersten zwei Monate nach meiner Geburt in Bahrain gelebt habe und dann nach England gezogen bin. Deswegen habe ich keine emotionale Beziehung zu Bahrain, außer, dass amerikanische Grenzbeamte regelmäßig unangenehm werden, wenn sie sehen, dass bahrainische Stempel in meinem Pass sind. Trotzdem lassen mich die Geschehnisse dort und in den anderen Ländern, die du erwähnt hast, natürlich nicht unberührt und ich habe die Berichterstattung sehr genau verfolgt. Ich denke, dass die Revolutionen in Ägypten und die Versuche, Muammar al-Gaddafi zu stürzen, absolut bemerkenswert sind, weil sie eine Kehrtwende für Ägypten und Libyen bedeuten. Vor diesem Hintergrund bin ich auch zunehmend gereizt bei Leuten, die gegen den Militäreinsatz gegen Libyen sind. Meines Erachtens konnte der Westen nicht dabei zusehen, wie Menschen in Bengasi hingerichtet werden. Jeder, der der Meinung ist, dass man hierbei hätte zusehen sollen, ist dumm. Das ist jetzt sehr vereinfachend gesagt, ich weiß, denn die Situation ist kompliziert, vielschichtig und der Westen selbst ist alles andere als perfekt und schuldfrei. Kurzum, in den 30 Minuten, die wir beide uns hier unterhalten, werden wir nicht die definitive Lösung finden. Bei mir hat sich aber der Moment eingebrannt, in dem ich die Nachrichten sah, in denen über Gaddafis Marsch auf Bengasi berichtet wurde, und ich nur noch dachte: „Meine Güte, das kann nicht sein, der Westen darf nicht bei einem Massaker zuschauen.“

Lauri Wessel

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #96 (Juni/Juli 2011)

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