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Interviews & Artikel

SIBERIAN MEAT GRINDER

Russischer Kulturkampf

Es geschieht nicht alle Tage, dass sich eine sechsköpfige Thrash/Crossover-Band aus Moskau auf eine D.I.Y.-Tour durch die Squats und AJZs Europas aufmacht – und jeden Abend abräumt. SIBERIAN MEAT GRINDER haben genau das getan und mit D.R.I.-Gedächtnisriffs, einer erbarmungslosen Bühnenpräsenz und ihrer eindeutigen politischen Haltung unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gewonnen. Gründe genug, mit Sänger Vladimir über seine Band, Einreiseschwierigkeiten und die blutige Geschichte des Punkrocks in Russland zu sprechen.

Vladimir, SIBERIAN MEAT GRINDER haben im Oktober 2013 ihre erste Europatour absolviert und 21 Shows in acht Ländern gespielt. Wie war’s?


Einige von uns haben früher bereits mit anderen Bands in Europa oder den USA getourt. Für SIBERIAN MEAT GRINDER war dies aber die erste große Tournee und die lief auch gleich richtig gut – definitiv wesentlich besser als erwartet, in einigen Städten kannten die Kids sogar unsere Texte! Zudem haben wir alte Freunde wieder getroffen und neue Leute kennen gelernt. Es war also eine fantastische Erfahrung.

Bei eurer Show in Freiburg hast du auf der Bühne eine Ansage gemacht: „Do you know how hard it is to get here from Russia? They do not want us here!“ Was war vorgefallen?

Die Grenze zur Festung Europa zu überqueren, ist für eine Band mit sechs teilweise verwegen aussehenden Mitgliedern, einer Menge Equipment, Kartons voller Merchandise und diversen Instrumenten eine echte Extremsituation – oder aber gutes Material für eine Comedy-Show. Je nachdem, wie man die Sache angeht. Leute aus Europa oder den USA können das oft gar nicht verstehen, denn sie haben ja die Möglichkeit, jeden Tag mehr oder weniger problemlos an fast jeden Ort der Welt zu reisen. Als Bürger Russlands allerdings ist es schon verdammt schwierig, überhaupt ein Visum für Europa zu bekommen. Man braucht einen riesigen Stapel an Papieren und muss zudem den Konsul davon überzeugen, dass man nicht vorhat, nach der Tour illegal in Europa zu bleiben. Das alles für sechs Bandmitglieder zu organisieren, stellt schon eine gewisse Herausforderung dar. Deswegen war es bis zuletzt auch gar nicht so unwahrscheinlich, dass wir die Tour wegen nicht genehmigter Visa hätten absagen müssen. Zum Glück hat es dann aber doch noch geklappt.

Sind diese erschwerten Bedingungen auch die Ursache dafür, dass kaum russische Punk- oder Metal-Bands in Europa spielen?

Ja, aber das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die meisten russischen Metal-Bands mit dem Prinzip D.I.Y. nicht viel zu tun haben. SMG dagegen sind vom Charakter her eher eine Punkrock-Band. Wir haben alle schon unser halbes Leben in Punk- oder Hardcore-Bands gespielt und dadurch überall auf der Welt Freunde. Das erleichtert das Organisieren einer Tour in jeglicher Hinsicht ganz erheblich.

SIBERIAN MEAT GRINDER gibt es seit 2011. Ihr wart vorher und seid teilweise immer noch in der Hardcore-Formation WHAT WE FEEL, der Oi!-Band RAZOR BOIS oder dem HipHop-Projekt MOSOW DEATH BRIGADE aktiv. Kommt daher der Stilmix eures Sounds?

Irgendwie schon. Wir kannten uns alle untereinander schon sehr lange aus der russischen D.I.Y.-Szene und haben zusammen Musik gemacht, Platten veröffentlicht oder Konzerte organisiert. 2011 fanden wir uns dann irgendwie alle in Moskau wieder und beschlossen, dass es nun endlich an der Zeit sei, die Band unserer Träume zu gründen. Eine Band, die alles vereint, auf das wir stehen: Punk, Metal, HipHop, Graffiti, Skateboarding, Comics und Filmemachen. Das wurde dann SIBERIAN MEAT GRINDER.

Wie kommen diese doch recht unterschiedlichen Subkulturen in Russland generell miteinander aus?

Als wir aufwuchsen, hörten die Kids um uns herum üblicherweise nur eine einzige Musikrichtung – und ignorierten alles andere komplett oder hassten es sogar. In Russland hatten wir eine Zeitlang sogar einen komplett idiotischen Krieg zwischen Rappern und Metalheads. Beide Lager verprügelten sich oder lieferten sich Messerstechereien nur wegen des Musikgeschmackes. Wir haben mit der Band immer versucht, die beiden Welten zu vereinen, denn ich glaube daran, dass sie Teile derselben Gegenkultur sind. Deswegen erstrecken sich unsere Einflüsse auch von SLAPSHOT über SODOM bis hin zum WU-TANG CLAN.

Du bist jetzt 31 Jahre alt. Skatest oder sprühst du noch aktiv?

Um ehrlich zu sein, ich habe mich inzwischen in einen dieser traurigen Ich-bin-früher-auch-mal-Skateboard-gefahren-Typen verwandelt, haha. Ich erinnere mich aber noch sehr gut an die Zeit, als Skateboarding in Russland fast unbekannt war. Sobald man damals einen anderen Jugendlichen mit einem Board gesehen hast, war man sofort verbrüdert. Dennoch war es auch gefährlich: Nazis, die Polizei oder auch nur normale Bürger haben Skateboarding gehasst und es gab auch eine Menge Auseinandersetzungen. Trotzdem hat es immens viel Spaß gemacht. Ich glaube, in den frühen Achtzigern in den USA muss es ähnlich gewesen sein. Heute fahren wir nur noch ab und zu – und sind inzwischen leider ziemlich mies. Aber das Gefühl, ein Board unter den Füßen zu haben, ist immer noch faszinierend. Bei Graffiti sieht die Sache allerdings anders aus. Da Sprühen jedoch als illegal erachtet wird, muss ich mich damit begnügen, zu sagen, dass einige von uns große Fans dieser Kultur sind und sie in die Welt von SMG einfließen lassen.

Was macht ihr neben Skateboarding, Graffiti und der Band?

Was die meisten anderen Menschen auch machen müssen – arbeiten. In Russland erleben wir gerade prähistorischen Kapitalismus in Reinkultur. Dementsprechend ist das Leben in Moskau verdammt teuer. Wenn man also überleben und zugleich auch noch in einer Band spielen will, muss man sich kaputt arbeiten. Deswegen haben einige von uns zwei Jobs und studieren nebenbei sogar noch.

SIBERIAN MEAT GRINDER haben bislang zwei EPs veröffentlicht. Warum noch kein Album?

Wir bevorzugen kleine Formate, weil wir damit mehr Zeit und mehr Möglichkeiten haben, an der Qualität unserer Songs zu arbeiten. Ich halte es einfach für besser, lieber fünf gute Songs aufzunehmen – zumindest glauben wir, dass sie gut sind, haha – als drei gute und sieben mittelmäßige. Natürlich schaffen es einige Bands, brillante Alben aufzunehmen, auf denen jeder Song großartig ist – aber dieses Level haben wir noch nicht erreicht.

Würdest du SIBERIAN MEAT GRINDER als politische Band bezeichnen?

Alle unsere anderen Bands haben wütende, abgefuckte Musik und eine kompromisslos antifaschistische Haltung gemeinsam. Auch wenn SIBERIAN MEAT GRINDER nicht so politisch sind, positionieren wir uns dennoch kompromisslos gegen alle Formen von Vorurteilen, Polizeiterror oder staatliche Unterdrückung.

Im gegenwärtigen Russland ist dies sicherlich keine leichte Haltung, schließlich hört man regelmäßig von Polizeigewalt oder dem Erstarken rechtsradikaler Gruppierungen.

Das stimmt, früher war es allerdings viel schlimmer – vor allem was die Bedrohung durch Nazis angeht. In meiner Erinnerung waren Nazis schon ein Problem für die Punk- und Hardcore-Szene, als ich zum allerersten Mal auf einem Konzert war. Und das war vor über 15 Jahren! Damals kamen diese Idioten zu jedem Konzert, nur um Leute zu verprügeln. Punk, Metal, Hardcore, HipHop – ganz egal. Es ging ihnen nur darum, Angst zu verbreiten und uns zu schwächen. Dann fingen allerdings Leute wie Ivan „Kostolom“ Khutorski und seine Freunde an zurückzuschlagen. Mit der Zeit folgten mehr und mehr Jugendliche ihrem Beispiel und schmissen die Nazis aus den Clubs, sobald sie sich blicken ließen. Das war dann der Beginn eines regelrechten Krieges. Wenn man während dieser Zeit auf eine Show gehen wollte, ging man immer das Risiko ein, überfallen, verprügelt oder getötet zu werden. Von Leuten wie Timur Kacharava oder Alexander Ryukhin hast du eventuell schon gehört. Beide wurden von einer Horde Neonazis am helllichten Tag mitten in der Stadt überfallen und erstochen. Kacharava 2005 und Ryukhin ein Jahr später. Beide waren jedoch nicht die einzigen oder gar letzten Opfer dieses Krieges. Jedes Konzert war eine kleine Schlacht und wir mussten uns regelmäßig verteidigen. Als Kostolom 2009 durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet wurde, als er gerade seine Wohnung betreten wollte, erreichte der Krieg seine blutigste Phase. Es ging nur noch um extreme Gewalt in jeglicher Form. Ironischerweise trug gerade diese Bedrohung durch rechte Gruppen dazu bei, dass die Szene enger zusammenwuchs und frühere Differenzen kaum noch eine Rolle spielten. Heutzutage sind die Neonazis zum Glück viel schwächer geworden. Die meisten von ihnen haben inzwischen die Straßen verlassen, wurden Spitzel für die Polizei, gingen gleich komplett mit neuen Jobs im Polizeiapparat auf oder etablierten sich als sogenannte „politische Figuren“ im System.

Wie würdest du euer Verhältnis zum derzeitigen russischen Staat beschreiben?

Kaum waren die Nazis weg und alle dachten, die Dinge in unserer Szene könnten sich endlich wieder normal entwickeln, kristallisierte sich schon das nächste Problem heraus. Und mit diesem haben wir immer noch regelmäßig zu kämpfen: Polizeiterror. Inzwischen gibt es in Russland fast jeden Tag neue Geschichten von Polizeirazzien auf Punkrock-Konzerten mit Festnahmen und schlimmen Misshandlungen durch Polizisten. Und das einzige Vergehen der betroffenen Leute ist, dass sie während eines Punk-Konzertes anwesend waren. Das ist eine sehr schwierige Situation.

Hast du eine Erklärung dafür, warum es der russische Staat so auf Punks, LGBTs oder Hardcore-Kids abgesehen hat?

Meiner Meinung nach ist die Antwort denkbar einfach: Das moderne Russland sieht jegliche Jugendkultur, die abweichende Grundüberzeugungen vertritt, als eine potenziell revolutionäre Kraft, die es mit aller Macht zu zerstören gilt. Ein Mittel, dies zu erreichen ist es, Vertreter der Subkulturen öffentlich als Feinde der Gesellschaft oder des Staates zu stigmatisieren. Dieses Erschaffen eines Feindbildes ist eine gängige Taktik des autoritären Regimes in Russland, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von den wirklichen Problemen des Landes abzulenken: Armut, eine kollabierende Wirtschaft, Inflation und Kriminalität.

Martin Schmidt

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #112 (Februar/März 2014)

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