GIUDA

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Hitchcock’s Junkshop Brigade

Wir schreiben das Jahr 1971, es ist März, wahrscheinlich hat es im gesamten britischen Königreich schon seit Wochen ohne Unterlass geregnet. In Englands beliebtester Karaoke-Rock-Revue „Top of the Pops“ betritt Marc Bolan genau in dem Moment die Bühne, als die Selbstmordrate infolge des schlechten Wetters rapide anzusteigen droht. Im Gegensatz zu seinem Begleitbassisten glücklicherweise ohne Porno-Schnurres, sind seine Lenden in silbernes Satin gehüllt, sein lockiges Haar fällt auf eine Art leger geknöpfte Bootsjungen-Jacke, ebenfalls in Silber, die einen Blick auf seine unbehaarte Brust erhaschen lässt, und die angeheuerten Feierteenager klatschen wie gewohnt unbeholfen zu seiner Lobpreisung der heißen Liebe.

Zwei Jahre später wird Marc Bolan im Melody Maker „Glam Rock Is Dead“ deklarieren, und es sei ihm zugestanden, dass er von GIUDA noch nichts wissen konnte, deren erste Singles „Number 10 / Crazee“ und „Get it over“ sich 37 Jahre später zunächst einem kleinen Kreis geschmackssicherer revivalistischer Musikstalinisten erschließen, bis ihre eingeschworene Gemeinschaft mit dem ersten Longplayer „Racey Roller“ plötzlich regen Zuwachs erfährt und die bis dato nahezu unbekannten Römer plötzlich in aller Munde sind. Drei Jahre und eine wilde Tigerfrau später legen diese Römer nun ihr Nachfolgealbum „Let’s Do It Again“ (Damaged Goods) vor, und egal, ob man es jetzt Bovver Boogie mit Tendenz zu Sunday Strippern und Hersham Boys, Junkshop Glam mit dem Aufwärtshaken einer eisernen Jungfrau oder schlichtweg gottgleich nennt, sie sind für viele, meine Wenigkeit eingeschlossen, inzwischen ebenso lebensnotwendig wie die Herz-Lungen-Maschine während einer ausgedehnten Bypass-Operation. Dementsprechend war es absehbar, dass es auf kurz oder lang zu einem Gespräch über den wissenschaftlichen Hintergrund zur Widerlegung der Bolan-These kommen musste, welcher euch nun von Gitarrist Lorenzo im Detail erläutert werden wird. Übrigens, tretet der GIUDA-Horde bei, selbst wenn es dafür notwendig sein sollte, nach Frankreich auszuwandern.

Mit eurer Debüt-LP „Racey Roller“ habt ihr 2010 eine Glam&Glitter-Bombe gezündet, die so keiner erwartet hätte. Die Erwartungen an den Nachfolger waren entsprechend hoch.


Du hast recht, die Erwartungen waren wirklich enorm, aber wir haben unser Bestes getan, sie zu erfüllen, was uns, gemessen an dem durchweg positiven Feedback, das wir bisher bekommen haben, wohl auch gelungen ist. Unser einziger Gedanke dabei war, unsere Musik mit der größtmöglichen Leidenschaft zu spielen, die wir geben können, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Würdest du mir zustimmen, dass ihr mit „Let’s Do It Again“ noch mehr Boogie- und Pop-Elemente in euren Sound integriert habt, als es vorher schon der Fall war? Ich denke da an Songs wie „Fat boy boogie“, „Yellow dash“ oder „Hold me tight“.

Unsere Vorlieben für einen guten Pop-Song waren, wie du sagst, auch schon auf „Racey Roller“ in Songs wie „Get it over“ oder „Saturday night“ zu erkennen, aber ich denke, dass wir mit der neuen Scheibe wirklich einen großen Fortschritt in puncto Songwriting gemacht haben. Auch der Sound an sich ist wesentlich solider und stimmiger, weil sich unser Gefühl für diese Dinge noch einmal deutlich verbessert hat. Da du „Yellow dash“ erwähnt hast: hier sind wir deutlich von den BEATLES beeinflusst, weil wir versucht haben, den selben Gitarrensound wie auf deren Singleversion von „Revolution“ hinzubekommen.

Jetzt, da ihr bereits einige Erfolge vorzuweisen habt, bleiben natürlich auch die Neider und Kritiker nicht fern und man hört immer mal wieder den Vorwurf, ihr würdet nur vergammelte Seventies-Riffs recyclen und das Produkt mit Texten für schlichte Gemüter garnieren.

Wir spielen einfach nur Rock’n’Roll und ich denke, das tun wir ziemlich gut. Wir wollen überhaupt nicht großartig innovativ sein, schaffen es aber unserer Ansicht nach dennoch, etwas Einzigartiges und Frisches mit unserem Sound zu kreieren. Sicher haben wir unseren definierten musikalischen Hintergrund, der auch deutlich hörbar ist, aber wer hat den nicht? Es gibt hunderte berühmter und bekannter Bands, wie beispielsweise OASIS, die auch nichts anderes tun, als in dem Fall die Musik der Sechziger Jahre zu reproduzieren, und trotzdem behaupten die Leute, dass sie den Britpop erfunden haben. Was die Texte betrifft, da halte ich es mit Alfred Hitchcock, der einmal gesagt hat: „Wenn ich eine Nachricht übermitteln will, dann gehe ich zum Postamt“.

Oftmals habe ich auch den Eindruck, dass es sich derartige Kritiker zu leicht machen und euch vorschnell in eine Schublade mit den bekannten Namen der Glam-Ära, wie SLADE, SWEET oder selbst T. REX packen, obwohl die wirklichen Einflüsse ja eher aus den verstaubten Single-Kisten mit den Vergessenen dieser Ära stammen, wie HECTOR, IRON VIRGIN, SOHO JETS oder THE JOOK. Gebt den armen Seelen doch einmal bisschen Nachhilfe in Sachen Junkshop Glam.

„Junkshop Glam“ wurde vor einigen Jahren als Kunstbegriff geschaffen, um die Myriaden an Bands zu beschreiben, die versucht haben, ihren weitaus größeren Vorbildern wie Gary Glitter, Suzi Quatro und den anderen bekannten Namen jener Zeit, nachzueifern und es dabei vielleicht sogar geschafft haben, eine Single aufzunehmen, bevor sie wieder in der Versenkung verschwunden sind. Als ich das erste Mal einige dieser Scheiben hörte, bin ich völlig durchgedreht und habe mich sofort in diese Bands verknallt. Das führte dazu, dass ich tiefer grub und die richtigen Schätze entdeckt habe. Es war im Prinzip so, wie es mir damals mit den ganzen KBD-Style-Punk-Compilations ergangen ist. Was ihr auf jeden Fall kaufen solltet, ist alles von THE JOOK, denn sie sind eine dieser wirklich überragenden, zu Unrecht vergessenen Bands der Siebziger Jahre.

War diese Entdeckung der auschlaggebende Faktor für die Gründung von GIUDA?

Am Anfang war es eigentlich nur der Spaß an der Sache, reine Entdeckungslust, bis ich dann die ersten richtigen Hits entdeckte. Als dann Francesco, unser Drummer bei TAXI, völlig unerwartet starb, war es nach einigen Monaten dann einfach irgendwie an der Zeit, etwas Neues zu probieren, denn als TAXI wollten wir danach nicht mehr weitermachen. Also gingen wir wieder in den Proberaum und GIUDA waren geboren.

Warum ist TAXI der Erfolg, den ihr im Moment mit GIUDA erleben dürft, immer verwehrt geblieben? Gerade eure zweite LP „Yu Tolk Tu Mach“ war wirklich großartig.

Heute können wir mit unserer Musik einfach mehr Leute erreichen, denn bei GIUDA kann jeder etwas entdecken, das ihm gefällt. Aber es ist nicht so, dass wir mit TAXI nicht auch großartige Erfahrungen gemacht hätten, beispielsweise waren wir immerhin zweimal als Underground-Punkband in den USA auf Tour. Nachdem dann 2007 unsere zweite LP erschienen war und unser Drummer Francesco kurz darauf starb, konnten und wollten wir nicht mehr weitermachen. Vom alten TAXI Line-up sind bei GIUDA neben mir an der Gitarre noch Tenda, Gesang, und Danilo, nach kurzer Aushilfszeit am Schlagzeug am Bass, ergänzt von Michele an der Gitarre und Daniele, Drums. Unsere grundlegende Herangehensweise an die Musik hat sich allerdings nie wirklich verändert. Wir sind einfach nur ein paar Typen, die teilweise schon seit der Kindheit miteinander befreundet sind und Spaß haben wollen.

Die Verbindung von Glam, Pubrock und Punk ist ja eigentlich offensichtlich, man denke nur an SHAM 69 oder die frühen COCK SPARRER.

Ich denke, mit COCK SPARRER in ihrer frühen Phase hast du hier schon ein perfektes Beispiel genannt, für SHAM 69 gilt das ebenso. Hast du mal das Foto von ihnen gesehen, wo sie wie die BAY CITY ROLLERS in ihren Anfangstagen gekleidet sind? Natürlich gibt es auch noch andere Bands, für die das in besonderem Maße gilt, wie SLADE, THE FACES oder auch STATUS QUO, deren Songs zwar alle großartige Pop-Strukturen haben, aber dennoch auch rotzig und aggressiv genug sind, um deine Rock’n’Roll-Bedürfnisse zu befriedigen.

Hättet ihr jemals erwartet, mit eurem Sound einen derartigen Hype loszutreten? denn die jüngste Compilation-Welle, welche neben der bereits altbewährten „Killed By Glam“-Reihe inzwischen auch „Glamstains“ und „Glam-O-Rama“ zu bieten hat, zeigt das ja deutlich.

Sicherlich sind nicht nur wir dafür verantwortlich, sondern ebenso einige Musikverrückte, die auf Blogs wie Purepop oder Crazee Kids ihrer entsprechenden Leidenschaft nachgehen. Als die ersten und wichtigsten Compilations sind außerdem auch „Velvet Tinmine“ und „Boobs“ zu nennen.

Gab es in Italien jemals so etwas wie eine Glam-Szene?

Zu der Zeit war Prog in Italien wesentlich populärer, unglücklicherweise gab es das also nicht. Dennoch gab es aber Bands, die auf jeden Fall erwähnenswert sind, LA STRANA SOCIETA, WILLIAM und NICKY BULLDOG beispielsweise.

Ein essentieller Teil von GIUDA ist das Artwork eurer Platten und das Merchandise, welche nahezu durchgehend von Tony Crazeekid und Fabie Crazeegirl entworfen werden. Wie wichtig sind die beiden für die Band?

Mit Tony bin ich schon seit einigen Jahren befreundet, wir haben uns damals durch den Tausch von Singles kennen gelernt und betreiben beide auch ähnlich gelagerte Blogs. Die beiden haben sich sogar extra auf den langen Weg nach Rom gemacht, um bei der Release-Party von „Let’s Do It Again“ dabei zu sein und ich kann mir niemand anderen vorstellen, der ein besseres Image für uns hätte entwickeln und umsetzen können. Mit absoluter Sicherheit sind sie in dem selben Maß für unseren derzeitigen Erfolg verantwortlich wie wir selbst. Von ihm stammt der Slogan und das dazugehörige Artwork von „I’m A Giuda Fan“, er hat unseren Fanclub, die Giuda Horde France gegründet und sogar einen Song namens „Giuda, we love you“ mit dazugehöriger Single für uns geschrieben beziehungsweise einen BAY CITY ROLLERS-Song entsprechend arrangiert. Unsere Musik und sein Gespür für das entsprechende Design sind eine dieser großartigen Fügungen des Schicksals.

Wann begeben sich GIUDA und ihre Horde das nächste Mal auf den Weg nach Europa? Können wir vielleicht auch mit einem Gig in einer Rollschuh-Disco rechnen? Den passenden Song habt ihr ja schon mit „Roller skates rule o.k.“.

2014 sind wir einige Male in Europa unterwegs, in Deutschland das erste Mal im März und dann noch einmal im Mai für acht Gigs. Das mit der Roller-Disco wäre natürlich hervorragend, allerdings müssten unsere Rollschuhe mit Kleber auf der Bühne fixiert werden, damit wir uns nicht vollends blamieren.