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Interviews & Artikel

PASCOW

Goodbye Kryptik

PASCOW sind schon seit einiger Zeit das verbindende Element zwischen Rachut- und Deutsch-Punk. Deswegen mag so ziemlich jeder, den ich kenne, diese Band. Seit 15 Jahren gibt es den sympathischen Vierer aus Gimbweiler, ihre Geburtstagsfeier im August 2013 haben sie allerdings „komplett verschlafen“. In den ersten Jahren veröffentlichten sie im Eigenvertrieb und mit Hilfe von Plastic Bomb drei Platten und erspielten sich den Ruf, eine sehr energische und gute Live-Band zu sein. Seit 2010 arbeiten PASCOW mit Rookie als Labelpartner und Kurt Ebelhäuser als Stammproduzent. Die vierte Platte „Alles muss kaputt sein“ (2010) wurde fast schon erwartungsgemäß mit überschwänglichen Rezensionen bedacht, erneut hatten PASCOW sich selbst übertroffen und zu Recht ist das Rookie-Debüt bis dato der Topseller der Band. Dies wird sich nun eventuell ändern, denn am 28. Februar erscheint „Diene der Party“ als LP, CD, Download und zusätzlich in einer Sonder-Edition mit farbiger LP, CD und einem knapp neunzigseitigen 20 x 30 cm großen Buch mit Kurzgeschichten, die Autoren wie Jan Off oder Alex Gräbeldinger zu den Songtiteln geschrieben haben – ohne das Stück jemals gehört oder den Liedtext gelesen zu haben ... Das Album war vor Weihnachten kaum fertig gemastert, da stand uns die Band Rede und Antwort.

Warum habt ihr euch bei der neuen Platte für das Motto „Diene der Party“ entschieden – und was ist diesmal anders?

Alex:
Der große Unterschied zu den bisherigen Platten ist, dass „Diene der Party“ wesentlich direkter und klarer ist, also weniger verschachtelt und kodiert. Es gibt eigentlich überhaupt keine kryptischen Texte mehr, vielleicht die eine oder andere Passage. Als wir vor fünfzehn Jahren mit PASCOW begonnen haben, gab es zwischen DACKELBLUT und KNOCHENFABRIK nicht so viele Bands. Mittlerweile ist dieser Zwischenraum durch neue und echt gute Bands überfüllt. Wir wollten es diesmal etwas anders machen: Eher die Sachen konkret benennen, als drumherum zu schreiben, somit ist das fast klassischer Deutschpunk. Die Platte sollte ursprünglich nach unserem neuen Song „Lettre Noir“ benannt werden. Leider heißt die neue BROILERS-Platte aber auch „Noir“, weswegen wir einen anderen Titel gesucht haben. Wir fanden „Diene der Party“ in Verbindung mit dem düsteren Coverartwork einfach interessant. In dem Song geht es ja um Arbeitswelt, Aufopferungsbereitschaft, Zwölf-Stunden-Tage und den Glauben daran, dass es einem dadurch besser geht. Im dazugehörigen Video mischen wir Auftrittssequenzen mit einer total ausufernden Party, in der dann auch die Queen, Yoda und Morrissey vorkommen.

Siehst du die heutzutage recht paradoxen Anforderungen der Arbeitswelt als krank machendes Element innerhalb unserer Gesellschaft?

Alex:
Ja, genau das bestimmt ja das Denken unserer ganzen Generation: dieser Zielsetzungstrieb, dieser Wachstumsglaube, der sich nicht nur bei uns, sondern in der gesamten westlichen Welt manifestiert hat, diese Diktatur der freien Marktwirtschaft. Alle denken, dass im Wachstum auch automatisch Wohlstand liegt und dass das der einzige Weg ist. Mir fehlt da einfach die Alternative.

„Merkel-Jugend“ schlägt doch in eine ganz ähnliche Kerbe, oder?

Alex:
Stimmt genau! „Merkel-Jugend“ war der erste Text, der für die Platte geschrieben wurde, ähnliches Thema.

Ollo: Das spiegelt ja auch ein Stück weit unser Leben wider.

Gibt es dabei Parallelen zum Erwerbsleben der PASCOW-Brüder? Ihr seid auch noch bei Kidnap Records, Popp Concerts, dem Tante Guerilla-Mailorder und zwei Skate- und Plattenläden involviert.

Ollo:
Klar, wir gehen alle arbeiten. Von der Musik können wir nicht leben und wollen es letztlich auch gar nicht, weil wir uns damit unsere eigene musikalische Freiheit beschneiden würden. So bleiben wir als Band PASCOW unabhängig. Und jeder aktive Musiker kennt das doch, das Wochenende im Proberaum zu verbringen oder unterwegs zu sein und sonntagabends wieder nach Hause zu kommen, dann aber Montagmorgen pünktlich, frisch und lächelnd wieder auf der Arbeit zu sein. Das erfordert natürlich auch eine Menge Disziplin und Selbstaufopferung, und mittlerweile kann ich es mir auch selbst kaum noch anders vorstellen.

Aber das ist doch immer noch tausendmal besser als das verhasste 08/15-Angestelltenverhältnis, oder?

Alex:
Der Punkt ist, mit den Jahren unterscheidet sich das kaum noch voneinander, und wenn der Umsatz nicht stimmt, treten die eigenen Motive, weswegen man in die Selbständigkeit gegangen ist, in den Hintergrund. Die Unterschiede verschwimmen mit der Zeit immer mehr, das sehen wir ganz deutlich: Swen ist angestellt, Flo ist angestellt und wenn wir uns abends nach der Arbeit zum Proben treffen, dann ist erst mal jeder im Sack. Zum Beispiel dieses Bild, das man noch von den Eltern und Großeltern kennt, nämlich dass man sich abends nach der Arbeit erst mal in der Kneipe trifft und sich ein paar Bierchen trinkt, das geht unserer Generation komplett ab.

Ollo: Außerdem hatten wir gerade erst unser 15-Jähriges! Im August 1998 haben wir bei Null angefangen, unser erstes Konzert gespielt und haben uns das alles über die Jahre erarbeitet. Ey, wir kommen alle vom Dorf!

Wo und wie oft proben PASCOW, wie habt ihr euch inmitten des Alltags auf die Aufnahmen vorbereitet?

Flo:
Wir proben nach wie vor in Gimbweiler. Idealerweise nehmen wir uns vor, wöchentlich Sonntagmittag zu proben, das hat sich ein Stück weit bewährt und automatisiert, so dass ich echt in den Seilen hänge, sobald der Termin mal ausfällt. Wenn das mal nicht hinkommt und wir auf einen Wochentag ausweichen müssen, schlaucht uns das alle ganz schön.

Swen: Wir hatten die Auftritte 2013 deutlich zurückgefahren und uns aufs Songwriting konzentriert, weil das Arbeit ist und seine Zeit dauert. „Merkel-Jugend“ beispielsweise spielen wir schon seit über einem Jahr auch immer wieder bei Konzerten. Dadurch reift so ein Song natürlich auch. „Fluchen und Fauchen“ haben wir im Gegensatz dazu erst kurz vor den Aufnahmen fertiggestellt.

Die wenigen Konzerte, die ihr gespielt habt, waren echte Highlights, unter anderem als Support für TURBOSTAAT und DIE ÄRZTE.

Ollo:
Mit TURBOSTAAT hatten wir zuletzt noch vor deren erster Platte gespielt. Irgendwie haben wir dann aber über die Jahre den Kontakt verloren. Parallel sind beide Bands größer geworden, ohne sich gegenseitig über den Weg zu laufen, fast schon skurril. Aber um so schöner war das Köln-Konzert natürlich.

Alex: Bela B. kennt uns wohl seit dem Album „Nächster Halt: gefliester Boden“, und die gemeinsame Bookingagentur KKT organisiert so was dann, wenn DIE ÄRZTE bestimmte Bands als Support dabeihaben wollen. Das ist natürlich eine ganz, ganz andere Welt. Als kleine Punkband fühlt man sich auf so einer Riesenbühne wie in Bremen einfach total verloren. Aber egal, wir haben mächtig Gas gegeben und ein geiles Konzert abgeliefert. Wir hatten ja nichts zu verlieren!

Swen: Das sind so einmalige Erlebnisse, bei so einer Großveranstaltung auch mal ein bisschen hinter die Kulissen schauen zu können. Und man hat für den Bühnensound eine eigene PA, also hört man sich auf der Bühne auch ziemlich gut, was natürlich geil ist. Aber das Publikum ist so weit entfernt, das ist echt Wahnsinn.

Flo: Ich fand gut, dass wir von der Produktion so gleichberechtigt und fair behandelt wurden. Wir haben gegen 18 Uhr gespielt und wurden dann vom Publikum wirklich freundlich empfangen.

Swen: Sehr sympathisch war natürlich auch, das jede Vorband von Bela, Farin oder Rod auf der Bühne angekündigt wurde. Das war sehr, sehr nett.

Ich finde eure Bühnenperformance sehr gymnastiklastig.

Alex:
Eigentlich bin ich gar nicht so gelenkig, aber es gibt so ein, zwei Dehnungsmoves, die sitzen einfach, haha ... Aber PASCOW auf der Bühne? Da wird irgendwie ein Schalter umgelegt und dann macht jeder einfach, wonach er sich fühlt, egal, wie das aussieht. Da kann man eigentlich nicht zwingend von Performance sprechen, hehe ...

Ein weiteres typisches PASCOW-Markenzeichen, neben der Akrobatik, ist Alex’ sehr schneller Sprechgesang. „Unten am Fluss“ ist so eine schnelle Nummer. Hast du keine Angst vor solchen Liedern bei Konzerten, also konditionell?

Alex:
Nicht mehr als vor dem Rest der Platte, haha ... Das gab es immer wieder in der Geschichte von PASCOW. Da gibt’s auf der ersten Platte den Song „Thom Yorke? Das hat uns die Intro eingebrockt!“, der ist vom Gesangsstil ähnlich und den haben wir manchmal auf Wunsch auch in den letzten Jahren noch live gespielt. Aber da hat er mich dann echt in die Knie gezwungen, so dass die Erkenntnis blieb, dass wir den, wenn überhaupt, als allerletzten spielen. Aber man lernt aus so was ja, haha ...

Wer singt auf der Aufnahme den Schlussrefrain?

Alex:
Das ist Mrs. Mötherfucker von CHRISTMAS aus St. Wendel, die hatte bei uns schon bei dem DACKELBLUT-Cover „Friseuse“ mitgesungen. Außerdem hört man sie auf der Platte auch noch bei zwei anderen Liedern.

Ihr habt am 7. März eure Releaseparty im Trierer Exhaus und danach geht’s auf eine Acht-Konzerte-Tour mit THE BABOON SHOW als Support. Bereitet ihr euch für so eine Tour anders vor als bei zwei kurzen Wochenendgigs?

Swen:
Also, ich hab mir jedenfalls vorgenommen, vorher noch mal ein bisschen was für meine körperliche Fitness zu tun. Ich freue mich da wahnsinnig drauf. Ich find’s auf Tour auch viel leichter, die Songs richtig gut zu spielen, denn je länger man unterwegs ist, umso besser wird die komplette Band im Zusammenspiel.

Alex: Wir spielen uns unmittelbar vor Auftritten natürlich ein wenig warm. Der Gesang gehört da auch zu, das ist Pflicht, sonst bricht die Stimme weg. Allerdings habe ich eh die Arschkarte: Saufen kann ich mir stimmlich nämlich gar nicht leisten, weil mich Alkohol enorm heiser macht. Ich habe die Erfahrungswerte von drei bis vier Auftritten am Stück, aber zehn Tage sind eine andere Nummer! Da muss ich mich ganz anders disziplinieren: So wenig wie möglich reden, Tee mit Salbeihonig trinken, warmsingen – das schützt die Stimme bei solchen Ausmaßen.

Ollo: Wir können auf Tour nicht jeden Abend nach dem Konzert an der Theke oder wo auch immer Vollgas geben. Das heben wir uns dann für das letzte Konzert auf. Aber nicht, wenn am nächsten Tag noch ein Konzert ansteht. Da sind wir dann einfach sehr fokussiert. Wir mieten uns einen Neunsitzerbus und pennen in billigen Pensionen, nichts Besonderes also. Aber über die Jahre ist es irgendwie wichtig für uns geworden, nach dem Konzert wirklich Ruhe zu finden und nicht noch bis in die Puppen am Veranstaltungsort rumzuhängen.

Zurück zur neuen Platte: wann seid ihr wo, warum und mit wem ins Studio gegangen?

Ollo:
Das Schlagzeug haben wir im Oktober 2013 im Toolhouse-Studio in Rotenburg an der Fulda aufgenommen, weil Kurt Ebelhäuser meinte, dort hätte man den allerschönsten Schlagzeugsound, den man sich vorstellen kann. Wir haben das Schlagzeug dann track-by-track eingespielt, Simon Jäger hat assistiert und bei einem Song haben wir zum ersten Mal auch mal mit Klick eingespielt. Ab November haben die anderen dann im Tonstudio 45 bei Kurt in Friedrichssegen bei Koblenz nach und nach ihren Kram eingespielt.

Flo: Das hat alles gut funktioniert. Den Bass haben wir komplett mikrofoniert, gespielt habe ich über mein Orange-Top und einen von Carlo Ebelhäusers Bässen, der da rumstand. Übrigens alles komplett effektfrei, aber mit viel Punch und 90% Downstroke-Plektrum.

Swen: Das war uns sehr wichtig, die Basslinien deutlicher herauszuarbeiten und dem Bass damit eine tragendere Rolle auf der Platte zu geben, als das bisher der Fall war. Bei „Alles muss kaputt sein“ ist uns das irgendwie durchgegangen. Wir haben diesmal viel mehr Wert darauf gelegt, den Bass präsenter in den Mix einzubringen.

Ollo: Wir haben wahnsinnig viel mit Raummikrofonen gearbeitet. Zum Beispiel stand eines der Mikros vor der Studiotür, insgesamt gut und gerne acht Meter vom Schlagzeug aufgestellt. Und dann war es eben so, wie Kurt das gesagt hatte, nämlich dass das Schlagzeug in diesem Raum einen sehr, sehr natürlichen Klang hatte. Und das merkt man dann an der ganzen Atmosphäre der Platte, außer vielleicht bei „Zeit des Erwachens“, da haben wir uns für einen Achtziger-Jahre-Schlagzeugsound entschieden.

Swen: Wir haben auch viel mit Gitarren und Verstärkern herumexperimentiert, auch während der Sessions Verstärker getauscht, Mikros verstellt, Sachen ausprobiert. Das hat natürlich richtig Spaß gemacht. In der Summe waren das zwanzig Tage. Eine knappe Woche im Oktober für die Schlagzeugaufnahmen. Und dann im November zwei Wochen den Rest.

Alex: Und wir haben uns spurentechnisch total eingeschränkt. Bei „Alles muss kaputt sein“ hatten wir teilweise acht, neun Gitarrenspuren. Diesmal sind es meistens zwei und gelegentlich noch eine dritte.

Wie habt ihr Kurt Ebelhäuser kennen gelernt?

Swen:
Vor den Aufnahmen zu „Alles muss kaputt sein“ haben wir uns intensiv mit Fragen der Produzenten- und Studiowahl beschäftigt. Dann haben wir von den BUBONIX die „Please, Devil, Send Me Golden Hair!“-Platte gehört und wer hatte die produziert? Kurt Ebelhäuser! Ich hab ihn dann über die Studio-Homepage angemailt, aber es kam leider monatelang keine Rückmeldung. Wir hatten natürlich zwischenzeitlich schon andere Adressen im Visier, aber urplötzlich klingelte das Telefon und ich wusste erst gar nicht, welcher Kurt das war, der da anrief, haha. Wir haben ihn dann besucht und alles durchgesprochen. Kurt ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse und ein guter Handwerker. Ihm war eigentlich sehr schnell klar, welchen Mix wir brauchen, was wir wollen und wie man das hinbekommt.

Euer neues Album ist wieder bei Rookie Records aus Köln erschienen, obwohl ihr mit Kidnap auch selbst ein Label betreibt.

Ollo:
Wir haben ja wirklich jahrelang alles selber gemacht, in den Anfängen noch per Post gebookt, das hat funktioniert. Wir haben das Label Kidnap hochgezogen, weil keine Sau das rausbringen wollte, und wir haben Konzerte selber veranstaltet, weil uns keiner haben wollte. Dann kamen Kooperationen zum Beispiel mit Plastic Bomb und mehr Konzerte und mehr Öffentlichkeit. Glaub mir, wir haben wirklich alle Arten von Labelmachern, Veranstaltern, Unterbringungen und Spritgeldkonzerten kennen gelernt und haben alles durchgezogen. Gerade Sven und Micha vom Plastic Bomb haben wir da eine Menge zu verdanken, die haben immer an uns geglaubt. Und wenn wir nun in unserem 15. Bandjahr die Möglichkeit haben, das alles in professionelle, verlässliche Hände abzugeben, dann nutzen wir das natürlich. Humberto von KKT ist einfach eine wahnsinnige Hilfe für uns. Gerade bei so einer undankbaren, arbeits- und zeitaufwendigen Sache wie dem Booking.

Alex: Wir haben ja sogar eine Zeit lang überlegt, ins professionelle Lager zu wechseln. Und aus gutem Grund haben wir uns dagegen entschieden, uns dafür aber mit Rookie und KKT einige professionelle Helfer ins Boot geholt, was auch notwendig ist, um das alles zu stemmen. Cargo als Vertrieb von Rookie hat in der Mehrzahl die CDs verkauft; wir mit dem Mailorder, Labels und Konzerten eher Vinyl an unsere Fans. Und insgesamt fühlen wir uns in diesem Setting sauwohl und haben gar keine Not, daran etwas zu ändern.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, am Anfang des Albums drei Lieder ohne klassischen Gesangsrefrain zu platzieren?

Alex:
Wir finden „Die Realität ist schuld, dass ich so bin“ und „Im Raumanzug“ exemplarisch für die Platte und für den Bandsound. Und der vermisste Refrain wird ja beispielsweise durch die Sologitarre gespielt. So einfach ist das.

Swen: Wir gehen an unser Songwriting nicht analytisch ran, sondern einfach nur emotional. Was sich gut anfühlt, wird genommen.

Ollo: Ich hatte bei der ganzen Platte das Gefühl, dass sie mehr als bisher den aktuellen Stand der Band wiedergibt. Wir haben zwar musikalisch nur begrenzte Mittel, aber letztlich benutzen wir immer die gleichen Zutaten beim Komponieren, kommen dabei aber immer zu unterschiedlichen und neuen Gerichten, sozusagen.

Man könnte euch vorwerfen, ihr würdet wie BAD RELIGION oder RAMONES ewig den selben Song wiederholen.

Flo:
Wir haben schon immer zwischen den Stühlen gesessen: Die Punker werfen uns vor, wir seien zu studentisch, und die Studenten werfen uns vor, wir seien zu punkig. Im Bandbus läuft eventuell KNOCHENFABRIK vor Kate Nash nach ABFUKK, bevor man alle Kräfte zusammen nehmen muss, wenn Swen seine Metal-CDs unbedingt während der Fahrt hören muss. Unsere Einflüsse sind sehr vielfältig und unterschiedlich.

Swen: Wir wollen es ja auch niemandem recht machen, außer uns selbst. Wenn da zum Beispiel jemand Probleme mit zweistimmigen Gitarren hat, soll er eben andere Musik hören und nicht zum Konzert kommen!

Bei den Texten der Songs „Castle Rock“, „Zeit des Erwachens“ und „Briefe an Patti Smith“ werden konkrete Kindheitserinnerungen beschrieben. Was hat es damit auf sich?

Alex:
In „Zeit des Erwachens“ geht es um einen Wendepunkt im Leben, den jeder kennt und durch den man während der Adoleszenz anfängt, sich mit neuen Ideen wie zum Beispiel Punk zu infizieren. In der zweiten Strophe schwenke ich dann allerdings über zur „Festung Europa“-Debatte. „Castle Rock“ verortet das dann tatsächlich in der Kindheit, wobei in der zweiten Strophe eine Brücke zum „Merkel-Jugend“-Thema geschlagen wird. Und „Briefe an Patti Smith“ handelt einfach nur von einem zwölfjährigen Mädchen, das anfängt, Briefe an Patti Smith zu schreiben.

Ollo: Da Alex und ich als Brüder ja zusammen aufgewachsen sind, wir sind zwei Jahre auseinander, habe ich bei diesen Strophen schon das Gefühl, dabei gewesen zu sein, auch wenn ich biografische Ereignisse natürlich immer zuerst mal aus meiner Perspektive sehe. Vielleicht spielt da ja aber auch rein, dass sich in unserem Leben einiges geändert hat in den letzten Jahren: Alex und ich haben eigene Familien und sind jetzt Väter. Dann setzt man sich unbewusst auch sehr mit der eigenen Vergangenheit auseinander, glaube ich.

Warum heißt es bei „Lettre Noir“: „Sprich leise, Alex, leise!“? Gegen die Heimatidioten-Mafia sollte man doch eher laut aufschreien, oder?

Alex:
Logo, leider hast du die Aussage genau falsch verstanden! Nicht ich sage mir das, sondern diese Stimmen kommen von außen und fordern mich dazu auf, sich zum Beispiel aus Geschäftsgründen lieber nicht mit Band XY oder mit Musikrichtung XY anzulegen. Anders hätte sich so eine Band wie FREI.WILD ja gar nicht auf dem deutschen Musikmarkt platzieren können, die sind ja in die Lücke, die die anderen Idioten hinterlassen haben, geradezu reingestopft worden. Das ist eine wirtschaftliche Entscheidung der deutschen Musikbranche, da geht es um Marktbeobachtung und Gewinnmaximierung, um nichts anderes.

Meine aktuelle Lieblingsnummer ist das vierzigsekündige „Verratzt“. Leider habe ich gar keine Ahnung, worum es in dem Text geht.

Alex:
Da geht es darum, wie neue Künstler und neue Bands alles, wirklich alles machen, um nach vorne zu kommen, ihre eigene Identität und ihre ursprünglichen Ansprüche verlieren beziehungsweise absichtlich aufgeben. Bei der Schlussnummer „Gespenster“ geht es um ein ähnliches Thema: Nämlich um diese Punk-Szene-Kommentatoren, die man auch immer in Musikdokus sitzen sieht und die dann kulturpessimistische Thesen vertreten, ohne die aktuellen Strömungen wahrzunehmen. Das ist im Wesentlichen auch die Motivation für das Buch, das wir zeitgleich limitiert als LP/CD-Box veröffentlichen. Um zu zeigen: Guck mal hier, wir haben jede Menge Schreiber und allgemein Kunstschaffende und natürlich Kay Özdemir, der die Fotos beigesteuert hat. Und diese Leute beschäftigen sich mit der Gegenwart, nicht mit der Vergangenheit! Es ist wie Jello Biafra mal gesagt hat: „Man kann die Vergangenheit genießen, aber die Vergangenheit zu wiederholen, ist Gift!“

Schlagt mich tot, aber ist das Intro in „Castle Rock“ ein KISS-Zitat? „I was made for loving you, baby ...“

Swen:
Haha, ja, anscheinend, das ist irgendwie witzig! Als der Kurt das gehört hat, fing der auch direkt an, darüber zu singen. Das war uns beim Komponieren nie aufgefallen und das wäre uns auch im Nachhinein definitiv niemals selbst aufgefallen. Unser Anspruch bei diesem Stück war ja, die Arrangements mal PASCOW-untypisch zu gestalten, aber wenn man es dann einmal mitsummt, bekommt man es nicht mehr aus dem Kopf ...

Marko Fellmann

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #112 (Februar/März 2014)

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