MIKE WATT

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D. Boon gibt keine Antwort

Gestatten: Mike Watt, Punkrock-Bass-Legende. Mit den 1980 in San Pedro, Kalifornien gegründeten MINUTEMEN spielten er, Sänger und Gitarrist D. Boon und Drummer George Hurley in einer der ungewöhnlichsten Bands der frühen Punkrock-Jahre, die zum einen geprägt war von einer auch heute noch seltsam klingenden experimentellen Attitüde und einer kompromisslosen D.I.Y.-Philosophie. Gleichzeitig bildeten die MINUTEMEN neben BLACK FLAG das Rückgrat des 1978 in Long Beach von Greg Ginn aus der Taufe gehobenen, legendären SST-Labels, das zuerst nur eine Firma für Elektroersatzteile war, dann bekanntlich viele großartige Bands bekannt machte, wie HÜSKER DÜ, MEAT PUPPETS oder DESCENDENTS. BLACK FLAG lieferten mit der „Nervous Breakdown“-7“ die erste Veröffentlichung des Labels, die MINUTEMEN-EP „Paranoid Time“ trug die Katalognummer SST 002.

Der Tod ihres Frontmannes D. Boon bei einem Autounfall beendete Ende 1985 nach vier Alben und acht EPs die Karriere der MINUTEMEN. Die fanden, unter Führung von Mike Watt, schon kurz darauf in fIREHOSE einen würdigen, ähnlich schwer kategorisierbaren Nachfolger, bedingt durch die Beharrlichkeit eines 21-jährigen MINUTEMEN-Fans aus Ohio namens Ed Crawford. Der stand irgendwann mehr oder weniger unangemeldet bei dem traumatisierten, schwer depressiven Watt vor der Haustür und bot sich als neuer Sänger an. Nach drei Alben für SST und zwei für Columbia waren 1993 auch fIREHOSE Geschichte und Watt machte solo weiter. Auch wenn er seitdem nur vier „echte“ Soloplatten veröffentlicht hat, war er bei unzähligen anderen Bands involviert, und irgendwie hat man das Gefühl, dass es eigentlich niemanden gibt, der nicht schon mal zusammen mit Watt gespielt hat. Das Jahr 2000 war dann allerdings ein sehr einschneidendes für den eigenwilligen Bassisten, denn eine fiese, falsch diagnostizierte Infektion hätte ihn fast das Leben gekostet. Im selben Jahr bahnte sich allerdings auch seine spätere Tätigkeit als STOOGES-Bassist an, als er das erste Mal auf die Asheton-Brüder traf, im Zuge seiner Tour als Mitglied von J MASCIS AND THE FOG. Seitdem ist Watt aktiver denn je und besitzt mit Clenchedwrench inzwischen auch sein eigenes Label. Auf dem erschien bisher mit „Hyphenated-Man“ 2011 sein letztes, überraschend stark an die MINUTEMEN anknüpfendes Soloalbum, eine Zusammenarbeit mit dem altgedienten Musikjournalisten Richard Meltzer namens SPIELGUSHER und ein neues DOS-Album mit Ex-Gattin und Ex-BLACK FLAG-Bassistin Kira Roessler. Aktuell erschien dort auch ein Album von IL SOGNO DEL MARINAIO, aufgenommen mit zwei jungen italienischen Musikern, mit denen Watt im Februar die Cobra-Kantine in Solingen beehrte. Vor 21 Jahren traf ich während einer der letzten fIREHOSE-Touren hierzulande das erste Mal auf Watt. Beim Interview verflüchtigte sich die anfängliche distanzierte Ehrfurcht schnell, denn der Mann mit dem Faible für Flanellhemden dürfte eine der herzlichsten und vor allem authentischsten Musikerpersönlichkeiten sein, die die kalifornische Punk-Szene der Achtziger hervorgebracht hat, ein Eindruck, der sich auch an diesem Abend in Solingen noch einmal bestätigte.

Mike, neben deiner Tätigkeit als Bassist der STOOGES findest du gerade auch noch Zeit, mit einer anderen Band auf Tour zu gehen und eine Platte aufzunehmen, ein Projekt namens IL SOGNO DEL MARINAIO mit den beiden italienischen Musikern Stefano Pilia und Andrea Belfi. Wie kam das zustande und was ist der Reiz für dich daran?

Das erste Mal traf ich Stefano bei sechs Konzerten während meiner „The Secondman’s Middle Stand“-Tour 2005 in Italien. Einige Jahre später rief er mich dann an und fragte, ob ich zusammen mit ihm und einem Kumpel, unserem Drummer Andrea, ein paar Konzerte spielen wollte. Und ich dachte, wenn wir ein paar Gigs spielen und Material dafür haben, warum machen wir nicht gleich ein Album daraus? Und das haben wir dann zwischen den sechs Konzerten Ende 2009 auch getan, allerdings kam die Platte erst in diesem Jahr heraus. Ich hatte dieses Jahr wegen zahlreicher Verpflichtungen zwar nicht viel Zeit, aber ich sagte, dass ich anlässlich der Platte rüber komme und wir so viel wie möglich spielen – 22 Gigs in 22 Tagen. Mir gefällt daran einfach, dass es ein Trio ist, und man weiß ja, dass ich Trios bevorzuge. Ich finde das klasse, nur Bass, Schlagzeug und Gitarre, wie damals mit D. Boon und später dann mit George und Edward. Man kann wirklich alles Mögliche mit Bass, Schlagzeug und Gitarre anstellen und die beiden sind der beste Beweis dafür. Es gibt ja mehr als nur einen Weg für so ein Power-Trio. Und ich versuche das als eine Art Schüler anzugehen, da ich das Gefühl habe, dass die beiden mir etwas beibringen können, auch wenn sie zwanzig Jahre jünger als ich sind. Deshalb mache ich es, ich bin hier, um etwas zu lernen. Sie sind gut für mich, weil sie mich inspirieren.

Wie würdest du das beschreiben, was ihr mit IL SOGNO DEL MARINAIO macht – als Avantgarde-Musik?

Ich bin auf jeden Fall sehr interessiert an Avantgarde-Musik. Als ich in den Siebzigern die ersten Leute aus der Punk-Szene bei Gigs in Hollywood traf, kannte ich bis dahin nur Stadionrock. Mein erstes Konzert war T. REX. Bevor ich Punk kennen lernte, wusste ich gar nicht, dass solch kleine Clubs überhaupt existierten. Aber diese Leute, die meist auch schon älter waren, waren richtige Plattensammler. Ich glaube, es war Raymond Pettibon, der mir das erste Mal John Coltrane vorspielte. Und ich hielt das damals für Punk, ich wusste es ja nicht besser. Ich dachte auch nicht, dass Punk wirklich ein Musikstil war, ich dachte, es ging vor allem um die Leute ...

... und ihre Einstellung?

Ja, das fand vor allem im Kopf statt. Sie konnten sich nicht den Gegebenheiten unterordnen. Bei mir war es eine direkte Reaktion auf Stadionrock. Für diese Jungs ging es aber eher darum, den Hintern hochzubekommen und zu spielen, sie haben weniger auf etwas reagiert. Zur Musik kam ich eigentlich nur, weil ich mit meinem Freund zusammengespielt habe. Ich hing mit D. Boon ab und seine Mutter schnallte mir irgendwann den Bass um. Ich wusste überhaupt nicht, was ein verdammter Bass ist. Wir haben zuerst nur Songs von anderen nachgespielt und gar keine eigenen geschrieben. Aber man konnte die Bassparts auf den Platten teilweise gar nicht hören wegen unserer miesen Stereoanlagen. Wir spielten überwiegend zu Hause, man konnte ja keine Gigs im Stadion spielen. Zumal D. Boons Mutter wollte, dass wir nach der Schule zu Hause bleiben, weil es eine ziemlich rauhe Gegend war, wo er wohnte, und man leicht Probleme bekam. Aber mit den Clubs und der Punk-Szene änderte sich das dann, denn wenn man da eine Punkband sah, konnte man gut erkennen, dass sie noch lernten. Wir waren 1976 mit der Schule fertig, damals war die Szene recht klein, es gab vielleicht 200 Punks und so in Hollywood und keiner kannte sich untereinander. Es gab auch einen Rundfunksender namens KPFK, der Avantgarde-Sachen spielte wie John Cage und Platten von einem Label wie HatHut, da hörte man nichts von Stadionrock. Es war kein kommerzieller Sender, sondern wurde von den Hörern gesponsort. Ich glaube, den ersten gab es in Berkeley, es gab mehrere davon. Das hatte auch einen großen Einfluss auf mich. Aber das wurde mir erst richtig klar, als es diese Punk-Bewegung gab. Und D. Boon kannte das alles nicht, weder CREAM noch THE WHO. Die einzige Rockband, die D. Boon kannte, waren CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL. Ich spielte ihm erst diese ganzen Platten vor.

Und was war mit deinen Eltern, wie gingen die mit den musikalischen Ambitionen ihres Sohnes um?

Meine Mutter verstand es schon, D. Boons Mutter nicht, sie starb 1976, bevor wir unsere erste richtige Punkband hatten. Meine Mutter dachte immer, dass es so eine Art künstlerische Band ist. Meine Vater hatte keine Ahnung davon, er hatte nichts mit Musik am Hut. Er wusste nur, dass ich es wegen D. Boon tat, insofern verstand er nicht, dass ich weitermachte, als D. Boon 1985 tödlich verunglückte. Ich schickte ihm später Postkarten von überall auf der Welt und er meinte, dass ich wie er jetzt ein Seemann sei. Ich weiß noch, wie ich damals mit meinem Van vorfuhr und er die Band sah, die ich hatte, aber nicht verstand, wie man damit seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Mein Vater fuhr zur See, er war bei der Navy, als Kind und Jugendlicher sah ich ihn kaum. Ich lernte ihn erst besser kennen, als er älter war, aber der Krebs brachte ihn schon früh um, er hatte im Maschinenraum nuklear angetriebener Schiffe gearbeitet. Das war bedauerlich, denn ich mochte ihn wirklich und konnte ihn nie richtig kennen lernen. Und was er über mich wusste, vor allem in späteren Jahren, waren diese aufgebauschten Geschichten hinsichtlich Punk. Er hat mit mir auch mal darüber gesprochen, irgendwann Ende der Siebziger war das, glaube ich. Er kam zu mir, wir tranken ein paar Bier, was er noch nie zuvor getan hatte, und fragte mich: „Was hat es mit diesem ganzen Punk-Mist eigentlich auf sich?“ – „D. Boon schreibt Songs und wir spielen Konzerte zusammen.“, sagte ich. „Ja, gut, aber worum geht es wirklich?“ Und ich fragte ihn, was er meint. Und er sagte: „Seid ihr Sozialisten, oder so was?“ Ich habe nur gelacht, was sollte ich auch sonst machen? Und er wurde richtig sauer, er hatte grüne Augen, die grau wurden, wenn er richtig angepisst war. Ich hatte das auch nicht so gemeint, aber konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Aber heute ist das anders, da wissen Väter mehr darüber, es hat auch immer etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Heutzutage bringen die Leute ihre Kinder mit auf Punk-Konzerte. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so kommen würde, ich hielt es immer für ein reines Außenseiter-Ding. Aber durch die Sache mit den Postkarten konnte mein Vater es dann langsam verarbeiten. Sein Vater kam ursprünglich aus Arkansas und er konnte nie verstehen, wie ich im Süden auf Tour gehen konnte, ohne gelyncht zu werden, haha. Natürlich gibt es dort solch engstirnige Leute, aber auch jede Menge andere, die nicht so drauf sind, aber er wusste es eben nicht besser. Deshalb sind Erfahrungen, die man selbst macht, so wichtig, man muss solche Dinge selber herausfinden. Deshalb schreibe ich auch diese blöden Tourtagebücher, um Leuten das zu vermitteln. Nicht jeder Vater will, dass sein Sohn eine Kopie von ihm wird, aber er macht sich Sorgen, ob man seinen Lebensunterhalt verdienen kann, denn er weiß, dass die Welt schlecht ist. Es gab damals einfach generell größere Differenzen zwischen Eltern und Kindern, was Musik angeht. Heute hören sich Jugendliche vierzig Jahre alte Musik an, das ist überhaupt kein Problem. Ich musste damals Frank Sinatra oder Jimmy Dorsey hören. Auf seltsame Art habe ich bestimmte Dinge mit meinen Eltern gemeinsam, in anderer Hinsicht überhaupt nicht.

Es scheint für Jugendliche heutzutage auch weniger eine Rolle zu spielen, aus welcher Ära und aus welchem Genre die Musik stammt, die sie hören, sie mischen alles durcheinander.

Das ist auch gut, denn so bekämpft man Genres und Marketing-Scheiße, durch die man versucht, Sachen zu trennen. Letztendlich ist Musik einfach Musik, stimmt’s? Sie entsteht nun mal in einem bestimmten Rahmen und unter bestimmten Bedingungen, und im Bereich der Kunst sind die Leute eben manchmal von den seltsamsten Dingen beeinflusst.

Und wie sieht das konkret im Fall von IL SOGNO DEL MARINAIO aus? Man hat das Gefühl, dass es bei dieser Band vor allem um Musikalität geht. Man hört deutlich an der Struktur der Songs, dass ihr um der Musik willen zusammen spielt.

Es ist manchmal schön, mit Musikalität zu spielen. Unser Drummer Andrea war ja an einer Musikhochschule und hat ein Diplom, er ist ein echter Künstler. Ich habe nur Erfahrungen als Elektriker, ich habe Fernseher repariert. Ich habe damals Berufsfindungstests in der Schule gemacht, so bin ich dazu gekommen.

Bist du dadurch damals mit Greg Ginn und SST in Kontakt gekommen?

Richtig, daher kommt ja auch der Name SST, das steht für „Solid State Transmitters“, also Teile für Radiosender. In der Tat habe ich damals für ihn gearbeitet und geholfen, Radioersatzteile zu verkaufen. Ich war auch da, als die Bullen auftauchten, weil sie dachten, diese Firma sei eine Tarnung für einen Drogenring oder so was, haha. Die Erfahrungen mit der Polizei früher in der Punk-Szene waren wirklich großartig. Heute wissen die Leute viel mehr über Punk als damals, früher dachten sie, man wäre als Punk-Musiker richtig scheiße und könnte nicht vernünftig spielen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Leute inzwischen sehen, dass ich wirklich etwas zu bieten habe. Natürlich kennen sie inzwischen auch meinen Namen und fragen mich, ob ich mit ihnen spielen will. Machmal fühle ich mich dabei dennoch technisch etwas beschränkt und habe das Gefühl, nicht genug zurückgeben zu können.

Geht es abseits von Musikalität und Technik bei deinem speziellen Bass-Spiel auch um die emotionale Seite?

Genauso habe ich ja auch angefangen: indem ich für meine Freunde gespielt habe. Und ich bin auch immer sehr neugierig gewesen. Was Stefano und Andrea an musikalischer Ausbildung zu bieten haben, habe ich nicht. Und weil man sich dessen auch damals bewusst war, hatte man immer ordentlich die Hosen voll auf der Bühne. Ich bin nun mal nicht der geborene Entertainer. Bei mir geht es auch nicht alleine um die Musik, sondern um Performance und Körpersprache. Das kommt hoffentlich auch rüber, wenn man mich spielen sieht.

Dieser autodidaktische Aspekt ist fest verwurzelt im Punk, man stellte sich einst einfach hin und fing an zu spielen, egal, ob man sein Instrument beherrschte oder nicht.

Ja, ich denke inzwischen auch nicht mehr so viel über die Situation nach, ich fühle einfach, dass es wert ist, es zu versuchen, und dann ist es eine ganz natürliche Sache für mich. Es ist eine echte Herausforderung, und je mehr man mit jemandem spielt, desto mehr entsteht dabei eine interessante Konversation. D. Boon hätte gesagt: Man hat ein „Wirtschaftssystem“ errichtet. Es gibt ja eine traditionelle Vorstellung, was die Position des Bassisten angeht. Früher war der Bassist meist der etwas zurückgebliebene Freund, haha. Bassisten waren die, die als Gitarrist keine Chance hatten und deshalb zum Bass wechselten. Aber als Punk kam, war jeder gleich. Und heute gibt es anerkannte Musiker, deren Hauptinstrument der Bass ist. Viel Anerkennung dafür gebührt sicher Flea von den RED HOT CHILI PEPPERS und Les Claypool von PRIMUS. Das Seltsamste am Bass ist, wenn man damit komponieren will. Selbst der Jazzmusiker Charles Mingus benutzte das Klavier, er hat nie wirklich etwas mit dem Bass komponiert. Ich tue das aber, ich betrachte den Bass als Ausgangspunkt, was schwer zu begreifen ist, denn es stehen einem da nicht so viele Harmonien zur Verfügung. Viele Leute haben regelrecht Angst davor, da der Bass einem keine spezielle Richtung vorgibt. Aber selbst wenn man als Bassist keine Songs schreibt, unterstützt man seine Kollegen, denn wenn man sich gut präsentiert, lässt das auch die anderen gut aussehen und hält so die Band zusammen.

Ohne die Leistung deiner IL SOGNO DEL MARINAIO-Mitmusiker schmälern zu wollen: dein Bass beziehungsweise deine Person ist bei jedem deiner Projekte das dominierende Element, oder siehst du das anders?

Eigentlich nicht, was vielleicht viele Leute überraschen wird. Ihr müsst euch mal das Tourtagebuch der beiden dazu durchlesen. Zum Teil liegt es wirklich am Marketing. Manchmal steht gar nicht IL SOGNO DEL MARINAIO auf den Plakaten, sondern nur Mike Watt ...

... und Band?

Nicht mal das. Und so was passiert in Italien! Man kann den Leuten in gewisser Weise keinen Vorwurf machen, aber das ist nicht das, was wir im Sinn haben. Manchmal bin ich schon etwas dominant, das ist richtig, aber die Songs stehen immer im Vordergrund und die schreibe ich mit der jeweiligen Band, seien es THE MISSINGMEN oder THE SECONDMEN. Und ich schreibe ja, wie gesagt, auf dem Bass und weiß nicht, was letztendlich daraus wird. Wenn ich meinen Mitmusikern Aufnahmen von meinen Songs gebe, ist da nur der Bass zu hören. Ich bin mal vom Bass Player Magazine in den Staaten gefragt worden: Was ist die Zukunft des Basses? Und ich denke, die liegt im Bereich der Komposition, denn man hat große Freiheiten beim Spielen. Der Bass hat Rhythmus, er ist wie ein Schlagzeug und eine Gitarre gleichzeitig, aber auch nicht so richtig. Aber es ist ein Dilemma, weil das nicht viele Leute machen, denn meistens schreiben sie ihre Songs auf dem Klavier oder mit der Gitarre. Und das nervt mich irgendwie.

Wie gestaltet sich deine Rolle bei den STOOGES, ist die mehr formaler Natur?

Ja, im Sinne eines Gastmusikers, der Anweisungen befolgt. Und es gibt einen Frontmann, der ganz klar der Band-Motor ist. Aber in vielerlei Hinsicht hilft mir das, ein besserer Bassist zu werden. Ich mache das ja jetzt schon zehn Jahre. Es ist eine Rolle für mich, die ich schon dreimal gespielt habe. Zuerst bei PORNO FOR PYROS, dann bei J MASCIS AND THE FOG, und nun bei THE STOOGES. Das ist etwas anderes, aber ich denke nicht, dass es seltsam ist, ich finde es natürlich. Und ich meine, kannst du dir vorstellen, wie es ist, bei den STOOGES zu spielen?! Das ist ein sehr interessanter Unterricht für mich. Ich war auch noch nie in der Position, dass ich der Jüngste in der Band bin, der Frischling. Wenn ich in ihrer Nähe bin, sind meine Ohren wie Schwämme, ich versuche alles aufzusaugen, was sie mir beibringen. Ich weiß, dass es keine Punk-Szene ohne sie geben würde, aber sie wissen komischerweise nicht wirklich viel darüber. Sie stammen aus der Garage-Szene der Sechziger, die wegen Stadionrock ausstarb. Inzwischen sind die STOOGES selbst Stadionrock, wir spielen ja auf richtig großen Bühnen. Aber man wird ja auch nicht jünger, wie viel Zeit hat man noch? Also versuche ich, immer weiter zu machen, das ist wichtig für mich.

Du meinst, du willst weiterhin neue Sachen ausprobieren?

Genau. Denn das ist die große Gefahr, wenn man älter wird: man denkt, man hat schon alles gesehen und getan. Manche Leute kommen an einen Punkt, wo sie keine Risiken mehr eingehen wollen, aber ich denke nicht, dass es darum geht. Ich sehe mich als einen Jungen auf einem Skateboard, der ständig auf die Fresse fällt, aber es immer wieder versucht. Ich finde das aufregend, es gibt auch ansonsten keinen anderen Plan für mich.

Man könnte sich natürlich wirklich fragen, warum du mit deinem kaputten Knie – du schaffst es kaum Treppen zu steigen, wie ich vorhin gesehen habe – nicht zu Hause bleibst, anstatt mit Bands zu touren wie IL SOGNO DEL MARINAIO, mit denen man nicht wirklich viel Geld verdienen kann. Oder langweilst du dich zu Hause so sehr?

Nein, ich mag San Pedro, wahrscheinlich weil ich die Stadt oft verlassen kann. Ich fahre dreimal die Woche mit dem Kajak an der Küste entlang, wie früher als Kind, und mache Radtouren. Ich bin froh, dass ich dank der Musik in meinem Leben mehr als nur San Pedro habe sehen können. Auch wenn ich der Sohn eines Seemannes bin, hätte ich nie gedacht, dass ich das alles mal erleben würde. In gut dreißig Jahren habe ich über sechzig Touren gespielt, das ist meine Tradition, ich komme nun mal aus der Punk Szene. Das Leben hat mich zu diesem seltsamen „Job“ gebracht, Musik mit meinen Freunden zu spielen und damit meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Ich will das nicht als selbstverständlich ansehen, es ist immer noch eine Passion, und ich muss nicht jeden Morgen an einer Stechuhr stehen, insofern kann ich mich wohl glücklich schätzen.

Wir sprachen ja schon über deine langjährige Verbindung zu Greg Ginn und SST. Was hältst du davon, dass derzeit mit FLAG und BLACK FLAG zwei Inkarnationen derselben Band unterwegs sind, einmal mit, einmal ohne Ginn?

Ich kann nur sagen, dass BLACK FLAG immer ein großer Einfluss für mich waren, ebenso wie für D. Boon. Und ohne Greg Ginn hätte es SST nie gegeben, er hat wirklich fest an Punk geglaubt. Vaterfiguren wie ihn gab es nicht viele. Ich hoffe wirklich, dass ihm das noch Spaß macht. Ich habe vor ein paar Jahren mal die BUZZCOCKS gesehen, und auch mit ihnen zusammen gespielt. In jungen Jahren hatte ich nie die Chance dazu, da kannte ich nur die Platten. Es waren Pete Shelley und Steve Diggle, zusammen mit ein paar jüngeren Typen, und sie waren richtig gut. So wie sie die Songs spielten, war es tatsächlich zeitlos. Ich habe in dieser Hinsicht schon einiges gesehen, was mir ziemlich schräg erschien, aber das wirkte sehr authentisch. Und ich wünsche Greg dasselbe. Es gab ungefähr 13 Leute, die über die Jahre bei BLACK FLAG gespielt haben, aber es war letztendlich immer nur Greg, der alles zusammenhielt. Ich glaube, ihr zweiter Gig war der erste der MINUTEMEN in Pedro, damals hatten sie noch Keith Morris als Sänger. Ich dachte damals, dass Keith auch die Songs geschrieben hätte, aber irgendwann merkte ich, dass es Gregs Band war. Vielleicht ist es deshalb tatsächlich nur echt, wenn Greg so eine Neuflage der Band macht. Aber ich würde es hassen, einer Gruppe von Freunden sagen zu müssen, dass das, was sie tut, besser oder schlechter ist, als das, was die andere tut. Ich mag alle von denen, ich kenne sie sehr gut. Ich hätte aber auch nie gedacht, dass es mal eine BLACK FLAG-Reunion geben würde.

Kommen wir zu einer anderen Reunion: Anfang 2012 standest du zusammen mit Ed Crawford und George Hurley in den USA für einige Gigs wieder als fIREHOSE auf der Bühne. Wie hast du das empfunden?

Es war sehr seltsam für mich, denn die Leute auf den Konzerten waren die von früher. Ich kam mir vor wie Fonzie aus „Happy Days“, haha. Es war nicht nur die Band, die zurückkehrte, sondern auch gleich das ganze Publikum, die ihre alten Tour-Shirts anhatten. Bei den STOOGES ist das nicht so, da gibt es jede Menge junges Publikum. Und die Leute sprachen mich an und sagten: Es ist echt toll, dass du wieder hier spielst. Aber ich spiele doch jedes Jahr hier, sagte ich, nur mit einer anderen Band! Natürlich mag ich Edward und George immer noch, dennoch ist es seltsam, noch mal zurückzukehren, um die eigene alte Musik zu spielen. In gewisser Weise tue ich das ja auch mit den STOOGES. Aber eigentlich auch nicht, denn ich war früher ja nicht in der Band, ich war nur von ihnen beeinflusst und habe die Musik gehört. Es ist nicht meine Musik, ich helfe ihnen nur. Wegen fIREHOSE hatte Edward mich schon ein Jahr zuvor deswegen gefragt, aber da war ich so beschäftigt, dass ich ihn bat, noch etwas zu warten. Als ich im Jahr darauf wieder Zeit hatte, kam er dann aus Pittsburgh, wo er lebt, zu mir nach San Pedro und wir haben zwei Wochen geprobt. Ich hatte diese Songs ja 18 Jahre lang nicht mehr gespielt, und ich spiele heute auch nicht mehr so Bass. Es war deshalb eine große Herausforderung für mich, aber ich lernte es wieder. Nur Edward hatte dann Probleme mit seiner Stimme, weil wir zwei Wochen geprobt hatten, sechs oder sieben Stunden am Tag, das war wirklich dumm von uns. Und ich musste immer etwas auf George aufpassen, damit er wieder in die Songs hineinfand. Zum Schluss war ich auch ziemlich ermüdet davon, weil es einige Spannungen gab. Und die Songs und Musik erschienen mir gar nicht mehr so zeitlos, irgendwie stammten sie aus einer ganz anderen Ära. Edward hatte alle Songs ausgewählt, ich hatte ihn darum gebeten. Er ordnete sie dann chronologisch, insofern war es wie eine Band-Retrospektive, bei der man sah, wie wir uns über siebeneinhalb Jahre verändert hatten.

Das klingt nicht danach, als ob noch mal mit einem neuen fIREHOSE-Album zu rechnen wäre, oder?

Edward hatte mich immer nur wegen der Gigs gefragt. Und ich fragte ihn, wie es wäre, neue Stück zu schreiben, denn man braucht schon neue Songs, wenn man tatsächlich etwas aufnehmen will. Das war das Erste, was ich dachte, als wir über die Gigs sprachen: Warum nicht ein paar frische Songs schreiben? Aber als er zu mir kam, hatte er nur eine Setlist mit alten Songs dabei. Er selbst hat ja eine Band namens FOOD in Pittsburgh, und vielleicht will er neue Songs nur für seine eigene Band schreiben.

Es mag mein persönlicher, nostalgisch gefärbter Blickwinkel sein, aber beim Hören der 2012 erschienenen Compilation „lowFLOWs: The Columbia Anthology (’91-’93)“ fand ich eure Songs nach wie vor durchaus zeitlos und vor allem noch sehr energetisch.

Columbia hatten die Compilation erst zusammengestellt, als sie von der Tour hörten ... Ich will natürlich nicht, dass sich jemand schlecht deswegen fühlt, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich wieder in diese Band gehöre. fIREHOSE waren für die Leute auf den Konzerten ein Teil ihres Lebens, nicht nur eine Band. Bei mir war es mit T. REX ja auch nicht anders, wie ich zugeben muss. Und natürlich war es eine Ehre, wieder mit George Hurley und ed fROMOHIO zu spielen, denn sie sind beide wirklich gut, auch wenn Georgie ein bisschen eingerostet war. Ich fand die ganze Sache einfach etwas zu nostalgisch, denn ich will nicht, dass die Leute sagen, ich wäre langweilig und sentimental. Dabei bin ich sogar ein ziemlich sentimentaler Mensch, denn ich rede viel über die alten Zeiten und über Pedro. Ihr müsst wissen, dass die Zeit mit fIREHOSE sehr schwierig für mich war, denn ich wusste nicht, ob die Leute mich ohne D. Boon überhaupt noch spielen sehen wollten.

Hatte das auch mit einem stärkeren kommerziellen Druck zu tun?

Nein, die ersten fIREHOSE-Alben erschienen ja auch noch nicht bei Columbia, sondern bei SST. Die Leute bei Columbia waren immer sehr gut zu mir, es war nicht viel anders als bei SST. Wir brauchten vorab keine Demos, im Studio tauchte nie ein Labelmanager auf, wir lieferten einfach unsere Sachen ab. Es gab nie eine Einflussnahme. Wir waren, was unsere Touren betraf, auch sehr preisgünstig für sie, das hatte ich während meiner Zeit bei SST ja gelernt. In der Tat wollten sie sogar, dass ich Seminare gab für Bands, die sie gerade frisch unter Vertrag genommen hatten. Ich war 14 Jahre bei Columbia unter Vertrag und sie waren mir gegenüber immer ehrlich. Der Druck kam vom Spielen mit der Band, denn die bittere Realität war, dass ich es ohne D. Boon tun musste. Aber Edward besaß viel Courage und Georgie war auch hart im Nehmen, und ich war froh, die beiden zu haben. Aber um zurückzukehren zu diesen Zeiten und zu diesen Gefühlen, musste ich mir gegenüber aufrichtig ein. Und willst du zu Gefühlen der Schwäche zurückkehren? Zumal fIREHOSE gewissermaßen aus dem Autowrack entstand, in dem D. Boon umgekommen war. Das ist echt heftig, vor allem wenn man glaubt, man hätte bereits damit abgeschlossen. Und ich kannte Edward ja überhaupt nicht, der Kerl hatte meine Nummer aus dem Telefonbuch. Es war Edwards erste verdammte Band, vorher hatte er Trompete gespielt am College. Aber er hatte es echt drauf und das half mir. Ich wusste auch gar nicht, was ich mit der Band machen sollte. Ich benutzte zuerst DOS-Songs – mein einziges Nebenprojekt zu Lebzeiten von D. Boon –, viele fIREHOSE-Songs stammen daher. Ich hatte bisher nur mit Leuten zusammengespielt, mit denen ich aufgewachsen war und die ich kannte. Wie sollte ich das wiederholen?

Interessanterweise stellst du dich in unregelmäßigen Abständen zusammen mit George auf die Bühne und ihr spielt MINUTEMEN-Songs, zuletzt etwa auf dem All Tomorrow’s Parties Festival im März 2012. Wie muss man das in diesem Zusammenhang sehen?

Das ist für mich aber nicht dasselbe wie die fIREHOSE-Konzerte. Dieses MINUTEMEN-Ding ist eine künstlerische Interpretation dessen, was man tun kann ohne den Kerl, der nicht mehr dabei ist. Es hätte sich auch nicht richtig angefühlt, dafür jemanden als Ersatz zu holen.

Es ist kaum zu überhören, dass dich D. Boons Tod nach all den Jahren noch immer sehr beschäftigt.

Ja, ich versuche auch, nicht zu oft darüber nachzudenken. Manche Leute wollen ernsthaft, dass ich seinen Todestag wie einen Geburtstag feiere, haha.

Es erscheint in diesem Licht fast wie eine Art Exorzismus, dass du viele Songs für dein letztes Soloalbum „Hyphenated-Man“ mit D. Boons Gitarre komponiert

Ja, jeden Song, und das habe ich ganz bewusst getan. Das fing alles mit „We Jam Econo“ an und diesen beiden jungen Typen, die eine Doku über die MINUTEMEN drehen wollten. Sie hatten uns nie selbst live sehen können, weil sie noch zu jung waren. Sie wollten, dass ich über die alten Platten rede, aber ich musste sie mir erst mal wieder anhören. Ich hatte das schon lange nicht mehr getan, da es mich traurig machte. Und als ich sie mir wieder anhörte, kam ich auf die Idee mit „Hyphenated-Man“. Aber wie konnte ich verhindern, dass es ein reiner Nostalgietrip würde? Ich wollte über die Jetztzeit schreiben, aber vielleicht könnte ich dazu etwas aus alten Zeiten benutzen, und wenn ich auf D.s Gitarre spiele, würde mir das vielleicht helfen und mir Selbstvertrauen geben. Die Bassparts kamen erst an zweiter Stelle. Zumal ich es auch D. Boon und Georgie schuldete, nicht meine eigene Band zu kopieren. Ja, ich denke oft an ihn, er war meine große Verbindung zur Musik. Ich frage mich immer, was er wohl über meine Sachen denkt, aber er sagt nie etwas. D. Boon gibt mir nie eine Antwort, aber trotzdem frage ich ihn immer wieder, haha.

Interview: Thomas Kerpen, Joachim Hiller

Bearbeitung: Thomas Kerpen