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Interviews & Artikel

SKEPTIKER

Deutsche Liedermacher

Eine heute noch aktive Punkcombo, die bereits in der DDR auf dem Label Amiga eine Scheibe herausgebracht hat, findet man nicht so leicht, aber DIE SKEPTIKER fallen einem dann doch ein. 1986 unter der offiziellen Flagge des DDR-Jugendverbandes FDJ quasi als staatlich legitimierte Band mit Auftrittserlaubnis ausgestattet, brachten sie zunächst zwei Longplayer auf Kassette auf den übersichtlichen DDR-Markt, ehe mit „Harte Zeiten“ 1990 eben jene erste Vinyl-LP auf Amiga erschien. DIE SKEPTIKER um Mastermind und Sänger Eugen Balanskat ließen ihre Fans eben oft auch zwischen den Zeilen lesen. Von 2000 bis 2006 ruhte die unerschrockene Band, ehe man sich zum 20-jährigen Jubiläum wieder zusammentat. Im Januar 2008 fand das letzte Ox-Interview statt, 2009 erschien „Fressen und Moral“. Vier Jahre später erscheint mit „Aufsteh’n“ nun das zehnte Album der Ost-Berliner Kultband. Wir baten Eugen Balanskat zum Gespräch, mit dabei Gitarrist Tom Schwoll (ex-JINGO DE LUNCH, -EXTRABREIT).

Eugen, auf eurer ersten Platte hieß es im Song „Deadmanstown“: „Schreie hallen durch die Nacht. Zeichen unserer Seelenqual, keiner darf, was er möchte, aber ihr, ihr könnt uns mal.“ Hatte das damals irgendwelche Konsequenzen für euch?

Eugen:
Nein, gar nicht. Aufgenommen hatten wir die Scheibe ja erst drei Tage nach der Maueröffnung. Bei Konzerten war es aber vorher so, dass wir zum Beispiel einen Song gegen die Mauer und die Teilung Berlins hatten, was natürlich ein absolutes Tabu war. Also diesen auf die Platte bringen, das wäre definitiv nicht gegangen. Wir haben den trotzdem live gespielt, aber diesbezüglich nie Ärger gekriegt.

Hast du beim Schreiben eurer Songs immer noch deinen Background aus der DDR-Zeit im Hinterkopf?

Eugen:
Nun, seine Vergangenheit kann man ja nicht abschütteln. Es ist bei uns immer so gewesen, dass wir eine Mischung aus nicht so sprachlich ausgefeilter Wut, sage ich mal, bis hin zu poetischen Sachen und Geschichts- und Kunstthemen im Sinn hatten. Das Leben ist ja auch nicht nur schwarz und weiß. Ich denke, das macht DIE SKEPTIKER zum Teil auch aus, dass wir nicht nur prollig rüberkommen wollten, sondern auch noch mehr zu bieten hatten. Aber nur „verkopft“ wäre mir auch nicht gut genug, manchmal muss da auch eine elementare Wut verbalisiert werden.

Alle Songs der neuen Platte scheinen innerhalb kürzester Zeit entstanden zu sein. Was löste diesen Kreativschub aus, gab es ein besonderes Erlebnis?

Eugen:
Nein. Einer der Texte ist zum Beispiel von 1990. Da liegt eben immer mal was auf Halde. Als der Song „Der Rufer in der Wüste“ auf „DaDa in Berlin“ erschienen ist, da gab es den Song auch schon fünf Jahre. Es ist nicht so, dass man ausschließlich aktuell sein muss, man schaut schon noch mal nach, was hat es nicht auf die letzte CD geschafft.

Wie seid ihr zu Destiny Records gekommen, und was hat Produzent Smail diesmal anders gemacht?

Tom:
Zu Destiny sind wir gekommen, weil Jacho wirklich ein alter Freund von mir ist, ich kenne ihn noch aus seiner H.O.A-Zeit. Destiny hat sich ja verändert. Jacho macht jetzt das Label stellvertretend für Dave, dafür macht Dave das Booking. Mit Smail habe ich das Schaltraum-Studio zusammen und er ist ein ganz alter SKEPTIKER-Fan, der sich wirklich mit uns auskennt.

Eugen: Stimmt. Wenn einer selber in der Szene verwurzelt ist, dann ist das immer viel besser für uns. Wenn du ansonsten in ein Studio gehst und die sagen, „Was, Punk? Na ja, wir machen hier von Madonna bis Techno alles“, dann hast du schon mal ein nicht so schönes Gefühl. Insofern ist es viel persönlicher und direkter, weil Smail sowieso genau weiß, was er machen muss.

Tom: Er hat dann bei der Arbeit auch nicht eingegriffen und uns diktiert, „Ihr müsst das so und so machen“, sondern uns gute Anregungen gegeben. Etwa bei „Wann oder wie“, da hat er uns Tips gegeben, wie wir die Gitarren aufteilen könnten, und so haben wir es dann auch gemacht.

Betrachten wir die neue Platte mal genauer. Eugen, du konstatierst da: „Das System, es kollabiert, und es liegt schon auf der Bahre“. Aber was kommt dann? Yuppies aus „Prenzlberg“ oder übernehmen die „P.c.-Helden“ der Piratenpartei die Regie? Mir machen solche Vorstellungen ja etwas Angst ...

Eugen:
Haha. Das ist ja nicht absehbar, das ist ja noch im Fluss. Der Todeskampf, wenn man so will. Und was daraus entstehen wird, könnte vielleicht Nostradamus sagen, obwohl der heute auch sehr umstritten ist, aber es ist ja nicht absehbar, wohin das alles mal führen wird. Fakt ist: Veränderungen passieren, Zusammenbrüche geschehen, Stichwort: Bankenkrise. Es leugnen ja nicht mal mehr Vertreter des Kapitalismus, also nicht mal die Banken, dass da Umbrüche im Gange sind. Was daraus Neues entstehen wird, wir werden es erleben, so einfach lässt sich das jetzt nicht beantworten.

Ist „Das System“ so etwas wie ein sozusagen endgültiges Lied, das du schon immer mal schreiben wolltest?

Eugen:
Ich finde die Nummer „Das System“ absolut super und auch relevant für die jetzige Zeit. Aber dass da ein Gefühl aufkäme von wegen, jetzt habe ich nichts mehr zu sagen und bin leer, nein, soweit ist es noch nicht. Ich glaube, es ist ganz gut auf den Punkt gebracht, wie es hier momentan in der Gesellschaft aussieht, und den Rest werden wir weiter verfolgen.

Manche Leute nennen unser politisches System Mediokratie, weil unwichtige Dinge aufgebauscht werden und wichtige Themen nahezu verschwinden. Glaubst du, das ist so gewollt?

Eugen:
Wir haben auf einer früheren Scheibe mal gesagt, dass das Fernsehen wirklich nur zur Volksverdummung erfunden wurde. Wenn man abends von der Arbeit kommt, sofern man sie hat, ist es die einfachste Sache, auf diese Art ein bisschen in die weite Welt zu schauen, das meine ich gar nicht als Vorwurf. Wer durch den Alltag und durch die gezeigten Bonbon-Welten schon total vernebelt ist, der hat eben auch nicht mehr unbedingt die Kraft zum Protest. Selbst wenn du noch ein Aufbegehren in dir hast, wird das schnell zugekleistert. Das ist ein schon bedenklicher Zustand, die Frage ist aber, wie weit man dem folgt oder sich mal interessanteren Themen zuwendet, wie eben Kunst und Literatur, die Möglichkeiten sind ja nun groß. Aber viele gehen dann den einfachsten Weg, lassen sich bedudeln und verdummen dann mit der Zeit, wenn sie Pech haben.

Aber was zum Beispiel der Herr Gysi da erzählt, von wegen „Demokratischer Sozialismus“, das ist wohl doch nur ein süßer Traum, oder?

Eugen:
Egal, wie man es nun nennt, man kann das einfach nicht idealisieren. Weil es ja ohnehin nur eine Übergangsform hin zu etwas anderem ist, so war es auch immer klassifiziert. Und eine Übergangsform kann schon mal nicht „das Gute“ sein. Übergang heißt ja, mit diversen Brüchen ohne richtige Struktur mit vielen Ungerechtigkeiten zu operieren, also ich habe da keinen Bock drauf. Gysi finde ich als Person schon wichtig, weil er im Bundestag Opposition betreibt, wie das kein anderer momentan kann, aber die Partei selbst akzeptiere ich nicht, weil da immer noch viele Pappenheimer von früher mit an Bord sind, die eine historisch gesehen gute Idee komplett pervertiert haben.

Das Lied „Aufsteh’n“ erinnert mich von der Gesanglinie an „Vorbei“ von ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN und „Chanel“ wieder an „Gewinnen werden immer wir“ von SLIME. Ist euch das selbst auch schon aufgefallen? Kann man das als Musiker überhaupt ausschließen, dass sich so etwas mal ergibt?

Tom:
Ich kenne weder die eine noch die andere Nummer, aber ausschließen kann man das nicht. Gewisse Akkorde sind ja oft auch Allgemeingut. Aber das ist schon lustig, dass wir beide Nummern nicht kennen.

In einem Shop tauchte eure neue Scheibe als absoluter „Deutschpunk-Tip“ auf. Ist das nicht verkehrt? Oder einfach ganz egal?

Tom:
Ich finde diese Schubladen, wie Punk, Deutschpunk, deutschsprachiger Punkrock, völlig egal.

Eugen: „Deutsche Liedermacher“ ginge auch noch, haha.

In „Traum“ wird gefragt: „War ich zu unsensibel für ein fremdes Leid?“ Bist du eher bei privaten oder eher bei politischen Vorkommnissen empfindsamer geworden?

Eugen:
Entweder man ist so oder nicht. Der Song lässt ja offen, ob es eine Fiktion ist oder nicht, und ich will das auch offen lassen. An der Wahrnehmung hat sich nichts geändert, auch wenn sich die Verhaltensweisen geändert haben. Früher war ich eher eine Art Choleriker. Wenn mir jemand sagte, „Ich finde deine Band scheiße“, dann bin ich aber gleich auf die höchste Palme gehopst, die man sich vorstellen kann. Mittlerweile würde ich sagen, na ja, man muss ja nicht alles mögen, was nicht heißt, dass es mich jetzt nicht mehr trifft.

Tom: Es gibt ja dazu zwei Begriffe: Altersmilde und Altersstarrsinn. Ich versuche schon, mich nicht so starr auf gewisse Sachen einzuschießen, sondern sie zu nehmen, wie sie sind und damit umzugehen. Was aber auch nicht bedeutet, dass ich Ungerechtigkeiten akzeptiere.

Über die Systemunterschiede zwischen DDR und BRD hast du ja schon häufiger gesprochen, doch wie stellt sich das Verhältnis unter den Bands dar? Sind in den alten ostdeutschen Bands die besseren Freunde, oder ist der Zusammenhalt mit West-Bands ganz ähnlich?

Eugen:
Das ist eigentlich kein Thema mehr. Mit Tom kamen ja damals auch andere Leute dazu, wie Henning von JINGO DE LUNCH oder Andy Laaf aus Aachen, der bei uns getrommelt hat. Würde man sich da abgrenzen, dann könnte so etwas ja gar nicht funktionieren. Auf die DDR bezogen waren viele Freundschaften auch nur zweckbezogen, da muss man also vorsichtig sein. Oberflächlich gesehen gab es natürlich viel mehr Kumpels, aber darunter waren dann auch viele, die in der Stasi waren und einen in die Pfanne gehauen haben.

Tom: Als ich 1997 bei DIE SKEPTIKER eingestiegen bin, fiel mir auf, dass hier schon ein anderer Diskurs möglich ist. Da wurde zwar hart diskutiert, aber eben nicht nur auf einer Meinung beharrt. In den Bands, bei denen vorher war, diskutierte man nicht immer, um auch eine Lösung zu finden. Bei DIE SKEPTIKER wurde dann schon eher eine gemeinsame Schnittmenge gefunden.

Eugen: Eine Band ist auch eine Gemeinschaft, da muss schon dafür gesorgt werden, dass man eine Meinung nicht endlos für sich stehen lässt, sondern man muss ja einen Konsens finden.

Markus Franz

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #111 (Dezember 2013/Januar 2014)

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Zwischen Rockfestivalbühnen und Dragshow. Zwischen Punkrockgitarren und eingängigen Popmelodien. Zwischen kleinen Alltagsgeschichten und unmissverständlichen Statements. Überall bewegt sich die Hamburger Band SCHROTTGRENZE, auch mit ihrem neuen ... mehr