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Interviews & Artikel

D.O.A.

Punkrock und Politik

Joey Keithley, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joey Shithead, ist schon ein schlaues Bürschchen. Vor seiner Kandidatur für die New Democratic Party in British Columbia im Frühling 2013, kündigte Keithley eine Reihe von D.O.A.-„Abschiedsshows“ an, was ihm die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit garantierte. Neue Pläne, D.O.A. endgültig zu beerdigen, gingen über in Gespräche bezüglich seiner linken politischen Ideale und seines parteipolitischen Programms und ermöglichte es ihm, die Ernsthaftigkeit seiner beabsichtigter politischen Karriere zu unterstreichen. Als ich ihn während seiner Medienkampagne in seinem Haus in Burnaby besuchte, erzählte mir Keithley: „Falls ich die Ehre haben sollte, den Menschen von Coquitlam-Burke Mountain als ihr Abgeordneter zu dienen, erfordert das so viel Aufmerksamkeit und Geisteskraft, Zeit und harte Arbeit, wie ich sie in D.O.A. und das Music Business gesteckt habe. Du kannst dich nicht zerreißen. Die Leute sind überrascht und fragen: ,Was, du wirst nicht mehr bei D.O.A. spielen?‘ Und ich sage dann: ,Sieh mal, da sind die Menschen, die dich wählen, Menschen, die dein Gehalt zahlen, und sie erwarten einen Vollzeit- und keinen Teilzeitabgeordneten.‘“

Die D.O.A.-Abschiedsshow in Vancouver fand am 18. Januar 2013 im Commodore Ballroom statt, mit einer Setlist, die sich größtenteils aus Songs von D.O.A.-Klassikern wie „Something Better Change“, „Hardcore 81“ und „War On 45“ zusammensetzte. Weitere ehemalige D.O.A.-Mitglieder wie der Ex-Bassist und THE SUBHUMANS-Sänger Brian „Wimpy Roy“ Goble und der Songwriter und Gitarrist Ford Pier kamen zusammen mit Joey für eine Zugabe auf die Bühne. Sogar Joeys jüngster Sohn Clayton, ein Teenager und angehender Filmemacher, schloss sich seinem Vater an, um Background-Gesang für „The prisoner“ beizusteuern.

Die Abschiedsshow in Victoria – einige Straßen vom Abgeordnetenhaus von British Columbia entfernt – fand einige Wochen später statt. Beide Shows endeten mit Joeys Ansage an das Publikum: „Zusammen können wir, zusammen werden wir und zusammen müssen wir die Welt zu einem besseren Ort machen, als sie es jetzt ist.“ Kein unbedingt schlechter Slogan für einen Punkrock-Politiker, um ein Konzert zu beenden. Die Abschiedstour setzte sich über Kalifornien und Alberta fort und endete am 3. März, knapp eine Woche vor der Nominierungsversammlung.

Leider schaffte Joey es nicht. Der Sitz ging an Chris Wilson, einen ehemaligen Wrestler und Olympiateilnehmer. Joe kam mit minimalem Abstand auf den zweiten Platz. Mit nun ungewissen Plänen für die Zukunft tat Joe also, was jeder kluge Punkrock-Politiker tun würde: Er organisierte eine D.O.A.-Abschiedstour in Europa. Gleichzeitig bleibt er für die NDP aktiv und spielte etwa auf Spendenveranstaltungen für Kandidaten aus British Columbia anlässlich der Parlamentswahlen im Frühling 2013. Angesichts seiner politischen Hinterkopf konzentrierte sich mein Gespräch mit Joey logischerweise auf dieses Thema.

Joey, wo würdest du dich selbst politisch einordnen? Siehst du dich als Anarchisten?


Grundsätzlich würde ich mich als Freigeist bezeichnen, der an die Förderung der Macht des Volkes glaubt. Ich will mich aber nicht wirklich festlegen. Ich glaube an die Demokratie und trotzdem bringe ich anarchistischen Theorien großen Respekt entgegen, die eine wirklich eigene Weltsicht entwickelt haben und die versuchen, das zum Wohl die Menschen umzusetzen. Aber ich bin definitiv jemand, der wählen geht. Das unterscheidet mich von Anarchisten. Aber auf jeden Fall respektiere ich sie, je nachdem, aus welcher Ecke sie kommen. Diejenigen, die wirklich nachdenken und Positives vollbracht haben, sind eben jene, die ständig missverstanden und von der Presse gegeißelt wurden. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Punk, der sich betrinkt, mit Flaschen wirft und sich Anarchist nennt, und einem wie dem russischen Revolutionär Michail Bakunin.

In Hinsicht auf euren alten D.O.A.-Slogan „Talk – Action = 0“ bin ich ziemlich fasziniert von der Geschichte der Squamish Five, eine Aktivistengruppe, die für „Vandalismus“ und Bombenanschläge verantwortlich war und 1983 verhaftet wurde. Dein Freund Gerry Hannah, SUBHUMANS-Bassist und -Songwriter, ging in den Untergrund, um sich der Gruppe anzuschließen, nachdem er THE SUBHUMANS einige Jahre zuvor verlassen hatte. Die Gruppe war unter dem Namen Direct Action aktiv. Ich habe mit dem Filmemacher Glen Sanford geredet, der die Dokumentation „Useless“ über Gerry gemacht hat. Er sagt, er habe in der Umgebung der Stadt Variationen dieses Namens gesehen, wie „Talk – Direct Action = 0“. Was kannst du dazu sagen?

Nur um das mal klarzustellen, „Direct Action“ gab es bereits vor unserem Slogan. Das war 1979 und ’80, als auf zwei Banken und drei Regierungsgebäude Anschläge mit Brandbomben verübt wurden. Die Polizei und die CLEU – die Abteilung für organisierte Kriminalität bei der kanadischen Polizei –, also dieselben Leute, die den Air India-Fall, bei dem im Juni 1985 mutmaßliche Sikh-Terroristen einen Bombenanschlag auf den Air India-Flug 182 verübten, verpfuscht haben, sowie die RCMP, die Provinz- und Bundespolizei Kanadas, konnten den Fall nie lösen. Oder falls sie ihn doch gelöst haben, haben sie irgendeinen Deal gemacht mit den Leuten, die da involviert waren, und die Sache ist nie an die Öffentlichkeit gekommen. Aber diese Gruppe hat Mitteilungen an die Lokalblätter Sun, Province und Straight geschickt und sich selbst Direct Action genannt. Und dann haben wir den Slogan gesehen, er war auf dem Cover des anarchistischen Magazins Open Road, und Ken Lester, der bis 1988 D.O.A.-Manager war, dachte, dass er perfekt zu uns passen würde. Also haben wir sie einfach gefragt, ob wir den Slogan benutzen dürfen, und sie sagten Ja. Ich glaube, es war die Platte „War On 45“, wo der Spruch auf dem Cover auftauchte. Von da an haben wir ihn noch ziemlich oft verwendet ...

Und inwiefern warst du ein Unterstützer der Five?

Wenn Menschen wirklich unterdrückt werden, müssen sie manchmal eben zurückschlagen. Aber weißt du, für mich war der Mann, der das am effektivsten geschafft hat, Mahatma Gandhi. Oder jemand wie Nelson Mandela, der gegen extreme Apartheids-Verhältnisse angekämpft und friedliche Proteste organisiert hat, die dann auch mal in Gewalt ausarteten. Das ist die Art von „Action“, die ich meine: Wenn die Menschen einfach streiken und versuchen, die Regierung dazu zu bringen, etwas zu ändern. So habe ich mir das vorgestellt. Und nicht etwa hingehen und Sachen in die Luft jagen.

Ich habe es wirklich bewundert, wie D.O.A. und andere Bands hinter Gerry standen. D.O.A. veröffentlichten die „Right To Be Wild“-Benefiz-Single und schrieben den Song „Burn it down“, sowie „Trial by media“ als Reaktion auf die Verhaftung der Five. Es war schlimm, dass Menschen dabei verletzt wurden, aber es war gut zu sehen, dass die Szene ihre Mitglieder unterstützte.

Auf jeden Fall, wir organisierten eine Menge Spendenaktionen und brachten die Single raus. Als wir von der Geschichte erfuhren, waren wir gerade in Detroit. Wir saßen herum und überlegten, was wohl mit Gerry ist, und zwei Stunden später ruft Ken uns an und sagt: „Gerry wurde in Squamish verhaftet.“ Und dann ging es los mit dieser sensationslüsternen Berichterstattung – denn man hatte das Waffenversteck oder was auch immer gefunden. Wir wussten nicht, was wirklich stimmte, es machte zu dieser Zeit aber den Eindruck, dass es wirklich schwierig für die fünf werden würde, eine faire Verhandlung zu bekommen. Und das gab den Anstoß dazu, eine Spendenaktionen für sie zu organisieren. Aber versteh mich nicht falsch, die Ansichten, die sie vertraten, das waren die richtigen Absichten. Sie kämpften gegen Sachen, die richtig scheiße waren, gegen Menschen, die die Umwelt zerstören und Gewalt gegen Frauen propagieren. Und manche Menschen tun das immer noch – das zeigt sich an dem ganzen Antikriegs- und Antiglobalisierungsding. Aber ich würde jetzt nicht sagen: „Das ist der Weg, wie man das System bekämpft!“ Aber Gerry ist einer meiner besten Freunde und ich dachte, dass wir ihn unterstützen sollten.

Ich habe mal Terry Chikowski interviewt, eines der Opfer des Anschlags auf Litton Industries im Jahr 1982 Toronto, jener Rüstungsfirma, die Teile für amerikanische Marschflugkörper herstellten. Ich weiß, dass Gerry an dieser speziellen Aktion nicht beteiligt war, aber dennoch ist Chikowskis Schicksal herzzerreißend.

Ja, das ist eine unschöne Sache. Du lässt es mit so einem Anschlag eben wirklich drauf ankommen. Ich meine, klar, sie haben angerufen und die Leute gewarnt, aber solche Geschichten laufen immer sehr chaotisch ab. Jemand leitet den Anruf falsch weiter, oder sie rufen nicht rechtzeitig an, oder sie nehmen den Anruf nicht ernst ... Du kannst das Risiko nicht eingehen, jemanden in die Luft zu jagen. Du musst die Leute von deiner Meinung überzeugen, um Dinge zu ändern. Wenn du es schaffst, die Leute dazu zu bringen nachzudenken und zusammenzuarbeiten, dann kannst du diese beschissene Welt verändern. Aber man muss dazu auch respektvoll mit dem Leben anderer Menschen umgehen.

Dem stimme ich zu. Aber wie muss man in diesem Zusammenhang einen Song wie „Burn it down“ verstehen? War es das, was du dachtest, als die Five verhaftet wurden?

Ich weiß nicht, ob ich mich vollständig daran erinnern kann. Von allem, was passiert, bleiben nur gewisse Eindrücke im Gedächtnis. In Kanada war ja seit Jahren nichts Vergleichbares geschehen. Es ist schwer zu sagen, was ich genau zu dieser Zeit dachte, aber sicher nicht, dass der Einsatz von Gewalt richtig war. Und ich denke nicht, dass ich es zu jener Zeit für richtig hielt, Dinge in die Luft zu sprengen. Wenn jemand dir eine Waffe an den Kopf hält, wirst du versuchen, sie ihm aus Hand zu schlagen, wenn du die Chance hast. Egal, was du machst, du versuchst auf jeden Fall, dich zu verteidigen. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion. Aber los zu gehen und Gewalttaten zu begehen ... Gewalt erzeugt nur neue Gewalt, das ist wohl mein Fazit des Ganzen.

Euer früherer Drummer Jon Card erzählte mir, dass die Polizei in Vancouver damals für eine Weile die Punks im Visier hatte.

Ja, als die Brandanschläge passierten, also 1979 und ’80, konntest du auf mysteriöse Weise nirgendwo mehr spielen. Alle Clubs, in denen wir sonst spielten, wie das Windmill und das Buddha, sowie einige andere in der Stadt, sagten urplötzlich: „Nein, es geht nicht.“ Also fingen wir an, Shows in kleinen Hallen außerhalb der Vororte zu spielen. Es wurde zwar von keiner Seite bestätigt, aber die Polizei vermutete dort anarchistische Versammlungsorte. Viele Leute, die ich kenne, schwören, die Polizei hatte damals ein Haus auf der anderen Straßenseite vom mittlerweile abgerissenen Richard’s in Vancouver gemietet und jeden auf Video aufgenommen, der ein- und ausgeht, um ein Profil von jedem zu erstellen, der diese anarchistische Punkrock-Treffen besucht.

Bekamst du durch die Ermittlungen irgendwelche Probleme?

Ich wurde nie direkt schikaniert. Ich war aber auch nicht wirklich oft in der Stadt. In dieser Zeit haben wir konstant getourt. Wir haben immer vermutet, dass unser Telefon abgehört wird oder so was. Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht.

Eine Zeit lang nach diesen Ereignissen war die Stimmung auf lokaler Ebene ziemlich angespannt. Es schien, als könnte wirklich etwas Großes passieren, etwa zu der Zeit von der „General Strike“-Single, 1983 und kurz davor ...

Ich denke immer noch, dass es eine gute Zeit war, als die Menschen noch ihre Meinung sagten und ich war sehr stolz darauf, dabei zu sein. Und ich bin bis heute der Ansicht, dass es eine gute Sache ist, den Mächtigen auf die Füße zu treten.

Ich habe dich im Film „American Hardcore“ gesehen und da schien die These zu lauten, dass es die Wiederwahl Reagans war, die dafür sorgte, dass sich die politische Energie des Punk Mitte der Achtziger verflüchtigte. Auf jeden Fall scheint es heutzutage etwas konturloser zu sein. Was ist deiner Meinung nach passiert?

Ich denke nicht, dass die Künstler heute noch genauso kraftvoll und leidenschaftlich sind, das war einzigartig in dieser Zeit. Aber ich denke nicht, dass das Politische im Punk wegen Reagans Wiederwahl verschwand. Die zweite Amtszeit Reagans war schließlich noch schlimmer! Er wurde mit der Zeit immer unerträglicher. Es verstärkte die Sache in gewisser Weise. Ich denke, der Grund, weshalb sich die Hardcore-Szene aufspaltete und veränderte, war, dass immer mehr Bands auftauchten wie die CRO-MAGS. Es wurde so eine richtige Skinhead-Geschichte. Und ich meine nicht die SHARP-Skins, sondern die Idioten, verstehst du. Wir spielten überall in Nordamerika und wir hatten in dieser Zeit nichts als Auseinandersetzungen mit diesen Typen, diesen Rassisten. Manchmal hielten sie eine rassistische Mini-Kundgebung direkt vor der Show ab. Das war wohl der Moment, von dem an viele Leute nicht mehr zu Punkrock-Shows gehen wollten. Anstatt im Pit herumgeschubst zu werden, seinen Spaß zu haben und einem jemand aufhalf, wenn du hingefallen warst, versuchte jemand, noch nachzutreten. Ich schätze mal, das pa3den Staaten viel häufiger als in Kanada. Ich weiß noch, dass wir in San Francisco, Denver und Houston und einem halben Dutzend weiterer Städte da unten nichts als Probleme hatten. Es kamen einfach Rassisten vorbei und machten Ärger. Für uns war das die Antithese von Punkrock ... Vergleich das mal mit den Shows, die wir früher in Vancouver spielten. Es gab die POINTED STICKS, D.O.A. und die U-J3RK5 – das war echte stilistische Vielfalt! Das war einige Jahre vor 1986/87. Mit dieser Vielfalt, einem gewissen Spaß an der Sache und der politisch-liberalen und revolutionären Natur des Ganzen, gab es eine Menge Elemente, die die Szene sehr, sehr interessant machten. Aber als diese Musik begann, sich abzugrenzen, sich mit Hardcore vermischte und ein bisschen mehr Metal-Einfluss dazukam, wuchs auch dieser „Idiotenfaktor“. Sagen wir einfach, es machte das Ganze ein erhebliches Stück weniger interessant. Zu diesen Shows zu gehen, war wenig erfreulich. Dass ist für mich in etwa das, was passierte. Dieses ganze Underground-Ding, bei dem es um Politik geht, ist nie wirklich gestorben, es ist nur nie wieder so stark in den Vordergrund getreten wie zu jener Zeit. Oder nimm diese Pop-Punk-Bands und die Bands auf der Warped Tour und MTV oder Much Music, wenn sie wirklich den Arsch hochbekommen und ihren Einfluss und ihre Energie nutzen würden, so wie es Leute wie Jimi Hendrix taten, könnten sie erfolgreiche Künstler eine Menge verändern. Ich finde, wenn du die Möglichkeit hast, dann solltest du sie nutzen! Ich behaupte ja nicht, dass niemand was tut. Zum Beispiel war da diese Sache mit „Rock Against Bush“ und PunkVoter.com, wo ich mir gedacht habe, das ist wirklich cool. Aber es sind nicht genug Leute, die sich wirklich engagieren, das ist das Problem.

Und was ist mit einer Band wie ANTI-FLAG?

Für mich ist das eine coole Band, aber für jede ANTI-FLAG gibt es hundert andere Bands, die untätig sind. Ich bin wirklich niemand, der mit dem Finger auf andere zeigt, denn ich weiß, wie hart es ist, seinen Lebensunterhalt auf diese Weise zu verdienen. Aber bei manchen dieser Bands ist es fast wie in den Sechzigern, als man über Autos, Mädchen und Ärger in der Schule gesungen hat. Und nur weil sie laute Gitarren haben, wird es nicht zu Punkrock. Da muss ein verunsicherndes, konfrontatives Element vorhanden sein, diese „Fuck you“-Haltung, um es zu Punk zu machen.

Denkst du, dass die Verhaftung der Squamish Five etwas damit zu tun hatte, dass dem politischen Punk der Wind aus den Segeln genommen werden sollte? Die Botschaft schien ja zu lauten: Wehre dich gegen die Obrigkeit und wandere dafür ins Gefängnis.

Nein, das war nicht sehr inspirierend. Die Verhaftung ereignete sich im Januar 1983. Im selben Jahr war gab es den erwähnten Generalstreik in British Columbia. In den darauffolgenden Jahren und in den Neunzigern begannen wir, viel in Europa zu touren. Wir spielten oft in diesen großen Fabrikgebäuden, die Punks, Linke und Anarchisten besetzt hatten und wofür sie keine Miete zahlten. Sie hatten diese tollen Orte, wo es Konzerträume, Workshops, kleine Schulen und Bibliotheken gab, und wir dachten uns: Verdammt, das ist es! Wenn man das auch in Nordamerika machen könnte. Und es war auch sehr angriffslustig. Wir waren beispielsweise in diesem Haus in Dänemark, wo du nicht von der Straße aus in das Gebäude konntest. Du musstest durch eine Seitengasse und über eine Mauer klettern, und dort hatten sie dann einen großen Haufen Steine und Ziegel. Ich schaute mir das an und fragte, wofür die sind, und einer der Typen sagte: „Das ist unsere erste Verteidigungslinie, wenn die Polizei kommt.“ Haha! Dann überquerten wir den großen Hof, kletterten eine Stahlleiter hoch und gelangten in ihren Unterschlupf. Sie konnten die Leiter hochziehen und blitzartig die Tür schließen. Der Typ sagte: „Das ist die zweite Verteidigungslinie, wenn die Polizei kommt – von hier aus können wir die Steine auf ihre Köpfe regnen lassen!“ Und ich dachte mir nur: „Wow!“ Viele von ihnen waren Punks oder sympathisierten wenigstens ein bisschen damit. In bestimmten Gegenden war man also ziemlich aggressiv, es ging wirklich um etwas. Und wie ich schon sagte, die Jungs waren richtig produktiv – es ging nicht nur darum, mal einen Stein zu werfen.

Ist es immer noch so konfrontativ?

Nicht mehr so sehr. Die Hausbesetzerszene ist nicht mehr so groß, wie sie es einmal war. Es hat früher mehr Spaß gemacht. Die Musikszene in Europa ist heute wie hier in Nordamerika. In der Punk-Szene passiert immer noch einiges, aber sie ist nicht mehr so unberechenbar. Es ist ruhiger, als es früher war, und deshalb macht es auch weniger Spaß. Wir als D.O.A. haben es gehasst, wenn alles wirklich organisiert ablief, weil es dort keinen Raum für Chaos und Anarchie gab. Wir mochten Deutschland, Italien und England, weil die Punks dort immer in irgendeiner Konfrontation steckten oder gegen Atomkraft demonstriert haben. Du wurdest da immer irgendwie mit reingezogen. Was ich sagen will: Du brauchst einfach Chaos, damit es eine gute D.O.A.-Show wird. Das ist die Erfolgsformel.

Das Backcover eures 1980 veröffentlichten Debütalbums „Something Better Change“ zeigt ein Foto, auf dem ein ziemlich angepisster Typ einen fallenden Polizisten mit beiden Fäusten angreift. Was ist die Geschichte dahinter?

Ich weiß nicht, wer das Foto gemacht hat, und ich weiß auch nicht, wer der Typ und der Cop ist. Als Charles de Gaulle 1968 oder ’69 am St. Jean Baptiste Day, dem kanadischen Nationalfeiertag, nach Quebec kam und sagte „Vive le Quebec liberté“, also „Es lebe das freie Quebec“, kam das rüber wie: „Fuck you, Canada“. Es kam zu Ausschreitungen und ich denke, dass die RCMP offensichtlich erfolglos versuchte, den Aufstand aufzulösen. Zumindest macht es auf dem Foto den Eindruck. Es ist ein verdammt großartiges Bild. Es passte auch irgendwie zum Thema der Platte und das Frontcover war auch ziemlich cool. Wir sagten, lass uns noch diese schwarze Flagge draufkleben, damit es nach Anarchisten aussieht, und dann passte alles irgendwie zusammen.

John Armstrong – aka Buck Cherry, Gitarrist von THE MODERNETTES – hat in seinem Buch „Guilty Of Everything“ diesen Witz: „How many Punks does it take to change a lightbulb?“ Und die Antwort ist: „Punks can’t change anything.“ Glaubst du, dass D.O.A. politisch irgendetwas erreicht haben?

John hat einen großartigen Sinn für Humor, aber als jemand, der sein halbes Leben oder länger Aktivist war, sage ich dir: Du kannst etwas verändern! Es können kleine, schrittweise Veränderungen sein. Aktionen, um jemandem zu helfen oder um Spenden zu sammeln. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Gerry und ein paar von unseren Leuten mal auf eine Demo gegen die Erhöhung der Preise von Bustickets ging. Wir setzen uns auf die Burrard Street und blockierten die Busse. Die Busfahrer waren total genervt und schrien und beschimpften uns. Dann sind wir in die Busse gestiegen, ohne zu bezahlen, und sie sind beinahe durchgedreht. Solche Aktionen sind in meinen Augen wirklich effektiv, denn damit erregst du eine Menge Aufmerksamkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob die Aktion etwas gegen die Preiserhöhung bewirkt hat, aber es hat auf jeden Fall die Aufmerksamkeit vieler Menschen darauf gelenkt, dass Menschen ohne Geld ein Recht auf öffentliche Verkehrsmittel haben sollten. Wie sollst du zur Arbeit oder in die Schule kommen, wenn du keine Kohle hast? Solche Aktionen waren richtig cool ... Dann war da dieses Konzert, das wir im Commodore spielten. Randy Bachman, der Gitarrist und Gründer von BACHMAN-TURNER OVERDRIVE, hat die, glaube ich, 1987 oder ’88 dort organisiert. Dort waren er, wir und einige andere Bands, und sammelten einen Haufen Geld zugunsten von Oxfam. Die verwendeten es, um damit einen Krankenwagen zu kaufen, der dann nach Soweto nach Südafrika ging. Okay, wir haben nicht die Welt verändert, wir haben nicht zehn Millionen Dollar gesammelt wie Bob Geldof, aber es ist ein Weg, den Leuten zu zeigen, dass du die Probleme wahrnimmst und dass du, wenn du dich ein bisschen engagierst, Menschen helfen kannst. Ich kann mich nicht mal an die Hälfte der Aktionen erinnern, die wir gemacht haben. Etwa zwischen 1988 und ’89 hat sich Terry Jacks, ein kanadischer Singer/Songwriter und Umweltaktivist, mit der Verschmutzung durch die Zellstoff- und Papierfabriken in British Columbia beschäftigt. Es gab erhöhte Krebsraten und Mutationen bei Krustentieren aufgrund der Abfälle im Wasser und der Luft. So kamen wir dazu, eine Benefizveranstaltung zu organisieren. Eigentlich war es die Idee von Dale Wiese, der früher bei Quintessence Records war. Ich kontaktierte Terry und seltsamerweise trafen wir uns am Ende mit Bruce Allen, dem damaligen Manager von BTO und Bryan Adams, und spielten diese Show mit Bryan Adams, BTO, Terry Jacks und D.O.A., eine wirklich seltsame Kombination. Das hat uns eine Menge Aufmerksamkeit durch die Presse beschert. Ich sage nicht, dass wir es alleine geschafft haben, aber letztendlich verschärfte sogar die konservative Regierung die Gesetze in Sachen Industrieabfälle. Für mich ist das die Art, wie du Dinge verändern kannst. Die Leute dachten: „Wow, das ist abgedreht, D.O.A. und Bryan Adams“ – und ja, das war abgedreht. Doch es hatte einen sehr guten Effekt, weil wir Bryan Adams Superstarstatus nutzbringend für eine gute Sache einsetzen konnten.

Lass uns noch über die Abschiedsshows reden. Danach wirst du keine Band mehr haben. Was wirst du vermissen?

Nichts und einfach alles, ich weiß es nicht. Nicht bezahlt zu werden, das ist ein wesentlicher Punkt. P.A.s, die nicht funktionieren, Veranstalter, die ihre Zusagen nicht halten – der übliche Scheiß , der der Fluch eines jeden Musikerlebens ist. Jeder macht das durch, außer vielleicht die übererfolgreichen 0,01 Prozent. Fast jeder Musiker, der dabei bleiben will, muss einen Weg finden, alles am Laufen zu halten – du musst in allen Bereichen aktiv sein. Und ich habe selbst ein Label geführt, ich habe Shows veranstaltet, ich habe Poster gestaltet, ich war Türsteher, ich habe alles gemacht, von A bis Z ... Es ist ein bisschen, wie in einem Hockeyteam zu spielen. Du hast die Kameradschaft, möglicherweise das Beste an der Band. Ich war schon immer überzeugt, bei einer Band sollte es einfach dazugehören, dass man miteinander befreundet ist. Das war das Schlüsselelement – man muss nicht des anderen bester Freund sein, aber du musst eine gewisse Sympathie für die Weltsicht des anderen teilen. Wenigstens eine grundsätzliche Übereinstimmung sollte vorhanden sein. Du kannst nicht in einer Band spielen und der Gitarrist ist ein erklärter Marxist oder Leninist und der Bassist ist ein Baptist, oder? Ich meine, du könntest es vielleicht, aber glaube nicht, dass es funktionieren würde. Meiner Einschätzung nach musst du ein einigermaßen ähnliches politisches Empfinden haben. Und du musst auch zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Alter zusammenfinden. Der Kameradschaftsgeist hat einen Großteil des Erfolgs von D.O.A. ausgemacht. Darin liegt auch die Ursache für unser sich ständig veränderndes Line-up: Wenn da keine Kameradschaft mehr ist, wenn sich die Ansichten verändern, dann hat es nichts damit zu tun, dass ich die Leute, die nicht mehr in der Band sind, nicht mehr mag, sondern es war einfach für sie oder für mich Zeit, das Bisherige hinter sich zu lassen und etwas anderes zu machen.

Dann lass uns über das aktuelle Line-up reden. Du hast über die Jahre hinweg immer mal wieder mit Dan Yaremko aka „Dirty Dan Sedan“ zusammengearbeitet. Du verstehst dich also offensichtlich gut mit ihm?

Dan ist wirklich ein prima Kerl und ein wirklich exzellenter Bassist. Er hat eigentlich nur zwei Fehler: Er ist Fan der Eskimos und der Oilers, den Hockeyteams aus Alberta, wo er herkommt. Ich kann nicht glauben, dass der Typ länger in Vancouver als in Edmonton lebt, mittlerweile über zwanzig Jahre, und immer noch an seinen Wurzeln festhält! Dass muss man ihm lassen, er ist kein Verräter. Dan ist ein großartiger Kerl, ich liebe es, mit ihm zu unterwegs zu sein.

Wer trommelt bei euch gegenwärtig?

James Hayden, genannt „Floor Tom Jones“, der vier Jahre bei uns war, 2008 bis 2012, konnte nicht weiterhin beim Postamt freinehmen. Nach ihm hatten wir für ein Jahr Jesse Pinner, ein netter Bursche, der auf unserem letzten Album gespielt hat. Und dann war er wieder draußen. Floor Tom hatte uns ursprünglich JJ Heath empfohlen, der aber noch bei CARPENTER eingebunden war. Er kam einfach vorbei, spielte und war wirklich gut. Allerdings hatte er kürzlich einen Unfall. Er konnte also die Shows im Rickshaw nicht spielen und Floor Tom ist für ihn eingesprungen. JJ ist aber auf dem Weg der Besserung und wird mit uns nach Europa kommen. Wir fangen im Juli mit dem Proben an.

Es ist schwierig sich vorzustellen, dass du alles zurücklässt, wenn die letzte D.O.A.-Show gespielt sein wird.

Es ist ja nicht so, dass ich nie wieder eine Gitarre anfassen werde. Ich treffe immer mal wieder ehemalige Musikerkollegen und ich frage sie dann: „Spielst du noch?“ Und sie antworten: „Nein ich spiele nicht mehr.“ Und ich dann: „Wie kannst du zwanzig Jahre lang spielen und dann einfach aufhören?“ Selbst wenn es nur so etwas ist wie Samstagnacht im Legions. Du gehst dahin für ein paar Bier und spielst ein paar Coversongs. Das ist etwas, wo ich denke, dass es einem einfach im Blut liegt, das ist etwas, was ich immer tun werde. Einer meiner größten Einflüsse – der Typ, den ich vielleicht am meisten bewundere – ist der Folksänger Pete Seeger. Er ist circa 93 und macht das, seit er 15 war. Er spielt sein Banjo, schreibt Songs und tut der Menschheit Gutes. Ich sage nicht, dass ich Pete Seeger bin, aber ich lasse mir gern einen Wink von einem der ganz Großen geben. Ich werde Gitarre spielen und singen, solange ich lebe.

Allan MacInnis

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #109 (August/September 2013)

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