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Interviews & Artikel

SEBADOH

Über Glück

1986 von Lou Barlow von DINOSAUR JR. und Eric Gaffney gegründet, erlebten SEBADOH in den Neunzigern einen erstaunlichen Höhenflug, wurden zum Inbegriff von „Indie Rock“. Den finalen kommerziellen Durchbruch schaffte die Band aber nie, auch wenn es für SEBADOH, deren Line-up sich 1989 mit dem Einstieg von Jason Loewenstein komplettiert hatte, immer gut lief. Ihr schrammeliger, sympathischer Lo-Fi-Sound war letzten Endes doch zu sehr auf nerdige Musikfans ausgerichtet als massentauglich, und daran änderte auch ein Sub Pop-Deal nichts.

Waren die frühen Platten auf Homestead erschienen, wechselten Barlow und Loewenstein 1992 zum Grunge-Label aus Seattle, wo bis 1999 fünf weitere Alben erschienen. Ab 1999 hieß es dann aber „the status is hiatus“ – Lou Barlow machte mit seinem bisherigen Nebenprojekt FOLK IMPLOSION weiter, Loewenstein solo. Richtig weg waren SEBADOH aber nie, auch wenn sie im kommenden Jahrzehnt keine Platte veröffentlichten und anfangs nur sporadisch Konzerte spielten, ab 2007 dann auch wieder tourten und das als Reunion bezeichneten (zur Erinnerung: seit 2005 sind auch DINOSAUR JR. wieder aktiv, jene Band, aus der Barlow von Mascis 1989 rausgeschmissen worden war). Nun sind Konzerte das eine, in meiner Definition einer Reunion beinhaltet das aber auch neue Aufnahmen, eine neue Platte. In dieser Hinsicht allerdings lief bis 2012 gar nichts, Barlow hatte wohl mit DINOSAUR JR. genug zu tun, und eine richtige Veröffentlichung war die Digital-EP „Secret“, die im im Juli 2012 erschien, auch nicht. Immerhin, sie enthielt fünf neue Songs. „Richtig“ wieder da sind SEBADOH nun seit September 2013: mit „Defend Yourself“ erschien das erste neue Album seit 14 Jahren, eingespielt von Barlow und Loewenstein zusammen mit Bob D’Amico, einem langjährigen Mitmusiker von letzterem. Ich sprach mit Lou Barlow über Vergangenheit und Gegenwart.

Lou, vor Jahren unterhielten wir uns in einem Interview mal über deine Katzen, du hattest auf deinem Solo-Album „Emoh“ das wunderschöne „The ballad of daykitty“. Hast du immer noch Katzen?

Natürlich! Ich wohne zusammen mit meiner Freundin, die hat eine Katze. Aber wir leben in einem Mehrfamilienhaus, das gehört einer Frau, die man wohl in die Kategorie „cat lady“ einordnen muss – die „adoptiert“ all die Katzen in der Nachbarschaft. Hier laufen deshalb immer mindestens sechs Katzen rum.

Bist du denn mit Katzen aufgewachsen?

Ich wurde quasi mit ihnen geboren. Die Katze meiner Eltern hieß Frankly, und es gibt Fotos von mir als Baby, wie ich nach der Katze grabsche. Ich habe die Katze von klein auf als Freund angesehen.

Irgendwie kann man Menschen ja in Katzen- und Hundefreunde unterteilen.

Ein Hund braucht einfach viel Zeit, um die muss man sich viel kümmern, auch emotional – die fordern viel mehr von dir. Katzen hingegen können einfach mit dir koexistieren. Die sitzen auf deinem Schoß, das reicht denen schon, um glücklich zu sein. Und für Menschen wie mich, die viel unterwegs sind, wäre ein Hund sowieso nichts. Bei einer Katze reicht es, wenn jemand mal nach der schaut und ihr was zu fressen hinstellt. Hunde hingegen leiden, wenn man sie alleine lässt.

Seit dem letzten SEBADOH-Album sind tatsächlich 14 Jahre vergangen, wirklich aufgelöst war die Band aber nie. Als typische Neunziger-Indie-Band habt ihr das folgende Jahrzehnt in Sachen Releases einfach komplett ausgelassen, oder wie muss man das sehen?

Na ja, wir spielten ja hin und wieder Konzerte, 2003 fing das an, dass Jason und ich als Duo unterwegs waren. Dann hatten wir sogar Bandmitgründer Eric Gaffney wieder dabei, und wie tourten eigentlich viel in diesem Jahrzehnt, aber ja, wir spielten nur das Material der alten Platten. 2011 tourten wir dann mit Bob D’Amico als Schlagzeuger – Bon ist ein alter Freund von Jason, die machen schon ewig zusammen Musik. Letztlich wurde Bob dann der neue feste Drummer von SEBADOH und wir hatten wieder eine feste Besetzung. Und mit dieser festen Besetzung kam dann der Entschluss, auch wieder eine Platte aufzunehmen.

Aber was hat euch all die Jahre davor davon abgehalten, eine Platte aufzunehmen?

Irgendwie fanden wir nie den richtigen Zeitpunkt. Ich war in den letzten acht Jahren so beschäftigt mit DINOSAUR JR., dass ich im Falle von SEBADOH die Zeit, die mir blieb, lieber für Touren verwendete. Außerdem suchten wir immer noch das richtige Line-up, um neue Musik zu schreiben. Inspiriert waren wir ja, und es machte Spaß mit Bob D’Amico am Schlagzeug zu touren, und so war dann irgendwann klar, dass wir mit diesem Line-up auch aufnehmen würden.

Jetzt hattest du Zeit für SEBADOH – bedeutet das im Umkehrschluss, dass DINOSAUR JR. derzeit etwas weniger aktiv sind? Immerhin habt ihr im Sommer auch in Deutschland gespielt.

Wir spielen mit DINOSAUR JR. in nächter Zeit nur ein paar kürzere Touren, so habe ich Zeit für SEBADOH. Bis Ende des Jahres sind drei SEBADOH-Touren geplant, ich werde also ständig unterwegs sein, mal mit der einen, mal mit der anderen Band. Konflikte gibt es da nicht, beide Bands sind so verschieden, sie beanspruchen ganz andere Teile meines Hirns, ich kann da ganz einfach umschalten. Bei SEBADOH besteht die Hälfte der Auftritte daraus, dass ich Gitarre spiele und dazu singe. Das musikalische Gefühl der Band ist anders, die Songs sind kürzer, das Publikum ist kleiner, die Konzerte sind intimer. Wenn ich mit DINOSAUR JR. spiele, sind die Konzerte extrem laut, ich spiele nur Bass, singe bei ein, zwei Songs – das ist was ganz anderes.

Bei DINOSAUR JR. stehst du eher im Hintergrund, SEBADOH scheinen mehr deine Band zu sein – sehe ich das richtig?

Äh, also, äh ... ja! Ja.

„Defend Yourself“ ist ein interessanter Albumtitel. Man kann den im kriegerischen Sinne deuten, aber auch als eine Aufforderung in einem Streit zwischen zwei Menschen. Steckt da eine Geschichte dahinter?

Jason hatte vor längerer Zeit schon einen Song mit diesem Titel geschrieben, und den brachte er in die neue Platte ein. Während der Aufnahmen schrieb ich einen Song, in dem ebenfalls diese beiden Worte auftauchten, und das sollte auch der Titel sein. Ich hatte aber vergessen, dass es schon einen Song mit diesem Titel gibt, und da merkten wir, dass wir wohl ein gemeinsames Thema haben, und zudem gab es ein weiteres Stück, in dem die Worte „defend myself“ auftauchten. Ich machte da gerade eine Übergangsphase durch, hatte eine neue Beziehung begonnen, hatte meine langjährige Partnerin verlassen, und da waren „defend yourself“ und „defend myself“ schon Themen direkt aus meinem Leben. Ich musste und wollte verteidigen, definieren, was ich wollte. Viele der Texte auf der Platte drehen sich um dieses Thema. Jason wiederum ist seit einer Weile besessen von Steinschleudern ...

... du meinst so ein Ding, mit dem David gegen Goliath gekämpft hat?

Genau! Jason ist total vernarrt in diese Dinger, er spielt ständig mit einer rum, und ich finde, eine Steinschleuder ist eine interessante Weise, sich selbst zu verteidigen.

In Deutschland sind Schleudern sogar teilweise verboten, zumindest dann, wenn sie eine Armstütze haben.

Das glaube ich, und Jason wurde sogar mal in New York festgenommen, weil er eine Schleuder benutzt hatte.

Die sind ja auch echt gefährliche Waffen. Ich habe mal eine Geschichte gelesen, in der wird ein Mord verübt: das Opfer bekommt per Schleuder einen Eiswürfel an den Kopf geschossen, fällt tot um, und das Projektil löst sich in der Sommerhitze in nichts auf ...

Wow! Das muss ich Jason erzählen, hahaha.

Erzähl du mir bitte noch was zu eurer Platte. Angesichts deiner Trennungsgeschichte ergeben Songtitel wie „Final days“, „Let it out“, „Listen“ oder „Separate“ natürlich einen bestimmten Sinn.

Ja! Und das sind nicht nur Songs, die ich geschrieben habe, sondern auch welche von Jason. Irgendwie haben wir also, ohne dass wir uns dessen bewusst waren, recht ähnliche Songs geschrieben. Der Albumtitel drängte sich dann geradezu auf, als wir die Songs zusammenstellten – das Thema war klar erkennbar.

Ist es ein fröhliches oder ein trauriges Album?

Ein trauriges. Typisch SEBADOH, oder? Es spiegelt einfach unsere Realität zum Zeitpunkt des Songwritings wieder. „Defend Yourself“ ist für mich aber auch ein positives Statement, es bedeutet ja, dass jemand wieder Kontrolle über sein Leben übernimmt. Das ist nämlich das weniger offensichtliche Thema, und das halte ich für positiv. Wenn es sowas wie eine Botschaft gibt, dann wäre das „Übernimm die Kontrolle über dein Leben und mach es positiver.“ Auch wenn die Texte eher traurig sind, halte ich die darin geäußerten Empfindungen nicht für negativ. Sie stehen für eine Zeit des Übergangs, und so eine Übergangszeit ist nicht unbedingt etwas negatives.

In den Neunzigern waren SEBADOH sehr aktiv, ihr habt euch zwischen den Platten nicht viel Zeit gelassen. Dann 14 Jahre Pause – hat sich denn musikalisch etwas geändert seit dem letzten Album 1999?

Nicht wirklich. Für mich klingt „Defend Yourself“ wie eine typische SEBADOH-Platte. Wir haben an der Grundformel der Band nichts verändert, es ist Bass, Gitarre und Schlagzeug, wir haben uns auch nicht daran versucht, eine „große“ Produktion umzusetzen. Wir sind die Aufnahmen sogar viel mehr „basic“ angegangen als bei den letzten SEBADOH-Platten in den Neunzigern. Wir haben die Platte selbst produziert, Jason brachte seine Aufnahmegeräte in meinen Proberaum, und so saßen wir drei zusammen und nahmen die Platte auf, Jason kümmerte sich um die Technik, und ein paar Sachen nahm ich auch auf. Das ist alles.

Die DINOSAUR JR.-Reunion vor ein paar Jahren war eine große Sache, ihr habt einfach fanatische Fans, die Erwartungen waren groß. Wie empfindest du das im Falle von SEBADOH? Ihr wart in den Neunzigern doch auch echt groß.

Während der Aufnahmen verspürte ich keinerlei Druck, aber bevor wir anfingen, empfand ich den durchaus. Vielleicht lag es daran, dass ich so lange brauchte, um zu beschließen, ein neues Album zu machen. Ich musste genug Songs haben, bei denen ich mir sicher war, dass sie gut genug sind. Sobald das der Fall war, wusste ich, dass ich die nur mit Bob und Jason zusammen aufnehmen muss, und fertig wäre ein neues SEBADOH-Album.

Die Neunziger waren ja angeblich die große Zeit des Indie-Rocks. Warst du damals glücklicher, also zu einer Zeit, als die Band an ihrem Zenit angekommen war? Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe damals mehr Druck verspürt, glaube ich. SEBADOH waren recht erfolgreich, aber ich hatte immer das Gefühl, irgendwen zu enttäuschen. Das war weniger in Europa und England der Fall, denn unsere Labels dort, Domino in UK und City Slang in Deutschland, unterstützen uns immer. Mit denen war das Arbeiten sehr einfach, aber in den USA waren wir auf Sub Pop, und die setzten uns sehr stark unter Druck, ein anderes Level zu erreichen. Die erwarteten, dass wir mit jeder Platte mehr Erfolg haben, und das führte zu einer Menge Probleme. Zudem fiel unsere Zeit bei Sub Pop in jene Jahre, in denen das Label einen großen Wandel durchmachte. Die gaben viel Geld für uns aus, das letzlich verschwendet war, und gleichzeitig kämpften wir uns als Band gerade so durch. Wir sind eigentlich eine ganz einfache Band, wir hatten in den Jahren unserer größten Erfolge nicht mal einen richtigen Schlagzeuger, sondern spielten mit einem Freund, der es irgendwie schaffte, den Takt zu halten. Wir waren nicht darauf vorbereitet, eine „große“ Band zu sein. Als wir dann 1999 „The Sebadoh“ veröffentlichten, unsere letzte Platte, hatten wir einen Drummer, der richtig spielen konnte, wir machten unsere bis dato stärkste Platte, aber da war es schon zu spät. Wir enttäuschten das Label, viel Geld war verloren, es liefen damals einfach viele negative Dinge ab.

Dennoch waren das noch die goldenen Jahre der Musikindustrie, da wurden Summen für Aufnahmen und Promotion ausgegeben, bei denen man heute vor Staunen den Mund nicht zu bekommt.

Also wir haben nur für die beiden letzten Platten damals richtig Geld ausgegeben, und zum Zeitpunkt der letzten Platte war bereits das Ende dieser Zeit gekommen. Als wirklich noch viel Geld in der Branche zirkulierte, waren wir noch eine D.I.Y.-Band, die kaum Geld brauchte. Das Geld ging an andere Bands, jene, die bei Majorlabels unterschrieben. Wir warteten, bis es zu spät war, hahaha.

DINOSAUR JR. werden auch in Michael Azerrads Buch „Our Band Could Be Your Life“ portraitiert. Hast du das gelesen, hältst du seine Beschreibungen für zutreffend?

Ja, ich habe das gelesen und finde es gut. Das Kapitel über DINOSAUR JR. ist echt deprimierend, aber so war es ja auch, es war deprimierend. Als ich später die Möglichkeit hatte, wieder bei DINOSAUR JR. dabei zu sein, wollte ich das von ganzem Herzen, einfach um die Geschichte zu ändern, die bis dahin ein trauriges Ende hatte. Ich hatte das Gefühl, durch meinen Wiedereinstieg das Ende der Geschichte zum Guten hin verändern zu können.

Das klingt beinahe wie ein Film, wo jemand nach seinem Tod die Möglichkeit bekommt, irgendwie zurückzukehren und die Geschichte zu verändern.

Hahaha, ja, aber genau so war es. Es war eine seltsame Erfahrung, dieses Buch und dieses so traurige Kapitel über DINOSAUR JR. gelesen zu haben und dann Jahre später die Chance zu bekommen, den Ausgang der Geschichte zu verändern. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Chance hatte.

Bist du heute glücklicher als damals?

Zwischen 1991 und 1997 war ich sehr glücklich, ich war jung, hatte viele Bands, war sehr kreativ. Heute bin ich viel älter, ich bin jetzt Vater, und ich verstehe, dass ich großes Glück habe, heute immer noch mit meinen Bands in der ganzen Welt touren zu können. Ich weiß nicht, ob ich sagen könnte, dass ich heute glücklicher bin als damals, denn es ist anders, aber es ist heute eine gute Zeit.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #110 (Oktober/November 2013)

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