Interviews & Artikel : CRYPT RECORDS TEIL II :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

CRYPT RECORDS TEIL II

Tim Warren: Just an idealistic idiot

Im zweiten Teil der Historie von Crypt Records geht es um Tim Warren: Nomade, Organist im Ruhestand, Head Honcho von Crypt Records, passionierter Hundebesitzer, Sammler von Filmpostern, passionierter Kriminalromanleser, Plattensammler, Blackout-Trinker, Wahl-Berliner und damit einverstanden, als arrogantes Arschloch bezeichnet zu werden.

Tim, beste Glückwünsche nachträglich zum 100. Crypt-Release! Wie habt ihr diese Zäsur in der Label-History gefeiert?


Besten Dank! Um ehrlich zu sein, verlief das Ganze für ein Jubiläum ziemlich unspektakulär. Wir wollten das Album zu einem zumutbaren Preis in den USA verkaufen können und haben es deswegen in einem Presswerk in Brooklyn pressen lassen, und das brachte natürlich einigen Stress mit der Verschiffung mit sich. Ich bin trotzdem glücklich, dass wir ATOMIC SUPLEX für CR-100 gewinnen konnten – ich steh auf ihren extrem übersteuerten Sound.

Dabei hast du doch Ende der Neunziger immer wieder betont, dass du zukünftig nicht mehr mit modernen Bands zusammenarbeiten würdest.

Richtig, das war 1998 und ich denke, ich hatte zu diesem Zeitpunkt den absoluten Burnout erreicht. THE DIRTYS lieferten mit „You Should Be Sinnin’“ ein hervorragendes Album ab, das jedoch total unterging. Also sagte ich mir „Fuck this!“ und hörte mit der Scheiße auf. Im November 2003 hörte ich dann die Demo-CD der LITTLE KILLERS, war wie weggeblasen und entschied mich, ihr Debütalbum herauszubringen. Dummerweise hatte die Band überhaupt keinen Bock, auf Tour zu gehen, so dass es zunächst ein einmaliger Ausrutscher zurück in den „Modern bands“-Bereich bleiben sollte. Und bei der JOHNNY THROTTLE-7“ war es einfach so, dass ich ihnen mehr oder weniger über den Weg gelaufen bin: ich sah sie live und fragte spontan, ob sie eine 7“ herausbringen wollten, ganz einfach. Eine Single erfordert keine Promo, kein Booking, etc.

Gleich darauf habt ihr ja drei Reissues im Singleformat von Big Bob Taylor, RALPH NIELSEN & THE CHANCELLORS und THE PSYCHOSURGEONS nachgeschoben; also streng genommen genau die Mischung aus Proto/Garage-Punk, Sixties-Oddballs und Tassle-Twirler-Sounds, die das Labelprofil seit jeher ausgemacht hat. Crypt scheint also wieder zur Höchstform aufzulaufen.

Es war der Wahnsinn, diese Singles zu machen, und dazu noch in dieser exklusiven, Over-the-top Aufmachung anzubieten. Die Rechte an dem Bob Taylor-Master habe ich schon 1977 erworben; jahrelang lagen diese dann jedoch unberührt rum, bis ich endlich das Okay zur Verwendung des Artworks von Daniel Clowes bekommen habe. Die Story, warum es Ralph Nielsens „Scream“ erst nach 28 Jahren auf Vinyl geschafft hat, ist ja ausführlich in den Linernotes festgehalten, deswegen hier nur die Kurzform: ein Mafia-Presswerk hat mich abgezogen und das zweite Presswerk ging nicht nur pleite, sondern verschlampte auch noch die Matrizen, womit es sich erledigt hatte. Nach meinem endgültigen Umzug nach Berlin fanden sich die Notenblätter zu „Scream“ und einige Fotos – also Kram, den ich nach all den Jahren verloren glaubte – und das schrie förmlich nach einer Veröffentlichung. Und mit Mark Taylor von den PSYCHOSURGEONS stand ich schon 1999 in Kontakt und war begeistert, als er seine Zusage für die Single gab.

Hast du dich bei den unzähligen Reissues, die du herausgebracht hast, auch immer um die Lizenzen bemüht? Oder spielte sich da auch einiges im grauen Bereich ab?

Als 22jähriger Trottel hatte ich 1983 natürlich nicht die geringste Ahnung, wie so etwas auf legalem Weg abzulaufen hat. Im März 1984 habe ich mich dann mit einem Anwalt zusammengesetzt und er brachte mich auf den Stand der Dinge, wie man solche Fifties/Sixties-Rereleases am besten angeht. Bei den meisten Bands, die ich für „Back From The Grave“ gesigned habe, bekamen die ein bis zwei Mitglieder, die ich überhaupt auftreiben konnte, einen einseitigen Vertrag. In der Wirklichkeit sah es jedoch so aus, dass ich den Labelbesitzer, Musikverlag und Produzenten hätte kontaktieren und bezahlen müssen. Von den meisten Garagebands konnte man nicht gerade behaupten, sie wären wirklich produziert worden. Das ist also eine schwammige Angelegenheit, aber ich bin stolz, dass ich mich auf die Suche gemacht, die Bands bezahlt und es überhaupt getan habe!

Die Singles von Ralph Nielsen und THE PSYCHOSURGEONS haben eine wirklich fantastische Deluxe-Aufmachung. Was für eine Idee steckt dahinter?

Alex von Copasetic hat uns an ein tschechisches Presswerk vermittelt, das einen hervorragenden Druckservice anbietet und ich bin fast ausgerastet, so gut war das. Die Idee dahinter ist ganz einfach, dass es eine verdammt gute Sache ist, in diesem beschissenen Download-Zeitalter eine Reissue-7“ mit Gatefoldcover, Interview und so weiter herauszubringen.

Trotz der einen oder anderen Aktivität im letzten Jahrzehnt und dem Veröffentlichungsanstieg in letzter Zeit war und ist es um Crypt ja geradezu gespenstisch still. Kannst du einen kurzen Abriss darüber geben, was alles seit dem Hausverkauf – siehe Crypt-Story in Ox #103 –passiert ist?

Es war nicht nur die Finanzkrise – über die ich ein Buch mit dem Titel „Verlogene Immobilienmakler-Gauner “ schreiben könnte – und die verschwendeten sechseinhalb Jahre Hausrenovierung, sondern auch das Ende meiner Ehe mit Micha, die zu meiner persönlichen Krise führten. Im Dezember 2004 hatte ich die Schnauze voll von dem Haus und reparierte bis Juli 2006 nur noch die letzten verbliebenen Schäden. Die ganze Zeit nur auf dem Land zu sein und auf einer Baustelle zu wohnen, ging mir auf die Nerven und zusätzlich musste ich einen Ort finden, um das Crypt-Warenlager und das Mailorder-Lager unterzubringen. Ich mietete also einen 95-Quadratmeter-Laden in Brooklyn und war immer noch in dem guten Glauben, das Haus in spätestens einem halben Jahr verkaufen zu können. Zu diesem Zeitpunkt gab es in New York keinen vernünftigen Rock’n’Roll-Plattenladen und so zog ich mit dem Crypt-Krempel und dem Masteringstudio nach Brooklyn und eröffnete – ob schlauerweise oder aus Blödheit kann ich nicht sagen – Cool & Crazy Brooklyn. Ich lebte dort in einem ungeheizten Rattenloch ohne Dusche und Küche, erlebte einen Wohnungsbrand im März 2007, war in Gesellschaft von Ratten, Kakerlaken und einer üblen Slum-Vermieterin. Mehrmals regnete es Massen an Wasser und Dreck aus dem Apartment über mir, das sie illegal zu einer Extrawohnung umfunktioniert hat, um sich etwas dazuzuverdienen.

Noch mal kurz zurück zur Trennung von Micha: meinst du, dass die unbedingte Hingabe für das, was du machst, Grund dafür sein kann, dass eine Beziehung nicht aufrecht erhalten werden kann?

Das muss ich wohl bejahen. Es ist nicht fair, seiner Freundin seine Meinung aufzuzwingen, und gleichzeitig möchte man niemanden als Partner, der automatisch mit allem einverstanden ist, was du sagst, machst, hörst, liest. Und ich kann Kram wie Fernsehen, Radio, Shopping und 99% der modernen Filme nicht ausstehen! Nicht zu erwähnen, dass man in meinem Fall und durch die Besessenheit für das, was man liebt, automatisch in eine einkommensschwache Situation gezwungen wird, was nicht allzu anziehend auf Frauen wirkt, die mehr Geld verdienen als man selbst, haha.

Zum Zeitpunkt des Hausverkaufs hattest du zudem auch auf die politische Situation in den USA keinen Bock mehr und bist dann „ausgewandert“.

Richtig, das Haus verkaufte sich dann endlich am 25. März 2008 und am 7. Juni verstarb unser geliebter Hund Bando. Am 29. August erfuhr ich dann von der Präsidentschaftskandidatur von Sarah Palin und John McCain und schmiedete sofort Pläne abzuhauen. Am 10. Oktober bin ich nach Hamburg geflogen und habe zwei Wochen damit verbracht, zunächst eine billige Unterkunft in Hamburg und dann einen Bauernhof zwischen Hamburg und Berlin zu suchen. Ersteres war unmöglich und Zweiteres – so wie ein Freund von mir feststellte – wäre wohl nicht der richtige Ort für einen Freak wie mich. Ich schaute mich in Berlin um und verliebte mich in diese leerstehende Bruchbude. Im Februar 2009 bin ich zurück nach Brooklyn, habe alles zusammengepackt und es auf die Seereise nach Berlin geschickt.

Als ich Dirk das erste Mal für das Interview kontaktierte, warst du gerade in den USA. Bist du trotz allem noch regelmäßig dort? Crypt USA hast du doch komplett aufgegeben, oder?

Wie gesagt, 1999 bin ich zurück in die USA und 2008 dann nach Berlin. Ich bin nie sonderlich viel hin- und hergereist, denn ich könnte es nie übers Herz bringen, für längere Zeit von meinem Hund getrennt zu sein. Crypt USA war von Anfang an wirklich der allerletzte Scheiß: wir wurden unzählige Male von Vertrieben und Mitarbeitern abgezockt und die Verkäufe waren ein Witz! Während der Hamburg-Jahre habe ich versucht, einen anständigen USA-Vertrieb aufzubauen, was aber im Nachhinein ein totaler Fehler war. Ein eigenes Büro zu unterhalten und einen Mitarbeiter dafür zu bezahlen, dass er Bands promotet, die dann zwischen 600 und 2000 Platten verkaufen, ist nicht gerade ein cleverer Schachzug. Während der Zeit in Brooklyn saß ich die meiste Zeit im Hinterraum und war mit dem Mastering beschäftigt. Ich stellte ein paar Kids ein, die sich um den Laden und Mailorder kümmern sollten, und nachdem ich sie ausgezahlt hatte, blieben mir selber am Ende 400 Dollar pro Monat – für eine 60-Stunden-Woche und um in einem beschissenen Loch zu leben! Das geht in Ordnung, wenn man jung ist, aber an meinem 48. Geburtstag fragte ich mich, was ich hier eigentlich zur Hölle mache, wofür ich mir den Arsch aufreiße und in diesem Loch hause. Es war scheißegal, wie hart ich, wir gearbeitet oder wie schnell und zuverlässig wir Mailorder-Bestellungen erledigt haben, die Verkaufszahlen sind einfach nicht gestiegen. Nimm irgendeines unserer Reissues: über den USA-Mailorder hätten wir davon acht Stück verkauft, während wir über Crypt Hamburg mindestens 80 losgeworden wären. Ich habe dann hingeschmissen und Crypt USA am 8. Dezember 2008 zugemacht.

Hast du in der Zeit auch mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Nein, aber der Kampf darum, Crypt USA am Laufen zu halten, hat echt dazu geführt, dass ich irgendwann anfing, die Labelarbeit zu hassen! Es gab sehr viele schlechte Momente, trotzdem haben die guten immer überwogen.

2008 bist du dann endgültig nach Deutschland gezogen. Aufgewachsen in Griechenland, Jugend in den USA, zwischendurch Europa, Rückkehr in die USA und dann bist du in Berlin gestrandet. Gibt es irgendeinen Ort, an dem du dich zu Hause fühlst?

NYC im Alter 0 bis 2, Philippinen 2 bis 4, Griechenland vier bis 13, Scheißkaffs in den USA 13 bis 18, NYC/Paris/Göteborg/NYC zwischen 19 und 29 und die Hamburg-Jahre im Alter von 29 bis 38, puh! Gestrandet in Berlin? Haha, eigentlich ist es ganz nett, ausgerechnet hier gestrandet zu sein – die Stadt ist billig, Lebensmittel sind günstig und man braucht kein Auto. Klar fehlen mir die USA, aber nach den neun Jahren als „Hausbesitzer“ empfinde ich nur noch Hass für das korrupte System. Auch dieser rassistische Irrsinn, die Abscheu, die einige Amerikaner vor einem schwarzen Präsidenten haben, macht mir Angst. Ich bin hin- und hergerissen, eventuell auch wieder zurückzuziehen, denn ich kann nicht anders, als auf die Jagd nach obskuren Singles zu gehen. Aber wenn dieser Dummkopf Mitt Romney gewählt wird ... Argh! Zugegeben, ich bin ein Nomade.

Wie schätzt du mittlerweile, also nach eurer Pause, den Status beziehungsweise die Popularität von Crypt ein?

Da wir uns fast gar nicht um moderne Bands scheren, denken viele Leute sicherlich, wir wären im Ruhestand. Ich mag es so, wie es ist – in den Neunzigern spürte ich ständig den Druck, Bands signen zu müssen, bei einigen bereue ich es heute und würde das alles nie im Leben noch einmal auf mich nehmen. Dirk macht einen hervorragenden Job und kümmert sich darum, den ganzen heißen Scheiß, also meistens Reissues, für den Mailorder und Vertrieb an Land zu ziehen. Und gleichzeitig müssen wir uns keine Sorgen mehr darum machen, irgendwann Pleite zu gehen, wenn wir immer noch für Studioaufenthalte, Mastering, Tourbooking und Bands aufkommen müssten, die ständig Merch haben wollen und nicht im Ansatz bedenken, dass die Menge an Platten, die sie haben wollen, nicht im Geringsten ihren tatsächlichen Verkäufen entspricht.

Apropos: du führst ja gerne auch deine Bilanzen auf. Wie „cool & crazy“ darf man tatsächlich sein, wenn man gleichzeitig ein Auge auf die Finanzen haben und ein ganzes Unternehmen schmeißen muss?

Haha, ich habe mich da eigentlich nie darum gekümmert, bis ich dann 1998 monatelang Absatzzahlen analysiert und entdeckt habe, wie wahnsinnig viel Geld wir mit jeder modernen Band verloren. Als ich dann später den Deal mit den LITTLE KILLERS machte, einigten wir uns auf eine 50/50-Gewinnaufteilung. Nach sechs Jahren haben damit wir 850 Dollar verdient!

In den Neunzigern scheint Crypt deinen Aussagen zufolge ja nur Verluste eingefahren zu haben. Auf irgendeine Weise muss sich das Label doch aber finanziert haben?

Hm, ein riesiger Fehler war es, zu idealistisch zu sein, um den Bands 15% Gebühren für das Booking aufzudrücken und damit die Telefonrechnungen, Promo, Versand, etc. decken zu können. Anthony von Boomba Records/AmpRep Europe hat mich immer wieder gewarnt, aber ich sagte nur: „Die armen Bands da draußen reißen sich den Arsch auf!“ Gleichzeitig habe ich es damit gerechtfertigt, dass ich dachte oder eher hoffte, die „Las Vegas Grind“-Sachen und andere Reissues würden die Verluste auf Tour wieder reinholen.

Du hast auch nie einen Hehl daraus gemacht, was du von bestimmten Bands und Trends hältst. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass „Crypt ein unfassbar überhebliches Label ist, das sich lieber auf längst und aus gutem Grund vergessene Obskuritäten konzentriert, als einen Blick auf all die vielversprechenden jungen Bands zu riskieren“. Außerdem ist Tim Warren „ein arrogantes Arschloch, das mit Scheuklappen durchs Leben geht“.

Haha, großartig, das trifft es ziemlich gut! Das erinnert mich daran, wie wenige aktuelle Bands es gab, für die ich mich um 1983 wirklich interessiert hatte. Ernsthaft, ich konnte sie an einer Hand abzählen! Ich habe meine Pflichten zwischen 1987 und 1998 erfüllt, eine Menge moderner Bands herausgebracht und habe letztendlich dran glauben müssen. Es gibt tausende Labels, die sich immer noch dieselbe Mühe machen. Es wird sich über kurz oder lang sowieso alles um die obskuren Fifties/Sixties-Oddballs drehen.

Im letzten Interview mit dem französischen Dig It!-Zine hast du behauptet, überhaupt kein Interesse für neue Bands und die sogenannte Szene zu haben.

Mein Problem mit neuen, aktuellen Bands ist einfach, dass die meisten wie ein lahmer Abklatsch klingen ...

Warum meinst du, dass moderne Bands immer wieder über dieses „copycat element“ stolpern?

Ich denke, dass der Nachahmungsfaktor immer präsent ist. Ob das eine gute oder eine schlechte Sache ist, lässt sich so nicht sagen. Das hängt davon ab, wo die Band ansetzt; davon, ob sie „Einfluss X“ nehmen und etwas Eigenes, Originales daraus schaffen oder ob sie einfach nur kopieren. Die schlimmsten von allen sind diese „Indiepop“-Bands!

Wenn man etwas genauer durch seine Plattensammlung blättert, findet man immer wieder deinen Namen in den Credits für das Mastering.

2004 habe ich mir ein eigenes Studio zur Vinylrestaurierung eingerichtet. Ein Freund besaß Tonnen von hochklassigen Audiogeräten und verkaufte mir einen Teil davon mit 70% Rabatt. Ich besorgte zusätzlich einen wirklich guten Plattenspieler, Mono-Nadeln und einen Phono-Vorverstärker und habe angefangen, mein eigenes Mastering zu betreiben. Mein ersten Gehversuche machte ich mit der DR. SPECs „Optical Illusion“-7“ und dem Reverend Charlie Jackson-Album, dann die „Strummin’ Mental“-Reihe und dann fing Norton Records langsam an, mir ihre Fifties/Sixties-Sachen zum Mastern zu geben. Später begann ich dann auch damit, mich um die Afro-Funk-Reissues für Academy zu kümmern und bekam immer mehr Aufträge von SingSing und Almost Ready für ihre Punk/Powerpop-Sachen. Ach ja, und die beiden Singles, die Thorsten von PureSoul herausgebracht hat! Hin und wieder fragen mich auch aktuelle Bands, ob ich ihre Sachen mastern könnte.

Die Vinylsanierung ist sicherlich eine ziemlich mühsame Angelegenheit.

Oh ja! Erst muss die Single von Staub, Dreck und Fett befreit werden, sie wird dann auf den Teller gesetzt und muss mittig und vernünftig laufen. Danach passe ich das Lautstärkelevel an und sitze stundenlang vor dem Rechner, um mit ProTools alle Pops und Clicks per Hand zu entfernen. Wenn das denn erledigt ist, gehe ich noch mit Kopfhörern auf die Suche nach kleineren Störgeräuschen. Als Nächstes kommen dann etwas EQ und Kompressor zum Einsatz, um dem Song mehr Punch zu geben. Einige Songs brauchen nur 20 Minuten, andere 14 Stunden. Einmal hat es 50 Stunden gedauert, bis ein Song fertig war – ich habe 2,80 Dollar pro Stunde verdient und gelernt, nie wieder Festpreise auszuhandeln, haha.

Mastering, Booking, Labelarbeit ... Hattest du nie das Bedürfnis, aus dem Schatten des Rock’n’Roll-Zirkus zu treten, dich auf die Bühne zu stellen und selber etwas Applaus abzubekommen?

1978 habe ich mir eine Gitarre gekauft und versucht, die ersten drei RAMONES-Alben nachzuspielen. Alleine, in einem dunklen Keller! Das war für mich zu gruselig. Vier Jahre später legte ich mir eine Voxx-Supercontinental-Orgel zu und habe eine Band gegründet – die hielt für zwei vierstündige Proben und hat sich wieder aufgelöst. Ich bin einfach zu schüchtern, um in einer Band zu sein.

Und vermisst du die Zeit am Tresen im Plattenladen?

Ja! Außerdem fehlt es mir, neue Platten zu hören, wenn sie angekommen sind. In jedem Laden beobachtet man Kunden, die sich vier Stunden durch Kisten wühlen und am Ende eine Single kaufen – und die machen einen fertig. Andersrum gibt es dann auch wieder Kunden, die stapelweise Platten mitnehmen und man sieht ihnen die Freude an. Das ist all die Mühe wert.

Stichwort Mühe: ihr habt gerade die ganze „Teenage Shutdown“-Serie und andere Crypt-Goodies nochmals pressen lassen. Zahlt sich das aus?

Nicht wirklich, aber das ist genau die Sache, für die wir leben, also schlagen wir uns weiter durch.

Du hast ja mittlerweile die 50 überschritten. Wie lassen sich das Älterwerden und die Leidenschaft für so ein Außenseiter-Ding verbinden?

Am 27. Juni bin ich 52 geworden, das ist verdamm alt! Hm, keine Ahnung – alleine wenn man sich musikalisch irgendwo verorten soll, ist es für mich unmöglich, einen Draht zur Phil Collins/Disco/Radio-Rock-Generation zu finden. So bleibe ich einfach derselbe Freak, der ich schon immer war.

Irgendwann wird unweigerlich der Punkt kommen, an dem es mit Crypt zu Ende geht. Was passiert dann mit diesem eigenen Rock’n’Roll-Spirit, dessen Fahne ihr jahrzehntelang hochgehalten habt? Gibt es irgendein Label, das deiner Meinung nach ein würdiges Erbe antreten könnte?

Ach, es gibt doch so viele Leute und Labels, die genauso und immer noch auf der Suche nach verlorenen Schätzen sind und das Internet mit eBay etc. macht es ihnen doch denkbar einfach. Ein Label, das das Crypt-Erbe antreten wird? Tough question, da fällt mir echt keine Antwort ein.

Was dürfen wir in naher Zukunft von Crypt erwarten?

Ich habe wirklich gehofft, den Rerelease der „Stamp Out Disco/Task Force“-7“ der australischen RAZAR herausbringen zu können, aber SingSing hat die Band aufgespürt und kam uns zuvor. Immerhin konnte ich die Single remastern und sie ist ein absoluter Killer! Ich sollte definitiv ein weiteres Album mit ATOMIC SUPLEX machen. Im Mai habe ich sie in Venedig endlich einmal live gesehen und sie waren großartig. Und super nette Menschen.

Crypt war und ist sicherlich eines der einflussreichsten Labels im Garage-Bereich; hast du eine Art „Erfolgsrezept“, was sollte man besser nicht nachmachen?

Haha, überhaupt nicht! Ich bin einfach ein Vollidiot mit Idealen. Was moderne Bands angeht: seht euch vor! Wir haben einen wahnsinnigen Haufen Geld alleine mit Booking, Promotion und Anzeigen für unsere Bands verloren. In dieser Post-Internet-Welt ist so etwas natürlich um einiges günstiger.

Im Bananas Magazine #4 wusste Bazooka Joe folgende Episode zu berichten: „Tim was DJing with us at Motorcity and some girl was telling us it was her birthday, so Tim grabbed her, turned her upside down and started bonking her head into the floor! I think it was supposed to be affectionate.“ Das musst du an dieser Stelle kommentieren!

Alkohol ist eine üble Sache! Ich bin Blackout-Trinker und habe viel zu viele dumme Sachen im Rausch gemacht.

Zu guter Letzt die John-Peel-Frage: Welcher Song soll auf deiner Beerdigung gespielt werden?

Oho, schwierige Frage! Ich habe gelesen, dass John Belushi sich „2000 pound bee“ von den VENTURES für seine gewünscht hat – das war der erste Wunsch für einen Beerdigungssong, von dem ich jemals gehört habe, und ich denke, der ist ziemlich cool. Verdammt, ich denke, ich entscheide mich für „That’s the bag I’m in“ von den FABS auf „BFTG“ #1! Auch wenn sie nur die Lyrics von Fred Neil verwenden, ist das mein Song, haha: „They’ll probably drop the bomb the day my ship comes in“!

Matti Bildt

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #104 (Oktober/November 2012)

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