John Niven

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The headmaster ritual

Der Schotte John Niven, Jahrgang 1968, versteht es wie sein Schriftstellerkollege Nick Hornby, Geschichten zu erzählen, die gerade dann besonders großen Spaß machen, wenn man es versteht, die subkulturellen Anspielungen in den Büchern zu entschlüsseln, wenn man die Bands, Platten und Szene-Insignien wiedererkennt. Die Neunziger über arbeitete Niven für diverse britische Labels, lernte als Musikfan das Musikbusiness kennen und hassen, stieg 2002 aus und fing an zu schreiben. 2005 entstand sein Debüt „Music from Big Pink“, das in Deutschland erst 2012 aufgelegt wurde, und im gleichen Jahr verfasste er auch seinen Durchbruchsroman „Kill Your Friends“, eine bitterböse Satire auf das Musikbusiness in den goldenen Zeiten vor Internet und Downloadkrise. Die deutsche Übersetzung erschien schließlich 2008 und wurde zum Beststeller. 2009 folgte „The Amateurs“ (auf Deutsch: „Coma“), 2011 „The Second Coming“ (auf Deutsch: „Gott bewahre“), eine „Was wäre, wenn ...“-Geschichte mit böser Kritik an der US-Gesellschaft, in der Jesus in Person eines Kurt Cobain-Verschnitts auf die Erde zurückkehrt und in einer TV-Talentshow verheizt wird. Mit „Cold Hands“ erschien 2012 Nivens neuestes Buch (auf Deutsch: „Das Gebot der Rache“, 2013), in dem er die Geschichte eines erfolgreichen, reich verheirateten Autors erzählt, der mit Frau und Kind in der kanadischen Provinz lebt und dort extrem blutig von seiner Vergangenheit als jugendlicher Krimineller eingeholt wird. Die Biographie von Nivens Hauptfigur Donald Miller weist dabei Parallelen zu seiner eigenen Kindheit und Jugend in der Nähe von Glasgow auf, etwa was die musikalische Sozialisation mit Punk betrifft – und auch Gewalterfahrungen. Über all das unterhielt ich mich mit John am Telefon.

John, in „Das Gebot der Rache“ finden sich in der Beschreibung der jugendlichen Hauptperson verschiedene Referenzen zur Punk- und Skinhead-Szene. Wie sah deine Verbindung zu dieser Szene in deiner Jugend aus?


Ich war mit 13, 14, 15 ein Punkrocker. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern gab es überall in Großbritannien viele verschiedene „Youth Tribes“ – Punks, Skins, Mods, Rocker gab es an jeder Schule. Jeder „Stamm“ hatte seinen eigenen Look, eine ganz bestimmte Anhängerschaft, an keiner Highschool in Großbritannien sahen die Kids gleich aus, es gab eben diese „Stammeszugehörigkeit“ entlang der Trennlinien bestimmter Musikgenres. In den letzten 25, 30 Jahren hat sich diesbezüglich allerdings ein kultureller Wandel vollzogen, die Kids sehen heute überall ziemlich gleich aus. Nur in Form der Emos und der Goth-Kids gibt es so was heute noch, beispielsweise in den USA. Diese Art von Subkultur wird es wohl immer geben. Zu meiner Zeit gab es aber eben vier, fünf verschiedene Gruppen, denen man angehören konnte. Bisweilen war das Verhältnis zwischen diesen Gruppen auch ziemlich gewalttätig, in einem Ausmaß, wie man es heute kaum noch kennt. Die Szene im Roman spielt im Jahr 1982, ich war damals 14, 15 und damit etwas zu jung, um Oi! und die zweite Punk-Welle Ende der Siebziger miterlebt haben zu können. Ich interessierte mich für Bands wie THE EXPLOITED, ANTI-PASTI und CHRON GEN, Bands, die in der dritten Punk-Welle nach den SEX PISTOLS aktiv waren. Über die kam ich zu Punk.

Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen als Jugendlicher stecken in deinem Buch? Du erzählst da sehr anschaulich von schlimmen Demütigungen eines bebrillten Strebertypen, der anders ist als die anderen Kids und deshalb gemobbt wird.

Da steckt ziemlich viel von meine eigenen Erfahrungen drin. Die Schule war damals ein sehr gewalttätiger Ort. Du kennst den SMITHS-Songs „The headmaster ritual“? Morrissey beschreibt da sehr deutlich die Barbarei des Schulalltags, wie er es in den Sechzigern und Siebzigern erlebt hat. Meine Erfahrungen beziehen sich eher auf die frühen Achtziger und späten Siebziger. Mit elf, zwölf Jahren kommt man von der Primary School auf die Secondary School, und meine ersten zwei, drei Jahre dort waren von extremer Gewalt geprägt. An der Schule waren um die 1.500 Kinder und Jugendliche, bis zum Alter von 16 besteht Schulpflicht, und diese 16-Jährigen waren oft schon ausgewachsene Männer mit Schnauzbärten, 1,80 groß. Und du bist gerade mal elf, zwölf, noch ein Kind, und triffst jeden Tag auf diese Typen. Manche Kids wurden jeden Tag verprügelt, und auch die Lehrer schlugen zu. Zum Glück hat sich das heute geändert, ich habe eine Tochter, und die Schulen heute sind anders, die werden nicht mehr von so einer Aura von Gewalt beherrscht. Meine Erfahrung ist, dass die Gewalt damals von oben her nach unten durchgereicht wurde – zu meiner Schulzeit war es Lehrern noch erlaubt, Schüler mit einem Ledergürtel zu schlagen. Stell dir das mal vor, ein Erwachsener schlägt ein elf Jahre altes Kind mit einem Ledergürtel! So was führte zu einer Atmosphäre der Gewalt, es wurde signalisiert, dass es in Ordnung ist, Gewalt gegen andere auszuüben. Im Vorfeld der Veröffentlichung meines Buches habe ich mich mit meinen Verlegern in verschiedenen Ländern getroffen, und ich bekam da mehrfach die Frage gestellt, ob meine Beschreibungen von Gewalt in der Schule nicht etwas übertrieben wären. Ich antwortete dann, das sei keinesfalls übertrieben. Mein britischer Verleger, der im Nordosten von England in einer Arbeitergegend zur Schule ging, sagte hingegen, es sei unglaublich, wie exakt ich die damals von ihm auch so erlebte Situation wiedergegeben hätte. Daran erkenne ich, dass andere europäische Länder offensichtlich schon früher ein zivilisiertes Schulsystem hatten als wir in Großbritannien, wo die Schulen bis in die Achtziger wirklich barbarische Orte waren.

Dafür werden heute in Deutschland ganz andere Diskussionen geführt, wo es eben um zunehmende Gewalt in Schulen geht, oft in Verbindung mit nicht geglückter Integration von Einwandererkindern. Im Vergleich zu diesen Beschreibungen kommt mir meine Schulzeit in den Siebzigern und Achtzigern sehr behütet und friedlich vor.

Solche Berichte kenne ich aus London, wo die Schulen in den ärmeren Stadtteilen heute von einer Gang-Kultur und damit einhergehender Gewalt geprägt sind, vor allem Messerstechereien. Ich lebe heute in Buckinghamshire nordwestlich von London in einer recht schönen Mittelklassegegend, und da ist die Welt noch in Ordnung.

Auf welcher Seite standest du zu deiner Schulzeit: Warst du einer, der herumgeschubst und verprügelt wurde, oder hast du selbst geschubst und verprügelt?

Eher einer, der herumgeschubst wurde – nicht schlimm, aber es kam vor. Im Alter von zwölf bis ungefähr 15 war ich immer wieder mal dran. Das ging nicht von einer bestimmten Gang aus, ich war einfach einer der „Kleinen“ und bekam hin und wieder was ab. Das änderte sich mit 15, 16. Ich lernte Gitarre spielen, lernte Kids mit gleichen Interessen kennen, wir wurden Freunde, hatten eine Band, spielten Konzerte – und damit wurde die Schule viel erträglicher. Ich wuchs in einer armen Arbeitergegend auf, in den Jahren der Thatcher-Regierung, die Arbeitslosigkeit war groß, lag bei 40% in unserer Stadt, und aus meinem Jahrgang fingen zusammen mit mir nur drei ein Studium an. Die meisten Kids verließen die Schule mit 16 mit Ende der Schulpflicht ohne einen Abschluss, meldeten sich arbeitslos und lebten von Sozialhilfe. Wer dann noch bis zum 18. Lebensjahr zur Schule ging, der machte das, weil er was lernen wollte, und so waren die beiden letzten Jahre meiner Schulzeit auch die besten.

Man merkt deinem Buch an – zumindest ist das mein Eindruck –, dass du über eigene Erfahrungen schreibst. Mir scheinen in den Ängsten, die du deinen Protagonist Donald Miller durchleben lässt, auch deine Ängste zu stecken.

Wenn man selbst Familie hat, schwingt die Angst, diese zu verlieren, immer mit. Diese Gefühle sind ein starker Antrieb beim Schreiben. In meiner Jugend bekam ich mehrfach mit, dass Kinder verschwunden sind, zwei wurden nie gefunden und keiner weiß, was mit ihnen geschah. Den eigentlichen Ausschlag für die Geschichte, die ich in dem Buch erzähle, gab aber der Fall des James Bulger, der sich 1993 in Liverpool ereignete.

Ich erinnere mich: James, der damals drei war, wurde von zwei Jugendlichen entführt und umgebracht, die Entführung selbst wurde von Überwachungskameras eines Einkaufszentrums gefilmt.

Ich las Jahre später ein Interview mit James’ Mutter, das viele Jahre nach dem Mord geführt wurde, und darin erzählte sie, wie sie einen den beiden Täter, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr eingesperrt blieben, dann aber mit neuer Identität entlassen wurden, aufgespürt hatte. Sie beobachtete ihn auf der Straße, 15 Jahre nach der Tat, und sie erzählte, wie sie von Hass und Furcht so gelähmt war, dass sie nichts anderes tun konnte, als einfach wegzulaufen. Als ich dieses Interview las, stellte ich mir die Frage, was eine Frau getan hätte, der so was zugestoßen ist, hätte tun können, wenn sie ihre Möglichkeit zur Rache genutzt hätte. Und aus dieser „Was wäre, wenn ...“-Fragestellung heraus begann ich dann, meine Geschichte zu erzählen.

Du beziehst in deinem Buch keine Stellung, beide Seiten sind Täter und Opfer zugleich. Man hat Verständnis und Mitleid für beide Seiten.

In der zweiten Hälfte ist das Buch ja die klassische Katz-und-Maus-Geschichte an einem abgelegenen Ort, beinahe wie ein Theaterstück. Dabei über mehr als 100 Seiten die Spannung zu halten, ist erzählerisch sehr schwierig, da muss man dem Leser die Chance geben, auch mal Luft holen zu können, und so fing ich an, aus Donnys Vergangenheit zu erzählen, und dann auch noch aus der seiner Gegenspielerin Irene. Dadurch, dass man zur Vergangenheit beider etwas erfährt, ist die Geschichte dramaturgisch und emotional sehr intensiv geworden. Man empfindet Sympathie, wo man keine Sympathie erwarten würde. Wir halten uns ja immer für intelligente Wesen, und als solche wissen wir, dass ein erwachsener Mann nicht voll dafür verantwortlich gemacht werden kann, was er als 13-Jähriger mal getan hat. Man verspürt Sympathie mit ihm, man kennt seine Geschichte, doch gleichzeitig schlägt der Elterninstinkt durch beim Gedanken daran, wie du dich verhalten würdest, wenn jemand deinem Kind etwas antun würde. Die Gefühle, die man da entwickelt, sind ganz urtümlich, die haben nichts mit wohlüberlegtem Handeln zu tun – du siehst rot, willst töten. Da stoßen also zwei Dinge aufeinander: der Urinstinkt, seine Kindern zu schützen und zu rächen, und die rationale Überlegung, ob man jemand nach dreißig Jahren noch für seine Tat bestrafen darf, ob man nicht vergeben können muss. Das ist übrigens keine akademische Diskussion, erst neulich noch äußerte sich die Großmutter eines Kindes, das von Ian Brady und Myra Hindley Anfang der Sechziger getötet wurde, kurz vor ihrem Tod derart, dass sie sagte, sie hätte sich gewünscht, bei einer öffentlichen Hinrichtung der beiden Mörder dabeisein zu können. Nach fünfzig Jahren war ihre Wut immer noch so groß! Im Gegensatz dazu steht die Reaktion des Vaters eines muslimischen Einwanderer-Jugendlichen, der bei den Riots 2011 ums Leben kam. Der sagte im Fernsehen, er vergebe den Mördern seines Sohnes und bete für sie.

Warum sind die Menschen da so verschieden?

Das liegt wohl in der Persönlichkeit. Ich bin zum Beispiel jemand, der nicht nachtragend sein kann. Ich vergesse immer sehr schnell, warum ich eigentlich wütend war, empfinde es als Zeitverschwendung, längere Zeit gegen jemand Groll zu hegen. Andererseits habe ich Freunde, die ewig nachtragend sein können – und fragt man dann nach, was eigentlich los ist, kommen die mit einer Kleinigkeit an, die ewig zurückliegt. Diese Beobachtung habe ich versucht, im Buch zu verarbeiten: Wie kann diese Frau ihr halbes Leben lang mit diesem Hass leben?

In deinen Bücher finden sich zwar durchaus viel Blut und Gewalt, aber man merkt, dass du ein Menschenfreund bist und kein Zyniker. Du gibst zu erkennen, dass du an eine zweite Chance, an Resozialisierung glaubst – und nicht daran, dass man Zwölfjährige ihr Leben lang ins Gefängnis stecken sollte, wie man es in den USA tut. Ist dein Buch also auch ein Appell in diese Richtung?

Ja, und ich hoffe, dass das nicht zu offensichtlich und predigerhaft rüberkommt. Und ja, so empfinde ich. Es ist doch immer wieder erwiesen worden, dass es keinerlei positiven Effekt hat, wenn man straffällig gewordene Teenager einfach nur einsperrt. Ich habe mal gelesen, dass die Rückfallquote dann bei 60, 70% liegt. Das Einzige, was da hilft, sind Erziehung und Bildung. Man muss das Selbstwertgefühl dieser Jugendlichen stärken, ihnen ihre Verantwortung gegenüber anderen Menschen aufzeigen. In den USA hingegen scheint die Strategie zu sein: „Mehr Gesetze, mehr Zellen, mehr Waffen.“ Es heißt, hier in England sei es teurer, jemanden ins Gefängnis zu stecken, als ihn an eine Privatschule zu schicken. Würde man das beherzigen, gäbe es in ein, zwei Generationen sicher weniger Verbrechen. Und es mag ja sein, dass es Menschen gibt, bei denen schon mit 16, 17 nichts mehr zu retten ist, aber anderen kann man sicher die Augen öffnen – mit Lernen, Kunst, Musik, Literatur. Man kann so das Leben eines Menschen völlig verändern!

Auch in „The Second Coming“/„Gott bewahre“ beschäftigst du dich mit dem Kampf von Gut gegen Böse, es ist eine wütende Abrechnung mit dem US-Konservativismus. Wie waren die Reaktionen auf das Buch, das empfindliche Menschen durchaus als blasphemisch empfinden können?

Interessanterweise ist Deutschland das Land, in dem das Buch mit Abstand am erfolgreichsten war – wir sind da bei 100.000 verkauften Büchern, das sind beinahe so viele wie im Rest der Welt zusammengenommen. In England lief das Buch gut, aber nicht so gut wie „Kill Your Friends“.

Wie kommt es, dass die deutschen Leser dich so schätzen?

Ich glaube, sie sind sehr loyal. Wenn sie dich mögen, kaufen sie auch dein nächstes Buch. In den USA und Großbritannien ist das anders, da verkauft sich das eine Buch eines Autors gut und das nächste interessiert keinen. Da kaufen die Leute nach dem jeweiligen Buch, nicht nach Autor. „Kill Your Friends“ hat sich damals 50.000-mal verkauft, „Coma“ ein paar mehr, „Second Coming“ noch mehr, und das ist ein phänomenaler Erfolg. Erstaunlicherweise hat sich das auch in Italien sehr gut verkauft, was mich überrascht hat, denn das ist ja ein so katholisches Land – ich hätte das nie für möglich gehalten. Ich bin Atheist, und ich bekam viele Briefe von Lesern, die Christen sind, die mir schrieben, sie hielten „Second Coming“ für ein sehr christliches Buch. Ich kann das nachvollziehen, auch wenn ich kein Christ bin. Gäbe es Gott und Jesus, würde es denen doch letzten Endes nur um Liebe, Glück und Toleranz gehen, darum, dass sich alle lieb haben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Wesen, das das Universum geschaffen hat, der Vorstellung von Gott entsprechen könnte, wie ihn sich gewisse amerikanische religiöse Rechte vorstellen. Dieser Gedanke trieb mich beim Schreiben des Buches an, und es schmerzt mich wirklich, dass wir es bis heute nicht geschafft haben, das Buch in den USA zu veröffentlichen. Wenn man sich nur mal die Geschichte dieses Amoklaufs in der Schule Mitte Dezember 2012 anschaut, wird einem doch klar, dass dieses Buch wegen seiner Botschaft gerade in den USA gelesen werden müsste!

Aber warum funktioniert das Buch in Europa?

Weil England und Deutschland eine lange humanistische und intellektuelle Tradition habe, weil die Menschen rational denken. In den USA hingegen ist Religion immer und überall ein ganz heißes Thema. Du hast da doch keinerlei realistische Chance, als bekennender Atheist in ein höheres politisches Amt gewählt zu werden. Selbst wenn du nicht an Gott glaubst, müsstest du so tun als ob, um als Abgeordneter gewählt zu werden. In England ist das eher andersherum: Als Tony Blair, der Katholik ist, gewählt wurde, legten ihm seine Berater nahe, das nicht in den Vordergrund zu stellen, das sei nicht hilfreich.

Deine Bücher werden alle geprägt durch einen Bezug zur Popkultur. Waren deine Jahre im Musikgeschäft in dieser Hinsicht deine Lehrjahre für deine spätere Schriftstellerkarriere?

Bis zum Alter von 21 war ich in einer Band, und bis ich 22, 23 war, glaubte ich noch, ich könnte ein Rockstar werden. Bis ich 33 war, arbeitete ich dann in der Musikindustrie, und die Zeit von 15 bis 33 waren die Jahre, die mich fürs Leben prägten, alles, was ich da tat, hatte etwas mit Musik zu tun. Es ist also logisch, dass mich die Popkultur mit ihren Bands, ihren Magazinen, ihren Filmen geprägt hat. Davon kommt man nicht mehr los, zumindest geht mir das so. Ich kann nicht verstehen, wie Leuten das alles nicht mehr wichtig ist, all die Bücher und Platten. Du besuchst solche Menschen und stellst fest, dass da keine Bücher und Platten mehr im Wohnzimmer stehen, sie irgendwann aufgehört haben, auf Konzerte zu gehen. Neulich besuchte ich einen Freund, der eine große Plattensammlung hatte, und da standen gerade noch zwanzig Platten. Was ist los, fragte ich, und er sagte, seine Frau hätten die ganzen Platten gestört, da habe er sie weggegeben. Diese zwanzig da habe er aber behalten dürfen. Fuck! Ich bin der Meinung, wenn man solche Sachen, die einem mal wichtig waren, einfach aufgibt, wird man sehr schnell alt.

Wie groß ist deine Sammlung?

Ziemlich groß! Wobei ich gestehen muss, dass ich in letzter Zeit dazu übergegangen bin, Filme und Musik heute vor allem über iTunes zu konsumieren. Ich bin sehr viel unterwegs, da ist es einfach praktisch, immer ein paar tausend Platten auf dem Computer bei sich haben zu können. Du bist irgendwo im Hotel und kannst deine Musik hören, das ist wundervoll! Ich höre also immer noch sehr viel Musik, aber ich bin nicht mehr so besessen von Vinyl wie manche meiner Freunde. Ich bin kein „Musik-Snob“, dem es wichtig ist, einen Song auf einer farbigen 7“ zu besitzen – mir reicht es, das Stück hören zu können.

Apropos Hotels: Du bist viel und oft lesend unterwegs, auch in Deutschland. Ist heutzutage eine Tour für Schriftsteller so wichtig wie für Bands?

Ja! Im Februar werde ich wieder auf Tour sein, aber wohl nicht so lange wie letztes Mal, da waren es knapp drei Wochen. In Deutschland hat man noch eine sehr gute Situation für Autoren, denn es gibt die Buchpreisbindung. In Großbritannien hat man die dummerweise vor vielen Jahren aufgegeben, und so kann man da jetzt die Bücher im Supermarkt zu Schleuderpreisen kaufen, was das Überleben für kleine Buchläden sehr schwer macht. Vor ein paar Jahren noch gab es auch mehrere Buchhandelsketten in England, heute nur noch eine – und der geht es nicht gut. In Deutschland gibt es in allen Städten viele Buchhandlungen, da scheint der Markt noch gesund zu sein. Und ich finde auch, dass man in Deutschland einem Autor, der eine Lesung gibt, noch Wertschätzung entgegenbringt. Da wird eine Lesung – ich war ja schon mit Bela B von den ÄRZTEN und Nagel von MUFF POTTER als deutschen Co-Lesern unterwegs – als Ereignis angesehen, für das man bereit ist, 10, 15 Euro auszugeben. Da kommen dann auch mal 200, 300 Leute, wohingegen ich in England meist vor dreißig, vierzig, fünfzig Leuten lese. Und das, obwohl es nicht mal Eintritt kostet ... Da ist keine Wertschätzung vorhanden.

Du scheinst ja ein richtiger Fan von Deutschland zu sein – gibt es nichts, was dich wirklich stört bei uns?

Da fällt mir nichts ein! Sogar das Essen schmeckt mir, und ich habe viele gute deutsche Freunde. Ich mag Köln, München, Berlin, ich mag die Kultur. Mir fällt immer wieder auf, dass ich komisch angeschaut werde, wenn ich das sage. Man erwartet immer, dass einem Länder wie Italien oder Frankreich besser gefallen, diese typischen Urlaubsländer – aber ich komme eben immer gerne nach Deutschland.

John, besten Dank für das Interview.