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Interviews & Artikel

ASTPAI

Captain Crohn vs. the world

Was ist die Alternative dazu, Frustration in sich hineinzufressen? Richtig, dem Frust freien Lauf lassen. Katharsis durch Musik ist wahrscheinlich so alt wie Musik selbst. ASTPAI gelingt dies auf ihrer im Oktober 2013 erschienen 7“ „Crohnicles“ auf eine höchst produktive und kreative Art und Weise. Darauf geht Sänger Manfred „Zock“ Herzog in drei Songs konkret auf die Krankheit Morbus Crohn ein, die bei ihm vor sieben Jahren diagnostiziert wurde. Morbus Crohn ist neben der Colitis ulcerosa die „populärste“ Form der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und tritt wiederkehrend in Form von Schüben auf. „Crohnicles“ ist quasi ein künstlerisches Aufbegehren und, wie er selbst sagt, eine Art Medizin: „Working on this record was the healthiest way of dealing with being sick.“ Bei der Produktion griffen den Wiener Neustadt-Punkrockern die beiden A WILHELM SCREAM-Gitarristen Trevor Reilly und Mike Supina unter die Arme. Zock erzählt von der Zusammenarbeit und berichtet bereitwillig von seinem Umgang mit Morbus Crohn.

Du hast dich mit eurer 7“ „Crohnicles“ als an Morbus Crohn Erkrankten „geoutet“. Kostete es dich Überwindung, das so direkt anzusprechen?


Ich würde das Ganze nicht wirklich als Outing bezeichnen – viele Leute in meinem Umfeld wussten ja seit Jahren Bescheid und es fiel mir auch nie schwer, über das Thema zu sprechen. Im Grunde geht es bei dem Release von „Crohnicles“ eher darum, mir selbst gewisse Sachen von der Seele zu schreiben und auch anderen Morbus-Crohn-PatientInnen ein wenig Frust und Ärgernis abzunehmen. Die meisten Betroffenen, die ich über die Jahre kennen gelernt habe, konnten ohne Weiteres ihrem alltäglichen Leben nachgehen. Klar lässt einen die Krankheit immer wieder spüren, dass sie da ist, und oft überrascht sie einen auch mit krassen Schmerzen. Im Prinzip hält sie mich aber von nichts ab, weshalb jegliches Mitleid auch fehl am Platz wäre.

Gab es einen Auslöser dafür, dass du „deine“ Krankheit jetzt thematisieren wolltest?

Alle drei Texte entstanden schon im Mitte/Ende 2012, als ich nach jahrelanger Therapie plötzlich den heftigsten Entzündungsschub seit Auftreten der Krankheit hatte. Ich fühlte mich plötzlich wieder wie kurz vor meiner Operation 2006 und musste schlussendlich auch auf stärkere Medikamente umsteigen. Zum ersten Mal in sechs Jahren wurde mir so richtig bewusst, dass Morbus Crohn nicht umsonst als chronische Krankheit gilt, die jederzeit wieder auftauchen und Schaden anrichten kann, was natürlich so einiges an persönlicher Frustration mit sich brachte.

Bezieht sich der Song „Just ask“ darauf, dass Außenstehende als Erstes über die offensichtliche Verfassung deines Körpers urteilen und wenn überhaupt im zweiten Schritt erst nachfragen?

Wenn es darum geht, über diverse Äußerlichkeiten und sogar ganze Krankheitsbilder zu urteilen, werden oft die größten Laien zu Professoren und Ärzten und meinen, zu jedem Scheiß die passende Meinung zu haben. Das beschränkt sich ja auch nicht nur auf Gesundheitszustände. Jeder Vegetarier oder Veganer musste sich wahrscheinlich schon mal von einem pseudo-besorgten Hobbydoktor anhören, dass das Weglassen von Fleisch und/oder tierischen Produkten Schuld an bestimmten körperlichen Umständen oder Mangelerscheinungen habe. Im Fall von Darmerkrankungen wie Morbus Crohn ist einer der am häufigsten auftretenden Nebeneffekte, eine schlanke bis sehr dünne Figur zu haben. Wenn man sich dann wie ich als Veganer Dinge anhören muss wie „Jetzt iss’ doch mal anständig, du fällst doch vom Fleische“ oder bei YouTube-Kommentaren wie „looks like he came straight out of Auschwitz“ reißt einem ob all der Ignoranz und Dummheit irgendwann der Geduldsfaden. „Just ask“ spricht von der Wichtigkeit, Fragen vor Vermutungen zu stellen und Unwissenheit durch respektvolle Neugier und Aufmerksamkeit zu bekämpfen.

Kann man generell von „deiner“ Krankheit sprechen, hat die Krankheit dich im Griff? Wie bewältigst du das turbulente Tourleben?

Morbus Crohn ist zwar unberechenbar, in meinem Fall kann ich aber beruhigt sagen, dass ich mich immer noch selbst im Griff habe und ich vor nichts im Leben haltmachen muss. Auf Tour kann es genauso wie im „echten“ Leben immer wieder mal zu schmerzvollen Unterbrechungen kommen. Da muss man eben durch, nach Möglichkeit versuchen zu entspannen und sich anschließend aufrappeln und weitermachen.

Im Video zu „2000 pills“ kämpft ihr gegen Captain Crohn. Versuchst du die ganze Lage mit möglichst viel Humor zu nehmen?

Die Idee zu dem Video kam ganz spontan. Vier Ärzte jagen eine als Captain Crohn personifizierte chronische Krankheit auf ein Hausdach, wo es zum Showdown kommt, bei welchem Crohn im letzten Moment entkommen kann, was wiederum den chronischen Charakter unterstreichen soll. Im Grunde sind wir einfach im Bierrausch zwei flotte Stunden ein Stiegenhaus rauf- und runtergerannt, hatten einen Riesenspaß dabei und das war es, haha.

Vor sieben Jahren wurde Morbus Crohn bei dir diagnostiziert. Wie ging es dir kurz vor und besonders nach der Diagnose? Ich weiß von einer guten Freundin, dass es ein täglicher Kampf zwischen Wohlbefinden und Erschwerung des Lebens ist, man von Arzt zu Arzt rennt, um nur mit noch mehr Fragen statt Antworten zurückkommen. Wie erlebst du das?

Ich hatte bis zwei Monate vor meinem ersten Krankenhausaufenthalt weder Beschwerden noch Schmerzen, noch sonst irgendeine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Im Oktober 2005 kamen dann die ersten Krämpfe und von da an ging es relativ schnell bergab. Ich konnte damals nicht mehr geregelt Essen, weil zwar Appetit, jedoch kein Fassungsvermögen da war. Als ich im Dezember knapp 15 Kilo weniger auf die Waage brachte als heute, war klar, dass irgendetwas nicht im grünen Bereich ist – jedoch wusste kein Arzt so recht, was das genaue Problem war. Die erste Operation sollte eine vorbeugende Blinddarm-OP werden, wobei sich schnell herausstellte, dass der Blinddarm vor lauter Entzündungen gar nicht mehr auffindbar war. Danach folgte noch ein kleinerer Eingriff und ein durchgehender Krankenhausaufenthalt von knapp zwei Monaten, bis die Ärzte im Wiener AKH endlich Morbus Crohn diagnostizierten und gleich darauf mit einem recht aufwändigen Eingriff das Gröbste ins Lot brachten. Nach der OP ging es sehr schnell bergauf und bis zum Sommer 2012 gab es kaum Komplikationen oder Probleme. Somit gab es für mich auch keine offenen Fragen bezüglich der Krankheit. Zweimal im Jahr ging es zu Untersuchungen, um sich abzusichern, dass da keine weiteren Entzündungen schlummern. Und seit 2006 waren es tatsächlich mit sechs bis acht Tabletten täglich sogar mehr als 2.000 Pillen pro Jahr, etwa 2.300 Stück.

Ich schätze mal, dass Morbus Crohn zwar im Allgemeinen ein Begriff ist, aber tiefergehende Kenntnisse nicht vorhanden sind. Wie sichtbar ist diese Krankheit in der Öffentlichkeit?

Morbus Crohn hat keine wirkliche Relevanz für die Allgemeinheit, was ich vollkommen verstehe. Ich selbst würde mich missverstanden fühlen, wenn Leute – auf welche Art auch immer – Rücksicht auf mich nehmen würden, wo keine Rücksicht verlangt wird. Und wie gesagt, Mitleid ist hier auch fehl am Platz, da ich ja in nichts eingeschränkt werde.

Wie ist der Status quo der Forschung? Gibt es ein abgestecktes Krankheitsbild?

Zum Stand der Forschung kann ich dir leider nichts erzählen. Durch meine persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass bei Morbus Crohn immer noch viel Neues versucht wird, verschiedene Medikamente, Therapien, Injektionen, etc. Es gibt weder ein konkretes Krankheitsbild, noch lässt sich der Pool an möglichen Ursachen auf eine überschaubare Anzahl verkleinern. Die Theorien reichen von Stress, Vererbung bis hin zur fortschreitenden Luftverschmutzung in westlichen Industriezonen und der Unfähigkeit des Körpers, damit umzugehen.

Kommen wir zur Musik. Die Songs der EP sind geradliniger als zuletzt auf „Efforts & Means“, weniger Überraschungen und Aha-Effekte, dafür kurz und straight. Durch die Thematik bekommen die Songs eine Tiefe. Meinst du, dass dieses Mal die Texte vollends im Fokus stehen und die Songs daher recht simpel ausgefallen sind?

Das trifft es ganz gut. Die Songs waren allesamt innerhalb von ein bis zwei Proben geschrieben, was eine nette Abwechslung zum sonst relativ intensiven Album-Schreibprozess war. Die Texte standen klar im Vordergrund und somit sollten die eher einfach gestrickten Songs Platz für den Inhalt machen.

Gleichzeitig stimmt das mit den „Überraschungen“ auch nicht so ganz. „Just ask“ kulminiert mit einem, wie ihr schön beschrieben habt, Over-the-top-Gitarrensolo von A WILHELM SCREAM-Gitarrist Mike Supina. Steht ihr auf diese flinken Achtziger-Jahre-Metal/Hardrock-Soli?

Mike ist einfach ein out-of-his-mind-großartiger Gitarrist, und als klar war, dass wir mit ihm und Trevor gemeinsam die drei Songs aufnehmen werden, begann bei mir im Kopf die Idee zu wachsen, das Outro von „Just ask“ für ein Solo zu verwenden, das ganz klar von keinem ASTPAI-Mitglied stammen konnte. Mike fand die Idee cool und zwei Takes später war alles im Kasten.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit A WILHELM SCREAM? Soweit ich weiß, gehört das Black and Blue Studio, in dem ihr mit den AWS-Gitarristen Trevor Reilly und Mike aufgenommen habt, Trevors Vater. Wie kann man sich so ein hauseigenes Studio vorstellen?

Das hat sich alles sehr unkompliziert ergeben. Ich habe mit Trev im Sommer 2012 ein paar Tage auf Tour verbracht und da hat er zum ersten Mal sein Studio erwähnt. Mail folgte Mail und zwei Monate später waren wir schon in New Bedford in Trevors Elternhaus. Das Witzige am Aufnahmeprozess war, dass sich der tatsächliche Aufnahmeraum im Keller, der Regieraum allerdings im obersten Stockwerk des Hauses befand. Trev und Mike mussten somit zwischen dem Mikrofonieren und dem Probehören immer wieder unter lautem Gepolter treppauf, treppab durchs ganze Haus rennen, vorbei an Trevs Dad, der im Wohnzimmer versuchte, in Ruhe fernzusehen. Es gab aber keinerlei Stress oder Sonstiges, es war eher witzig das zu beobachten.

Alex Schlage

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #112 (Februar/März 2014)

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