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Interviews & Artikel

ARGIES

Don’t cry for me Argentina

Seit 1984 existieren die ARGIES bereits, was sie zum Urgestein der argentinischen Punk-Szene macht. In über zwanzig Jahren Ox lief man sich immer mal wieder über den Weg, viele ihrer Alben wurden lobend besprochen, doch zu einem ausführlichen Interview reichte es nie – bis jetzt. Und so stellte ich ARGIES-Gründungsmitglied, -Sänger und -Gitarrist David die essentiellen Fragen zur Geschichte seiner Band und seines Landes, die eng miteinander verwoben sind.

David, obwohl ARGIES schon seit über 20 Jahren existieren, ist das euer erstes Interview fürs Ox. Erzähl doch bitte kurz was zur Geschichte der Band.

1984 war die Geburtsstunde der ARGIES. Nach sieben Jahren faschistischer Militärdiktatur hielt damals die Demokratie Einzug in Argentinien und demzufolge war Schluss mit der Zensur. Unter all den neuen kulturellen Strömungen wagte auch die Punkrock-Szene ihre ersten Gehversuche. Da uns zum einen nicht viele Möglichkeiten blieben, uns die Zeit zu vertreiben, und zum anderen unser musikalisches Können nicht viel hergab, entschieden wir uns, eine Punkband zu gründen. Darüber hinaus hat die Attitüde des Punkrocks für uns schon immer eine große Rolle gespielt, so dass unsere Entscheidung nicht nur durch mangelndes Talent bedingt war, haha.

Und was hat es mit eurem Namen auf sich?

Der Name lässt sich auf den Falkland-Krieg zurückführen. Dieser Krieg war der letzte Strohhalm, an den sich die Militärdiktatur klammerte, um die Regierung zu retten. Durch die Besetzung der Islas Malvinas oder auch Falkland-Inseln 1982 sollte das Nationalgefühl im Volk und demzufolge dessen Rückhalt für die Regierung gestärkt werden. Als „Argies“ wurden die Argentinier abschätzig von den britischen Soldaten bezeichnet und auch im Rahmen der Berichterstattung zum Krieg wurden die Gegner in der englischen Boulevardpresse auf jeder Titelseite als „Argies“ diffamiert. Bevor hier Missverständnisse auftreten: diesen Begriff haben wir keineswegs als Ausdruck eines Nationalgefühls übernommen. Wir betrachten uns ganz klar als Internationalisten und mit der Adaption dieses Schimpfwortes stellen wir uns gleichzeitig an die Seite jeder Minderheit und Randgruppe dieser Welt. Außerdem dachten wir uns, dass ein englischer Name bei den Leuten besser im Gedächtnis bleibt, hehe.

Sind die Spannungen zwischen beiden Ländern auch ein Grund, warum Großbritannien auf eurem Tourplan fehlt?

Nein, Konzerte in England haben für uns die gleiche Bedeutung wie Konzerte in Ecuador, auf den Philippinen oder im ganzen Rest der Welt. Es gibt für uns keinen Grund, nicht in Großbritannien spielen zu wollen.

Nichtsdestotrotz wart ihr bisher noch nie da. Zufall?

Nein, für die ganze Geschichte muss ich allerdings etwas weiter ausholen. Also, vor ein paar Jahren waren wir für fünf Konzerte in England und Schottland gebucht. Wir hatten gerade unsere Shows in Frankreich hinter uns und wollten mit der Fähre nach Dover. Die französische Grenzkontrolle haben wir ohne weiteres Aufsehen hinter uns gebracht und mussten bloß noch von den englischen Zöllnern abgefertigt werden. Als die zuständige Beamtin unsere Pässe prüfte und merkte, dass wir Argentinier sind, kippte ihre Stimmung spürbar. Im Prinzip brauchen Argentinier kein Visum, um nach Großbritannien einzureisen, aber trotzdem hat die Zöllnerin es nicht bei der Routinekontrolle belassen, sondern uns mit unzähligen Fragen gelöchert. Auf ihre Anweisung hin wurde unser Bus durchsucht und dabei fanden sie Sticker unserer Band. Sie wurde ziemlich stinkig und fragte, ob wir wüssten, was „Argies“ bedeuten würde, und in dem Augenblick bemerkten wir auch erst ihr Tattoo mit dem Symbol der britischen Krone. Klar, dass eine knallharte Nationalistin auf einen Haufen junger Argentinier, die sich selber auch noch als ARGIES bezeichnen, nicht sonderlich gut zu sprechen war. Erklärungen zu unserem Bandnamen ließ sie nicht zu – scheinbar hatte sie nicht ganz begriffen, dass der Krieg schon über 25 Jahre her war. Unser Bus wurde in eine entlegene Ecke des Hafens gebracht und dort verbrachten wir volle acht Stunden und wurden einzeln verhört, ohne dass uns mitgeteilt wurde, wie es weitergehen würde. Irgendwann wurden wir jedoch von französischen Beamten bemerkt, die total fassungslos waren, dass wir so lange ohne Verpflegung und ohne eine Begründung festgehalten wurden. Sie beschwerten sich dann bei ihren englischen Kollegen und sie diskutierten eine Weile. Sichtlich aufgebracht musste uns dann die Beamtin unsere Pässe zurückgeben, verwehrte uns jedoch ohne Begründung die Einreise. So ein Einreiseverbot gilt für fünf Jahre – das ist der einzige Grund, warum wir bisher noch nie in Großbritannien waren.

Dessen ungeachtet sind in eurer Musik englische Wurzeln hörbar – ich denke da zum Beispiel an THE CLASH. Welche anderen Bands waren prägend für euch?

Klar, der britische Punkrock der späten Siebziger hat uns stark geprägt, vor allem auch THE CLASH. Allerdings sind unsere musikalischen Einflüsse wirklich breit gefächert. So verbinden wir auch Latino-, Reggae-, New Wave-, Ska- und Rock’n’Roll-Elemente mit dem klassischen Punkrock-Sound. Wichtige Bands für uns sind beispielsweise BAD RELIGION, RANCID, BUZZCOCKS, SOCIAL DISTORTION und DIE TOTEN HOSEN.

Wie sieht’s allgemein in Argentinien in puncto Punkbands aus?

Eher mau. Prägend für uns waren vor allem LOS VIOLADORES. Die waren in den Achtzigern ziemlich angesagt und die vermutlich erste Punkband Argentiniens. Unser erstes Album wurde übrigens von einem LOS VIOLADORES-Mitglied produziert. Richtig super finde ich auch ATTAQUE 77: nette Leute und klasse Musik. Sie klingen ein wenig wie die RAMONES, sind auch auf einem Majorlabel, BMG, und sehr populär. Sie verstehen zwar durchaus ihr Handwerk, ihr Sound ist für meinen Geschmack allerdings zu soft. Wer mehr Härte braucht, dem werden FLEMA ganz gut gefallen. Die sind extrem düster, wesentlich schrammeliger und haben äußerst makabre Texte. Obwohl ich ihre Musik nie so richtig mochte, habe ich größten Respekt vor der Band. Ihre Texte zeichnen ein grausiges Bild dieser Gesellschaft und obendrein waren sie immer zu 100% D.I.Y. Ihr Sänger hat sich 2002 leider umgebracht. 2 MINUTOS sind auch noch zu erwähnen – eine der bekanntesten Punkbands Argentiniens. Die kommen aus den Randgebieten von Buenos Aires und fahren eher die Funpunk-Schiene – „punk cervecero“, „Bier-Punk“ nennen sie das, haha. Sie waren zwar sehr erfolgreich, machen mittlerweile aber nichts Neues mehr. TODOS TUS MUERTOS sind zwar keine reine Punkband, aber dafür absolut D.I.Y. Als sie auf dem Gipfel ihrer Popularität waren, haben sie dann auch plötzlich ihre Musik verändert und bewegten sich eher so in der Rastafari/Pop-Reggae-Ecke. Kurz darauf haben die sich allerdings auch schon aufgelöst. Mittlerweile sind sie zwar wieder unterwegs, aber ohne den ursprünglichen Sänger. Aus dem Hardcore-Bereich fallen mir spontan FUN PEOPLE ein. Die gibt’s mittlerweile auch nicht mehr und der Sänger hat eine neue Band namens BOOM BOOM KID. Bei beiden Bands merkt man beziehungsweise hat man gemerkt, mit wie viel Enthusiasmus sie hinter ihrer Musik und dem D.I.Y.-Gedanken stehen. BOOM BOOM KID touren auch ständig durch die ganze Welt und gehören zu den aktivsten Bands Lateinamerikas. Sie sind gute Freunde von uns und wir haben ähnliche Ansichten und Ideen. Mehr Bands aus Argentinien fallen mir gar nicht ein. ARGIES waren ja eine der ersten Punkbands in unserer Heimat und bis heute gab es nicht allzu viel Nachwuchs.

Vor zehn Jahren ging Argentinien bankrott – eine Entwicklung, die vielleicht das Schicksal Griechenlands vorwegnimmt. Wie habt ihr das damals miterlebt, wie sieht euer Leben jetzt aus?

Der Bankrott Argentiniens 2001 war das Resultat der neoliberalen Politik, die in den Neunzigern in ganz Lateinamerika betrieben wurde. Die argentinische Regierung wurde vom Internationalen Währungsfonds unterstützt – im Gegenzug haben einige Politiker dafür auch mal ein Auge zugedrückt und das eine oder andere durchgehen lassen, wenn bei den Banken mal krumme Dinger gelaufen sind. Auf einmal hieß es, der Staat sei bankrott und für nichts und niemanden sei noch Geld da. Mir selbst ging es dabei wie den meisten anderen Leuten: niemand wusste so wirklich, welche Information stimmte, wem man trauen kann und wer lügt. Das Fernsehen und die Presse haben auch in Argentinien einen großen Einfluss auf die Leute und können somit leicht die öffentliche Meinung beeinflussen. Da die Medien natürlich auch an ihrem Profit orientiert waren und auch mit den Auswirkung des Bankrotts zu kämpfen hatten, stellten sie sich gegen die Regierung und stachelten die Bevölkerung ziemlich auf. Tausende Menschen gingen auf die Straße. Teilweise kam es zu echten Bürgerkriegsszenen. Bei den Leuten hatte sich eine Menge Wut angestaut und die Polizei ging mit aller Gewalt gegen die Demonstranten vor – einige wurden sogar vom Geheimdienst umgebracht. Viele Freunde aus dem Ausland haben mich damals gefragt, ob das der Anfang einer Revolution sei. Meiner Meinung nach gingen die Leute aber nicht auf die Straße, weil sie für einen politische Wandel kämpfen wollten. Den meisten ging es wohl eher um ihr Geld und um ihre Konten, auf die sie keinen Zugriff mehr hatten. Ich trage mein Geld übrigens bis heute nicht zur Bank, sondern bewahre es zu Hause auf. Vor einigen Jahren sagte ein ehemaliger Mitarbeiter des IWF, dass es sich damals um eine Art Experiment gehandelt habe. Da Argentinien ziemlich europäisch ausgerichtet ist, hatten sie wohl nicht damit gerechnet, dass alles genauso wie in Griechenland den Bach runtergehen könnte.

Was sagst du all den jungen Leuten, die in Griechenland, Irland, Spanien oder Portugal gerade etwas Ähnliches durchmachen?

Ich kann nur sagen, dass sie nichts von den Behörden und Institutionen erwarten sollten. Richtig etwas verändern kann man nur dann, wenn man sich selber verändert. Ein Wandel findet statt, wenn die Leute anfangen, respektvoll miteinander umgehen. Heutzutage haben die Regierungen die Macht, die Aufstände zu kontrollieren und niederzuschlagen – zumindest in den westlichen Ländern. Ich will damit nicht sagen, dass man sich zu Hause einschließen sollte, aber für wirkliche Veränderungen sollte man erst mal die Ursachen der Missstände ausfindig machen und nicht nur aus Wut reagieren. Wir brauchen Lösungen, aber Regierungen – ganz egal, welche – suchen anscheinend nicht danach, die hangeln sich nur von Tag zu Tag und versuchen, am Ruder zu bleiben.

In „Sin nada“ singt ihr „No tengo nada“, also „Ich habe gar nichts“. Geht es darin um eure eigene wirtschaftliche Lage als Band oder Privatpersonen?

„Sin nada“ haben wir in den Neunzigern geschrieben und wollten damit beschreiben, wie sich junge Leute ohne Geld fühlen. Sie haben kaum Möglichkeiten, nach vorne zu schauen und sich frei zu fühlen. Dabei geht es uns nicht primär darum, Geld haben zu wollen, sondern eher darum, nicht als wertlos abgestempelt zu werden und respektiert zu werden. Auf unseren Touren durch ärmere Länder treffen wir oft Leute, die sich kaum etwas leisten können. Trotzdem sind sie wirklich glücklich. Dennoch glauben die Menschen in der Gesellschaft, in der wir hier in Argentinien leben, aber genauso in Deutschland oder in ganz Europa, dass Vermögen ein Garant für Zufriedenheit sei. Andere Kulturen zeigen uns jedoch, dass man auch ein anderes Verhältnis zu Besitz haben kann.

Wo positioniert ihr euch politisch? Seht ihr euch im klassischen Sinn als linke Punkrock-Band?

Zunächst kann niemand behaupten, man sei unpolitisch. Wir fühlen uns am meisten mit den Ideen des Anarchismus verbunden, wissen aber, dass es bis zu deren letztendlichen Umsetzung noch ein weiter Weg ist. Ich kenne eine Menge Leute, die sich selber als Anarchisten bezeichnen, es aber meiner Meinung nach nicht wirklich sind. Sie wären es gerne, verfolgen den radikalen Grundgedanken aber nicht weiter. Ich betrachte mich ganz klar als links – antifaschistisch, antirassistisch und mit der „working class“-Tradition verbunden.

Im Moment seid ihr gerade auf einer ausgedehnten Tour durch Asien und ganz Europa.

Richtig, seit 1999 sind wir regelmäßig auf solchen Mammut-Touren und haben dabei mehr als 700 Konzerte in über 37 Ländern gespielt. Die aktuelle Tour ist jedoch mit Abstand die längste: fast 100 Konzerte zwischen Europa und Asien. Begonnen haben wir am 05. Mai in Italien und sind von dort aus weiter gefahren nach Slowenien und Serbien. Von dort aus sind wir dann zu der nächsten Etappe der Tour durch Asien aufgebrochen: Philippinen, Malaysia, Singapur und Indonesien – 15 Shows in 18 Tagen. Diese Länder standen vor allem auf dem Tourplan, weil wir auch dort unser aktuelles Album veröffentlicht haben und unseren Fans dort ein paar Konzerte bieten wollten. Anfang Juni sind wir dann wieder nach Europa zurückgekommen, um bis Ende August die letzten 80 Shows der „Click Off“-Tour zu spielen. Insgesamt waren wir dann vier Monate unterwegs.

Wie habt ihr das organisiert? Über drei Monate fast jeden Tag in anderen Städten aufzutreten, erfordert ja sicherlich auch langwierige Planung im Vorfeld.

Schon Ende 2010 haben wir begonnen, die Tour zu organisieren. Den Anstoß dazu gab unser Freund Kalle von XCROSSCHECKX. Er war mit seiner Band kurz zuvor in Indonesien und hatte nur Gutes zu berichten. Er vermittelte uns einige Kontakte und schon kurz darauf bekamen wir die ersten Anfragen, in Asien zu spielen. Zu vielen Leuten aus Malaysia haben wir schon Kontakt, seit Speedrawk Records dort 2002 ein ARGIES-Best Of veröffentlicht hat. Die haben uns tatkräftig unterstützt und uns an die Veranstalter vermittelt. Die Leute dort sind mit Herz und Seele bei der Sache und es hat mich wirklich umgehauen, wie viel Support wir in diesen Ländern erfahren haben. In Europa sieht das anders aus: die Leute dort sind etwas verwöhnter, was Konzerte angeht, und für uns als Band war es schwierig, den Tourplan so zu füllen, dass wir – vor allem unter der Woche – jeden Tag irgendwo spielen können. Aber auch in Europa können wir auf viele Freunde zählen. Beispielsweise Billig People Booking aus Dresden haben uns sehr geholfen.

Wenn ihr so oft und dann auch so lange auf Tour seid, müsst ihr daran ja Gefallen finden. Wo seid ihr am liebsten, was sind die schönsten und schlechtesten Erlebnisse auf Tour und wie ist es, so lange von zu Hause weg zu sein?

Wo es am schönsten ist, kann ich nicht genau sagen. Konzerte in Osteuropa – vor allem in Litauen, Rumänien oder Ungarn – machen besonders viel Spaß. Da Konzerte dort eine ziemliche Seltenheit sind und gerade Bands aus dem Ausland nicht regelmäßig dort auftreten, sind die Leute immer sehr enthusiastisch und behandeln uns sehr gut. Da sich in Ländern wie Frankreich, Italien, Österreich oder Deutschland in jeder kleineren Stadt ein Club befindet, ist es zwar einfacher, dort aufzutreten, aber die Leute sind auch etwas verwöhnter und nicht ganz so euphorisch. In Spanien ist es besonders merkwürdig: obwohl wir dieselbe Sprache sprechen, haben wir dahin kaum Kontakte. Das Land ist wunderschön und wir sind gerne da, aber Unterstützung bekommen wir kaum. Es scheint dort niemanden zu geben, der unsere Promotion oder das Booking übernehmen kann. Deswegen waren wir bisher nur ein paar Mal da. Schlechte Erlebnisse gibt es eigentlich selten. Das Schlimmste sind die endlosen Fahrten. Ach ja, und die freien Tage, denn wenn wir nicht jeden Abend auftreten können, wird uns langweilig. Wir suchen uns dann meistens einen Proberaum und vertreiben uns dort die Zeit. Die besten Momente sind dann, wenn wir auf der Bühne stehen. Auch die Aftershowpartys haben es immer in sich. Da niemand von uns in einer Beziehung ist oder Kinder hat, ist es absolut kein Problem, so lange von zu Hause weg zu sein. Es gibt nichts, was wir wirklich vermissen würden. Andere Bands berichten ja immer davon, dass sie anfangen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Bei den ARGIES ist eine Tour eigentlich immer ein Ausflug mit Freunden. Wir verbringen gerne die Zeit zusammen und respektieren einander. Irgendwie sind wir uns auch alle ziemlich ähnlich, haha.

Ihr kümmert euch also größtenteils selber um die Tour. Inwieweit bewegen sich ARGIES sonst auf einer D.I.Y.-Basis?

Als wir anfingen, Musik zu machen, war das für junge Bands alles andere als einfach und schon der Gedanke daran, irgendwann ein Album aufnehmen zu können, wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Die großen Labels waren nicht auf der Suche nach neuen Bands – erst recht nicht, wenn es sich um Punks handelte, haha. Neues wurde zunächst einmal kritisch beäugt oder gleich abgelehnt. Wir haben zwar 1984 schon unsere ersten Songs geschrieben und Konzerte gegeben, aber erst 1987 unser erstes Demo aufgenommen! Drei Jahre hat das gedauert, das muss man sich mal vorstellen! Bei unserem ersten Album war das ähnlich: „Historias & Corridas“ haben wir schon 1993 aufgenommen, konnten aber erst 1996 das Geld für die Veröffentlichung aufbringen. Das Geld war eigentlich das Hauptproblem. Für Studioaufenthalte, das Pressen der Platten und das ganze Drumherum hatten wir keine Kohle. Ein Studioaufenthalt kostete durchschnittlich 5.000 US-Dollar und in den frühen Neunzigern konnten wir unsere Songs nur analog aufnehmen – mit diesen riesigen und teuren Tonbändern. Für unsere ersten beiden Tapes haben wir 600 Dollar bezahlt. Worauf ich eigentlich hinaus will: heutzutage ist das wesentlich einfacher. Man braucht nur etwas Ahnung von den richtigen Computerprogrammen und Standardequipment und kann seine Alben relativ einfach selbst aufnehmen. Das ist D.I.Y. für uns. Bereits in unseren Anfangstagen hatten wir schon das Bestreben, möglichst viel selbst zu organisieren und alleine zu machen. Der D.I.Y.-Gedanke war in Argentinien damals noch nicht so weit verbreitet. Wir sind also nicht nur eine der ersten Punkbands in Lateinamerika, sondern legten auch die ersten Grundsteine für die heutige D.I.Y.-Bewegung dort.

Was genau bedeutet euch der D.I.Y.-Gedanke?

Vor allem ging es uns darum, alles, was wir wollten, selbst umzusetzen. Das hängt natürlich auch davon ab, was man damit erreichen will. Leider wird man ab einem gewissen Punkt nicht am Thema Geld vorbeikommen. Will man nicht auf der „Rockstar“-Welle mitschwimmen oder den ganzen Tag im Fernsehen oder Radio laufen, kann man auf der D.I.Y.-Basis sehr gute Ergebnisse erzielen. Ein gutes Beispiel dafür, was uns D.I.Y. bedeutet, ist eine Begebenheit mit Warner Music. 1997 oder ’98 haben wir als Vorband für die Tour von DIE TOTEN HOSEN in Argentinien gespielt. Nach dem Gig kamen ein paar Typen zu uns und fragten, ob wir bei Warner einen Vertrag unterschreiben würden. Zwei der damaligen Bandmitglieder fanden, dass wir uns zumindest anhören sollten, was sie anzubieten hätten. Ich habe mich von Anfang an bei der Sache etwas unwohl gefühlt, habe aber den Willen der anderen akzeptiert und dem Treffen eingewilligt. Als wir dann den Produzenten getroffen haben, hat der uns gleich vorgeschrieben, wie unser nächstes Album klingen sollte, was für Klamotten wir tragen sollten, wie unsere Texte auszusehen hätten etc. Die beiden anderen wollten dem zwar zustimmen, aber ich und noch jemand aus der Band waren strikt dagegen, und so entschieden wir uns, weiterhin an unseren D.I.Y.-Wurzeln festzuhalten. Leider sind einige Monate nach dem Treffen mit dem Typen von Warner die beiden, die den Vertrag unterzeichnen wollten, aus der Band ausgestiegen. Nichtsdestotrotz haben wir damals definitiv die richtige Entscheidung getroffen – die ganzen letzten Jahre haben uns das immer wieder gezeigt. Ich kann nicht verstehen, warum einige Bands zu Majorlabels gehen, wenn sie doch als Punks eigentlich ganz andere Ziele verfolgen sollten. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder sie lesen die Verträge nicht vernünftig oder oder sie sind eigentlich doch keine Punkbands. Wir haben mittlerweile neun Alben in 13 Ländern ohne Unterstützung von großen Labels veröffentlicht und konnten dabei immer auf den Support von D.I.Y.-Labels, -Fanzines etc. setzen. Auch bei der Organisation der Touren sind wir ohne die ganz großen Bookingagenturen ausgekommen.

Meinst du, dass das eigentlich recht simple Konzept von D.I.Y. eine Alternative bei solchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, wie sie jetzt immer häufiger auftreten, sein kann?

D.I.Y. bedeutet in erster Linie eine Menge Arbeit. Für die Band ist beispielsweise jeden Tag etwas zu erledigen: Interviews führen, Konzerte organisieren etc. Wir machen das aber gerne und mit viel Leidenschaft, denn wir wissen, dass es für einen guten Zweck ist. Wir fühlen uns dadurch frei und unabhängig und das ist sicherlich der größte Vorteil, den D.I.Y. mit sich bringt. Klar, die D.I.Y.-Idee lässt sich auch auf andere Situationen ummünzen: vor allem in den ärmeren Ländern haben wir erlebt, dass Leute oftmals komplett auf Geld verzichten. Natürlich vor allem, weil sie keins haben. Auf diese Weise kommunizieren sie ganz anders und müssen sich selbst um alles kümmern, sind dadurch aber auch freier! Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch ohne Geld zurechtkommen kann. In Europa oder bei uns in Argentinien ist der Staat jedoch so allgegenwärtig, dass niemand auf die Idee kommen würde, sich anders zu verhalten. Einige Leute fingen damals während der Krise – als sie ohne Geld oder Kreditkarten auskommen mussten – an, miteinander zu handeln. Plötzlich gingen sie auch wesentlich respektvoller miteinander um. Das hätte man schon als D.I.Y. bezeichnen können. Mittlerweile haben die Leute aber wieder vergessen, dass sie von den Banken und vom Staat übers Ohr gehauen wurden, und verwalten ihr Geld wieder über ein Konto. Dieses erneute Vertrauen war stark von der Presse provoziert worden. Überall war zu lesen, es sei gefährlich, sein Geld zu Hause aufzubewahren. Auch aus diesem Grund ist es als Einzelperson sehr schwer, die Menschen von alternativen Möglichkeiten und Zielen zu überzeugen. Deswegen kann ich nicht sagen, ob D.I.Y. eine wirkliche Option für alle ist. Die Regierungen und Medien haben zu viel Einfluss und behaupten, es gäbe nur den einen Weg. Oftmals ist er ja auch der einfachste, weil man nicht viel nachzudenken braucht. Um D.I.Y. zu sein, muss man hingegen seinen Kopf einschalten.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #98 (Oktober/November 2011)

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