Interviews & Artikel : BAMBIX :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

BAMBIX

Die BAMBIX in Südamerika! Unglaublich, aber wahr: in ihrer Heimat, den Niederlanden, werden sie mit sträflicher Nichtachtung gestraft, in Deutschland haben sie ihre grösste Fanbasis - und in Brasilien werden sie von MTV interviewt und müssen sie Autogramme geben. Verrückte Welt - und Wick Bambix führte für das Ox ein Tourtagebuch.

Die Tour begann am Mittwoch, dem 5.4., damit, dass das Flugzeug auf uns warten musste, weil wir ewig lange brauchten, uns von unseren Freunden zu verabschieden, den Jägermeister auszutrinken und noch ein paar letzte Zigaretten zu rauchen, weil das im Flugzeug leider verboten war. Als wir die Durchsage "Würden sich die Passagiere Dragt, Steensma und Van Houdt bitte unverzüglich zu Gate F5 bewegen, dies ist der letzte Aufruf!" hörten, wussten wir, dass es sie es ernst meinten und es an der Zeit war, die Beine in die Hand zu nehmen, um unsere Boeing 757 überhaupt noch rechtzeitig zu erreichen. Wir wunderten uns, dass so viele Leute nach Sao Paulo fliegen, und das halbe Flugzeug war mit Deutschen besetzt. Unsere Gitarre und Bass bekamen einen Extra-Sitz. Das war wohl zuviel Verwöhnung für die Instrumente, denn hätte ich zu dem Zeitpunkt schon gewusst, dass meine schwarze Prinzessin bei jeder Show ein paar Seiten verlieren würde und noch andere Macken aufweisen sollte, hätte ich wohl an eine zweite Gitarre gedacht. Im Flugzeug bekam unser neuer Song "High above the world" jedenfalls eine völlig neue Bedeutung, und bis selbst die Stewardess uns höflich darauf hinwies, dass Alkohol im Flugzeug zweimal so heftig ist, waren wir so durcheinander, dass uns nur noch ein wenig Schlaf retten konnte.

Nach einem dreizehnstündigen Flug landeten wir dann in Sao Paulo und warteten auf unsere Kontaktperson Laudo, der uns abholen wollte. Er und Carolina kamen nach einer halben Stunde und wir fuhren mit dem Auto in ihre Wohnung. Das Verkehrsaufkommen war enorm in der drittgrössten Stadt der Welt, und es dauerte drei Stunden, bis wir endlich da waren - für einen Weg, den man sonst in fünfzehn Minuten schafft. Wir hatten nur Zeit zum Duschen und dann mussten wir nach Jundiai fahren, eine Stadt, die zwei Stunden von Sao Paulo entfernt ist, wo wir noch ein Radio-, ein Zeitungs- und ein Fernsehinterview als Promotion für Sonntag machen sollten. Dort trafen wir die Jungs von FISTT, eine Band mit der wir die Show spielen sollten. Sie waren echt freundlich und hatten in einer Wohnung, die den Eltern des einen gehörte, ein riesiges Essen für uns vorbereitet. Jundiai ist im Vergleich zu Sao Paulo eine wahre Erholung, selbst der Weg dorthin war ok. Wir fühlten uns fast wie kleine Rockstars, überall waren Banner, die auf Sonntag hinwiesen. In der Nacht fuhren wir zurück nach Sao Paulo, wo wir eine Menge verschiedene brasilianische Biersorten probierten und uns für den Rest der drei Wochen schon mal die besten raussuchten.

Am Freitag, dem 6.4. mussten wir früh aufstehen, weil der erste Gig in Belo Horizonte, SEPULTURAs Haimatstadt, angesetzt war, das ungefähr sieben Stunden nördlich von Sao Paulo liegt. Wir trafen unsere komplette Crew, Laugo (Manager), Fran (Merchandise und Promoter), Carolina (persönliche Assistentin), Rosanna (die schlechteste Autofahrerin überhaupt) und die NITROMINDS, die acht Shows mit uns spielen sollten. André, ihr Sänger und Gitarrist, war der, der schon vor sechs Jahren Fanpost an uns geschrieben hatte und er hatte auch die gesamte Tour in die Wege geleitet. So machten wir uns also auf, auf einer nicht allzu guten Strasse durch Berge, Wälder, Täler und subtropisches Wetter in einem Wohnmobil, mit DOVER im Autoradio und ´ner Menge kaltem Bier. Wärend unserer Zwischenstops spielten wir ein bisschen Fussball und wurden in die einheimischen Getränke und Speisen eingeführt, und bei jedem Halt waren wir froh, überhaupt noch zu leben, denn Rosanna ist jemand, der unbedingt eine Brille braucht, aber zu eitel ist, eine zu tragen. Ich schätze, die anderen Leute waren ihren Fahrstil schon gewohnt, denn sie konnten in aller Ruhe schlafen, während sich uns die Haare aufstellten. Keineswegs weil wir Punks sind, sondern wegen Panik und Angst. Während wir es gewöhnt sind, im Auto hintereinander zu fahren, zog Rosanna es vor, neben anderen Autos zu fahren, was zur Folge hatte, dass es keine Ausnahme war, wenn sechs Autos auf einer zweispurigen Strasse nebeneinander fuhren.

Belo Horizonte erwies sich als grosse Stadt mit vielen coolen Leuten, die gerne die Nacht durchmachen, was für uns bedeutete, bis vier Uhr in den Morgen zu spielen. Als erstes wurden wir zu einem Haus gebracht, wo wir sehr gutes vegetarisches Essen bekamen und einer Frau begegneten, die sich nur auf Deutsch mit uns unterhalten wollte. Nach einer kleinen Pause gings zum "Matriz", dem Club wo nach einem kurzen Soundcheck gegen Mitternacht die erste Band namens DIESEL mit ihrem Set begann: eine sehr bekannte Band, die eine Mischung aus KORN und PEARL JAM spielte. Danach spielten WE SAY NO, aber ich war damit beschäftigt, neue Leute kennenzulernen, und so verpasste ich sie. Danach waren die NITROMINDS am Zug, meiner Meinung nach die beste brasilianische Punk/HC-Band. Sehr schneller, aggressiver Hardcore, gespielt von den nettesten Jungs der westlichen Hemisphere. Die Leute fingen schon an zu tanzen und singen, als wir an der Reihe waren. Wir wussten nicht, was uns erwartet, als wir mit "Seclusion" unser Set eröffneten und 500 Menschen schrien "Sit back, relax and enjoy your chair" und eine Wahnsinnsstimmung verbreiteten. Es war so unglaublich, ich konnte meinen Augen und Ohren erst gar nicht trauen. Das Publikum wechselte zwischen Stage-diving, Crowd-surfing und grölte derweil all unsere Songs mit. Absolut grossartig. Danach waren wir einfach nur noch begeistert, tranken noch ein paar Drinks, verliessen den Club und legten uns ins Bett.

Am Sonntag, dem 9.4. ging´s nach Jundiai, wo das Konzert "At the blue lake" stattfinden sollte, einem netten Ort, der von Palmen umgeben war. Wir sahen eine Menge Affen, die sich dann aber als Security herausstellten und einen Aufwand machten, als müssten sie Bill, Hillary und Töchterchen Clinton vor einer Horde Kommunisten beschützen sollten. Die Show ging am Mittag los, und so konnten wir noch ein wenig draussen sitzen, das geile Wetter geniessen und einige Leute kennenlernen. Eine der Bands, die dort spielte waren FISTT, eine sehr coole Band, die auch "Lori Meyers" von NOFX coverten und mich einluden, mit ihnen zu singen. Nach dem Konzert luden uns die Jungs auf ihre Ranch ein, die in Strandnähe lag. Um dort hinzukommen mussten wir durch den Busch fahren. Als wir dort ankamen, hatten sie uns ein riesiges Essen (die Leute dort sind so gastfreundlich, es ist unglaublich) zubereitet, und als sie ein "Extra-Licht" anschalteten, stellte sich heraus, dass es sich um ihr eigenes kleines Fussballstadion mit riesigen Lichtern, einem Fussballfeld, mit zwei kleinen Tribünen für die Fans handelte. Es war eine gute Idee, dem Vater des Typen eine Flagge der niederländischen Fussballmannschaft zu schenken, da er diese den ganzen Abend um seinen Hals trug und es ihn fast glücklicher als sein eigenes Stadion machte. Später fuhren wir zurück nach Sao Paulo, total erschöpft, und gingen ins Bett, weil wir um neun Uhr schon wieder aufstehen mussten, um für ein Interview und eine Live-Performance in die MTV-Studios zu fahren.

Weil wir nicht jeden Tag auf MTV zu sehen sind, zogen wir unsere besten Klamotten an und tranken eine Menge Bier, um unsere Nervosität zu zügeln. Die Sendung hiess "Lado-B" und der Typ, der sie moderierte, wird laut Plan im September auch nach Deutschland kommen. Wir spielten "Brand New Religion" und "Seclusion" live und als wir die Show einige Tage später im Fernsehen sahen, waren wir erstaunt, dass wir im Fernsehen ziemlich gut aussehen. :-)

Am Mittag war noch ein anderes Programm namens "Turma da Cultura" geplant, eine Liveshow, die sich mit allen möglichen Arten von Kultur und Politik auseinandersetzte, wozu Jugendliche Fragen stellen und diskutieren konnten. BAMBIX spielten fünf Songs. Zehn Sekunden bevor wir "on air" gingen, fiel mein Pleque aus der Hand und verschwand in einem Rost auf dem Flur, aber glücklicherweise hatte ich Ersatz dabei, was aber auch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen konnte, dass bei den ersten Tönen des ersten Songs eine Seite riss. Definitiv Murphy´s Law. Ich muss sehr aggressiv geschaut haben. Trotzdem liefen die Songs gut und es machte Spass. Später stellte sich heraus, dass fast jeder die Show gesehen hatte, und man uns auf der Strasse überall erkannte, verfolgt von Leuten, die Bilder von uns machen wollten und sogar unsere Namen kannten, hahaha!

Am nächsten Tag, dem 11.4., stand noch eine Fernsehshow an. Diesmal war es "Musicaos". Eine grosse Show, ausschliesslich mit Live-Musik, wo die BAMBIX vier Songs spielen sollten. Es war sehr aufregend, ein Teil einer so grossen Show zu sein, bei der das Produktionsteam alleine schon aus hunderten Leuten besteht. Es gab zwei sehr grosse Tribünen neben der enorm grossen Bühne, wo tausende Menschen sitzen konnten. Als die Sache losging, war die Show komplett ausverkauft. Wir trauten unseren Augen nicht und als wir die Kameras sahen, wurde unsere Nervosität noch grösser. Als wir dann auf der Bühne standen und anfingen zu spielen, kamen eine Menge Kids Richtung Bühne gelaufen und fingen an, zu pogen und abzufahren. Das war vielleicht der Punkt, an dem wir am nähesten am grossen Rockstartum dranwaren. Leute, die uns schon in anderen Sendungen gesehen hatten, schrien nach "I wanna win" und "High above the world", unseren neuen Songs, und weil es Peters Geburtstag war, sangen sie alle für ihn und er warf einige T-Shirts in die Menge, was zur Folge hatte, dass eine neue brasilianische Revolution ausbrach. Wir mussten uns gegenseitig kneifen, um uns klarzumachen, dass dies kein Traum war.

Nach dem Konzert ging ich als erstes zu einem Radiointerview und gesellte mich anschliessend zu den anderen in die Bar, wo Peters Geburtstag gefeiert wurde. Wir entdeckten einen neuen Drink namens "Catuava", welcher von diesem Zeitpunkt an unser "Jägermeisterersatz" werden sollte: Portwein mit Guarana gemischt, von dem Zeug wirst du echt so kribbelig, dass du am liebsten zu ABBA tanzen willst. Als es schon sehr spät geworden war und die meisten Leute schon gegangen waren, wurde es noch sehr lustig: hier waren wir also in dieser 19-Millionen-Metropole und die einzigen Leute in dieser Bar waren die BAMBIX und der Barkeeper. Alleine deshalb blieben wir noch ein bisschen, bis der Barkeeper uns nahelegte: "Please, por favor, leave!!!".

Am nächsten Tag war Pause angesagt. Ich kann mich kaum erinnern, was an diesem Tag geschah... Ich glaube, wir waren einkaufen und gingen zu Noise, einem Plattenladen, der uns unterstützte und uns hundert BAMBIX-Brasil-T-Shirts gab, umsonst und mit ihrem Logo auf dem Rücken. Wir wurden von einigen Skate-Kids auf Schritt und Tritt verfolgt, die uns im TV gesehen hatten...

Am Morgen, des 13.4. mussten wir früh aufstehen, weil wir nach Ribeirao Preto fahren mussten, was ungefähr fünf Stunden nordöstlich von Sao Paulo liegt. Wir traten die Reise erneut mit dem Reisebus an, wobei wir feststellten, dass Rosanna sich eine Brille gekauft hatte, allerdings unglücklicherweise eine Sonnenbrille, worauf wir wieder durchgerüttelt wurden und die ganze Zeit den Tod vor Augen hatten. In Ribeirao Preto hatten schon viele fremde Bands gespielt, und sie waren wirklich froh, uns zu sehen. Ein früherer Skate-Weltmeister lud uns zu einem grossen Essen ein und beim Soundcheck kam heraus, dass alle Sachen auf der Bühne ausgetauscht werden mussten und es einige Zeit dauerte. Wir stimmten zu, dass wir diesmal nicht unbedingt als letzte Band spielen mussten, also konnten wir einige Drinks geniessen und uns dabei die NITROMINDS ansehen. Die erste Band war eine All-Girl-Combo, die Songs von den SCORPIONS und LED ZEPPELIN coverten und eine Gitarren-Virtuosin am Start hatten, die während des Spielens noch Metalzeichen machen konnte, also stahlen sie unser Herz. MORPHISE nannten sie sich, und direkt danach spielten wir. Beim letzten Song kam ein Typ auf die Bühne gesprungen, schrie herum und ein kleiner Aufstand begann. Kurz darauf bemerkte der Besitzer des Clubs, dass nicht genug Leute dort waren, um seine Kasse ordentlich zu füllen, also drehte er den Strom einfach ab, mit den Worten, dass die Show zu Ende wäre. Das Publikum schrie "Capitalista" und ähnliches, worauf eine kleine Schlägerei folgte. THE NITROMINDS hatten noch nichtmal gespielt, sie waren den ganzen Weg nur für ein Abendessen gekommen. Das nervte. Leider sind die Clubbesitzer in Brasilien manchmal nicht so viel vom Punk beeinflusst, und denken deswegen mehr ans Geld. Die Sicherheitsleute waren wirklich zu kräftig und zu viele, dass wir erst gar nicht versuchten, uns gegen sie aufzulehnen. Wir bekamen kein Geld, aber die Organisatoren waren so cool, dass man es verschmerzen konnte...

Danach fuhren wir zurück zu der grossen Ranch, wo wir schliefen, und als ich am nächsten Tag aufstand, war es so heiss in dem Raum, dass ich aus dem Zimmer rauskroch und eine Fata Morgana hatte: ich sah diesen Swimmingpool, der mich anstrahlte. Also zog ich meine Klamotten aus und sprang hinein, während ich nach den anderen schrie. Ein exzellenter Weg, seine Anspannung zu vertreiben.

Am nächsten Tag sollte einer der besten Gigs in Brasilien folgen. Wir würden im Hangar 110 in Sao Paulo spielen. Direkt als wir aus Ribeirao Preto dort ankamen, machten wir den Soundcheck auf der grossen Bühne und dann brachte mich meine Beträuerin Carolina wegen eines Ohrproblems zum Arzt. Wir sollten um 22.30 Uhr anfangen, also mussten wir uns beeilen. Der Arzt hatte uns schon mitgeteilt, dass er nicht auf uns warten würde, also rasten wir wie verrückt duch Sao Paulo und schafften es gerade noch. Er behob mein Problem und ich war glücklich als ich ihm die 180 DM in die Hand drückte, egal, was es kostete, Hauptsache, ich konnte wieder hören: kein gerade unwichtiger Aspekt für einen Musiker. Aber Brasilianer reden so viel, es ist unglaublich, und als ich auf die Uhr sah, war es höchste Eile und ich gab Carolina mit Handzeichen zu verstehen, dass wir uns mächtig beeilen mussten. Als wir herauskamen, stellte sich heraus, dass wir den Rückweg nicht mehr wussten und so mussten wir uns durchfragen und erreichten den Hangar schliesslich fünf Minuten vor Showbeginn. Laut Peter waren PAURA und natürlich THE NITROMINDS sehr gut. Ich hatte nur Zeit für ein Bier, also war ich ziemlich angespannt. Es waren mehr als 600 Zuschauer da und wir mussten auf die Bühne. Dann drehte das Publikum völlig durch. Sie drehten so durch, es war kaum zu glauben. Der Sound auf der Bühne war so grossartig (natürlich: ich konnte ja endlich wieder vernünftig hören!) und die Zuschauer kannten mal wieder alle Songs. Wir hatten wirklich eine Menge Spass. Nach dem Gig folgten uns die Leute überall hin, Mariena wurde sogar auf der Toilette fotografiert: man kann es wirklich übertreiben, aber die Brasilianer zeigten uns auf diesem Weg einfach ihren Enthusiasmus und wie sehr sie die Show mochten. Als ich auf die Bühne ging, um meinen Backstagepass und anderen Kram zu holen, war schon alles weg. An dem Abend machten wir noch einige Interviews. Es folgte eine grosse Party, zu der wir als VIPs geladen waren und die Einladung natürlich nicht ablehnten. Hier spielte eine Rapband, nicht gerade unsere Vorstellung eines coolen Abends, also entschlossen wir uns nach ein paar Drinks, uns nach draussen zu setzen und das Autoradio als unser eigenes DJ-Pult zu nutzen, uns mit all den Leuten zu unterhalten und so dauerte es nicht lange, bis die Party draussen weiterging und die einzigen, die noch drinnen waren, die Mitglieder der Rapband waren.

Montag, der 17.4., war wieder ein freier Tag, den wir bei Laudo verbrachten und teilweise im Büro von Rock Brigade verbrachten, Brasiliens bekanntestem Metal/Hardcore-Magazin mit 60.000 Heften pro Monat, das vor zwei Monaten schon ein Interview mit uns gemacht hatte (mit uns, neben OZZY OSBOURNE!). Dann folgte der übliche Promokram, den Rockstars halt tun, aber hier nicht erzählen.

Dienstag, der 18.4., war noch ein ruhiger Tag. Wir hatten lediglich einen Auftritt in Sao Paulo, in einem kleinen Club namens "Alternativa". Peter war immer noch am Strand, irgendwo in der Nähe von Santos und Mariena entschloss sich, ein wenig im Internet zu surfen, ich ging nach dem Mittagesssen mit Laudo und Fran in ein Studio, in dem die NITROMINDS aufnahmen und mich schon vorher gebeten hatten, einen Teil ihres RAMONES-Songs "Somebody put something in my drink" (wie typisch!) für einen RAMONES-Tribute-Sampler einzusingen. Die Techniker brauchten nur drei Stunden, um alles aufzunehmen und produzierten einen ziemlich kräftigen Sound: noch ein Grund nach Brasilien auszuwandern!

Am Abend fuhren wir zum Club "Alternativa" wo Andre von NITROMINDS und Peter schon den Soundcheck machten, indem sie NUCLEAR ASSAULT-Songs spielten, was für mich keine leichte Aufgabe war. Die Bühne sah aus wie eine kleine Box-Arena mit stählernen Stangen drumrum und der Sound war erbärmlich, nichtsdestotrotz war der Club wieder mal bis zum Ende gefüllt. FOOD FOR LIFE spielten als erste, währenddessen unterhielten wir uns mit DOMINATRIX, der coolsten All-Girl-Band aus Brasilien. Marieana fand dies den schlechtesten Gig der Tour, aber Peter und ich gefiel er, weil ich perfekt von den Stangen herunterspringen konnte, der Sound war für das Publikum auch okay und als wir "Summersong" spielten, waren sie sogar lauter als ich. Sao Paulo, Rockstadt!

Es war die Zeit gekommen, sich von unseren Freunden von den NITROMINDS zu verabschieden, weil sie uns auf den letzten drei Konzerten nicht supporten würden. Der Abschied war sehr emotional und trotz all der Muskeln und Tattoos flossen eine Menge Tränen.

Am nächsten Tag mussten wir sehr früh aufstehen, weil wir einen siebenstündigen Automarathon nach Curitiba, Richtung Süden, vor uns hatten. Rosanna hatte sich immer noch keine Brille organisiert, insgeheim hoffte ich, sie würde Kontaktlinsen tragen, aber ein tiefer Blick in ihre Augen verriet mir, was da war: NICHTS! Diesmal hatten wir den grossen Wagen für uns und genossen so die sehr schöne, grüne Landschaft durch das subtropische Gebiet mit Palmen und Bananenbäumen und dichten Wäldern. In Curitiba trafen wir Julio und Marlisi von Barulho Records (die brasilianische Version von Ralf und Myra von Vitaminepillen), die unser "Leitmotiv"-Album in Brasilien veröffentlicht haben. Wirklich schön, sie endlich mal kennenzulernen. Sie erzählten uns, dass die Verkäufe wirklich gut liefen und wir sofort neue Verträge für Nachpressungen unterschreiben könnten. Wir endeten in einem riesigen Restaurant, das den Eltern einer der BOOBERELLAS gehört. Ja, wirklich, auf unserer Tour haben wir viele reiche Leute getroffen, reich, aber sehr freundlich. Der Club hies "The Memorial Restaurant" und die anderen Bands waren HULK (mit den BARULHO-Jungs und Mädels) und CATALEPTICOS, einer Psychobilly-Band, die wirklich rockten. Wieder einmal war die Veranstaltung ausverkauft und als wir anfingen zu spielen dachte ich, ich hätte zuviel Drogen genommen, weil ich Mariena fast fallen sah und die Bühne sich bewegte. Die Zuschauer hatten so heftig gegen die Bühne gedrückt, dass sie komplett nach hinten geschoben wurde. Damit mussten wir uns für den Rest des Gigs abfinden. In dieser Stadt, wo unser Label seinen Sitz hat, kannte offensichtlich jeder die Songs aus dem Radio oder von CD und sie schrien sich die Lungen aus dem Leib. Wieder war es ein fabelhafter Auftritt und obwohl es nicht gerade ein Zeichen von Punkrock ist, gaben wir einige Autogramme, das ist immer noch besser als sich wie ein Arschloch zu verhalten und es nicht zu tun. Curitiba ist eine sehr "hippe" Stadt, und wir bekamen prompt die beste brasilianische Cola und das beste brasilianische Essen vorgesetzt: aber nun, ihr wisst es... wir sind straight edge, also gingen einige essen und trinken, die anderen gingen ins "Golden Hotel".

Der nächste Tag bedeutete noch eine Show in Curitiba, also konnten wir uns ein wenig im Hotel ausruhen und ein bisschen von der Stadt sehen, wonach wir ein Radio-Interview in einer Wohnung im 26. Stock hatten, ich bin mir nicht mehr sicheer aber ich meine, Peter im Aufzug knutschend mit einer Fahrstuhl-Dame gesehen zu haben, weil sie ihm wegen ihres Scheiss-Jobs so leid tat. Nun, das brachte sie auf Touren! Wir kauften einige Fussball-Shirts und spazierten nackt im Park herum. Nach dem obligatorischen Essen im Restaurant ging es zum Club. Die anderen Bands waren BOOBARELLAS, sehr nette Jungs, und WHIR, eine Girl-Band mit Aufklebern von BIKINI KILL auf ihren Gitarren: RIOT not DIET! Diesmal wollte ich wissen, wie weit das Publikum geht, also warf ich nach der Hälfte des Sets meine zwei Tage alten Socken von der Bühne. Ihr werdet es nicht glauben, aber es ist wirklich war: sie schmissen sich auf sie wie Löwen auf Fleisch. Also kamen wir zu dem Entschluss, dass Fans wirklich sehr weit gehen können...

Es waren über 400 Menschen da, und bei dieser Zahl sind wir noch niemals müde geworden. Toller Abend. Danach mussten wir uns wieder mit dem "Business" beschäftigen ("Crossing Common Borders" sollte diesen Monat in Brasilien mit "Spade" als Bonustrack erscheinen) und bekamen zwei grosse Flaschen Catuava: sie wissen, wie sie uns glücklich machen können.

Am nächsten Tag verliessen wir Curitiba, diese nette Stadt, mit Schmerz in unseren Herzen, um westlich nach Londrina zum letzten Gig unserer Tour zu fahren. Es gibt nicht viel über das letzte Konzerte zu sagen, wobei du schon weisst, wie sehr du jeden vermissen wirst und immer an die tolle Zeit zurückdenkst, und du dir am nächsten Morgen wieder den Arsch abrennen musst, um ein Flugzeug nach nirgendwo zu erreichen. Natürlich war Londrina auch gut, besonders als Laudo auf die Bühne kam, um uns eine grosse Trophäe mit der Aufschrift "BAMBIX Brasil CatuABBA Tour 2000" zu überreichen, weil er meinte, wir hätten einen Preis verdient - unser wichtigster Mann. Dann kam die Crew auf die Bühne und sang "Spade" mit uns, wobei sich nur die Hälfte davon traute. Und selbst das Schicksal wollte, dass wir dableiben, warum sonst hätten wir auf dem Rückweg einen Platten haben sollen und nur die blinde Rosanna als Reifenaustauscherin dabei haben sollen? Also endete diese Tour wie sie angefangen hatte: mit einem letzten Aufruf für die Passagiere Steensma, Dragt und Van Houdt am Flughafen, indem sie aufgefordert wurden, so bald wie möglich Gate 2 zu erreichen. Dann konnten wir nur noch auf Laudo, Carolina, Cesar und Fran zurückblicken, mit dem unglaublichen Gefühl, solch nette Menschen getroffen zu haben, die uns geholfen und alles für uns getan haben, uns die grösste Tour ermöglicht haben. Traurigkeit machte sich breit, weil wir wussten, dass es ein Jahr dauern würde, wieder dort zu spielen. Aber eins ist sicher: "We´ll be back!".

Wick Bambix

(Übersetzung: Dominik Winter)


© by Ox-Fanzine / Ausgabe #39 (Juni/Juli/August 2000)

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