Interviews & Artikel : JELLO BIAFRA & THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

JELLO BIAFRA & THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE

Steuern für die Reichen

Anfang April erscheint mit „White People And The Damage Done“ das neue Album von JELLO BIAFRA & THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE. Aus alter Tradition habe ich es mir nicht nehmen lassen, mit Jello über die Platte zu sprechen – und das Weltgeschehen ganz allgemein. Ich habe aufgehört, meine Jello-Interviews zu zählen, sie sind eine liebgewonnene Tradition geworden, seit ich 1994 für Ox #17 das erste Mal den einstigen DEAD KENNEDYS-Sänger am Telefon hatte. Etwas später traf ich Jello erstmals persönlich in San Francisco, ein interessante Begegnung, der seitdem viele weitere folgten. Anfangs war da noch große Ehrfurcht, die mittlerweile dem Respekt für ein beeindruckendes Lebenswerk gewichen ist – und das Wissen um die Spleenigkeit des Mannes, der seit Ende der Siebziger mit Label, Bands und Auftritten als Spoken-Word-Performer sein Leben zum einen der Musik, zum anderen der politischen Aufklärung verschrieben hat, dem Kampf gegen Dummheit und Ignoranz. Jello ist und bleibt ein spannender, höchst interessanter und interessierter Gesprächspartner zu so ziemlich allen Themen, die man sich vorstellen kann. Bei der Gelegenheit sollte man übrigens auch mal die Frage stellen, warum Europa, ja, Deutschland keinen politisch so interessierten und redegewandten Punk-Intellektuellen hervorgebracht hat.

Jello, das Album war eigentlich schon für den Herbst 2012 angekündigt, jetzt wurde es Frühjahr 2013? Hatte das damit was zu tun, dass du den Ausgang der Präsidentenwahl abwarten wolltest, damit die Platte nicht nach ein paar Wochen schon wieder veraltet wirkt?


Nein, die Platte war auch nie fest angekündigt, ich hatte nur bestimmte Vorstellungen, wann sie erscheinen sollte, aber meine Projekte brauchen leider manchmal endlos lange. Und so machten wir dann eben zwischendurch noch die „Shock-u-py!“-EP, um den Obama-Song „Barackstar O’Bummer“ vor der Wahl zu veröffentlichten.

Wenn man wie du in seinen Texten aktuelle Ereignisse kommentiert, läuft man eben auch Gefahr, dass bestimmte Aussagen durch aktuelle Ereignisse überholt werden.

Ich habe das immer im Hinterkopf, denn seit Reagan 1980 überraschend Präsident wurde und all meine Theorien zur politischen Zukunft von Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown torpedierte, bin ich vorsichtiger geworden mit konkreten Aussagen. Das mussten ja auch schon ein paar politische Folk-Sänger aus den Siebzigern feststellen: Man muss eher über die Krankheit als solche reden als über die konkrete eigene Erfahrung damit. Wenn man sich vor diesem Hintergrund den Text von „Barackstar O’Bummer“ durchliest, dann merkt man, dass der Bestand hat. Zum Schluss wird da die Frage gestellt, ob Obama seine Wähler und Unterstützer im Stich gelassen hat, oder ob diese selbst für Obamas diverse Niederlagen verantwortlich sind, weil sie nicht nachhaltig genug für ihre Ideen und Ziele eingetreten sind, der Druck nachgelassen hat. Wo waren die Millionen Menschen ohne Krankenversicherung, warum sind die nicht zu einem neuen Marsch der Millionen nach Washington aufgebrochen, als das Thema diskutiert wurde? Wären die Leute wirklich aufgestanden, gäbe es heute in den USA vielleicht eine Krankenversicherung wie in Europa. Die Leute waren sich zu sicher, dass ihr Rockstar Obama das Kind schon schaukeln wird! Stattdessen hätten sie den Druck aufrecht erhalten müssen. Aber das ist ja kein neues Phänomen: Als Bush senior damals abgewählt wurde und Clinton an die Macht kam, lief es genauso. Die Wähler waren erst mal froh, dass das Schlimmste vorbei war, und passten nicht mehr so genau auf. Die Folge waren die GATT- und NAFTA-Verträge, eine gigantische Deregulierung und Privatisierung, durch die neue Monopole etwa im Telekommunikationsbereich möglich wurden – und neue Sozialhilfegesetze, die zur Verarmung von Millionen Menschen führten. Wirklicher Wandel kommt eben nie von oben, sondern entsteht nur durch Druck von unten.

Du klagst also die fortschrittlichen, eher links stehenden Kräfte in der US-Gesellschaft an, für ihre Forderungen nicht nachdrücklich genug gekämpft zu haben und so für die enttäuschende erste Amtszeit von Obama mitverantwortlich zu sein?

Ja, denn scheinbar waren viele Leute zu beschäftigt mit ihrem Facebook-Account, dachten, jemand anderes würde sich schon kümmern, dass alles gut wird. Viele Menschen waren so froh darüber, Bush losgeworden zu sein, dass sie erst mal eine Pause von der Politik brauchten. Ich beobachte dieses Verhalten schon lange, insofern hat es mich nicht überrascht. Das war auch ein Faktor, der Punk in den USA zu so einer wütenden Bewegung gemacht hat: Wir hatten damals gerade erst die ganzen schlimmen Ereignisse der Sechziger, aber auch deren positive Seiten hinter uns gelassen, und als dann meine Generation in den Siebzigern auf den Plan trat, war all der positive Schwung der Veränderung abgeflaut, wir mussten uns mit den EAGLES, Disco und ähnlichem Scheiß herumschlagen. Hätten die Menschen damals ein klein wenig härter gekämpft, hätten sie nicht nur Nixon wegbekommen, sondern auch die großen Ölfirmen loswerden können.

Das Öl ist bei dir ein wiederkehrendes Thema, die großen Konzerne in diesem Bereich bestimmen maßgeblich die amerikanische Politik. In letzter Zeit hört man, dass in den USA mittlerweile so viel Öl und Gas gefördert werden, womit das Land unabhängig von Importen werden könnte, was auch gravierende außenpolitische Auswirkungen haben dürfte.

Das ist das Ergebnis der Gesetzgebung: Die Ölfirmen dürfen in den USA heute faktisch überall nach Öl bohren, wo sie wollen. Unter dem Eis in Alaska, im Polarmeer? Kein Problem. Unvorstellbar, wie es dort nach einer Katastrophe wie der im Golf von Mexiko aussehen wird, das kann keiner mehr saubermachen ... Oder die Produktion aus Ölschiefer und Teersand in Kanada: eine gigantische Umweltzerstörung! Oder das Fracking, bei dem riesige Mengen Chemikalien in den Boden gepumpt werden, bei denen die Firmen nicht mal öffentlich machen müssen, was sie da überhaupt verwenden. Durch diesen Öl- und Gas-Boom wird sichergestellt, dass keiner mehr darüber nachdenken muss, sein riesiges Auto gegen ein kleineres auszutauschen oder sich um alternative Energiequellen zu bemühen. Dabei sind die Folgen beispielsweise von Fracking unglaublich und schrecklich – und dank der Fürsprache von Dick Cheney ist das Fracking von sämtlichen Umweltschutzauflagen ausgenommen ... Und so bekommt ein kleiner Bauer in Pennsylvania von einer Fracking-Firma ein bisschen Geld dafür, dass sie auf seinem Land bohren dürfen – „Keine Sorge, da passiert nichts!“ –, und dann müssen sie feststellen, dass da 24 Stunden am Tag eine Baustelle lärmt. Von unkontrolliert austretendem Methangas ganz zu schweigen, das Tiere und Menschen krank macht. Und dafür ist mal nicht nur Bush verantwortlich, sondern auch die Regierung Obama. Dem Farmer sagt auch vorher keiner, dass bei den Bohrungen jede Menge Müll entsteht, den die Bohrfirma auf seinem Land hinterlässt, inklusive radioaktivem Radon. In der New York Times stand neulich, dass am Three Mile Island-Reaktor in Harrisburg, wo es in den Siebzigern beinahe zu einem GAU gekommen wäre, die Radioaktivität heute höher ist als damals nach dem Unfall – wegen all der radonbelasteten Abwässer der Fracking-Bohrungen.

Anfangs dachte man ja auch, Obama wäre so was wie ein „grüner“ Präsident, der sich für erneuerbare Energien einsetzt. Davon scheint nichts geblieben zu sein.

Das waren alles Lippenbekenntnisse, er ist nicht bereit, wirklich dafür zu kämpfen. Obama bestimmt nicht aktiv die Politik, er wartet darauf, dass andere ihm die nötigen Gesetze machen, damit er sie unterschreiben kann. Und so haben sich in den letzten Jahren die Lobbyisten weiter ausgetobt, und anstatt für Ökotechnologien wird das Geld für ein weiteres Atom-U-Boot ausgegeben. Und es war auch Obama, nicht Bush, der es Shell erlaubt habt, im Polarmeer nach Öl zu bohren. Ganz zu schweigen von der Keystone XL-Pipeline ... Die soll dazu dienen, das Ölsand-Öl aus Alberta in Kanada bis nach Houston, Texas einmal quer durch die USA leiten zu können. Und das Öl ist noch nicht mal für die USA bestimmt, sonst könnte man es ja viel näher bei den Fördergebieten raffinieren – nein, es geht um Öl für den Export, um minderwertigen Schiffsdiesel für Lateinamerika und Europa. Und dazu brauchen sie die Häfen von Texas. Das Problem ist: Wenn die Pipeline ein Leck bekommt, fließt das Öl auf seinem langen Weg in einem Gebiet in die Umwelt, das das größte Trinkwasserreservoir der USA darstellt. Davon wären viele US-Großstädte betroffen. Und dieses Öl wird natürlich zur weiteren Aufheizung des Planeten beitragen, den Klimawandel weiter beschleunigen – mit der Förderung der Ölsande treten wir das Gaspedal auf dem Weg zum Klimakollaps quasi noch einmal bis zum Bodenblech durch! Obama scheint diesen Zusammenhang nicht zu erkennen, deshalb auch die entsprechende Textzeile in „Barackstar O’Bummer“: „In love with fracking / And filthy oil sands / Don’t even care / If the pollution one day kills his kids“. Leider hat der ganze Protest gegen das Pipeline-Projekt bislang nichts bewirkt – Obama hat nur davon gesprochen, man werde sich die Routenführung noch mal anschauen.

Ist das für die US-Medien gar kein Thema?

Erstaunlicherweise ist das einzige größere Magazin, in dem kritisch über das Thema berichtet wurde, das US-Magazin Rolling Stone. In den letzten Jahren haben die wieder stark zugelegt, nachdem das Heft früher sehr gut war, dann aber viele Jahre nur noch über Bob Dylan, Neil Young und irgendwelche Filmstars geschrieben hatte.

Was enttäuschte Erwartungen betrifft, so hat man in Deutschland auch seine Erfahrungen gemacht: Die rot-grüne Regierung war eine Wohltat nach all den schrecklichen Kohl-Jahren, doch rückblickend muss man feststellen, dass sie viele Gesetze verabschiedet hat, etwa im Sozial- und Finanzbereich, die absolzt abzulehnen sind.

Das ist das gleiche Problem wie in den USA: Die Leute haben der Regierung nicht genau genug auf die Finger geschaut! Und wer hätte damit rechnen können, dass Schröder nach seiner Abwahl direkt bei Gazprom anheuert? Genau um ein solches Verhalten geht es im ersten Song des neuen Albums, in „The Brown Lipstick Parade“. Der Kongress und die Ministerien sind voll von Typen, die alles dafür tun, dass ihnen irgendwann ein Großkonzern einen bestens bezahlten Job anbietet. Dann können sie endlich abkassieren für das, was sie vorher im „Dienste der Allgemeinheit“ so durchgewunken haben. Was nun Obama betrifft, so ist mein Gewissen rein: Ich habe ihn nie gewählt.

Enttäuschend ist auch die Entwicklung der Occupy-Bewegung: Eine kurze Zeit lang sah es so aus, als könne diese neue Form des Protestes etwas bewegen, doch mittlerweile ist davon kaum was geblieben.

Ich bin nicht wirklich enttäuscht, sondern freue mich darüber, dass Occupy überhaupt möglich war. Ich war aber auch von Anfang an anderer Meinung darüber, dass seitens Occupy postuliert wurde, es dürfe keine spezifische politische Thematik geben, dass man den Protest allgemein halten solle. Ich hatte die Befürchtung, dass diese allgemeine Art nicht weit führt. Und man muss natürlich auch sehen, dass all die Protestierer irgendwann zu ihrem normalen Leben, ihrem Job, ihrer Familie zurückkehren mussten. Der Effekt ist für mich eher der, den es hat, wenn man einen Zementblock in einen See wirft: der wirft Wellen – und wer weiß, was die, auch wenn sie klein sind, auslösen. Ich bin sicher, dass Obama seine Wiederwahl letztlich der Occupy-Bewegung verdankt – die haben seinen Arsch gerettet, obwohl es diesmal keine Pro-Obama, sondern eine Anti-Romney-, Anti-Wall Street-, Anti-Tea Party-, Anti-Sparpaket-Wahl war. Und es stimmt, wir sind für vier weitere Jahre der schlimmsten Diktatur von Großkonzernen entkommen. Außerdem haben durch Occupy viele Menschen den Mut gefunden, sich zu wehren, etwa solche, die von Banken aus ihren Häusern vertrieben werden sollen, weil sie die Raten nicht mehr bezahlen können. Mit der Folge, dass sich bei Chicago in einem Landkreis die Polizei weigert, weitere Zwangsräumungen im Auftrag der Banken durchzuführen – die haben keine Lust mehr, die Habseligkeiten von Bürgern auf die Straße zu werfen.

In so einer Situation kann es einen schon reizen, selbst in die Politik zu gehen. Du hast das einst getan, als du dich 1979 um das Amt des Bürgermeisters von San Francisco bewarbst, und 2000 hast du dich von der Green Party in New York als Präsidentschaftskandidaten vorschlagen lassen, hast dich auch 2004 und 2008 für die Kandidatur des Grünen-Politikers Ralph Nader eingesetzt. In den letzten Jahren warst du da zurückhaltender, wohingegen dein alter Weggefährte Joe Keithley von D.O.A. seine Band dieser Tage „stillgelegt“ hat, um sich stattdessen seinem politischen Engagement bei der sozialdemokratischen New Democratic Party zu widmen.

Das mit meiner Bürgermeisterkandidatur damals war Sabotage, haha. Was nun Joe betrifft, so hat er das Ende von D.O.A. schon mehrfach verkündet. Sollte es wirklich vorbei sein mit der Band, wäre das ein echter Verlust, denn die letzten beiden Alben waren musikalisch ihre besten seit langem. Auch aus dem Grund findet sich der D.O.A.-Song „We occupy“ mit mir als Sänger auf der „Shock-u-py!“-EP. So ganz verschwinden werden D.O.A., denke ich, also nie. Ich sollte mir also überlegen, ob ich es nicht doch zum Abschiedskonzert schaffe, das in ein paar Tagen Anfang Februar stattfindet. Leider ist das ein Konflikt mit einer meiner vielen anderen Leidenschaften ...

Und die wäre?

Filme! Am gleichen Abend findet hier in San Francisco ein Film-Festival statt, bei dem es um den amerikanische Film Noir der 1940er und 1950er geht. Die zeigen all diese alten Filme in einem perfekt erhaltenen Art-déco-Kino, und das ist gerade mal ein paar Meter von meinem Haus entfernt ... Die zeigen da diese Detektivfilme in Schwarz-Weiß wie „The Maltese Falcon“, „The Big Sleep“ – mit Humphrey Bogart – oder das neben „Citizen Kane“ andere große Orson Welles-Meisterwerk „Touch of Evil“. Der Eröffnungsfilm ist „Double Indemnity“, ein weiteres bekanntes Beispiel für diese Filmgattung, die von den großen Hollywood-Firmen, aber auch kleinen Studios gedreht wurden – teilweise recht trashig, oft basierend auf genauso trashigen Romanen. Die waren oft nur als Vorfilme einer Doppelvorstellung gedacht, aber manche zeichnen sich durch großartige Kameraführung und gelungenes Spiel mit Licht und Schatten aus. Diese Filme wiederum waren dann ein großer Einfluss unter anderem auf Truffaut und Godard. Na ja, und vor vielen Jahren schon entwickelte ich eine Leidenschaft für diese Filme und freue mich diesmal besonders auf „The Sniper“, einen Film über einen Serienmörder aus dem Jahre 1952 und damit aus einer Zeit, als das Thema Serienmörder noch kaum bekannt war. Der andere Film, den ich sehen muss, ist „Experiment in Terror“, den Blake Edwards 1962 gedreht hat – mit Musik von Henry Mancini. Beide Filme wurden in San Francisco gedreht, und der besondere Reiz liegt nun daran darauf zu achten, ob man irgendwelche Straßen und Gebäude wiedererkennt.

Apropos wiedererkennen: Bald werden sowohl BLACK FLAG – Greg Ginn, Ron Reyes – als auch FLAG – Keith Morris, Chuck Dukowski, Bill Stevenson und Stephen Egerton – in Deutschland spielen. Du als jemand, der sich der Reunion der DEAD KENNEDYS immer verweigert hat, hast dazu doch sicher eine Meinung, oder? Und wie stehst du generell zu Retro-Trends?

Morris und Stevenson waren doch gar nicht zur gleichen Zeit bei den „echten“ BLACK FLAG! Oh mein Gott! Solche Aktionen enttäuschen mich echt, vor allem frage ich mich, warum Keith das macht. Der ist doch mit OFF! erfolgreich, die sind hier in den USA ja richtig angesagt. Warum konzentriert der sich nicht auf OFF!, warum so eine Aktion? Ich kapiere das nicht. Was ich generell von solchen Reunions halte, ist aber ja wohl bekannt. Mit all dem hässlichen Scheiß, der sich da in Sachen DEAD KENNEDYS ereignet hat, mit den Aktionen dieser Business-Piraten, da habe ich bei so was wie BLACK FLAG/FLAG wirklich sehr gemischte Gefühle. Ich mag die verschiedensten Arten von Musik und Filmen aus den verschiedensten Jahrzehnten, ich mag die verschiedensten Stile, ich kleide mich auch gerne entsprechend – zu dem Film Noir-Festival gehe ich mit Hut und einem alten Overcoat, zu einem Rockabilly-Konzert ziehe ich mir auch was Passendes an, ich mag Psychedelic, Sixties-Garage, R’n’B. Ja, das ist auch irgendwie „retro“. Es macht Spaß, es ist unterhaltsam, bestimmte Aspekte der Vergangenheit zu erleben, es gibt viel gute alte Musik, Filme, Literatur und Kunst. Die Vergangenheit zu genießen und von ihr zu lernen, ist großartig – die Vergangenheit aber zu wiederholen ist Gift! Und diese Meinung hatte ich schon in den frühen Punk-Tagen. Das war damals der Höhepunkt mit dieser „Happy Days“-TV-Serie, die Menschen zeigte, die in den Fünfzigern und Sechzigern erst geboren wurden, aber unbedingt so leben wollten wie in den Fünfzigern. Punk war damals wütend und zynisch, wir erkannten, wie schlimm diese Nostalgie ist, konnten an den Sechzigern nichts Positives erkennen – wir waren uns sicher, dass wir nie so nostalgisch werden würden. Tja, wie man sich täuschen kann ... Das wurde mir spätestens dann klar, als SPECIAL DUTIES ihr „77 in 82“-Album veröffentlichten. Da dachte ich mir: „Oh my fucking god, sind wir jetzt schon so weit?!“

Also hältst du nichts von Reunions?

Es gibt ein paar alte Bands, die ich mir anschaue, etwa die DICTATORS oder TSOL. Mit denen bin ich zum einen befreundet, zum anderen haben die neue Songs und spielen nicht nur wie andere Bands Coverversionen ihrer eigenen alten Sachen. Den Standard haben in dieser Hinsicht allerdings RADIO BIRDMAN festgelegt: als die vor ein paar Jahren das erste Mal in den USA spielten, waren sie grandios! Ich hatte Rob Younger schon 1983 in Australien getroffen, was mir übrigens den schlimmsten Kater meines Lebens verschaffte – Wodka ... –, aber die Band nie live gesehen, und die haben bei ihrer Reunion wirklich die Hütte gerockt! Deniz Tek spielte so mitreißend Gitarre, man hätte meinen können, der sei erst zwanzig und nicht um die sechzig. Das war noch vor GUANTANAMO SCHOOL, und ich dachte mir an dem Abend, falls ich jemals eine neue Band haben sollte, muss die mindestens so gut sein. Ob wir das schaffen, müssen andere entscheiden, aber Punk ist für mich immer noch der Quell meiner Inspiration, sowohl was die Band wie die Spoken-Word-Auftritte betrifft, wobei ich immer versuche, die musikalische Basis zu vergrößern und dabei auch nicht vor Southern Rock-Einflüssen zurückschrecke – nur muss das eben mit der Wut eines Punk-Songs gespielt werden.

Um auf die Reunion-Frage zurückzukommen ...

Ende der Achtziger, da waren die DEAD KENNEDYS gerade mal ein paar Jahre tot, ging es schon los mit den Fragen, wann es denn eine Reunion geben würde. Ich wollte damit nichts zu tun haben, nicht so sein wie FLIPPER, die alle paar Monate oder Jahre eine Reunion hatten, wann immer eben jemand Geld für Drogen brauchte. Wenn Leute zusammen spielen wollen, weil sie Spaß an ihrer Musik haben, dann ist das schon okay, aber heute werden Reunions meiner Meinung nach meist aus den falschen Gründen gemacht. Ich gehe deshalb auch selten zu Reunion-Konzerten. Ich habe die meisten Bands live gesehen, als sie wirklich gut waren, warum soll ich mir die jetzt anschauen, wo sie mit zwei, drei Mitgliedern weniger auftreten und lahme Coverversionen ihrer eigenen Musik spielen? Ich darf mir ja auch regelmäßig anhören, wie enttäuscht die Leute sind, die in den letzten Jahren die DEAD KENNEDYS live gesehen haben. Meine früheren Bandkollegen haben sich ja nicht mal Mühe gegeben, es gut zu machen! Bis heute kommen ständig neue Angebote rein für Konzerte der DEAD KENNEDYS mit mir als Sänger, aber angesichts der Tatsache, dass ich immer wieder zu hören bekomme, wie wenig Mühe die sich mit der Musik geben und der dubiosen Typen, mit denen die sich in geschäftlicher Hinsicht abgegeben haben und mit denen ich nichts zu tun haben will, steht das überhaupt nicht zur Diskussion.

Würdest du das tun, stünde es schlecht um deine Credibility ...

Haha, habe ich eine? Ich bin ja in Sachen Festivalauftritten schon zu Zugeständnissen bereit gewesen ... Ich musste lernen, dass wir ohne solche Auftritte den Rest einer Europatour gar nicht mehr finanziert bekommen. Und ich habe mich der Erkenntnis gebeugt, dass so viele Leute zu Festivals gehen, dass es nicht schadet, da zu spielen, um zu zeigen, dass ich noch lebe. Das ist dann gewissermaßen die Antwort auf die Frage nach einem neuen DEAD KENNEDYS-Album: „Hört meine neuen Platten an, wenn ihr diesen Spirit und diese Art von Songs wollt!“ Die klingen nicht exakt wie die DEAD KENNEDYS und sollen das auch nicht, aber ich glaube, die sind trotzdem ziemlich gut.

In der Tat halte ich die Musik deiner gegenwärtigen Band für ziemlich einzigartig und speziell, dabei aber durchaus für Punk im traditionellen Sinne. Durch deine Stimme und dein Songwriting ist die Verbindung zu den DEAD KENNEDYS gegeben, andererseits spielen da auch viele andere Einflüsse mit rein. Hast du einen Plan, ein Konzept für die Band?

Der Plan ist erst mal, dieses Jahr möglichst viele Konzerte zu spielen, die Leute die neuen Songs, das Album hören lassen – und einfach nur rocken! Und dann muss ich mal schauen. Ich habe zig unveröffentlichte Songs, und da muss ich mal sehen, was ich mit denen so machen will. Das aktuelle Album war wieder so viel Arbeit, es dauerte so viel länger und bedeutete so viel Detailarbeit, dass ich erst mal bedient bin. Die anderen aus der Band können sich nach Konzerten oder Studioterminen aus allem ausklinken, so wie man einen Fernseher abschaltet, aber ich kann das nicht, ich bin immer involviert. Das war schon bei den DEAD KENNEDYS so und ist bis zu einem gewissen Grad auch immer noch so: Ich kann mich da nicht ausklinken! Das ist alles immer da, 24 Stunden am Tag. Was nun die Musik betrifft und deine Aussage, sie sei Punk, aber einzigartig, so freut es mich, dass du die Musik so verstehst, denn genau das ist meine Intention. Und das war auch schon ab der Gründung der DEAD KENNEDYS mein Ziel: Wir waren damals eine San Francisco-Band der dritten Punk-Generation, vor uns gab es in der ersten Generation CRIME, THE NUNS oder MARY MONDAY, dann kamen in der zweiten Welle AVENGERS, DILS, MUTANTS, NEGATIVE TREND, SLEEPERS und U.X.A., und dann in der dritten Generation KGB – aus denen NO ALTERNATIVE wurden –, THE OFFS und wir. Die Szene war klein, stark und die Qualität hoch – und so war das auch in London und Los Angeles und wohl auch in Berlin und anderen Städten in Deutschland. Der Druck seitens des Publikums war sehr stark in der Hinsicht, dass jede Band anders klingen musste, da wollte niemand eine Band hören, die klingt wie eine andere. Und die Szene bestand zu einem großen Teil aus wirklich wilden, ambitionierten Typen, die Zeichen setzen wollten. Wir wollten damals alle die nächsten STOOGES, DOORS oder VELVET UNDERGROUND sein! Das schaffte letztlich keiner von uns, aber es entstand eine Menge einzigartiger Musik. Wir standen also unter einem recht großen Druck, einzigartig und anders zu sein, und diesen Druck verspüre ich bis heute. Wie du weißt, bin ich ein großer Vinyl-Junkie und ein richtiger Fan – Fan leitet sich ab vom Wort „fanatic“, dessen muss man sich bewusst sein. Und so bin ich sehr wählerisch, was auf meinen Plattenteller kommt und was nicht, gerade dann, wenn ich Sport mache und Musik hören muss, die mich anpeitscht, mir das Adrenalin ins Blut treibt. Ich muss ja etwas Sport treiben, sonst stehe ich unsere Konzerte nicht durch, haha.

Was für Sport machst du?

Na ja, du weißt ja, wie ich aussehe, und ein Henry Rollins wird in diesem Leben nicht mehr aus mir, haha. Ich bin ein etwas dicklicher Mittfünfziger, das ist Fakt. Ich habe einen NordicTrack-Crosstrainer in der Wohnung stehen, damit halte ich mich fit. Als mir 1994 bei diesem Angriff im Gilman Street-Kulturzentrum das Knie verletzt wurde, habe ich mir einen Trainer gesucht zur Rehabilitation. Der sagte mir damals, mein Knie sei okay, wenn ich es nicht wirklich belasten wolle, doch wenn ich vorhätte, damit auf der Bühne herumzutoben, müsste ich ernsthaft im Fitnessstudio trainieren. Und so fing ich damit an – erst wegen des Knies, dann um mich insgesamt fit zu halten. Ich glaube, ich bin heute sogar fitter als zu DEAD KENNEDYS-Zeiten. Wenn ich mich erinnere, wie fertig ich damals teilweise nach den Shows war und was ich heute durchhalte und das mehrere Tage in Folge, dann bin ich zufrieden. In meinen Zwanzigern war ich echt schlechter in Form, als ich damals dachte, haha.

Wie hast du es damals mit dem Alkohol und Drogen gehalten?

Ich habe mal ein, zwei, drei Bier getrunken, aber nie mehr. Ich stellte früh fest, dass bei Auftritten so viel Adrenalin durch meinen Körper gepumpt wird, dass ich Alkohol nicht brauche – und mich vielmehr ohne den Adrenalinkick wie verkatert fühlte. Außerdem kämpfe ich seit Jahren schon mit verschiedenen Allergien, etwa auf Hefe und Zucker, und auch Milch vertrage ich nicht. Bier löst bei mir manchmal auch solche Reaktionen aus, und so fragte ich mich damals schon, was wohl passieren würde, wenn ich auf Tour auf Bier verzichte, und so lief die letzte DEAD KENNEDYS-Tour für mich ohne Alkohol. Dass man von Speed, Kokain und so weiter besser die Finger lässt, das war mir sowieso schon früh klar, wobei ich immer irgendwie Lust darauf hatte, mal eine DEAD KENNEDYS-Show auf Acid zu spielen ... Die anderen in der Band waren aber vollkommen dagegen, die wollten nicht mitmachen, so dass aus diesem Experiment nichts wurde. Ich würde Acid durchaus gerne noch mal probieren, wenn die Umstände stimmen, aber es hat sich bislang nicht ergeben. Großes Interesse an Drogen habe ich also nicht, vor allem weil ich als Teenager viel Hasch geraucht habe und dann später in der sehr hippie- und damit auch haschfeindlichen Punk-Szene in San Francisco große Schwierigkeiten hatte, das Rauchen wieder aufzugeben. Statt Hasch zu rauchen hauten die sich aber dann alle Speed rein, haha. Damit wollte ich aber nichts zu tun haben, nachdem ich mich mit einer entfernten Verwandten, die in San Francisco lebte und zugleich meine Ärztin war, darüber unterhalten hatte. Die sagte mir ganz klar, Speed sei sogar noch übler als Heroin. Das wusste ich bis dahin nicht – und ließ ab da die Finger davon. Ich hatte vor der allerersten DEAD KENNEDYS-Show auf „Anraten“ von Will Shatter von NEGATIVE TREND Speed probiert, und das Erlebnis war schockierend für mich: Mein Herz pochte so wild, dass ich dachte, es explodiert gleich. Bei unserem zweiten Auftritt im Vorprogramm der WEIRDOS gab mir jemand Kokain und ich kam sofort schlecht drauf. Also ließ ich die Finger davon, probierte es ein paar Jahre später vor einem Konzert noch einmal aus und kam wieder schlecht drauf, wurde total nervös. Das Konzert lief beschissen, seitdem habe ich Koks nie wieder angefasst. Und seitdem gilt für mich auch die Regel: keine Drogen und kein Alkohol auf Tour. Allerdings habe ich vor ein paar Jahren bei einer Spoken-Word-Show in Belfast eine Ausnahme gemacht ... Ich traf mich mit Terry Hooley, der in den Siebzigern das Punklabel Good Vibrations gemacht hatte, und wir tranken ein paar Guiness zusammen. Er war so ein lustiger Typ, ich konnte nicht anders, und musste später auf der Bühne dafür büßen, denn bei einer Spoken-Word-Show muss man 100% konzentriert sein, und so verlor ich ständig den Faden ... Apropos: Wir müssen noch über das neue Album reden.

Stimmt. Was gibt es dazu zu sagen?

Es ist mein erstes Konzeptalbum seit „Frankenchrist“. Nein, es ist keine Rockoper, aber es gibt ein Thema, das sich durch das gesamte Album zieht, das heißt, die Songs sind textlich miteinander verbunden. „Frankenchrist“ war ein unabsichtliches Konzeptalbum, teilweise inspiriert von HR Giger, denn dessen Kunst hatte das bei mir ausgelöst, was gute Kunst immer tut: sie bringt dein Hirn zum Rotieren. Als ich auf sie stieß, hatte ich die Texte noch nicht fertig, und so veränderte ich hier und da eine Textzeile und dann passte das zusammen. Dazu kam dann noch das beiliegende Giger-Poster „Penis Landscape“, das ich für einen großartigen Kommentar zu den Reagan-Jahren hielt und zu dem ich bis heute stehe.

Und wie lautet das Thema, das sich durch „White People And The Damage Done“ zieht?

Ich würde sagen, das Album ist der größtmögliche Mittelfinger, den ich dem Zeitalter der Austerität entgegenstrecken kann.

Unter Austerität versteht man eine Politik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt ohne Neuverschuldung anstrebt.

Ja, dieser ganze Sparwahn, den die Politiker in Deutschland ihrem Land aufzwingen, oder Griechenland, oder Spanien, Portugal, Irland, der hat überall sein Ziel verfehlt. Das Geld, das jetzt angeblich für Sozialausgaben fehlt, wurde gestohlen – und die Politiker sind so korrupt, dass sie sich nicht trauen, sich das Geld von den Dieben zurückzuholen. Die Lösung für die Haushaltsprobleme ist einfach: Sorgt dafür, dass die Reichen ihre Steuern bezahlen! Ich habe neulich noch eine Grafik gesehen für die wichtigsten europäischen Länder, wo die Defizite dem Vermögen der Reichen gegenübergestellt waren – und da sah man eindeutig, wo das Geld steckt und wo es fehlt. In den USA ist das genauso: Bush verfügte seinerzeit eine Steuersenkung, von der vor allem die Reichen profitierten, und Obama hat es bislang nicht geschafft, diese komplett rückgängig zu machen. In den USA schreien immer alle, wie glücklich man doch in den Fünfzigern und bis in die Sechziger gewesen sei. Tja, der Grund, weshalb wir damals unsere Infrastruktur ausbauen und sogar zum Mond fliegen konnten, liegt im Steuersatz für die Reichen, und der betrug damals bis zu 90%! John F. Kennedy senkte den dann, und später noch mal Reagan, auf um die 50%. Unter Bush senior sank er auf 30%, wobei findige Unternehmen den Steuersatz auch noch weiter drücken konnten. Obama hat dann versucht, den Steuersatz auf 35% anzuheben, und das Geschrei war riesengroß. Fuck that! Setz den Höchststeuersatz auf 100% und nach einem Jahr wäre der Staatshaushalt ausgeglichen!

Was für einen Steuersatz hast du?

Irgendwas mit über 30%.

In der Größenordnung liege ich auch.

Ja, aber ihr bekommt wenigstens was für eure Steuern, eine vernünftige Infrastruktur, ein Gesundheitssystem, vernünftige Schulen, und so weiter. Hier in den USA hingegen dienen die Steuergelder nur dazu, die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, den Krieg gegen die Drogen zu finanzieren, die Gefängnisindustrie – und die Reichen dafür zu bezahlen reich zu sein.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #107 (April/Mai 2013)

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