NATIONS ON FIRE

Foto

Positive, political, powerful

Als Teenager waren wir Mitte der Neunziger ständig mit unseren Skateboards unterwegs und ich und viele meiner Freunde hörten fast ausschließlich US-Hardcore. Mitte der Neunziger drückte mir dann jemand ein NATIONS ON FIRE-Tape in die Hand und legte mir nahe, das unbedingt mal anzuhören. Und dieses Tape dieser belgischen Band hat mich wohl mehr beeinflusst und länger begleitet als die meisten Veröffentlichungen aus Übersee. Letztes Jahr kam mir dann die Idee, bei der Band nachzufragen, ob sie nicht Interesse haben an einer Nachpressung des „Strike The Match“-Albums auf meinem Label Kidnap Music. Edward Goodlife, damals Songwriter, Gitarrist und zweiter Sänger, war begeistert von der Idee und so kam das Projekt ins Rollen. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung habe ich Ed einige Fragen zu seinem Job und natürlich zur Band gestellt.

Ed, einige Worte über dich und was du heute so tust!

Ich lebe und arbeite in Kortrijk, Belgien. Ich betreibe einen Plattenladen plus Label plus Versand für alles, was mit Underground-Hardcore zu tun hat.

Erinnerst du dich an das letzte Konzert von NATIONS ON FIRE in Lebach. Es war in einer alten Reithalle und das einzige Konzert in Europa. 1998 war das, oder?

Oh Mann, ja, was für eine Erfahrung. Ich werde diese Show aus verschiedenen Gründen niemals vergessen. Wir brachten damals SHOREBREAK aus Spanien mit, die als Vorband spielten. Es war eine großartige Nacht! Wir bezahlten den Tontechniker dafür, unser Set aufzunehmen, aber er schickte uns nie die Live-Aufnahme. Was für ein Arsch. Ganz nebenbei bin ich allergisch gegen Pferde, du kannst dir also vorstellen, wie ich mich nach der Show gefühlt habe, haha.

Was hat dich dazu gebracht, Anfang der Neunziger eine Hardcore-Band wie NATIONS ON FIRE zu gründen? Euer Sound war damals ziemlich einzigartig in Europa. Wart ihr des ganzen amerikanischen Zeugs überdrüssig?

Natürlich wollten wir damals eine Alternative bieten zu dem ganzen „US-only“-Zeug, das es in Europa gab, besonders in Deutschland. Wir spielten vier Jahre als RISE ABOVE, veröffentlichten ein paar 7“s, gingen unseren Jobs nach. Dann kam schlussendlich die Wandlung zu NATIONS ON FIRE. Damals war RISE ABOVE eine 100% Straight-Edge/Vegetarier-Band, aber ich wollte die Message ausweiten und verschiedene politische Themen integrieren. Also suchten wir uns einige neue Bandmitglieder, die eher zu uns passten. Du musst auf jeden Fall glaubwürdig sein und kein Fake. Und dann starteten wir richtig durch. Unser erstes Konzert war die Auftaktshow einer einwöchigen UK-Tour. Nach der Tour entschied ich mich dazu, unsere Gitarristin rauszuwerfen. Wir veröffentlichten ein Demotape, eine 7“ und eine Live 7“, die nett ist, aber von echt schlechter Qualität. Unsere Band war 100% straight edge, vegan und politisch, also verzichteten wir komplett auf Bandfotos. Nur unsere Musik und unsere Texte prägten unser Image. Es war schon ein ziemliches Schwarz-Weiß-Ding, was den Effekt hatte, dass wir nicht „nur“ die Straight-Edge-Kids erreichten sondern auch die politischen Punks, die Posi-Kids, die Melodic-Hardcore-Fans, die Powerviolence-Kids, die Crusties, also eigentlich jeden. Nicht rumposen, nur abliefern, zusammen mit unserem Slogan: „Positive, political, powerful. Es war ein neues Konzept im Hardcore-Bereich und eine Menge Bands folgten dem später.

Das ist der Grund, warum viele meiner Freunde NATIONS ON FIRE liebten. Viele andere Bands hatten keine politische Message. Was denkst du über die aktuelle Situation in Europa? Die Europäische Union hat gerade den Friedensnobelpreis erhalten.

Super! Die aktuelle Situation in Europa sagten wir schon voraus, als wir sangen: „Europe 1992 is a joke.“ In Zukunft wird es nur noch schlimmer werden, da das Europäische Parlament den Leuten mit jeder Menge Gesetze auf die Nerven geht, die keiner will und nach denen keiner gefragt hat. Dies bedeutet den Tod für Demokratie, freies Denken und Meinungsfreiheit. Ja, sie haben den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie es geschafft haben, Krieg zu verhindern. Eigentlich stimmt das so nicht, da jedes europäische Land sich im Krieg mit seiner eigenen Bevölkerung befindet. Schau dir nur mal die Situation an in Großbritannien, also Schottland und Nordirland, der Bretagne und Korsika in Frankreich oder Katalonien in Spanien.

1992 hast du den Song „Ecology“ geschrieben. Denkst du, dass sich irgendwas verändert hat seit 1992, und was hältst du von der Occupy-Bewegung?

Ökologisch hat sich im Laufe der Zeit viel verbessert, ich bin da schon irgendwie optimistisch. Occupy scheint eine gute Bewegung zu sein. Ich meine, die Wall Street zu besetzen, ist schon einzigartig, auf der anderen Seite weiß ich jedoch nicht wirklich über Einzelheiten Bescheid, wer zum Beispiel das Ganze initiiert und so weiter.

Was passierte nach der oben angesprochenen UK-Tour? Wart ihr noch länger auf Tour oder habt ihr danach weniger gespielt?

Die UK-Tour war unsere erste, es waren sogar unsere ersten Live-Shows überhaupt. Danach haben wir noch einige Europatouren gespielt, eine zusammen mit BORN AGAINST.

NATIONS ON FIRE und BORN AGAINST, das hört sich gut an. Ich habe in Erinnerung, dass sie auch eine ziemlich politische Hardcore-Band waren. Hattet ihr Spaß auf der Tour?

Na ja, auf dem Papier hörte sich das perfekt an. Ihr Gitarrist Adam war eigentlich der Einzige mit einer ernsthaften politischen Agenda. Sam McPheeters war auf der Bühne eher das, was ich einen „Dada Performer“ nenne. Er begann eine Ansage, jeder war ruhig und wartete darauf, was er zu sagen hatte. Er fing an mit: „Es gibt ein Problem in Amerika ...“, Stille, gefolgt von: „Das Problem heißt Badewanne.“ Richtig dummer Quatsch also. Es war schwer, sie irgendwie zu erreichen beziehungsweise sich ernsthaft mit ihnen zu unterhalten. Die meisten von uns waren ziemlich enttäuscht.

Was waren deine beste und deine schlimmste Erfahrung mit NATIONS ON FIRE?

Rückblickend ist es eigentlich ein Mix aus verschiedenen Dingen. Zu nennen wäre hier die Tatsache, dass wir die Band gründeten und einige gute Platten machten. Dass wir verschiedene Tourneen spielen durften und es nach all den Jahren immer noch Leute gibt, die mögen, was wir gemacht haben, ist wahrscheinlich die wichtigste Erfahrung. Die schlimmste Erfahrung war, dass wir in einer ekligen Drecksbude in Deutschland schlafen mussten, wo die Badewanne tatsächlich mit Exkrementen gefüllt war. Sie haben uns damals eine „Suppe“ serviert, die aus Blättern gekocht war, die sie im Garten gefunden hatten.

Das Album „Strike The Match“ klingt meiner Meinung nach immer noch ziemlich aktuell, obwohl die Songs von Anfang der Neunziger stammen. Stehst du heute immer noch hinter deinen Texten?

Danke, das ist wirklich schön zu hören. Es stimmt, dass viele Menschen die Band nie vergessen haben und sich die Platten immer noch verkaufen, manchmal zu hohen Preisen. Aus diesen Gründen möchten wir sie noch mal herausbringen. Bedankt euch bei Donnell Cameron von Westbeach Recorders für den Sound. Dieser Mann hat unsere Platte gerettet. Und ja, ich stehe immer noch hinter den meisten Texten.

Donnell Cameron hat einen super Job gemacht. Auf seiner Liste stehen eine Menge große Namen. Habt ihr dort nur gemixt oder auch die Platte aufgenommen?

Eigentlich haben wir die Platte in einem Studio beziehungsweise Club in den Niederlanden aufgenommen, in dem wir kurz zuvor GORILLA BISCUITS auf ihrer ersten Europatour supportet hatten, damals noch mit unserer alten Band RISE ABOVE. Diese Typen waren völlig ahnungslos und der Mix hörte sich komplett scheiße an. Ich habe den Mix bekommen, als ich gerade in Los Angeles war. Da das West Beach Recorders-Studio von BAD RELIGION gerade frei und zudem bezahlbar war, entschloss ich mich, es dort remixen und einige meiner Vocals für die LP aufnehmen zu lassen. Donnell hat also aus einem Haufen Mist eine großartig klingende LP gemacht. Er gehörte zu dem Studio, ich glaube, er hat dort fest gearbeitet. Da wir das Ganze in verschiedenen Sessions gemacht haben, war es großartig, andere Hardcore/Punk-Musiker dort zu treffen, wie SCHLEPROCK, CHEMICAL PEOPLE und einige andere.

Was hat dich beeinflusst, heute und damals, sowohl politisch als auch musikalisch?

Eine Zeit lang war ich politisch ziemlich beeinflusst von den englischen Anarchisten, der Anarchopunk-Szene dort, von Bands wie CRASS und CONFLICT. Die höre ich immer noch. Außerdem wurde ich beeinflusst von MINOR THREAT, UNIFORM CHOICE und den DEAD KENNEDYS, um ein paar amerikanische Bands zu nennen. Auf der musikalischen Ebene aber auch von den frühen METALLICA und ANTHRAX, was du klar auf unseren Platten erkennen kannst. Die besten Gitarrensoli auf unseren Platten wurden von unserem guten Freund Onno Hesselink gespielt, der auch unser Layout gemacht hat. Seine Liebe für DAG NASTY und Brian Baker von BAD RELIGION wird in jedem seiner Soli deutlich. Und ja, ich höre immer noch alle Bands, die ich erwähnt habe. Ihre Musik ist immer noch aktuell. Was die Politik angeht, ich stand nie einer bestimmten Partei nahe und werde es auch nie in der Zukunft, da sie alle sowieso nur ein Witz sind. Moderne Politik ist doch nur noch ein Spiel ohne Integrität und Ehre, es geht nur darum, schnell reich zu werden.

Reden wir über deine Arbeit. Ist Goodlife Recordings ein Nine-to-five-Job? Entspricht der Job deinen Vorstellungen oder was könnte besser laufen?

Goodlife Recordings sowie der dazugehörige Webshop ist mein täglicher Job, aber es ist trotzdem keine Nine-to-five-Angelegenheit. Meistens arbeite ich etwa vier Stunden am Tag, dann gibt es auch wieder Tage, an denen ich zwölf bis 14 Stunden arbeite, wenn es notwendig ist. Ich stehe der Philosophie und den Werken von Tom Hodgkinson nahe, der nach einer alternativen Arbeitsethik sucht und Freiheit und das süße Nichtstun proklamiert. Er hat bis heute Tausende von Menschen dazu inspiriert, sich von den Fesseln der Bürokratie und der Gesellschaft zu lösen und die eigene Freiheit zu finden. Eigentlich könnte es kaum besser sein ... vielleicht noch mehr Musik und Merch verkaufen. Alles in allem bin ich zufrieden mit meinen Entscheidungen. Ich kann jeden Tag zur Arbeit laufen, kein Grund also, sich zu stressen.

Wenn ich H8000 oder Goodlife höre, denke ich zuerst an „Edge Metal“. Ist die belgische Szene immer noch stark von Metal beeinflusst?

Ha! Ich habe den Begriff zuerst verwendet, um eigentlich CONGRESS zu ärgern. Es gibt hier verschiedenste Bands und Stile in der Underground-Hardcore-Szene. Aber Metallic Hardcore, oft auch Beatdown sind tatsächlich ziemlich weit vorne. Sogar Bands wie H2O, TERROR oder HATEBREED sind populärer in der Mainstream-Szene.

Du hast in Italien und in Kalifornien gelebt. War das vor oder nach NATIONS ON FIRE? Wie war deine Zeit dort?

Vor und während NATIONS ON FIRE. L.A. ist beschissen, falls man nach Ernsthaftigkeit sucht, sogar im Hardcore-Bereich. Ganz besonders, wenn man wie ich pleite war. Es war wirklich kein angenehmes Leben. Italien war super. Ich hab in einem Apartment mit sechs italienischen Mädels gelebt, hahaha!

Hast du nach NATIONS ON FIRE noch in anderen Bands gespielt?

Ich habe noch in einer sehr kurzlebigen Band namens THE JEDI gespielt, die aber nie irgendwas aufgenommen haben.

Was bedeutet Straight Edge für dich 2013? Ist die Szene noch okay oder war sie besser Anfang der Neunziger?

Es wird immer eine Straight-Edge-Szene geben, weil es einfach wichtig ist. Ich stehe total hinter Straight Edge als bessere Art zu leben, besonders für junge Leute. Die Szene ist cool. Anfang der Neunziger war auch nicht alles perfekt im Straight-Edge-Bereich, man denke nur an Hare Krishna oder die Hardline-Straight-Edge-Szene.

Haben dich viele Leute danach gefragt, die „Strike The Match“-LP noch mal zu pressen, oder war ich der Erste?

„Strike The Match“ wurde bereits viele Male nachgepresst, in Deutschland, Polen, Brasilien, um nur einige Länder zu nennen. Das Interesse war die ganze Zeit über da, aber ich wollte jetzt mit jemandem zusammenarbeiten, der es aus der richtigen Motivation tut, so wie du.

Die Neuauflage des Albums „Strike The Match“ wird einen ganz speziellen Look haben. Kannst du uns was über das Layout erzählen?

Das Layout wird total anders als das des Originals, auch wenn wir das gleiche Foto für das Frontcover verwenden. Der Unterschied ist, das wir diesmal Farbe verwenden, in Anlehnung an meine absolute Lieblingsplatte, „Break Down The Walls“ von YOUTH OF TODAY in der Originalpressung von Wishingwell Records.

Und nun die Frage, die du wahrscheinlich schon tausendmal gehört hast: Gibt es eine Chance, NATIONS ON FIRE noch mal auf der Bühne zu sehen?

Sag niemals nie. Wenn die Notwendigkeit besteht oder der Drang dazu stark genug ist. Aber wir sollten uns nicht darauf verlassen.

Übersetzung: Gabriele Thome