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Interviews & Artikel

PROPAGANDHI

Fokussierung auf das Wesentliche

Unser persönliches Highlight in Sachen aggressiver, komplexer und politischer Musik des Jahres liegt vor: „Failed States“, das sechste Studioalbum der kanadischen Band PROPAGANDHI. Der Vorgänger „Supporting Caste“ war 2009 in jedem guten Jahrespoll zu finden und Ähnliches prophezeien wir diesem Album, das in gewisser Weise noch progressiver, vertrackter, aber nicht minder eingängig ist. PROPAGANDHI haben sich mit „Failed States“ nicht nur musikalisch weiterentwickelt, es hat sich auch das Labelkarussell wieder etwas gedreht, so dass man dieses Mal bei Epitaph veröffentlichte.

PROPAGANDHI stehen für Kompromisslosigkeit und hinterfragen das, was vielen von uns selbstverständlich und normal erscheint. Ob das nun alltägliche Dinge, gesellschaftliche Strukturen oder politische Zusammenhänge sind, sie vergessen dabei nicht, dass auch jeder selbst verantwortlich ist und mit seinem (Konsum-)Verhalten und Lebensstil das System aktiv und passiv unterstützt. Sich dessen bewusst zu werden und auch sich selbst und das eigene Verhalten immer wieder in Frage zu stellen, das sind im Wesentlichen die Dinge, die PROPAGANDHI vermitteln. Aber auch musikalisch sind die Kanadier in Sachen Aggressivität und Kreativität eine große Bereicherung, angesichts ihres einzigartigen Stils, der Punk, Hardcore, (Thrash) Metal und progressive Rock-Elemente vereint. Trotz ihres Erfolgs und ihres Anspruchs fernab jeglicher Belanglosigkeit in Text und Musik geht es PROPAGANDHI in erster Linie immer noch um das eine Wesentliche, um das es eigentlich gehen sollte, wenn man gemeinsam Musik macht: Spaß haben und vor allem die eigene Kreativität ausleben. Wir haben Ende August einen Fragenkatalog an die Band gemailt, den Beave, Chris und Todd uns beantwortet haben. Zu dieser Zeit befanden sich PROPAGANDHI in ihrem Heimatort Winnipeg und bereiteten sich auf die anstehenden Konzerte vor. Todd arbeitete zudem wieder an einem Songbook, in dem das Gitarrenspiel der einzelnen Stücke zu „Failed States“ notiert sein wird.

Seit „Today’s Empire, Tomorrow’s Ashes“ habt ihr euch musikalisch ziemlich verändert. Fast könnte man meinen, man hat es mit einer komplett anderen Band zu tun.

Beave:
Die ersten beiden Alben liegen 15, 20 Jahre zurück, eine lange Zeit, in der man als Mensch und Musiker wachsen kann. Und da wir ständig an uns arbeiten, entwickeln wir uns zwangsläufig von Platte zu Platte weiter. Alles andere wäre ja langweilig. Ansonsten wäre es längst an der Zeit, bei einer anderen Band anzuheuern. Wenn ich mir aber unseren Veröffentlichungskatalog so betrachte, ist für mich jede neue Platte eine Art logisch verfolgter Ausbau und musikalische Weiterentwicklung dessen, was wir auf der vorangegangenen Platte gemacht haben. Klar, wenn du jetzt natürlich „Failed States“ und „How To Clean Everything“ unmittelbar miteinander vergleichst, wirst du ganz offensichtliche Veränderungen wahrnehmen. Aber es geht uns damals wie heute darum, gute und ehrliche Musik zu machen, die in erster Linie uns gefällt. Lediglich die Art und Weise und unsere Fähig- und Fertigkeiten, unsere Musik umzusetzen, hat sich in all den Jahren verändert, nicht aber unsere Einstellung.

Welche der alten Songs spielt ihr noch live?

Todd:
Das wechselt ständig. „Nation states“ ist eigentlich immer mit dabei, normalerweise auch „Less talk, more rock“ und „Rio de San Atlanta, Manitoba“. In der letzten Zeit hatten wir „Middle finger response“ im Programm, hat Spaß gemacht, diese Nummer mal wieder zu spielen. „Anti-manifesto“, „Who will help me bake this bread“ und „Haile Selassie“ kommen auch ab und an ins Set. Es können aber auch mal ganz andere Sachen sein.

Dennoch könnten die Meinungen über eure musikalische Entwicklung kontroverser nicht sein. Die beiden im Vorfeld im Internet veröffentlichten Stücke „Failed states“ und „Dublicate keys icaro“ sorgten für lebendige Diskussionen. Da regten sich die einen darüber auf, dass das alles nur noch Gitarrengefrickel, nicht eingängig und zu technisch sei, während die anderen davon total begeistert sind. Nun habt ihr ja zugegebenermaßen mit „Supporting Caste“ die Messlatte immens hoch gelegt. Welche Ansprüche hattet ihr diesbezüglich an den Nachfolger „Failed States“?

Todd:
Stimmt, die Kommentare im Internet sind äußerst amüsant und unterhaltsam. Ich muss dabei aber auch berücksichtigen, dass ich die meisten Bands, die die Leute ansonsten in ihren Kommentaren so angeben, nicht höre. „No hooks“ wird dabei am häufigsten moniert. Das kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, ich kann mir die Stücke sehr schnell merken und sie setzen sich ziemlich schnell in meinem Kopf fest. Wirklich lachen muss ich aber, wenn man uns als technisch versierte Musiker sieht. Damit haben wir nun gar nichts mit zu tun. Bei uns entsteht alles aus dem Bauch heraus. Vielleicht wollen diese Leute ja Pop-Songs hören, oder sie suchen verzweifelt nach irgendeinem Vergleich mit einer Band, die ihnen eher zusagt. Ist aber auch egal. Unser Job ist es, in den Proberaum zu gehen, zu üben, unsere Musik mit ganzem Herzen zu spielen, sie aufzunehmen und am Ende zu veröffentlichen. Und wenn wir so vorgehen, sind unsere Ansprüche erfüllt und wir arbeiten für unser Empfinden erfolgreich. Wenn aber eine Band irgendwann anfängt, sich an der Meinung der Öffentlichkeit zu orientieren, dann endet man wie WARRANT oder noch schlimmer: dann hört sich jede Platte wie die letzte an. Okay, vielleicht war der Vergleich mit WARRANT ein wenig überholt. Mit „Failed States“ haben wir unser derzeit Bestes gegeben, deshalb gibt es auch keinen Grund zurückzublicken, um hier und da noch Kleinigkeiten verändern zu wollen.

Wer hat „Failed States“ produziert?

Todd:
John Paul Peters vom Private Ear Studio hier in Winnipeg. J.P. ist ein ausgezeichneter Tontechniker und auch als Produzent eine Bereicherung. Außerdem ist er ein wirklich netter Typ, der keine Experimente scheut, aber trotzdem ein Auge darauf hat, dass die Aufnahmen authentisch bleiben. Ich habe es wirklich genossen, mit ihm zu arbeiten. Er hat unseren Aufnahmen Dynamik und Lebendigkeit verliehen. J.P. macht einfach einen super Job. Außerdem ist er hier vor Ort in Winnipeg, in der Stadt, in der wir leben. Wir sind es echt leid, wegen Aufnahmen in der Gegend herumzufahren und damit unnötig Geld zu verschwenden.

War die Split-Single mit SACRIFICE so etwas wie ein Hinweis, dass es zunehmend mehr Thrash-Metal-Elemente in eurer Musik geben wird? Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Todd:
Zweifellos finden sich in unserem Stil Thrash-Elemente wieder. Allerdings lassen wir uns dadurch nicht von unserer musikalischen Linie abbringen, um besonders thrashig zu klingen. Zwangsläufig tendieren wir mehr in Richtung Thrash, wenn wir sehr schnell, dynamisch und mit zudem extrem rhythmischem Picking spielen. Zu Hause arbeiten wir an interessanten Riffs, die wir dann in den Proberaum bringen, um daran gemeinsam zu arbeiten. Das Ergebnis jeder Probe wird zu Hause erneut überdacht, daran gefeilt und Änderungen vorgenommen, die dann beim nächsten gemeinsamen Treffen wieder ausprobiert werden. Und so wächst ganz langsam, Schritt für Schritt, ein immer besser werdender Song. Die Split-Single mit SACRIFICE kam durch die Idee zu dem Cover von „Technocracy“ von CORROSION OF CONFORMITY zustande. Wir wollten unbedingt, dass der Titel in einem gebührenden Rahmen veröffentlicht wird. Und da wir seit unserer Jugend große SACRIFICE-Fans sind, eine Band, die selbst heute noch total faszinierend ist, fragten wir sie, ob sie nicht Lust hätten, mit uns eine Split-Single zu veröffentlichen. Ihnen gefiel die Idee, da sie mit RUSHs „Anthem“ ähnliche Gedanken hegten. Und so war das für beide Bands eine runde Sache.

Bleiben wir trotzdem kurz noch im Thrash-Genre. Sicher habt ihr von den jüngsten Ausfällen von MEGADETH-Sänger und Gitarristen Dave Mustaine gehört. Zum einen die andauernden Tiraden gegen Obama, zum anderen seine Sympathiebekundungen in Richtung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. In der hiesigen Berichterstattung erscheint er damit nicht als Einzelfall. Es hat tatsächlich den Anschein, als sei die religiöse Rechte in den USA auf dem Vormarsch. Welche Stimmung nehmt ihr gegenwärtig wahr, wenn ihr euren Blick auf Kanada und die USA richtet?

Chris:
Dave Mustaine ist gelinde gesagt ein sehr verwirrter Mann. Kanada befindet sich wie die USA derzeit mitten in einem kompletten politischen Wandel nach rechts. Unsere Regierung ließe selbst Ronald Reagan als gemäßigt erscheinen: Der Schaden, den sie dem Land besonders durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen bis hin zum Ökozid und durch die Einschnitte in soziale Bereiche antun, wird nur schwerlich wieder rückgängig gemacht werden können. Wir haben denselben überheblichen, von Angst getriebenen, reaktionären und repressiven Kurs wie die USA eingeschlagen. Diesbezüglich sieht es sehr trostlos aus.

Der Titel eures neuen Albums hat uns umgehend an „Fuck The Border“ vom „Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes“ erinnert – und selbst dessen Titel lässt Rückschlüsse zu, dass ihr mit dem Konzept einer organisierten politischen Ordnung nicht einverstanden seid. Oder lässt sich „Failed States“ auch dahingehend interpretieren, dass ihr die Idee einer sozialen Ordnung oder einer Gemeinschaft als gescheitert betrachtet?

Chris:
Ich denke, der Titel hat mehr als nur eine Bedeutung. Für gewöhnlich wird der Ausdruck „Failed States“ als geopolitischer Verweis auf Staaten verwendet, die sich nicht in folgsame und unterwürfige Billiglohnländer oder Giftmülldeponien für den westlichen Kapitalismus verwandelt haben. Genauso gut passt „Failed States“ aber auch auf westliche, kapitalistische Staaten. Man muss sich nur mal umschauen: wir leben in einer debilen und geistlosen Gesellschaft. Unsere tägliche Existenz ist bedeutungslos, es sei denn, es geht um die Interessen der herrschenden Klasse. Unsere „Demokratien“ sind eine organisierte Täuschung. Wir sind am Rande einer möglichen Selbstausrottung und sitzen den ganzen Tag vor unseren Fernsehern und Computern, auf der Suche nach sofortiger und billiger Befriedigung. Das alles umfasst der Ausdruck „Failed States“. Kapitalismus ist nur ein weiteres mitleiderregendes, gescheitertes und utopisches Affentheater. Wenn wir Institutionen und ökonomische Systeme feiern und verehren, die lediglich das Schlechte im Menschen – Geiz, Gier und Machtgeilheit – bestärken ... nun, was sollen wir erwarten?

Wie habt ihr Finanzkrise und die darauf folgende Occupy-Bewegung wahrgenommen? Wir diskutieren immer wieder mal, mit welchen Konsequenzen wir klarkommen müssten, würde tatsächlich eines Tages das kapitalistische System zusammenbrechen. Andererseits, haben wir uns nicht alle irgendwie damit arrangiert und versuchen, daraus das Beste zu machen?

Chris:
Es klingt wohl nicht allzu melodramatisch, wenn man vermutet, dass sich ein flächendeckendes ziviles Chaos für unsere fehlgeschlagenen, utopisch-kapitalistischen Staaten am Horizont abzeichnet. Beispiele gibt es doch tagtäglich und überall. Ich glaube nicht, dass die Bürger, zumindest nicht die Nordamerikaner, augenblicklich mit dem Wissen und dem Sinn für ein Gemeinschaftsgefühl ausgestattet sind, um sich gegen solch einen Zusammenbruch zu wappnen, und ohne sich dabei gegenseitig zu bekämpfen. Es hat den Anschein, dass wir uns alle gegenseitig verachten und glücklicher sind, wenn wir nur in unseren Häusern und Appartements vor dem Fernseher sitzen und uns vormachen, dass Vater Staat es schon richten wird. Ich stimme zu, dass wir zu einer anpassungsfähigen Spezies gehören, aber in einer von Angst und Hass verseuchten Gesellschaft kann die Kunst der Anpassung auch äußerst hässlich und gewalttätig sein.

Sicher habt ihr auch die Protestaktionen gegen Putin und der daraus resultierenden Konsequenzen für die russische Frauen-Punkband PUSSY RIOT mitbekommen. Nun kann man Kanada ja schlecht mit Russland vergleichen, aber angesichts eurer kritischen Auseinandersetzung mit der hiesigen Regierung, wie weit würdet ihr gehen und welche Konsequenzen würdet ihr dafür einkalkulieren?

Chris:
In der nordamerikanischen Gesetzgebung wird fortwährend versucht, eine Behinderung jener Industrien, die von der Umweltzerstörung profitieren, als terroristischen Akt einzustufen. Zwei Tage nach 9/11 hat die Staatsanwaltschaft der USA öffentlich bekanntgegeben, dass Tierrechtler und Umweltaktivisten als höchste nationale Sicherheitsgefährdung eingestuft werden, schlimmer noch als Al Qaida! In Nordamerika werden gegenwärtig Präzedenzfälle geschaffen, um Aktivitäten zu kriminalisieren, die in ihrer Ausführung und Ausprägung viel weniger Wirbel verursachen als ein Protestsong in einer Kirche. Bald werden also Sympathisanten von Tierrechtlern, die lediglich aufklärende Flugblätter verteilen, eingesperrt. Putin ist ein Verbrecher, aber Kanada oder die USA stehen der Vernichtung von abweichenden Meinungen in nichts nach. Außerdem, glaubt mal nicht, dass die abscheuliche Behandlung von PUSSY RIOT durch den russischen Staatsapparat etwas Außergewöhnliches wäre.

Eure politischen Ansichten stoßen insgesamt nicht immer auf Gegenliebe. Themen wie Anarchismus, Tier- und Menschenrechte, Veganismus oder das Aufarbeiten der Hintergründe diverser historischer Ereignisse waren euch schon immer ein wichtiges Anliegen, die ihr dementsprechend umfangreich in euren Veröffentlichungen als zusätzliches Material auf den CDs oder in den umfangreichen Booklets beipackt. Gibt es auf „Failed States“ so etwas wie ein Leitmotiv, einen roten Faden, der sich durch das Album zieht?

Todd:
Das ist uns ziemlich egal, ob die Leute unsere Meinung teilen oder nicht. Selbst wenn wir musikalisch und ideologisch ein Pendant zu einem Disney-Film produzieren würden, würde uns die halbe Welt immer noch nicht zustimmen. Außerdem, nichtssagende Belanglosigkeiten überlassen wir den Politikern. Wir machen Musik und bei Musik geht es in erster Linie um Emotionen und vom Gefühl her neigen wir zu Gerechtigkeit und Gleichheit. Was mich immerwährend aus meinem Schneckenhaus herausholt und mich anspornt, meine Stimme zu erheben, ist die Konfrontation mit dem Leid anderer Menschen. Unser zentraler Gedanke ist es, unser Leben so gestalten zu können, wie wir das wollen, gleichzeitig aber anderen Menschen Hilfestellung zu geben und dabei sicherzugehen, so wenig Leid wie nur möglich der Umwelt, den Menschen und Tieren gleichermaßen zuzufügen. Ein paar Worte zu den Stücken, die ich für „Failed States“ geschrieben habe. „Rattan cane“ beruht auf einem Gedanken, der mir kam, als ich von den seitens religiöser Autoritäten erzwungenen „spirituellen Reinigungen“ von Punks in der indonesischen Provinz Aceh gehört hatte. Das Stück gibt nicht den tatsächlichen Sachverhalt wieder, er beschreibt eher die Vorstellung, sich einer solchen Situation gegenüberzusehen. In „Dark matters“ geht es um junge Mädchen, die hier in Winnipeg zur Prostitution gezwungen werden. Ich komme fast jeden Tag an ihnen vorbei, wenn ich auf dem Weg in die Innenstadt bin. Es verschwinden immer wieder Mädchen, und manche von ihnen werden tot aufgefunden. Kürzlich hat man einen Serientäter gefasst, der für Morde an mindestens drei dieser verschwundenen Mädchen verantwortlich gemacht wurde. „Hadron collision“ ist eine Art Soundtrack für meinen Versuch, hier im Winter Fahrrad zu fahren. Und das letzte Stück von mir ist „Cognitive suicide“, das Menschen ermutigen soll, sie selbst zu sein, egal, gegen was oder wen sie aufbegehren. Keine Frage, das ist leichter gesagt als getan.

„Failed States“ erscheint auf Epitaph. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Verkaufserwartungen bei diesem Label ziemlich hoch sind. Wie viele Exemplare habt ihr von „Supporting Caste“ verkauft? Und welches Argument überzeugte euch, mit Epitaph zusammenzuarbeiten?

Todd:
Keine Ahnung, wie oft „Supporting Caste“ verkauft wurde. Die Zahlen waren wohl insgesamt recht gut und übertrafen jene von „Potemkin City Lights“ bei Weitem. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir für „Supporting Caste“ auch sehr viel mehr auf Tour waren. Ich nehme an, die Verkaufszahlen waren gut genug, um Epitaphs Interesse an uns zu wecken. Oder aber wir sind einfach so aufregend für sie, dass es ihnen egal ist, ob sie mit der Veröffentlichung der Platte einen Verlust einfahren. Keine Ahnung, welche Zahlen Epitaph anstreben. Wir haben ihnen eine Killerscheibe zur Verfügung gestellt und werden touren. Das ist unser Beitrag, mehr können wir nicht tun. Wir haben uns dafür entschieden mit Epitaph zusammenzuarbeiten, weil unser letztes Label Smallman dichtmachte und wir von einigen Labels außerhalb Nordamerikas, die unsere Platte lizenziert hatten, nie richtig bezahlt wurden. Wir kennen ein paar Leute von anderen Bands, die mit Epitaph bislang ganz gute Erfahrungen gemacht haben. Also dachten wir, dass die Idee ganz okay wäre.

Elf Jahre lang habt ihr das eigene Label G7 Welcoming Committee Records betrieben. Sicher hat sich in all der Zeit ein großer Erfahrungsschatz angesammelt. Welche Arbeiten gebt ihr gerne aus der Hand und an Epitaph weiter, was davon aber würdet ihr weiterhin lieber in eurer Kontrolle wissen?

Chris:
Da wir wirklich alles selbst gemacht haben, ist meine Erfahrung: Gib den ganzen Verwaltungskram und die Buchhaltung ab. Diese Arbeit kann dir echt jeglichen Spaß nehmen. Aber alle kreativen Prozesse, wie Aufnehmen, Mixen, Mastern, das Artwork und Internetseiten erstellen, Pressetexte verfassen, Fotos bearbeiten und so weiter waren und sind es echt wert, das Label betrieben zu haben, das hat sich definitiv gelohnt.

Chris, du hattest in einem Interview mal erwähnt, dass sich PROPAGANDHI keine allzu großen Sorgen um illegale Downloads und die sich dadurch verändernde Musiklandschaft machen. Im selben Interview sprichst du davon, dass es dir am wichtigsten ist, mit Spaß im Proberaum an neuer Musik zu arbeiten und dich mit deinen Bandkollegen auszutauschen. Wie bewertest du vor diesem Hintergrund den Begriff „Erfolg“, zumal euch der kommerzielle Erfolg ja nicht besonders zu kümmern scheint?

Chris:
Ich möchte nicht nur Konsument und Sklave der geltenden gesellschaftlichen Regeln sein. Darum ist Erfolg für mich, das Gefühl zu haben, dass mein Leben bedeutungsvoll ist. Alles, was außerhalb unseres Proberaums passiert, hat weniger zu dieser Bedeutung beizutragen. Wenigstens war das für mich immer so. Und was das angeht, sind wir sehr erfolgreich.

Angesichts der Merchandise-Stores, die manche Punk-, Hardcore- und Metal-Bands mittlerweile bei ihren Konzerten auffahren, um die sinkenden Plattenverkäufe damit finanziell aufzufangen, frage ich mich, warum sich selbst in der Punk- und Hardcore-Szene kaum jemand dazu verpflichtet fühlt, ausschließlich Bio-Qualität und Waren aus fairer Herstellung zu verkaufen, selbst wenn die Preise für die Produkte dadurch steigen würden. Habt ihr Einfluss darauf, auf welchem Produkt das „Label“ PROPAGANDHI verwendet wird?

Todd:
Ja, haben wir. Wir wollen sichergehen, dass unser Merchandise definitiv nichts mit Sweatshops zu tun hat, und dass der Stoff nach Möglichkeit Bio-Qualität besitzt, auch wenn wir dafür mehr Geld ausgeben und unterm Strich auf tausende Dollar verzichten. Die meisten Bands machen sich darüber gar keine Gedanken, woher sie ihre Sachen beziehen, aber wir bekommen die Prügel, weil unsere Shirts eben teurer sind. Andererseits verstehe ich natürlich, dass es sowieso schon schwer genug ist, eine Band auf Tour am Laufen zu halten. Wenn aber alle den Sweatshops den Rücken kehren, und die Nachfrage für Kleidung, die in Bio-Qualität und unter fairen Produktionsbedingungen hergestellt wird, steigen würde, wären deren Produkte auch erschwinglicher. Klar, dass hier niemals die Dumpingpreise erzielt werden können, wie sie die Sweatshops anbieten, schließlich sollen ja vernünftige Löhne bezahlt werden. Und das schlägt sich natürlich dann auch wieder in höheren Preisen für die Bands nieder.

Denkt ihr, Punk, Hardcore, Metal und dergleichen ist immer noch revolutionäre Musik, die etwas bewegen oder verändern kann?

Todd:
Alles, was von Herzen kommt, ist für mich wertvoll und kann somit andere Menschen beeinflussen. Wir leben in einer Welt, die voll ist von wetteifernden Gedanken und Ideen. Punk und Metal sind gut, vorausgesetzt, es ist authentisch und kreativ. Scheiße wird das Ganze, wenn immer und immer wieder die gleichen Phrasen gedroschen werden, wenn es gleichförmig wird und letztlich doch nur wieder der Herdentrieb einsetzt.

Fühlt ihr euch einer Szene zugehörig?

Todd:
Ein Gefühl der Szenenzugehörigkeit ist bei mir nicht so sehr ausgeprägt, denn ich will nicht ständig von Leuten umgeben sein, die genauso ticken wie ich. Viel lieber bin ich mit den unterschiedlichsten Menschen, unabhängig vom Alter, zusammen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Was aber bringt es mir, wenn ich ständig meinem Ebenbild gegenüberstehe?

Wo seht ihr euch nach all den Jahren heute als Band und wie ist euer Verhältnis nach so langer Zeit untereinander?

Todd:
Wir sind ein paar komische Typen und pflegen einen sehr ausgelassenen Umgang miteinander. Kaum zu glauben, aber es ist so. Nach all den Jahren und alldem, was wir in dieser Zeit gemeinsam erlebt haben, sind wir so etwas wie Brüder geworden. Natürlich gehen wir uns auch manchmal gegenseitig auf die Nerven, aber dann konzentrieren wir uns wieder auf die gemeinsame Sache, um das Angefangene auch zu Ende zu bringen. Es wäre ziemlich schwer, 20 Jahre lang mit denselben Leuten kreativ zu arbeiten, ohne nicht hin und wieder auch frustriert zu sein.

Als ihr im Rahmen der „Supporting Caste“-Tour in Deutschland wart, hatten wir Gelegenheit, euch live zu sehen. Angesichts eurer verbalen Äußerungen hatten wir den Eindruck, dass das Publikum nicht euren Erwartungen entsprach. Wir standen eher abseits und waren einfach nur beeindruckt von dem, was ihr auf der Bühne abliefert – aber ihr habt ja selbst große musikalische Vorbilder wie RUSH, SACRIFICE oder VOIVOD, deren Niveau ihr durchaus anzustreben scheint. Doch was erwartet ihr von den Leuten, die eure Konzerte besuchen?

Beave:
Das Einzige, was ich vom Publikum bei unseren Shows erwarte, ist nicht mit Arschlöchern zu tun haben. Natürlich spielen wir sehr energische, laute Musik und Tanzen und Bewegung sind großartig, solange das nicht auf Kosten der anderen Besucher geht. Wenn ich ein Konzert besuche, bewege ich mich meistens an der Seite oder im hinteren Bereich der Halle und konzentriere mich auf die Musiker. Und ich werde geradewegs sauer, wenn ich von irgendwelchen besoffenen Typen den Ellenbogen ins Gesicht bekomme oder mich jemand mit seinem Bier übergießt. Ich setze einfach voraus, dass wir uns als Besucher einer Show mit harter und lauter Musik immer noch gegenseitig respektieren. So wild das auch sein mag, die Grenzen des Einzelnen sollten einfach nicht überschritten werden. Und was Bands wie RUSH, SACRIFICE oder VOIVOD betrifft: Dieses Level werden wir im Leben nicht erreichen. Das musikalische Können solcher Bands ist schlicht und einfach der Wahnsinn! Was wir hingegen anstreben, ist Ehrlichkeit in unserer Musik. Das ist es auch, was ich an Bands wie RUSH am meisten schätze.

Was steht nach Veröffentlichung der Platte bei euch auf dem Plan? Gibt es schon erste Tourvorbereitungen und wann können wir wieder mit PROPAGANDHI in Deutschland rechnen?

Beave:
Erst mal wollen wir „Failed States“ den Leuten nahebringen. Wir proben sehr viel, um zum Tourstart wirklich bestens vorbereitet zu sein. Einige Sachen stehen bereits, andere sind noch in Planung. Beginnen werden wir im Osten Kanadas und im Osten der USA. Ende 2012 geht’s weiter. Deutschland haben wir sicher 2013 auf dem Schirm. Wann das aber genau sein wird, das wissen wir leider noch nicht.

Biografie

Chris Hannah (Gitarre, Gesang) und Jordan Samolesky (Schlagzeug, Background-Gesang) gründeten 1986 im kanadischen Portage la Prairie, Manitoba gemeinsam mit Bassist Scott Hopper PROPAGANDHI. Mit Mike Braumeister am Bass ging man drei Jahre später das erste Mal auf die Bühne. Es folgten erste Demoaufnahmen und größere Auftritte. Nachdem Braumeister 1991 nach Vancouver zog, kam mit John K. Samson der dritte Bassist in die Band. Durch einen gemeinsamen Auftritt mit NOFX lernte man Fat Mike kennen, auf dessen Label Fat Wreck Chords die ersten beiden Alben „How To Clean Everything“ und „Less Talk, More Rock“ veröffentlicht wurden. Samson gründete 1997 THE WEAKERTHANS. Mittlerweile von Winnipeg, Manitoba aus agierend, werden PROPAGANDHI nach dem Ausstieg Samsons vom früheren I-SPY- und SWALLOWING SHIT-Gitarristen Todd Kowalski unterstützt. Auf dem zu dieser Zeit mit finanzieller Hilfe von Fat Mike gegründeten Label G7 Welcoming Comitee Records, das bis 2008 aktiv betrieben wurde, veröffentlichte man „Where Quantity Is Job No. 1“, eine Zusammenstellung diverser Split-EPs, Samplerbeiträge, Demo- und Live-Aufnahmen.

Durch die intensive Labelarbeit verzögerte sich das musikalisch wegweisende Album „Today’s Empire, Tomorrow’s Ashes“, das sich bereits deutlich vom Punkrock und Skatepunk vergangener Tage abhebt und mehr Hardcore- und progressive Rock- und (Thrash-)Metal-Elemente verwendet, was PROPAGANDHI während der kommenden zehn Jahre auf den folgenden Alben „Potemkin City Lights“, „Supporting Caste“ und „Failed States“ intensivieren werden. Seit 2006 ist als viertes festes Mitglied Gitarrist David „Beaver“ Guillas in der Band, um die bis dato aktuelle Besetzung zu komplettieren. Unabhängig von der unverwechselbaren musikalischen Entwicklung, für die PROPAGANDHI stehen, ist das eigentliche Markenzeichen seit Gründung der Band ihre radikal-aktivistische libertäre und politisch links ausgerichtete Haltung. PROPAGANDHI stehen für Veganismus, setzen sich gegen Menschenrechtsverletzungen ein und beziehen unter anderem klar Stellung gegen Sexismus, Rassismus, Homophobie, Imperialismus, Kapitalismus und organisierte Religion.

Diskografie (Auswahl)

„How To Clean A Couple O’ Things“ EP (1993)

„How To Clean Everything“ LP/CD (1993)

„I’d Rather Be Flag-Burning“ I-SPY/PROPAGANDHI

Split-EP (1994)

„Where Quality Is Job“ EP (1995)

„Less Talk, More Rock“ LP/CD (1996)

„Where Quantity Is Job No. 1“ CD (1998)

„Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes“ LP/CD (2001)

„Potemkin City Lights“ 2LP/CD (2004)

„Supporting Caste“ 2LP/CD (2009)

SACRIFICE/PROPAGANDHI Split-7“ (2010)

„Failed States“ 2LP/CD (2012)

Simon Brunner, Florian Eiler

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #104 (Oktober/November 2012)

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