HOSTAGE RECORDS

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100% Posh Boy

Jeder, der Mitte der Neunziger über Punkrock aus Kalifornien gesprochen hat, dürfte an dem Label, das 1996 mit der BONECRUSHER-EP „The Animal“ sein Debüt gab, kaum vorbeigekommen sein. Es versteht sich von selbst, dass diese erste EP heute längst Kultstatus besitzt, ein begehrtes Sammlerstück ist und zudem eine Marke setzte, die die Band selber bis heute nicht mehr erreicht hat. In Folge brachte es Hostage Records bis 2005 auf 43 Veröffentlichungen, der große Teil davon ebenso überragende Singles, wie die oben genannte und Namen wie SMOGTOWN, THE CROWD, THE NUMBERS, THE BLEEDERS, PUSHERS oder eben BONECRUSHER dürften noch heute so manchen vor Begeisterung vom Stuhl reißen. Hostage Records sah sich stets und sieht sich auch noch heute als Förderer der lokalen Punk-Szene von Orange County und Umgebung, und man kann wohl sagen, dass es als Label die große zweite Punk-Welle aus Orange County Mitte bis Ende der Neunziger zu einem großen Teil mitgetragen hat. Als es dann irgendwann allerdings auf das Abflauen dieser zweiten Welle zuging, ging es langsam auch mit Hostage Records zu Ende. Obwohl man eindeutig sagen muss, dass es nicht an der Qualität der Veröffentlichungen liegen kann, denn die waren bis zum Schluss auf dem selben hohen Niveau, wie man es von Paul und Rick, die gemeinsam das Label und aktuell die grandiose Radioshow „Surf & Destroy“ betreiben, über die die Jahre gewohnt war. Wie es dennoch dazu kam, dass die beiden eine siebenjährige Pause eingelegt haben und warum sie jetzt mit zwei neuen Veröffentlichungen von THE JUNG und SMOGTOWN wieder zurück sind, erzählte mir Rick Bain.

Rick, was hat dich dazu veranlasst, das Label wieder zu beleben?

Das ist eine gute Frage, was zur Hölle hat uns bloß dazu gebracht? Vor etwa einem Jahr haben Paul Hostage und ich mit der „Surf & Destroy“-Radioshow angefangen, oder zumindest versucht so zu tun, als ob wir wüssten, wie man das macht. Jedenfalls haben wir dort hauptsächlich die Sachen der ganzen Hostage-Bands gespielt, auch Songs, die nie veröffentlicht wurden, sozusagen eine Art „Hostage Cuts Vol. 2“ als Radioshow. Nach etwa sechs Sendungen fiel mir auf, dass es zwar noch einige gute Bands gibt, aber niemanden mehr, der Platten von diesen Bands veröffentlicht. Pelado, Disaster, Kapow, Vinyl Dog, TKO und mein Label Hostage Records, all diese großartigen Labels aus Orange County gab es nicht mehr. Etwa zur selben Zeit rief mich Chavez von SMOGTOWN an und meinte, dass ich mein Label wiederbeleben und ihre Platte machen sollte. Außerdem waren da ja auch noch diese Jungs von Modern Action Records, die einfach das Hostage-Konzept gestohlen hatten und unsere Bands, die STITCHES und SMOGTOWN, dazu brachten, Orange County zu verlassen und ihre Platten bei Modern Action Records zu veröffentlichen. Da wusste ich, es war an der Zeit. Der Krieg hatte begonnen und wir mussten uns dem Kampf stellen.

Bevor du aufgehört hast, hatte ich den Eindruck, dass sich die letzten Veröffentlichungen im Vergleich zu den älteren Sachen nicht mehr so gut verkauft haben, obwohl sich an der hohen Qualität der Bands eigentlich nichts verändert hat.

Damit liegst du schon ganz richtig, die letzten Veröffentlichungen haben sich tatsächlich deutlich schlechter verkauft, obwohl unsere letzten beiden Platten HAVE-NOTS und DAMAGED GOODS absolute Killer-Scheiben waren. Ich denke sogar, dass die HAVE-NOTS eine der besten Scheiben überhaupt auf Hostage abgeliefert haben. Es kamen aber noch verschiedene andere Sachen hinzu, sieh dir doch einfach mal die letzten beiden Jahre an. Jede einzelne Band in dieser Zeit, ob D-CUP, THEE INDIGENTS, THE DRIPS oder die zwei eben genannten, haben sich direkt nach Veröffentlichung ihrer Single wieder aufgelöst. THE PEGS waren die einzige Ausnahme und haben im Vergleich mit den anderen daher auch doppelt so viele von ihren Platten verkauft. Ich denke, dass diese Bands sich aufgelöst haben, hat uns den Rest gegeben. Denn wenn eine Band nicht live spielt, verkauft sich die Platte nur bis zu einem bestimmten Punkt und von dort an nicht weiter. Andere Gründe? War es vielleicht, weil wir kein farbiges Vinyl gemacht haben oder sechs verschiedene Cover für die Platte, waren die farbigen, gedruckten Cover nicht mehr „cool“ genug oder waren die Platten vielleicht doch nicht gut? Ich wünschte, ich wüsste es, aber ich habe keine Ahnung. Wir haben viele Debütplatten gemacht und das ist immer riskant und schwierig, denn für andere Labels ist es so doch einfach, sich zurücklehnen und zu sagen: Lass uns doch einfach mal sehen, wie diese Hostage-Bands besprochen werden und wie sie sich verkaufen. Wenn diese Bands tatsächlich Erfolg haben und bekannt genug sind, kommen genau diese anderen Labels und machen Jagd auf sie.

Als du Hostage Records ins Leben gerufen hast, gab es da Labels, die dich persönlich stark beeinflusst haben, die wichtig für dich waren?

Zu 100% Posh Boy Records, und ich werde dir auch sagen warum. Wenn eine Platte bei Posh Boy rauskam, dann musste ich die Band noch nicht einmal kennen, um zu wissen, dass sie großartig ist. Gab es irgendwelche schlechten Platten von Posh Boy? Mir fällt in den Jahren von 1978 bis 83 keine einzige ein. Ich wollte, dass Hostage Records genau diese Art von Label ist. Ich wollte, dass die Leute eine Platte von Hostage kaufen, auch wenn sie nie zuvor von der Band gehört haben, einfach nur, weil sie wissen, dass sie gut sein muss, wenn sie auf Hostage erscheint. Wir haben von 1996 bis 2005 genau 43 Platten veröffentlicht und es gibt dabei wirklich nur sehr wenige Blindgänger. Bei uns hast du keine beschissenen Mülleimer-Aufnahmen bekommen, keinen Haufen schlechter Coverversionen oder irgendwelchen anderen Dreck. Stattdessen haben wir immer versucht, dass die Songs exklusiv und nur auf dieser einen Platte zu hören sind, damit man für sein Geld auch etwas zurückbekommt, deshalb wirst du auch keine unserer Platten bei iTunes finden. Paul und ich sind mit Punk-Platten aufgewachsen, also haben wir all das genommen, was uns selbst an diesen Platten wichtig war und versucht, das auf Hostage Records umzusetzen. Uns ging es dabei nie darum, mit dem Label Geld zu verdienen.

Alle Bands des Labels hatten diesen speziellen, ganz eigenen Sound, der das besondere Markenzeichen von Hostage ausgemacht hat. Wie kam dieses Markenzeichen zustande, was hat es ausgemacht und welche Bands repräsentieren es deiner Meinung nach besonders?

Zuallererst musste der Sänger einer Band auch wirklich singen können, er musste Stil und Energie haben, und wir haben etliche andere Bands nur aus diesem einem Grund abgelehnt. Paul hat immer gesagt: „Wenn ich besser singen kann, als sie es können, dann haben sie auf dem Label nichts zu suchen!“ Wir wollten keine Schreihälse, keine Typen, die sich anhören, als würden sie auf einem Keks kauen, und keine Brüllaffen. Jeder Sänger einer Hostage-Band war gut, wenn nicht sogar großartig, und ich könnte hier jeden Einzelnen nennen. Beim Mix haben wir immer darauf geachtet, dass die Vocals im Vordergrund stehen, wie bei Posh Boy, außerdem haben wir Jerry Adamo und sein Studio gefunden, der großartige Platten zu einem guten Preis machen konnte. Wir haben jede Band zu ihm geschickt, genau wie Posh Boy es mit Stan Ross und den Goldstar Studios in Hollywood gemacht hat. Wenn Jerry etwas aufgenommen hat, dann konntest du sicher sein, dass es sich gut anhören wird, er hätte eine unbedeutende Band nehmen und dafür sorgen können, dass sie sich fantastisch anhört.

Obwohl viele der Bands auf eurem Label von den STITCHES beeinflusst sind, habt ihr nie etwas von der Band veröffentlicht, warum nicht?

Mike hatte zu dieser Zeit ja sein eigenes Label, Vinyl Dog Records, also wollte er seine Sachen natürlich nicht an ein anderes Label aus Orange County geben. Duane Peters war sein Kumpel und konnte deshalb eine 7“ mit ihnen für Disaster Records machen, die „You Tear Me Out“-7“ hat mich allerdings betroffen gemacht. Das ist in etwa so, als ob das heißeste Mädel der Stadt sich dazu entscheidet, mit deinem hässlichen Bruder auszugehen, anstatt mit dir selbst, falls du verstehst, was ich meine. Ich denke, Mike wollte einfach nicht, dass die STITCHES nur eine weitere Hostage-Band sind, denn jede andere Band in der Stadt war das schon, so sehe ich das jedenfalls. Mike und ich sind heute auch besser befreundet, er ist wirklich ein großartiger Typ, der Charisma hat.

Wie wichtig waren die STITCHES für die Szene in Orange County?

Die STITCHES waren die Szene. Sie waren völlig durchgeknallt und unberechenbar, eine der wenigen Bands, die es wert war, sie sich jeden Monat anzusehen. So wie TSOL von 1980 bis 1983, da wusstest du auch nie, was Jack tun würde, jede Show war ein neues Abenteuer, und Mike und die STITCHES waren genauso. Wenn du gesehen oder bekannt werden wolltest, dann musstest du mit den STITCHES spielen. Fast jede Hostage-Band hat mal als Vorband für die STITCHES gespielt. Es gab eine Zeit, da haben wir uns sogar die Bands für das Label danach ausgesucht, wer als Vorband für die STITCHES gespielt hat, so kamen wir auf THE NUMBERS, SMOGTOWN, THE NEGATIVES und THE FAKES.

Denkst du, dass es bei dem ganzen Download-Wahn heutzutage riskanter ist, ein Label zu gründen, als es das damals noch für dich war, und hast du dir darüber Gedanken macht, bevor du mit Hostage Records wieder neu angefangen hast?

Ich denke, dass es für alle Labels riskant ist, heute noch CDs zu machen. Die sind doch wirklich völlig wertlos, weshalb wir auch immer probiert haben, die Hostage-CD-Veröffentlichungen so billig wie möglich anzubieten. Was Vinyl angeht, ist das, glaube ich, kein großes Problem, denn die Leute haben doch langsam auch genug von dem ganzen digitalen Ansturm, weil das eben auch völlig wertlos ist. Mit einer 7“ kannst du ein Stück Geschichte in deiner Hand halten.

Wo wir eben schon von Markenzeichen gesprochen haben, welche sollte ein Punkrock-Label besitzen? Und denkst du, dass viele aktuelle Labels das vielleicht vermissen lassen, dass es hauptsächlich darum geht, Geld zu verdienen?

Ich bin mir nicht sicher, ob man mit echten Punkbands heute überhaupt noch Geld verdienen kann, aber ich denke, die Grenze wird dort gezogen, wo Vinyl produziert wird. Wenn dein Label kein Vinyl produziert, dann hat dein Label mit Punk nichts zu tun, ganz einfach. Wobei das natürlich nicht bedeutet, dass automatisch auch jedes Label, das Vinyl veröffentlicht, Punk ist, aber es ist immerhin ein Anfang. Wenn die echten Punk-Labels nur nochinyl machen würden, wäre diese Welt ein besserer Platz. Keine CDs, nur Vinyl, dann wüsste man, wer Punk ist und wer nicht. Das wäre der beste Weg, um echte Musik von Massenmusik zu unterscheiden.

Gab es in den letzten Jahren eine Band, die dich schon früher dazu hätte bringen können, dein Label zu reaktivieren?

CAT PARTY mit Jason Richardson, aber das wäre ein riskanter Einstieg gewesen. Nach 43 Platten und sechs Jahren Pause mit einer Band zurückzukommen, die sich wie WIRE anhört, wäre ein Problem gewesen.

Was gibt es über deine zwei aktuellen Releases zu erzählen, vor allem auch, was die „Art Damage“- und „Test Press“-Special-Editions angeht, die du für Sammler-Nerds neuerdings machst?

Die richtige Bezeichnung dafür ist „bad-ass“, nicht „nerdy“! Punk-Singles sollten mit besonderem Gefühl behandelt werden, das heißt kleine Auflagen und vor allem ein abgefahrenes, besonderes Artwork. Musik und Kunst sind die letzten beiden Dinge in Amerika, bei denen man noch die volle Freiheit hat, das zu tun, was man will. So wie Pettibon es bei BLACK FLAG auch gemacht hat, denn auch heute muss nicht alles mit Computern und digitaler Bildbearbeitung zu tun haben. Mit der „Art Damage“-Serie für die beiden Releases wollten wir eben diese zwei Ebenen Kunst und Musik miteinander kombinieren. Für die neue 7“ von SMOGTOWN haben wir 65 Kopien der Platte in dieser „Art Damage“-Version produziert, wobei das Artwork von Kenney Garrett stammt, einem bekannten Punk-Siebdruck-Künstler hier, der seine Sachen noch selber mit einem Präzisionsmesser von Hand macht und nicht mit einem Computer zuschneidet. Des weiteren habe ich noch selber 65 Cover der Platte gestaltet, die von der gesamten Band unterschrieben sind. Für die „Test Press“-Versionen habe ich außerdem selber Schablonen ausgeschnitten und zehn Cover mit Sprühfarbe gestaltet, die wirklich genial aussehen. Die Platte von THE JUNK ist meiner Meinung nach sogar noch besser gestaltet, da die Band sich selber hingesetzt und für jedes Cover in alter „Cut & Paste“-Tradition verschiedene Bilder ausgeschnitten und neu zusammengesetzt hat, ein anderes Cover für jede einzelne Single. Das ist der persönliche Touch für jede Platte, der uns sehr wichtig ist, damit diese nicht zu einem sterilen Massenprodukt wird.

Wirst du das für die kommenden Releases so fortsetzen und welche sind da momentan geplant? Werden auch die bisher unveröffentlichten Schätze aus dem Hostage-Geheimkeller, die du gelegentlich in der „Surf & Destroy“-Radioshow spielst, veröffentlicht werden?

Ja, jede zukünftige Platte wird auf diese Art und Weise gestaltet werden. Die mit Sprühfarbe gestalteten Testpressungen, die „Art Damage“-Versionen und die klassische Hostage-Variante, alle handnummeriert, mit exklusiven Songs und natürlich Vinyl-Only. Für die nächsten Releases haben wir eine PUSHERS-7“, eine SPOOKY-7“ und eine brandneue BONECRUSHER-7“ geplant, bei der Raybo wieder als Sänger in die Band zurückkehren wird. Was die unveröffentlichten Sachen angeht, so ist das eigentlich eine gute Idee, wir könnten eine kleine Anzahl an LPs mit diesen Sachen machen.

Denkst du, dass der Erfolg von Modern Action Records als Label und die Rückkehr einiger klassischer O.C.-Bands der finale Tritt in den Arsch war, den du letztendlich gebraucht hast, um mit Hostage Records wieder zu starten?

Ohne Modern Action Records wären wir tatsächlich nie auf die Idee gekommen. Sie haben für uns den Weg bereitet, um zurückzukommen, weil sie gezeigt haben, dass du, wenn du etwas Cooles und Einzigartiges machst, das Interesse der Leute wecken kannst. Das ist ein großartiges Label!

Auf die Rückkehr welcher O.C.-Band hast du persönlich am meisten gewartet und warum?

Die SMUT PEDDLERS, und ich warte immer noch darauf. BONECRUSHER mit Raybo ist die größte Band aller Zeiten. Was Hostage Records angeht, müssen THE FAKES sich unbedingt wieder zusammentun, die Jungs waren auch fantastisch.

Vor kurzem habe ich die „A Tale Of Rotten Orange“-Compilation von Orange Fight Records gehört, auf der etliche Bands aus Orange County und Umgebung vertreten sind, die wirklich großartig sind und auch in deiner Radioshow hört man ständig neue Bands. Woher kommen alle diese neuen Bands plötzlich, nachdem ja einige Jahre ziemliche Funkstille war, was eure Gegend angeht?

Als die Orte für Konzerte hier nach und nach die Segel gestrichen haben, war das auch der Zeitpunkt, als die Szene gestorben ist. Bands hatten keinen Ort mehr zum Spielen und haben sich aufgelöst, die Labels hatten daraufhin keine Bands mehr und haben ebenfalls aufgehört. Irgendwann fingen wir dann bei „Surf & Destroy“-Radio an, auch neue Bands aus O.C. zu spielen, die kein Label mehr für ihre Musik finden konnten und das hat dem Ganzen wieder etwas Leben eingehaucht. Es ist auch jetzt noch nicht annähernd so, wie es früher einmal war, aber es wird langsam wieder besser. Es ist doch unglaublich, dass ursprünglich einmal jede Hostage-Band, mit Ausnahme der DAMAGED GOODS und BODIES, aus der näheren Umgebung von Orange County stammte. Keiner von diesen Leuten hat weiter als eine halbe Stunde von meinem Haus entfernt gelebt.

Etwas, das man immer wieder hört, wenn es um Orange County-Bands geht, sind Drogengeschichten. Erst vor kurzer Zeit ist Jesse Rich von den BROKEN BOTTLES, die ja bei Hostage ihre großartige Debüt-7“ „Radioactive San Onofre“ veröffentlicht haben, tragischerweise durch eine Überdosis ums Leben gekommen, und auch die Geschichte von Casey Royer, der sich vor den Augen seines Sohnes Drogen reingezogen hat, ist noch präsent. Was ist deine persönliche Meinung zu diesen Vorfällen?

Drogen sind generell ein Problem in der Musik, das gilt nicht nur für Orange County. Dazu gehört auch, dass gewisse Bands als Vorbilder in der Szene gesehen werden und so durch ihr Verhalten natürlich beeinflussen, was jüngere Leute und Bands dann für cool halten. Diese Vorbilder müssen also darüber nachdenken, was sie tun können, damit mit der nächsten Welle an Musik und Bands aus Orange County nicht wieder dieselben idiotischen Fehler gemacht werden wie früher. Paul und ich hatten mit Drogen nie etwas am Hut, halten das für völlig bescheuert und würden uns wünschen, dass Musiker ihre kreative Energie in die Musik investieren und nicht darin, sich selbst zu zerstören. Hostage war zum größten Teil ein Label mit hauptsächlich älteren Bands, was das Alter der Mitglieder angeht. Leute also, die aus ihren Fehlern in der Vergangenheit gelernt und sich weiterentwickelt haben. Die Realität ist doch eigentlich ganz simpel, denn nicht eine Person auf der Welt kann sagen, dass Drogen ihr Leben bereichert und sie zu einem besseren Menschen gemacht hätte. Stattdessen gibt es aber mehr als genug, deren Leben durch Drogen ruiniert worden ist. Jede Hostage-Band wird dir sagen, das wir als Label mit Songs, in denen Drogen glorifiziert werden, nichts zu tun haben wollen, das gilt ebenso für Songs, die nur aus irgendwelchen sinnlosen Beschimpfungen bestehen. Wenn dein Song nur aus „Fucking Fuck Fuck“ besteht, dann bist du leider zu blöd für unser Label. Endlose Schimpftiraden abzulassen, die keinen Sinn ergeben, zeigt nur, dass du mal deinen IQ erweitern und vielleicht ein paar Bücher lesen solltest. Sieh dir Chavez von SMOGTOWN an. Der Kerl ist brillant, seine Texte sind großartig, jeder sollte sie lesen.

Welche anderen Besonderheiten machen O.C.-Punkrock oder euren Lebensstil ganz allgemein aus? Gerade die frühen O.C.-Bands haben ja durchaus versucht, sich von den klassischen Punkbands aus L.A. zu unterscheiden, die ihnen oft zu künstlerisch angehaucht waren, ihnen künstlich erschienen.

Die L.A. Sache war sehr elitär, wie du schon sagtest, eher künstlerisch. Und gerade am Anfang haben sie versucht, sich von anderen in der Szene abzugrenzen. Sie wollten die Kids aus O.C. mit ihrer jugendlichen Wut nicht in ihrer Clique haben, wollten nichts von ihnen wissen. Die Kids aus O.C. allerdings haben all diese Grenzen niedergerissen. Sie wollten Spaß haben und haben irgendwann das Ruder selbst übernommen. Die meisten von diesen ehemaligen Kids sind heute erwachsen, und die, die in Orange County geblieben sind, sind bei Hostage Records. Ich bin mir nicht sicher, ob die Kids heute wirklich den Mut und die Durchsetzungskraft haben, sich selber eine Szene aufzubauen, aber vielleicht überraschen sie mich ja.

Abschließend die Frage nach deiner persönlichen O.C. Punkrock-Top-Ten und warum dir eine spezielle Band dabei vielleicht besonders wichtig ist?

THE CROWD „Right time“ und „Modern machine “; TSOL „Peace thru power“ und „Superficial love“; THE STITCHES „Nowhere“; SAIGON „Anti-vogue“; SMOGTOWN „Losin’ it“; SHATTERED FAITH „Another day passes“; M.I.A. „Boredom is the reason“ und CHANNEL 3 „I got a gun“. Vor allem in ihrer Anfangszeit waren TSOL die beste Band des Planeten, sie haben ständig daran gearbeitet, den Stil ihrer Musik zu verändern, sie wollten mehr, als dieselbe Platte wieder und wieder aufzunehmen. Sie haben großartige Gigs gespielt, auch mit wenig oder überhaupt keiner Promotion, und haben die Leute vor allem auch deshalb angezogen. Keine Band wird jemals deren Größe in den Jahren 1980 bis 1982 erreichen. Sie hatten eine riesige Gefolgschaft und waren wirklich nette Leute, die Shows gerne auch umsonst gespielt haben, wenn sie schon genug Geld hatten, um ihre Miete zu bezahlen.