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Interviews & Artikel

STIFF LITTLE FINGERS

Politik, alte Freunde und der irische Bürgerkrieg

STIFF LITTLE FINGERS wurden 1977 in Belfast, Nordirland gegründet. Die Mitglieder der Urbesetzung wurden als Kinder und Teenager somit unfreiwillig Zeuge, als der Bürgerkrieg in ihrer Heimat während der Sechziger und Siebziger erneut eskalierte. Dabei war es der Journalist Gordon Ogilvie (SLF-Manager und Co-Texter von 1977 bis 1983), welcher der Band riet, über ihr eigenes Leben im vom Bürgerkrieg zerrissenen Nordirland zu schreiben. Gerade Ogilvie besaß die Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen, und bescherte der Band damit jede Menge negativer Reaktionen in der englischen Presse. Es gab aber auch namhafte Unterstützung von Leuten wie John Peel (BBC) und Geoff Travis (Rough Trade). Beide hatten großen Anteil an den frühen Charterfolgen der Band.

Von der Gründung bis zur ersten Auflösung 1983 verschliss die Urbesetzung von SLF mehrere Schlagzeuger, blieb aber ansonsten in ihrem Line-up konstant: Jake Burns (Gitarre, Gesang, 1977 bis 1983, 1987 bis heute), Ali McMordie (Bass, 1977 bis 1983, 1987 bis 1991, 2006 bis heute) und Henry Cluney (Gitarre, 1977 bis 1983, 1987 bis 1993). In dieser Besetzung veröffentlichten sie mit „Inflammable Material“ (1979), „Nobody’s Heroes“ (1980) und dem grandiosen Live-Album „Hanx“ (1980) gleich drei Meilensteine des frühen Punkrock. Mit „Go For It“ (1981) klangen die Songs das erste Mal ausgereifter, man entwickelte sich weg vom straighten Straßen-Punk. Trotzdem ist gerade ein Stück wie „Roots, radicals, rockers and reggae“ auch heute noch bei keinem Konzert der Band wegzudenken. Mit „Now Then ...“ setzte sich die Entwicklung von Punkrock zum Powerpop 1982 weiter fort. Das Album klingt heute besser, als ich es in Erinnerung hatte, es floppte damals, fiel seinerzeit bei den Fans durch, weswegen 1983 erst mal Schluss war.

1987 beschlossen Jake, Ali und Henry, erneut in den Ring zu steigen. Aber bereits 1991 musste Ali aus Zeitgründen den Dienst wieder quittieren. Sein Nachfolger von 1991 bis 2006 wurde Bruce Foxton (ex-THE JAM), den man zum ersten Mal 1991 auf „Flags And Emblems“ hören konnte. 1993 wurde Henry dann eher unsanft vor die Tür gesetzt (zu den Hintergründen des Rauswurfs gibt es verschiedene Versionen), und während der nächsten Jahre kristallisierte sich langsam das heutige Line-up heraus, komplettiert durch Schlagzeuger Steve Grantley und wenig später Ian McCallum an der Gitarre. Es folgten das überragende „Get A Life“ (1994) mit dem Jahrhundertsong „When the stars fall from the sky“, „Tinderbox“ (1997), „Hope Street“ (1999) und „Guitar And Drum“ (2004).

2006 verkündete Bruce Foxton seinen Ausstieg und Ali kehrte wieder zur Band zurück. Und das bringt uns in die Gegenwart, wo SLF gerade eine ausgedehnte Europatour absolviert, eine neue Agentur und ein neues Management am Start haben und fleißig an einem neuen Album arbeiten. Das folgende Interview führte ich mit Jake Burns während der „Up A Gear“-Tour. Burns mag zwar kein einfacher Mensch sein, trotzdem mag ich ihn. Er macht seit Jahrzehnten keinen Hehl daraus, dass Musikmachen für ihn eben auch ein Job ist – zwar eine Arbeit, die er liebt, aber eben doch ein Job. Der Vorwurf, er würde es nur wegen der Kohle machen, begleitet SLF dabei schon seit den späten Siebzigern, ihn dürfte es daher inzwischen wenig jucken. Denn wer 36 Jahre in einer Band spielt, hat zwangsläufig irgendwann die Schnauze voll davon, angerotzt und mit Bierbechern beworfen zu werden, ebenso wie von versifften Backstageräumen und Leuten, die versuchen, einen über den Tisch zu ziehen.

Kaum einer von uns kann sich vorstellen, wie es war, im bestenfalls trostlosen Belfast aufzuwachsen. STIFF LITTLE FINGERS bekamen eine Chance, dort auszubrechen, und ergriffen sie – viele hätte das Gleiche gemacht. Dabei hat Jake nie seine Wurzeln vergessen, er ist privat wie auch auf der Bühne, allein schon wegen der Vorurteile, mit denen er als Ire sein Leben lang zu kämpfen hatte, explizit gegen jede Form von Rassismus, Sexismus oder Homophobie und sein Herz schlägt eindeutig links. Und wem es nur um die Musik geht: Auf den beiden Konzerten der „Up A Gear“-Tour, die ich in London und Hamburg erleben durfte, erlebte ich eine schlagkräftige Rock’n’Roll-Band, die immer noch aus allen Rohren feuern kann – neue, gute Songs inklusive.

Jake, ein neues Album ist endlich in Planung. Worin unterscheidet es sich von den bisherigen?

Nun, wir haben es noch nicht aufgenommen. Aber die Songs stehen insofern in der Tradition von SLF, als dass sie soziale Ungerechtigkeiten thematisieren, wie wir sie sehen. Außerdem persönliche Probleme, von denen ich denke, dass ich vielleicht andere unterstützen kann, indem ich darüber spreche. Musikalisch fühlt es sich an wie eine logische Weiterentwicklung von „Guitar And Drum“.

Warum hat es so lange gedauert, bis ihr wieder auf dem europäischen Festland auf Tour gewesen seid? Wenn ich mich nicht täusche, hattet ihr beziehungsweise eure Agentur immer wieder die Fühler ausgestreckt, wobei es dann aber auch blieb.

Die Promoter hatten entweder kein Interesse oder die Termine passten nicht in unsere Planung. Wir sind keine reiche Band, und da drei von uns in den Staaten wohnen, müssen europäische Shows mit anderen Terminen zusammenpassen. Viele Shows finden deshalb in Großbritannien statt.

Gibt es weitere Pläne für die nahe Zukunft?

Wir verhandeln mit Labels und Produzenten. Das neue Album wird also hoffentlich bis zum Spätsommer im Kasten sein, mit einem Release-Termin im Herbst und weiteren Tourdates im Anschluss. Aber noch ist nichts zu 100% bestätigt, wie das immer so ist.

Verstehe mich bitte nicht falsch, aber SLF und demnach auch du selbst haben den Ruf, ziemlich „geschäftstüchtig“ zu sein. Ich rede beispielsweise von dem Rechtsstreit mit Rough Trade, eurer ersten Plattenfirma. Hattest du jemals das Gefühl, dass die Leute übertrieben auf euch rumhacken?

Nun, wir waren es nicht, die Rough Trade vor Gericht gezerrt haben. Aber wir sind schon mal gerichtlich gegen Leute vorgegangen, die versuchten, uns zu beklauen oder uns in der Öffentlichkeit verleumdeten. Bedenke bitte, wir haben 36 Jahre lang sehr hart an unserem guten und integren Ruf gearbeitet. Da lässt du doch auch nicht zu, dass irgendein Arschloch daherkommt und dir das alles wieder wegnimmt, oder?

Der Text von „When the stars fall from the sky“ ist für mich womöglich der beste Text, den SLF je geschrieben haben, dabei scheint die Geschichte heute nahezu vergessen zu sein. Könntest du kurz erklären, worum es in dem Text geht und wie du ursprünglich auf das Thema gestoßen bist?

Wie du selber schon sagst, es war ein Ereignis, das unser Geschichts- und Rechtsempfinden weitestgehend ignorierte. Ich sah durch Zufall eine TV-Dokumentation darüber und war erstaunt, dass ich nie davon gehört hatte. Das war 1992, als das „Boipitong Massaker“ in Südafrika europaweites Entsetzen auslöste. Nur war hier die offizielle Meinung, dass Boipitong das Werk von unzivilisierten Afrikanern gewesen sei. Ich finde es bis heute unglaublich, dass jenes Ereignis in Frankreich damals einfach unter den Teppich gekehrt wurde.

Ich glaube, es war in den Tagen nach dem Schulmassaker an der Sandy Hook Elementary School, da hattest du bei Facebook gepostet, wie du einen Schuss in deiner Nachbarschaft in Chicago hörtest und wie es Erinnerungen an deine eigene Kindheit in Nordirland auslöste. Wie du dich als Kind unter der Decke versteckt hast, wenn draußen geschossen wurde. Wie war es als Kind und als Teenager in Belfast aufzuwachsen?

Meistens langweilig. Das klingt vielleicht komisch, aber die Wahrheit ist, dass es aufgrund der Unruhen schwierig war, abends auszugehen. Keine Bands tourten dort, manchmal wurde die Elektrizität rationiert, aufgrund von Anschlägen und paramilitärischen Angriffen. Es gab Ausgangssperren, so dass man nach 21 Uhr nicht auf der Straße sein konnte. Für einen Teenager, der gerne seine Flügel ein wenig ausstrecken wollte, war das sehr frustrierend.

Welche Wirkung hat es, wenn Kinder, Teenager und junge Erwachsene früh an Waffen und Gewalt gewöhnt werden?

Ich glaube nicht, dass es gut ist. Viel zu oft wird so was wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Kinder sollten grundsätzlich nicht in der Nähe von Waffen sein. Bei Jugendlichen sollte es, wenn überhaupt, nur in einem kontrollierten Umfeld passieren, wo ihnen auch der nötige Respekt vor Waffen und dem, was sie anrichten können, beigebracht wird.

Wurdest du oder die Band jemals wegen eurer Texte oder Ansichten zur Situation in Nordirland bedroht, durch protestantische oder katholische Extremisten oder vom britischen Geheimdienst?

Ein oder zwei Mal, aber es hatte nie irgendwelche Folgen.

Kehren wir zur Musik zurück. Es ist relativ einfach sich vorzustellen, warum eure Zeitgenossen aus London wie THE CLASH oder RUTS sehr früh mit Reggae in Berührung kamen, bedenkt man die große Anzahl von Emigranten aus Jamaica in London. Wenn ich mir Belfast Anfang/Mitte der Siebziger vorstelle, ist Reggae dagegen nicht gerade das Erste woran ich denke. Was hat euer Interesse an diesem musikalischen Genre ausgelöst?

Die Songs. So einfach ist das. Es gab auch einige Parallelen zwischen Jamaica und Irland, etwa ein ähnliches Zwei-Parteien-System mit Gangs und Waffen auf beiden Seiten. Also hatten wir eine gemeinsame Basis. Aber vor allem waren es diese Melodien. Die Jungs beherrschten ihre Instrumente und sie konnten singen!

Wechseln wir nochmals das Thema. Ich nenne dir einige Namen von Menschen, die in der Vergangenheit bei SLF involviert waren. Was fällt dir zum jeweiligen Namen ein? Los geht’s mit John Peel.

Ein totaler Gentleman. Die wichtigste Figur in der britischen Rockmusik, von den Sechzigern bis zu seinem viel zu frühen Tod.

Bruce Foxton.

Grandioser Bassist, großartiger Gesangspartner und ein astreiner Saufkumpel!

Henry Cluney.

Alter Schulkumpel mit mehr gesundheitlichen Problemen in letzter Zeit, als mir lieb ist. Ich wünsche ihm nur das Beste.

Jim Reilly, SLF-Schlagzeuger 1979 bis 1981, danach bei den RED ROCKERS.

Ein Wahnsinniger, haha! Sorry, aber wenn ich an Jim denke, muss ich immer lachen. Ein absolutes Unikat und ein sehr liebenswerter Mensch.

Gordon Ogilvie.

Der Mann, ohne den nichts von all dem möglich gewesen wäre. Ein sehr talentierter Texter und super Typ. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich ihn immer noch zu meinen engsten Freunden zählen kann.

Und noch ein wenig Musikgeschichte. Hier sind ein paar irische MusikerInnen der letzten vier bis fünf Jahrzehnte. Was ist deine Beziehung zu ihnen, falls es eine gibt? THE CHIEFTAINS.

Die „Oberlehrer“ von Irish Folk Music! Ich bin mal mit Paddy Moloney abgestürzt, und die meiste Zeit redete er nur von Mick Jagger.

Phil Lynott und THIN LIZZY.

Der „Präsi“ und die unbestritten beste irische Rockband, die es jemals gab. Phil war ein supernetter Typ, hat immer jüngere Musiker unterstützt, vor allem wenn sie aus Irland kamen. Er wird immer noch schmerzlich vermisst.

THE UNDERTONES.

Sie haben einige großartige Pop-Songs geschrieben. Mein Lieblingssong von ihnen ist „You’ve got my number“. Allerdings muss man schon ein Herz aus Stein haben, wenn man kein Lächeln im Gesicht hat bei den ersten Akkorden von „Teenage kicks“. Großartige Platte.

Kirsty MacColl.

Sie war ein sehr gute Freundin von mir. Wahnsinnig talentierte Komponistin. Tolle Sängerin und ebenfalls eine lustige Saufkumpanin. Habe ich schon erwähnt, dass sie atemberaubend schön war?

Ricky Warwick, THE ALMIGHTY.

Ricky ist ein sehr enger Kumpel, obwohl er Fan des falschen Fußballvereins in Belfast ist, haha.

U2.

Ich habe sie eine Weile nicht mehr getroffen, aber sie waren früher alle supergut drauf. Du kannst von ihnen halten, was du willst, aber sie haben einige der aufregendsten Platten der Achtziger gemacht und es gab Zeiten, in denen sie für mich die beste Band der Welt waren. Die Leute meckern zwar immer an Bono rum, aber was ist dir lieber: Rockstars, die versuchen etwas Gutes zu tun, oder solche, die Minderjährige missbrauchen, während sie sich haufenweise Koks durch die Nase ziehen? Ist nur meine Meinung!

Ich sehe es genauso, und bedanke mich für das Interview!

Kent Nielsen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #108 (Juni/Juli 2013)

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