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Interviews & Artikel

JON SPENCER BLUES EXPLOSION

Crypt-style blues stomp for the 21st century

Vor acht Jahren erschien mit „Damage“ 2004 das letzte Lebenszeichen der THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION auf Mute (beziehungsweise Matador in den USA). Eine lange Zeit für eine Band, vor allem für solch eine seit Anfang der Neunziger an sich recht konstant aktive, langlebige Garage-Rock-Institution. An der sich allerdings auch oft die Geister schieden, denn das basslose New Yorker Trio machte sich vor allem durch seine radikale stilistische Zerstörungswut und einen kompromisslosen Experimentierwillen einen Namen, was der wertkonservativen Fraktion der Garage-Szene oft zu weit ging.

Neben solch postmodernen Bemühungen zur Auffrischung des guten alten Rock’n’Rolls erwies sich die BLUES EXPLOSION allerdings auch immer als Bewahrer alter Traditionen und trug durch ihre Zusammenarbeit mit Blues-Urgestein R.L. Burnside auf dessen 96er-Platte „Ass Pocket Of Whiskey“ oder mit der damals schwer abgestürzten R&B-Legende Andre Williams dazu bei, dass diese einem breiteren Publikum bekannt wurden beziehungsweise noch mal einen kreativen zweiten Frühling erlebten. Untätig waren die Herren Jon Spencer, Russell Simins und Judah Bauer seit „Damage“ allerdings auch nicht und betätigten sich seitdem in diversen anderen Projekten wie HEAVY TRASH (Spencer), 20 MILES (Bauer) oder MEN WITHOUT PANTS (Simins). Und wer gut aufgepasst hatte, dem war die BLUES EXPLOSION sicher auch unter dem Namen JON SPENCER AND THE ELEGANT TOO mit dem Song „Here come the Fuzz“ auf dem Soundtrack zum köstlichen „Shaun Of The Dead“-Nachfolger „Hot Fuzz“ von 2007 aufgefallen. Dieser Tage erschien mit „Meat And Bone“ dann doch noch mal ein neues Album der BLUES EXPLOSION, nachdem das Trio bereits einige Zeit vorher wieder seine Live-Aktivitäten aufgenommen hatte. Wie schon bei unserem ersten Zusammentreffen vor zehn Jahren erwies sich Herr Spencer im folgenden Interview als eloquenter Gesprächspartner, der musikjournalistischem Bullshit nach wie vor mit ausgeprägter „Fuck You!“-Attitüde begegnet. Das mag man als arrogant oder divenhaft bewerten, aber diesen Status hat sich Spencer hart erarbeitet und dementsprechend ehrlich verdient, weshalb man sich von ihm auch noch mal sehr gern den Rock’n’Roll im Allgemeinen und seine Band im Speziellen erklären lässt.

Jon, acht Jahre sind seit eurem letzten Album „Damage“ vergangen, eine verdammt lange Zeit für eine Band, und nicht wenige Leute hatten die BLUES EXPLOSION sicherlich bereits abgeschrieben.


Das stimmt, aber wir hatten die Band nie offiziell aufgelöst. Wir haben 2007 oder 2008 wieder angefangen, mit der Band aufzutreten. Und das neue Album „Meat And Bone“ ist das Resultat unserer Rückkehr auf die Konzertbühne, es ist eine natürliche Folge der Entwicklung, dass die Band wieder zusammenarbeitet und auf Tour geht.

Handelte es sich denn um eine bewusste Entscheidung, die Band auf Eis zu legen, oder passierte das einfach?

Also was mich persönlich betrifft, hatte ich einfach Lust, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten und andere Musik zu machen. Und das habe ich getan. Ich habe zusammen mit meinem Freund Matt Verta-Ray eine Band namens HEAVY TRASH, mit der ich drei Platten aufgenommen habe und auf der ganzen Welt auf Tour war. Mehr steckte eigentlich nicht dahinter für mich, ich brauchte eine Pause von der BLUES EXPLOSION, um andere Projekte zu verfolgen. Als ich mit HEAVY TRASH auf Tour war, machte ich meistens die Erfahrung, dass die Leute sehr zufrieden damit waren, uns spielen zu sehen. Und die Besprechungen, die ich über die HEAVY TRASH-Platten gelesen habe, waren sehr positiv, niemand beklagte sich, warum es kein neues BLUES EXPLOSION-Album geben würde. Oder dass HEAVY TRASH ganz anders sei als die BLUES EXPLOSION, von wegen: „Was soll der Scheiß?! Wo ist der Nihilismus, warum ist es anders?“ Man hat uns immer sehr freundlich aufgenommen.

Denkst du, dass einige Leute in HEAVY TRASH inzwischen so eine Art Ersatz für die BLUES EXPLOSION gesehen haben?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Falls es so ist, kann ich es zumindest nachvollziehen, wenn jemand dieser Ansicht sein sollte, zumal es sich ja in beiden Bands um denselben Frontmann handelt, der da singt, es gibt also immer Überschneidungen. Es ist musikalisch natürlich nichts völlig anderes, aber es sind sicherlich verschiedene Bands. HEAVY TRASH sind traditioneller und haben ihren Ursprung in amerikanischer Rootsmusik, vor allem Rockabilly. Ich glaube aber, der Hauptunterschied liegt darin, dass das Personal ein anderes ist. HEAVY TRASH besteht aus Matt Verta-Ray und mir, und die BLUES EXPLOSION ist eine Kollaboration zwischen mir, Russell Simins und Judah Bauer, und wenn ich Songs für die Bands schreibe, schreibe ich sie mit den jeweiligen Mitgliedern zusammen. Meine Band vor der BLUES EXPLOSION war PUSSY GALORE, das war eine ganz andere Sache, ebenso wie auch BOSS HOG, wo ich mitgespielt habe.

... die Band deiner Gattin Christina Martinez.

Ja. Natürlich gibt es bei all diesen Bands Gemeinsamkeiten. Ich bin nun mal, wer ich bin, und habe meinen persönlichen Geschmack, ein spezielles Einfühlungsvermögen und einen individuellen Stil bei Auftritten, und das überträgt sich irgendwie von Band zu Band.

Der BLUES EXPLOSION wurde ja, du hast es schon kurz angesprochen, immer ein nihilistischer und eher destruktiver Charakter unterstellt, anders als etwa HEAVY TRASH.

Ich finde gar nicht, dass die BLUES EXPLOSION so übermäßig destruktiv war und ist. Meine erste Band PUSSY GALORE ging sicherlich in eine sehr negative Richtung, aber das war nicht das, was ich bei der BLUES EXPLOSION empfunden habe. Das hatte ich eigentlich alles bereits mit PUSSY GALORE abgearbeitet. Natürlich sind meine Hände diesbezüglich nicht völlig unbefleckt, es gibt immer noch destruktive Elemente und Wut bei der BLUES EXPLOSION, aber das ist schon lange nicht mehr so wichtig oder ein entscheidender Faktor, wie es bei PUSSY GALORE der Fall war. Bei der BLUES EXPLOSION geht es nicht so sehr darum, musikalische Stile niederzureißen, vor allem nicht den Rock’n’Roll. Was wir tun und schon vorher getan haben, ist eigentlich, uns um den Rock’n’Roll zu kümmern, und wahren Rock’n’Roll so zu präsentieren, wie er unserer Meinung nach sein sollte. Den Kern der BLUES EXPLOSION macht etwas sehr lebendiges und energetisches aus. Es ist natürlich ein sehr rauer Sound, der auch etwas verrückt ist, und wir können deswegen manchmal recht konfrontativ wirken in unserem Auftreten, aber ich sehe darin, wie gesagt, nichts negatives.

Andererseits liegt natürlich in diesem nihilistischen und eher destruktiven Charakter ein großer Reiz, wenn man etwas Neues entwickeln will, denn schließlich ist im Bereich Musik jede Note schon mal irgendwie gespielt worden.

Das betrifft natürlich alle Kunstformen, und eben auch Musik und den Rock’n’Roll. Rock’n’Roll ist ja nichts anderes als ein Vermischen von verschiedenen Stilen und Genres – er ist ein Bastard. Und er wird ja nicht nur aus unterschiedlichen Elementen kombiniert, er wird auch ständig weitervererbt. Es gibt also nicht viel Neues, aber das Wichtige dabei für mich ist, dass man dem Ganzen seinen persönlichen Stempel aufdrückt, dass etwas dahintersteckt und es nicht seelenlos ist. Handwerkliches Können ist sicher eine schöne Sache, und es ist toll, wenn man das beste Gitarrensolo aller Zeiten spielen kann, aber wenn man sich dabei nicht selbst treu bleibt und mit dem ganzen Herzen dabei ist, dann ist es nicht viel wert.

Ich denke aber, dass Rock’n’Roll-Puristen nach wie vor große Schwierigkeiten mit der BLUES EXPLOSION haben werden.

Da muss ich widersprechen, ich finde, wir sind im Vergleich sicherlich echter als so manche andere Vögel, die da draußen unterwegs sind. Das war schon damals, als wir anfingen, ein Problem, und das ist es auch noch heute, dass ich nicht mit dem übereinstimme, was gemeinhin für Rock’n’Roll gehalten wird. Denn wenn Rock’n’Roll zu ungefährlich wird, ist er langweilig. Rock’n’Roll ist so eine seltsame, wunderschöne Art von Musik, und deshalb besitzt sie auch so viel Kraft, aber davor haben viele Leute offenbar Angst.

Beim Hören des neuen Albums „Meat And Bone“ hatte ich oft das Gefühl, es wäre mehr sound- als songorientiert. Ich finde, es besitzt einen ausgeprägten Jam-Session-Charakter, oder liege ich da völlig falsch?

Tatsache ist, dass wir mit fertigen Songs ins Studio gegangen sind, das machen wir eigentlich immer so. Für mich sind das die Songs, die ich mag, und ich denke, dass auf dem Album ein paar wirklich gute Songs sind, die ich auch live gerne spiele. Für mich ist das ein Album, bei dem es auch Jahre später, nachdem es veröffentlich wurde, noch Spaß machen wird, Songs davon live zu spielen, und ich denke, dass das auch dem Publikum so geht.

Dennoch scheint „Meat And Bone“ ursprünglicher und unverfälschter zu sein, als es etwa „Acme“ oder „Plastic Fang“ waren.

Die Platte repräsentiert, wer wir im Moment als Band sind und wo wir stehen. Es gab keine großen Diskussionen darüber, bevor wir die Platte aufgenommen haben. Wir reden gewöhnlich nicht darüber, was wir machen wollen, oder schmieden Pläne, dass wir was in Richtung Bob Dylan machen oder mit elektronischen Sounds arbeiten wollen, oder dass das nächste Album dem Elend der Menschheit Tribut zollen soll. Wir schreiben einfach die Songs, aber natürlich können wir zurückblicken und sehen, ob es Sinn macht. Besonders ich als Sänger und Texter sehe noch stärker die Verbindungen und die Themen der Songs und finde, dass auf „Meat And Bone“ alles zusammenpasst und ein thematischer roter Faden entsteht. Aber ob es unverfälschter als auf den älteren Platten ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wenn man jemand meint, dass das der typische BLUES EXPLOSION-Sound sei, wäre das für mich ein kreatives Todesurteil. Wer will schon eine Band hören, die jedes Jahr dieselbe Platte aufnimmt? Das wäre langweilig, und für kreative Menschen ist es in Ordnung, andere Sachen auszuprobieren und ihrer persönlichen Muse zu folgen. Die Platten, die du erwähnt hast, „Acme“ und „Plastic Fang“, und auch „Meat And Bone“, sind zwar als BLUES EXPLOSION-Platten erkennbar, aber sie sind auf unterschiedliche Weise entstanden, was das Songwriting oder die Art der Produktion angeht. Die BLUES EXPLOSION ist immer Risiken eingegangen, vor allem im Studio, aber wir haben das aus freien Stücken getan, wir sind unabhängig und treffen unsere eigenen Entscheidungen. Wenn wir eine Platte mit einem Produzenten machen wollen, auf eine traditionelle, mainstreamige Weise wie bei „Plastic Fang“, dann tun wir das, und heuerten damals Steve Jordan dafür an.

... der auch schon John Mellencamp, Cat Stevens, Bob Dylan, BB King, Stevie Nicks oder Neil Young produziert hat.

Genau, das war unsere Entscheidung. Und als wir eine Art Remix-Platte machen wollten und mit vielen verschiedenen Produzenten und Gästen arbeiten wollten, wie bei „Acme“, haben wir das auch gemacht. Und wenn wir ein Album ganz allein machen wollen, nur die drei Bandmitglieder, die alles produzieren, wie bei „Meat And Bone“, dann ist das unsere Entscheidung. Wir haben die Platte komplett allein finanziert durch das Geld, das wir durch die Touren eingenommen hatten, und danach haben wir uns um die geschäftliche Seite gekümmert, also was die Veröffentlichung der Platte angeht.

Fühlt ihr euch als Band denn inzwischen unabhängiger, als zu euren Mute/Matador-Zeiten?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich hat sich inzwischen alles verändert, sowohl für uns als Band als auch für die Musikindustrie, aber wie gesagt, wir waren eigentlich schon immer extrem unabhängig und haben versucht, die Rechte der Band zu schützen. Ich vermisse diese Labels, es hat mir Spaß gemacht, mit Mute und Matador zu arbeiten, aber das waren noch andere Zeiten.

Wie kommt es generell, dass Label wie Mute und Matador plötzlich kein Interesse an einer Band wie der BLUES EXPLOSION mehr haben?

Beide Label haben uns fallen gelassen, wobei wir sowieso nie einen langjährigen Vertrag über mehrere Alben mit ihnen hatten. Wir haben in der Regel eine Platte aufgenommen und erst dann an jemand lizensiert. Sie haben uns also nicht wirklich rausgeworfen, aber wir sind an einen Punkt gekommen, wo sie mir gesagt haben – auf nette Weise, haha –, dass sie nicht mehr mit uns zusammenarbeiten wollen. Und ich kann das verstehen, denn unseren kommerziellen Höhepunkt in Bezug auf Plattenverkäufe hatten wir Mitte/Ende der Neunziger, und Firmen wie Mute und Matador sind darauf aus, weiter zu wachsen und tun eben alles, damit das passiert. Und wenn das nicht geschieht, verstehe ich, dass sie das frustriert. Aber wie gesagt, ich fand es schade, dass sich unsere Wege getrennt haben, ich mag beide Labels sehr.

Muss man denn heutzutage als Band noch ein Label haben? Viele Bands kommen inzwischen auch ganz gut allein klar.

Nein, nicht wirklich. 2010 haben wir ja sechs unserer alten Platten wiederveröffentlicht, das haben wir in Europa in Eigenregie getan, sie erschienen auf unserem eigenen Label Shove!. Und das neue Album „Meat And Bone“ ist ebenfalls von uns selbst auf Shove! veröffentlicht worden, nur dass es in Zusammenarbeit mit Bronze Rat geschieht. Das bedeutet aber eine Menge Arbeit, vor allem, wenn man so etwas weltweit tut. Aber man braucht nicht extra ein Label dafür. Die ersten beiden PUSSY GALORE-Platten habe ich damals auch selbst veröffentlicht.

Wie frustrierend ist es denn für dich persönlich, dass es inzwischen scheinbar so schwierig geworden ist, sein Geld als Musiker zu verdienen?

Es ist gar nicht so schwierig geworden. Ich muss dafür hart arbeiten, aber dafür schäme ich mich nicht. Wir haben immer hart als Band gearbeitet. Man darf sich dabei nicht irgendwelchen Fantasien über Rockstars und Majorlabels hingeben, mit Limousinen und dicken Geldkoffern. Die Musikindustrie ist schon immer korrupt gewesen, und jetzt ist sie am Ende ihrer Kräfte und liegt im Sterben, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber mich interessiert die Musikindustrie auch nicht besonders, was mich interessiert, ist die Musik und der Rock’n’Roll. Ich habe nicht angefangen, in einer Band zu spielen, um Teil der Musikindustrie zu sein.

Und wie stehst du zu der Aussage, dass das Internet der Hauptverantwortliche für den Niedergang der Musikindustrie ist?

Daran ist sicher etwas Wahres – es ist schwer, dafür Gegenargumente zu finden. Wenn Leute Musik herunterladen, unterstützen sie natürlich bestimmte Wirtschaftszweige wie Telefongesellschaften oder Computerfirmen, aber eben nicht die Künstler, die geraten dabei in Vergessenheit. Wenn die Leute zuerst bestimmte Sachen antesten wollen, ist das cool, das verstehe ich, es ist, als ob man in die Stadtbibliothek geht. Aber wenn einem etwas gefällt, sollte man sich die Band live anschauen oder ihre Platten und Shirts kaufen.

Vor eurer Zeit bei Mute und Matador erschien euer offizielles zweites Album „Crypt Style“ ja 1993 bei Crypt. Für wie einflussreich hältst du rückblickend Crypt in Bezug auf die Entwicklung der Garage-Szene, etwa im Vergleich zu Labels wie Estrus oder Sympathy, und wie ist dein Verhältnis inzwischen zu Tim Warren?

Ich denke schon, dass Tim einen großen Einfluss auf diese Musikszene hatte. Und was mich persönlich betrifft, besitze ich sicher mehr Platten von Crypt als von Estrus oder Sympathy, aber ich sehe keinen Sinn darin, da eine bestimmte Rangfolge zu definieren. Es hängt natürlich auch vom persönlichen Geschmack ab. Wir waren jedenfalls sehr glücklich, ein paar Jahre auf Crypt gewesen zu sein und ich liebe das Label. Tim ist in gewisser Weise ein Genie, und er und sein Label haben irgendwie auch mein Leben verändert. „Back From The Grave Vol. 1“ hat mich sicherlich dazu inspiriert, mir eine Gitarre zu schnappen und Rock’n’Roll zu spielen. Tim ist ein wirklich seltsamer Vogel, der viel herumgekommen ist, aber ich habe ihn eigentlich immer besucht, ob es nun in Hamburg, Berlin, Kalifornien oder Brooklyn war, insofern sehe ich ihn immer noch alle paar Monate.

In dem Interview, das wir im aktuellen Heft mit Tim haben, benutzt er interessanterweise den Begriff „moderne Bands“. Was verstehst du persönlich darunter? Ich meine, eine Band wird ja nicht nur alleine dadurch „modern“, dass die Mitglieder alle noch am Leben sind und sie aktuell Platten veröffentlicht. Vor allem, wenn man sich ansieht, wie konservativ ein Großteil aktueller Garage-Bands klingt.

In Bezug auf die BLUES EXPLOSION heißt das einfach, dass Crypt einerseits alte Musik veröffentlicht, also Compilations wie „Back From The Grave“, und Platten von modernen Bands, wie eben von uns – das ist der Unterschied. Und ich halte uns auf jeden Fall für eine „moderne“ Band, denn was wir tun, ist sehr mit dem Hier und Jetzt verknüpft. Wir spielen diese Musik ja nicht im Jahr 1967. Aber wenn wir über die Garage-Szene reden, gibt es da tatsächlich jede Menge Bands, die nur einen alten Sound neu aufwärmen, wie du schon richtig angemerkt hast. Nur ist das eben nicht das, was die BLUES EXPLOSION tut.

Kürzlich habe ich eine Dokumentation namens „Blank City“ aus dem Jahr 2010 gesehen, über die Musik- und Filmszene in Downtown New York in den späten Siebzigern mit Leuten wie James Chance oder Richard Kern. In diesem Zusammenhang hatte ich mich gefragt, wie einflussreich diese Entwicklungen eigentlich für dich künstlerisch waren, also „No Wave“ oder „Cinema Of Transgression“ ...

Das waren sie auf jeden Fall. Auf der Universität habe ich ja Film studiert und habe da meine eigenen „Cinema Of Transgression“-Filme gedreht.

Stimmt, auf der 1986 von Nick Zedd initiierten „The Cinema of Transgression Vol. 1“-VHS findet sich ja der Film „Shithaus“ von einem gewissen John Spencer ...

Ja, zu dieser Zeit war ich Teil dieser „Cinema Of Transgression“-Schule und konnte mich auch völlig damit identifizieren. Und ich stand natürlich auf die ganzen „No Wave“-Sachen, das war ein wirklich großer Einfluss.

Ein wichtiger Aspekt des Films ist auch die Gentrifizierung in diesem Teil von New York, die ja in gewisser Weise den Tod jeglicher Subkultur bedeutet. Oder wie nimmst du als New Yorker das wahr?

Sicher, wenn man eine Gegend hat, wo die Miete und die ganzen Lebenshaltungskosten zu hoch sind, können Künstler da nicht mehr leben. Denn ein Künstler benötigt Zeit, um kreativ zu sein, und wenn man nur damit beschäftigt ist, Geld zu verdienen, um seine Miete bezahlen zu können, dann gibt es keine Künstler mehr und auch keine Kunst – und sicherlich auch keine Subkultur. Manhattan und das East Village haben sich völlig verändert und solche Sachen sind komplett verschwunden. Man muss jetzt nach Brooklyn fahren, in die Bronx oder nach Queens. Es passiert immer noch etwas in New York, aber eher außerhalb. Natürlich ist das ein Thema, das viel diskutiert wird im Kunstbereich. Aber das gilt ja etwa auch für den Times Square. Dort gab es früher viele Pornokinos und Grindhouses, wo B-Movies liefen, es war ziemlich schäbig dort, aber in den Achtzigern hat man alles gesäubert. Jetzt ist es eine Touristenattraktion und familienfreundlich. Es ist ja ganz nett, wenn Manhattan jetzt hübsch und ungefährlich ist, aber dadurch ist vieles verloren gegangen. Früher hatte man in der Nachbarschaft seinen Metzger, Bücherladen oder Spirituosenladen, aber wenn sich da Starbucks oder andere große Ketten einnisten, schießen die Mieten in die Höhe und die kleinen Geschäfte verschwinden. Das Besondere an New York war immer, dass man hier etwas finden konnte, was es sonst nirgendwo auf der Welt gab. Und wenn du jetzt nach New York kommst, siehst du McDonald’s, Starbucks oder Gap, das kann ich bei dir sicher auch haben. Das ist halt der Kapitalismus, der uns am Ende mal wieder ordentlich gefickt hat!

Thomas Kerpen

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #104 (Oktober/November 2012)

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TOM HOLLISTON

TOM HOLLISTON ist schon seit einiger Zeit als Solo-Künstler unterwegs. Eingefleischte werden ihn sicher von Punkbands wie NOMEANSNO, HANSON BROTHERS oder SHOWBUSINESS GIANTS kennen. Toms Begeisterung für die Absurditäten des Daseins kommen in seinen ... mehr