Interviews & Artikel : FUCKED UP :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

FUCKED UP

It never ends!

Das neue Album „Glass Boys“ war ein guter Anlass, mal wieder mit FUCKED UP-Frontmann Damian Abraham zu reden. Worüber? Über das Plattensammeln natürlich! Denn der Kanadier ist hochgradig vom Sammelvirus befallen und dennoch in der Lage, reflektiert damit umzugehen.

Damian, wie verrückt bist du beim Sammeln? Hast du ein Limit, wie etwa ein Pokerspieler, über das du niemals hinausgehst?


Also bislang kam ich nie an diesen Punkt, aber seit ich Kinder habe, ist die Summe, die ich maximal auszugeben bereit bin für eine Platte, auf jeden Fall geringer geworden. Ich habe allerdings auch schon mal eine absurde Summe für eine Platte ausgegeben, die ich aber gegenfinanziert habe, indem ich andere Platten verkauft habe. Mein Limit ist also immer die Summe, die ich gerade lockermachen kann.

Ist das Plattensammeln dein einziges Laster?

Ich habe keinen Führerschein, Autos interessieren mich nicht, und es kam mir schon immer seltsam vor, so viel Geld für ein schickes Auto auszugeben. Teure Uhren? Sind mir egal. So gesehen ist das Plattensammeln mein einziges Laster, wobei mittlerweile die Kinder und deren Bedürfnisse Vorrang haben. Ist dann noch Geld übrig, kaufe ich Platten. Und ab und an gehe ich mit meiner Frau mal essen, aber sonst gebe ich für nichts Geld aus.

Wie viele Platten hast du?

Rund 10.000, davon 7.000 7“s und 3.000 LPs.

Warum so viele Siebenzöller?

Das hat mit Punk zu tun, denn meine Sammlung besteht fast nur aus Punk-Platten, hier und da auch etwas Metal, HipHop und Rock und was mir sonst noch so gefällt, etwa Fifties-R&B und Doo-wop. Die erste Welle der Punkbands, die international Erfolg hatten, so von 1976/77 bis 1981, erzeugte eine unglaubliche Menge grandioser 7“s. Es gab damals auch gute LPs, aber ich bevorzuge eben Singles, und so viele Bands haben damals wirklich phänomenale 7“s veröffentlicht, konnten dieses Niveau aber auf LP-Länge nicht halten. Das gilt auch für andere Genres: Es gibt so viele Bands, die ein, zwei grandiose Songs hatten, aber eben nicht mehr. Klar gibt es Alben auf meiner Suchliste, und wenn ich eines finde, bin ich glücklich. Aber es geht nichts über die Begeisterung, die ich empfinde, wenn ich endlich eine lang gesuchte Single in den Händen halte: Yessssss! Das ist ein ganz anderes Begeisterungslevel! Aber jeder hat eben seine eigenen Fetische, haha.

Was war deine bisher teuerste Platte?

1.800 Dollar. Ich habe dafür rund vierhundert Platten verkauft. Ich gab das Geld aus für eine Platte, die ich haben wollte, seit ich in der zehnten Klasse war. Es handelt sich um die von der Band zurückgewiesene Testpressung der ersten NEGATIVE APPROACH-7“. Ich hatte über die Jahre immer wieder Geschichten gehört, dass diese Platte wirklich existiert, und als es dann das Internet gab, gab es Beweise, dass es die Platte wirklich gibt, dass es angeblich vier oder fünf Exemplare sind, und eins davon tauchte hier in Toronto in meinem Stamm-Plattenladen Rotate This auf. Sie stammte aus der Sammlung einer Frau namens Jill Heath, die in Toronto in den frühen Achtzigern Konzerte veranstaltete. Die Platte hing lange im Plattenladen an der Wand, ich schaute sie immer wieder an, und dann stand bei mir ein Umzug an, ich wusste, dass ich in der neuen Wohnung weniger Platz habe, und so beschloss ich, mich von einer ganzen Ladung LPs zu trennen und mir von dem Geld diese Single zu kaufen. Also ging ich schließlich in den Laden und fragte, was die Platte kosten solle. Ich solle ein Angebot machen, hieß es, ich machte eins, die Antwort war „Higher!“, und irgendwann waren wir bei 1.800 Dollar, und so investierte ich das Geld, das ich mit dem Verkauf der anderen Platten gemacht hatte, in diese eine Single.

1.800 Dollar sind eine Menge Geld für ein Stück Plastik und etwas Papier.

Papier ist nicht mal dabei, es gibt keine Hülle. Und ja, es ist eine unglaubliche Menge Geld für eine Platte.

Und warum musstest du die haben?

Es geht um das Gefühl, ein Stück Geschichte in den Händen zu halten. Es ist nicht anders als mit jeder anderen Antiquität. Deshalb gibt es überhaupt Museen! Es geht um das Gefühl, um die Vorstellung, eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen zu können, sich in eine Zeit zu versetzen, für die man sich interessiert, und die einen fasziniert. Ich habe mir schon immer gewünscht, ich hätte NEGATIVE APPROACH damals live sehen können. John Brannon ist für mich einer der besten Sänger aller Zeiten, und diese 7“ ist ein perfektes Dokument des Punk. Dazu kommt noch der Reiz zu wissen, dass es eine Testpressung war, die die Band reklamiert hat. Klar kann ich den Song auch irgendwo im Internet anhören, aber ich wollte dieses Puzzlestück selbst besitzen.

Können andere Menschen aus deinem sozialen Umfeld diese Leidenschaft verstehen? Mir kommt da spontan der wundervolle Song „My mother does not know I am a punk rocker“ von BEDLAM HOUR in den Sinn, in dem darüber sinniert wird, dass die Mutter es niemals wird verstehen können, dass man sein Geld lieber in Platten als in einen neuen BMW investiert.

Hahaha, klar, den Song kenne ich! Und zu dem Thema fällt mir die PILLSBURY HARDCORE-7“ „In A Straight Edge Limbo“ ein, mit dem Song„Wanna check out my record collection?“. Diese Leidenschaft des Sammelns war schon immer Teil von Punk und Hardcore. Ich denke da an Lenny Kaye, der einst diese „Nuggets“-Compilations zusammenstellte. Ich denke an Martin Mills, den Chef des Plattenlabels Beggars, den ich neulich interviewte und fragte, warum die damals von der ersten LURKERS-Single gleich verschiedene Versionen in farbigem Vinyl machten, und der antwortete: „Just for fun!“ Der meinte, er sei damals schon selbst Sammler gewesen und so sei die Platte direkt zum Sammlerstück geworden. Was mich zu einer grundsätzlichen kulturtheoretischen Einschätzung bringt: Punk ist ein postmodernes Genre, und die Vorstellung, die Geschichte neu zu schreiben – siehe dazu Jamie Reid und seine Kunst – und einen Teil der Geschichte zu besitzen in Form von etwas so Absurdem wie einem Stück Plastik, passt in dieses Bild. Der Rest der Gesellschaft wird für so etwas keinerlei Verständnis aufbringen, aber unsereins findet das cool.

Gleichzeitig gibt es im Punk eine deutlich politische Strömung, die Kommerzialisierung und die Fixierung auf so einen Materialismus klar ablehnt.

Ja, da existiert ein Widerspruch, und ich bin ja in so einer politischen und klar antikommerziellen Hardcore-Szene aufgewachsen. Gleichzeitig war ich aber zu Besuch bei vielen absolut antikommerziellen Bands – und habe dort unglaublich fantastische Plattensammlungen gesehen. Typen, die ihre anarchistische Einstellung bis ins Detail gelebt haben, widmeten sich mit großer Leidenschaft dem Plattensammeln. Ich will da niemand outen, aber eine anarchistische oder antikapitalistische Einstellung und Plattensammeln schließen sich definitiv nicht aus. Und was nun wiederum die enorme Summe betrifft, die ich für diese eine Platte bezahlt habe, so weiß ich, dass das Geld zum einen an einen Laden gegangen ist, der ein wichtiger Teil unserer Szene-Community ist, durch den ich Zugang zu viel guter Musik bekommen habe, und dass zum anderen Jill Heath etwas davon hatte, jene Frau, die viele Konzerte veranstaltet hat, die ich einst besuchte, als ich noch jung war. Sie hat dazu beigetragen, dass ich all diese inspirierenden, für mich wichtigen Bands sehen konnte. Ja, es war viel Geld, aber hätte ich das für eine diamantenbesetzte Uhr ausgegeben, ich würde mich viel schuldiger fühlen – man weiß ja um die Herkunft von Diamanten. Andererseits wird Vinyl aus Erdöl gemacht, auch das ist mir bewusst. Und ein weiterer Aspekt ist wichtig: Wenn jemand viel Geld für eine Platte ausgibt, bleibt das Geld in der Regel „in der Familie“, geht an einen anderen Sammler, der es wiederum für Platten ausgibt. Okay, es mag auch mal Geld fließen für eine Platte unbekannter Herkunft, aber das dürfte die Ausnahme sein.

Günther von Slowboy erzählte im Interview, dass er eine Box mit den wertvollsten Platten griffbereit stehen hat für den Fall, dass es mal brennt. Welchen Umgang mit deinen Schätzen pflegst du?

Also so eine Box sollte ich vernünftigerweise haben, aber habe sie nicht. Wenn es brennen sollte, wäre mir lieber, alles ist weg. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft hätte, noch mal von vorne anzufangen mit dem Sammeln. Ich habe Freunde, die alles bei einem Feuer verloren haben, so ganz weit hergeholt ist diese Angst also nicht. Ich habe also schon oft an so eine „Fire Box“ gedacht, überlegt, welche Platten ich da reinpacken würde, und kam nicht weiter, denn manche Platten sind mir sehr wichtig, aber gar nicht mal wertvoll. Wenn ich die verlieren sollte, wäre ich untröstlich. Im Falle eines Falles würde ich mich sicher mit der Frage martern, warum ich diese und nicht jene Platte eingepackt habe.

Welche „sentimentalen“ Platten sind es bei dir?

Untröstlich wäre ich über den Verlust meiner DESPERATE BICYCLES-Platten, oder meine NECROS-7“s. Letztere sind auch sehr wertvoll, aber sie bedeuten mir vor allem viel, es sind für mich die inspirierendsten Punk-Platten überhaupt. Oder meine ANTISEEN-Platten – ich bin ein großer ANTISEEN-Fan. Und dann sind da all meine englischen Punk-Singles, etwa diese rare DISORDER-7“ ... Und dann die ganzen Kanada-Punk-Singles, die Testpressungen von SWARM, für die ich mal Roadie war, die NO WARNING-Singles, weil das Freunde von mir sind ... Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass die alle nicht mehr da sind. Es fällt mir ja schon schwer, mich von Platten zu trennen, die ich verkaufen will. Dann stehe ich da und überlege, warum die verkaufen und jene behalten, ob das denn Sinn macht.

Absurde Überlegungen, ich kenne das. Und verstehen kann das sowieso nur jemand, der selbst sammelt.

Genau! Deshalb kann ich jeden verstehen, der irgendeine Obsession hat, ob das nun Platten sind oder Modelleisenbahnen oder was anderes. Ich schaue mir deshalb auch gerne Fernsehsendungen an über Menschen, die irgendwas sammeln. Einmal sah ich da was über einen, der Blechdosen sammelt, und es war faszinierend, wie begeistert der von diesen Dosen sprach, wie rar die zum Teil sind, wie schwer es war, sie zu finden, und wie er sein ganzes Haus damit vollgestellt hat – ich war begeistert, wie leidenschaftlich der Mann von seiner Sammlung sprach. Für mich ist diese Sammelleidenschaft nur ein anderer Ausdruck für eine generelle Leidenschaft, die manche Menschen eben haben und andere eben nicht. Wenn man so eine Leidenschaft hat, ist es meist sehr einfach, dieser nachzugehen.

Wie gehst du mit der Erkenntnis um, dass wohl kaum ein Sammler die Chance haben wird, in seinem Leben jemals all seine Platten noch mal anzuhören? Man wird sterben, ohne die meisten seiner Platten jemals wieder gehört zu haben.

Das ist tragisch, und John Peel hat sich dazu in diesem BBC-Dokumentarfilm ausgelassen, der über ihn gedreht wurde. Er erzählt davon, dass er den ganzen Tag Musik hört, weil es ihn umtrieb, dass er sterben könnte, ohne diese oder jene Platte noch mal gehört zu haben. Ja, diese Vorstellung macht traurig, aber sie hat auch einen romantischen Aspekt: Es wird einem bewusst, dass man nur ein Tropfen im Ozean der Zeit ist. Nach einem wird auch Musik kommen, Kultur, und andere Menschen werden genauso besessen davon sein wie man selbst. Diese Suche nach dem Neuen, Unentdeckten treibt uns an. Ich liebe es, Platten kaufen zu gehen, auf neue, unentdeckte Bands, auf neue Lieblingssongs zu stoßen, genauso wie ich es liebe, eine Platte zu finden, die ich seit langem suche. All das macht für mich den Reiz des Plattensammelns aus.

Und wie gehst du damit um, viel Geld für eine Single zu bezahlen, in der eine Band über hungernde Kinder in Afrika singt? Da wäre es doch edler, das Geld für die hungernden Kinder zu spenden, als die Platte zu kaufen ...

Haha, das ist eben die Heuchelei, mit der man als Sammler leben muss. Aber das ist ja auch eine ganz andere Frage, denn die Kleidung und die Schuhe, die ich trage, und alles, was ich esse, ist Teil eines Systems, das Menschen unterdrückt. Ja, das klingt nach einer Ausrede, aber letztlich gibt doch jeder sein Geld für irgendwas Sinnloses aus, und bei mir sind es eben Platten. Es gibt Menschen, die spenden fast all ihr Geld einer religiösen Organisation und glauben, etwas Gutes zu tun, aber ich bin sicher, dass egal, wofür man sein Geld ausgibt, dieses in irgendeiner Form anderen Menschen schadet.

Wie lagerst du deine Platten? In Regalen in der Wohnung, im Keller, in Kisten?

Die stehen in meiner Wohnung, aber ich kenne Leute, die haben extra Lagerräume dafür angemietet. Das macht für mich keinen Sinn, meine Platten müssen jederzeit zugänglich sein. Das stört mich übrigens am meisten am Touren: das ich dann so weit von meinen Platten, meinem „Nest“ entfernt bin. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause bin und meine Familie, meine Bücher, meine Platten, meine Tapes und meine Fanzines um mich herum habe. Ach ja, meine Fanzine-Sammlung, das ist auch noch so ein Thema ... Also meine Frau und ich haben in der Wohnung einen gemeinsamen Arbeitsbereich, wo unsere Computer stehen, wobei ich meinen schon eine Weile nicht mehr einschalten konnte, weil alles voller Platten steht. Da stehen dann auch meine Kisten mit Singles und die beiden Expedit-Regale – ein 5x5er und ein 4x4er – für die LPs. Und meine Frau hat auch noch ein Expedit für ihre Platten. Meine Platten habe ich übrigens nach Ländern getrennt sortiert. Eine Besonderheit von Punk ist – und in ähnlicher Weise ist das auch im Metal sowie bei elektronischer Musik der Fall – von jeher die starke internationale Vernetzung. Da fand schon immer ein starker Austausch zwischen den Szenen verschiedener Länder statt, etwa zwischen Finnland und Brasilien. Oder man stößt auf eine deutsche Compilation aus den Achtzigern mit Bands aus aller Welt. Punk war schon immer eine internationale Bewegung, ein eigenes Underground-Netzwerk. Und deshalb sortiere ich die Platten meiner Sammlung nach Herkunftsland. Ich wühle mich durch die Platten eines Landes, schaue mir die Thankslists an, bin immer wieder überrascht, was für Bands die Leute kannten, obwohl es noch kein Internet gab, welche Bands über einen ganzen Kontinent hinweg miteinander vernetzt waren, und so weiter. Solche Aspekte machen mir am Sammeln von Punk-Platten am meisten Spaß.

Was für deutsche Bands hast du in deiner Sammlung?

Eine Menge, angefangen bei ACME und BUTTOCKS über IDIOTS und OHL bis hin zu MÖRSER. Gerade dieser Neunziger-Hardcore hat mich beeindruckt, ACME und MÖRSER, aber auch RYKERS. Und all die Sachen auf Mülleimer Records ... Als ich das erste Mal in Deutschland auf Tour war, kannte ich die ganzen Städtenamen von den Adressen auf den Plattencovern. Düsseldorf kannte ich allerdings vorher schon, denn meine Mutter war Stewardess und Air Canada flog nach Düsseldorf.

Inwiefern machst du dir die FUCKED UP-Releases beim Sammeln zunutze? Ihr veröffentlicht wenig Alben, aber Unmengen von 7“s und 12“s in verschiedenen Ausführungen, die bei Sammlern gefragt sind. Da müsste es doch ein Leichtes sein, die Sammlung durch gezieltes Tauschen eigener Releases zu erweitern.

Also früher habe ich das sehr viel gemacht, aber in letzter Zeit nicht mehr. Ich habe es irgendwann einfach nicht mehr geschafft, den Überblick zu bewahren über all die Tauschgeschäfte. Ich muss auch sagen, dass ich den Höhepunkt meiner Plattensammelleidenschaft wohl überschritten habe. Klar, ich kaufe immer noch und ständig neue Platten, aber ich habe derzeit keine Wantlist mehr, und bei eBay bin ich sicher auch seit vier Jahren nicht mehr unterwegs, das hat mich irgendwann kalt gelassen: Ich hatte die Auktion gewonnen, irgendwann kam die Platte an, aber das dauerte schon mal drei, vier Wochen, und dann war die Reaktion meist: „Ah, schön. Hatte ich schon ganz vergessen.“ Wenn ich aber in einem Plattenladen bin und eine Platte sehe, die ich haben will, dann kaufe ich die. In einem Plattenladen die Singles durchzublättern, das kickt mich immer noch. Aktiv was zu finden, ist einfach was anderes, als online zu kaufen.

Hast du das Plattenkaufen schon mal missbraucht, im Sinne von „Mir geht’s nicht gut, ich kaufe mir jetzt was, um mich zu belohnen“?

Oh ja! Gerade auf Tour habe ich das früher oft gemacht. Platten kaufen war da meine kleine Flucht. Und Gras, um ehrlich zu sein. Mittlerweile habe ich andere Wege gefunden, um runterzukommen.

Du erwähntest eben das Plattenregal deiner Frau. Ich vermute also, dass sie grundsätzlich Verständnis hat für deine Sammelleidenschaft.

Ja, hat sie. Sie hat mir schon die unglaublichsten Platten zu Weihnachten oder zum Geburtstag geschenkt. Sie sammelt selbst auch Platten, aber als wir damals zusammengezogen sind, war sie zuerst schon sehr eingeschüchtert vom Ausmaß und der Intensität meiner Sammelleidenschaft. Ich glaube, sie kann Platten heute nicht mehr so genießen wie damals, bevor wir uns kannten. Platten sind für sie immer wieder zur Quelle von Stress geworden, denn immer wieder habe ich all unser Geld für Platten ausgegeben und musste dann schauen, dass ich ein paar CDs verkauft bekomme, um die Miete bezahlen zu können. Oder sie bekam eine unglaublich hohe Kreditkartenrechnung, weil ich mal wieder bei eBay gewesen war ... Hier eine 20-Dollar-Platte und da eine, und schon waren wieder ein paar hundert Dollar zusammengekommen! Heute ist das entspannter, hin und wieder kaufe ich ihr eine Platte, sie hat Spaß an ihren Platten und ihrer Sammlung, schließlich hat sie ja früher auch aktiv gesammelt. Das Problem war wirklich, dass ich sehr viel Geld für Platten ausgegeben habe, das hat sie immer wieder schockiert.

Ihr habt Kinder ...

Ja, die sind zwei und fünf.

Perspektivisch kosten die viel Geld, irgendwann werden sie vielleicht studieren wollen und Papa muss bezahlen. Was würdest du dafür aufgeben?

Alles – fast alles. Es gab eine Zeit, da waren die Platten meine Kinder, jetzt habe ich richtige Kinder, und für die habe ich Verantwortung. Sollte es nötig sein, würde ich mich von den allermeisten meiner Platten trennen. Es wird sicher Platten geben, die ich behalten werde.

Und zeigt dein fünfjähriger Sohn Interesse an Musik?

Ja klar. Er kommt ins Büro, interessiert sich für die Platten, und es macht mir großen Spaß, ihm was vorzuspielen. Und nach der Geburt von Holden war es für mich ein großer Moment, die erste Platte für ihn aufzulegen. Bei Dorian war ich dann entspannter, weil mir klar ist, dass er sich nie daran erinnern können wird, was ich ihm vorgespielt habe. Nein, Holden wird sicher nie sagen: „Ich kann mich genau daran erinnern, wie du mir im Alter von zwei Tagen ,Here comes the night‘ von THE RIVALS vorgespielt hast“, haha. Und sobald er in der Schule ist, beeinflussen ihn sowieso andere.

Kinder tatschen schnell auf die Rillen und machen Kratzer ...

Ich lasse Holden die Platten schon aus dem Schrank holen, sage aber auch, dass er vorsichtig sein muss. Wie der Plattenspieler funktioniert, habe ich ihm noch nicht gezeigt, aber das kommt noch. Und ich werde ihn dann sicher nicht mit der NEGATIVE APPROACH-Testpressung üben lassen.

Wie wichtig ist dir die Stereoanlage?

Ich habe einen recht guten Plattenspieler mit einem guten System, aber die Platten, die ich höre, klingen ja noch auf dem miesesten Plattenspieler gut. Ich war noch nie in HiFi-Technik vernarrt. Und außerdem ist das Hören der Platten ja nur ein Teil einer gesamtheitlichen Erfahrung, die Platte in den Händen zu halten gehört für mich genauso dazu. Ich habe nichts gegen Neupressungen alter Platten, aber für mich sind die nichts, ich will das Original in den Händen halten, Geschichte berühren. Da ist es auch zweitrangig, in welchem Zustand das Cover ist. Wenn das Cover Macken hat oder jemand seinen Namen draufgeschrieben hat, macht es das Ganze doch nur noch authentischer. Wichtig ist mir allerdings, dass das Vinyl in gutem Zustand ist.

Wollen wir noch über das neue FUCKED UP-Album sprechen? In der Regel erwarten Plattenfirmen das ...

Ach, wegen mir muss das nicht sein. Ich glaube auch nicht, dass das unser Label Matador interessiert. Der Hauptgrund, weshalb wir dort unterschrieben haben, ist der, dass die dort auch alle Plattensammler sind. Patrick und Gerard auf jeden Fall, Chris hat seine Platten wohl weitgehend verkauft. Wir haben uns damals in New York getroffen und eigentlich nur über Platten gesprochen. Patrick schenkte mir die 7“ von Chris Lombardis Band DEATHWISH, die er einst rausgebracht hatte, und Gerard gab mir eine Testpressung der „Bands That Could Be God“-Compilation. Die beiden kaufen und tauschen bis heute Platten und sammeln, und da wussten wir, dass wir in guten Händen sind. Und deshalb haben die sicher nichts dagegen, dass wir im Interview übers Plattensammeln reden.

Trotzdem ... Was sind „Glass Boys“?

Mike kam mit dem Titel an und ich war zunächst dagegen. Irgendwie ergab der Titel keinen Sinn, er gefiel mir nicht. Dann aber erklärte er mir das Konzept, dass er damit sich und mich meint, wir sind die „Glass Boys“, zwei Jungs, die irgendwann erwachsen wurden, aber im Kern immer noch diese verletzlichen Kinder sind. Wir sind in einer Band, das ist eine unglaubliche Erfahrung, aber wir wissen, dass das jeden Moment vorbei sein kann. In einer Band zu spielen ist nichts Handfestes, Greifbares. Diese Erfahrung ist sehr schön, aber auch sehr zerbrechlich.

In einer Band zu sein ist so was wie die Verlängerung der Kindheit, der Jugend, das Hinauszögern des Erwachsenwerdens.

Ja, absolut, das ist total Peter Pan! Man fragt sich ja immer wieder, warum Musiker, warum Celebrities all diesen dummen Unfug anstellen, und die Antwort ist simpel: Sie leben in einer Peter Pan-Welt, in der man für immer Kind ist, in der man nie erwachsen wird und sich nie der Realität stellen muss. Gleichzeitig ist die Realität aber durchaus vorhanden, du musst dich etwa mit deiner Elternrolle auseinandersetzen, oder damit – in Mikes Fall –, dass er versucht die Band zusammenzuhalten, während ich mich von ihr weg bewege, weil ich mich um meine Familie kümmern will. Ich erfahre mehr über Mike durch das gemeinsame Arbeiten an einer Platte, als ich aufgrund unserer Freundschaft über ihn weiß, das ist seltsam. Ich lese Interviews mit ihm, und erfahre Dinge, die er mir nie erzählt hat.

Da ich gerade auf einem DESCENDENTS-Konzert war und mir bewusst wurde, wie stark die sich mit dem Thema Erwachsenwerden beschäftigen, macht es durchaus Sinn dich zu fragen, wie du zu DESCENDENTS und ALL stehst.

Also die DESCENDENTS sind natürlich ein unglaublich großer Einfluss auf FUCKED UP. Die B-Seite von „Milo Goes To College“ ist für mich die beste Platte überhaupt. Die erste Seite ist gut, die zweite ist perfekt. Songs wie „Hope“ und „Bikeage“ bringen die Gefühle eines Siebzehnjährigen unglaublich auf den Punkt. Als ich mit 17 diese Platte hörte, gab die exakt wieder, wie ich mich fühlte, nur dass mir die Worte fehlten, meine Gefühle auszudrücken. Und dieses Gefühl, niemals erwachsen werden zu wollen, kennt doch jeder. Wenn man jung ist, hasst man es jung zu sein, und später dann blickt man zurück und wünscht sich, wieder so jung zu sein.

Hast du auch schon als Kind irgendwas gesammelt?

Ja, ich sammelte Comics und Baseball-Cards. Baseball-Cards waren das große Ding, als ich so zwölf, dreizehn war. Bald darauf kam ich auf Punk, und mit 15 kaufte ich meine erste rare Platte, die „Commited For Life“-7“ von 7 SECONDS – übrigens in dem Laden und von dem gleichen Typen, der mir Jahre später die NEGATIVE APPROACH-7“ verkaufte. Die hatten damals schon ein ganze Wand mit Sammlerplatten, ich war großer 7 SECONDS-Fan, und da das ihre erste 7“ als Erstpressung war, musste ich die haben. Es könnte übrigens sein, dass diese Platte auch aus der Sammlung von Jill Heath kommt. Die Platte hing da ... und ich musste sie haben. Mein Vater sammelt übrigens auch, Antiquitäten, irgendwie steckt mir das Sammeln also in den Knochen. Die Vorstellung, eine Platte zu besitzen, deren Cover die Band selbst gefaltet haben könnte, faszinierte mich. Wäre ich damals – ich bin Jahrgang 1979 – schon alt genug gewesen, sie bei der Band direkt zu bestellen, wäre das genau die Platte gewesen, die ich bekommen hätte.

Musik kann heute in Zeiten des Internets losgelöst von Tonträgern existieren. Wie ist dein Umgang mit Musik, die nicht von Platte kommt?

Ich streame schon mal Musik, ich habe Musik als mp3s – vor ein paar Jahren habe ich mal alle meine CDs auf Festplatte gezogen – und ich habe auch einige CDs behalten, beispielsweise meine Sammlung japanischer Hardcore-CDs. Und ich habe auch ein Smartphone. Also ja, ich höre auch Musik auf „moderne“ Weise, aber meinen hauptsächlichen Input hole ich mir von Vinyl. Wir leben in einer Zeit, da Musik nicht mehr an ein physisches Produkt gebunden ist, wo Bands komplett online existieren können, und in gewisser Weise ist das cool, denn jeder, der sich einfach nur für die Musik interessiert, kann sie sich anhören und ist nicht darauf angewiesen, dass ihm jemand die Platte für viel Geld verkauft. Und es sind nicht mehr nur die Sammler, die irgendwelche alten Bands hören können. Verstörender finde ich da schon den heutigen Trend, dass man Tonträger oft nur noch als Package verkauft, etwa mit einem T-Shirt, so als ob die Musik an sich nicht gut und wichtig genug wäre.

Wie handhabt ihr das?

Wir diskutieren ständig über so was, und wenn man versucht, seinen Lebensunterhalt mit der Band zu bestreiten, muss man ständig Entscheidungen treffen, ob man sich mit irgendwas noch wohlfühlt oder nicht. Zum Glück sind wir wegen unserer Namenswahl etwas isoliert. Der Name FUCKED UP hält die großen Medienkonzerne davon ab, sich mit uns zu beschäftigen, und das wiederum erspart uns viele Entscheidungen, wie weit zu gehen wir bereit sind. Abgesehen davon habe ich noch zwei andere Jobs, ich muss ja für meine Familie sorgen, und bin nicht ganz von der Band abhängig. Bei anderen in der Band ist das anders, da fällt es schwerer, ein Angebot grundsätzlich abzulehnen. Und so kommt es, dass wir sicher heute zu Dingen ja sagen, die wir vor ein paar Jahren noch grundsätzlich abgelehnt hätten. Und wenn andere Bands das tun ... Andererseits gibt es da auch mal das Gefühl: Hm, PROPAGANDHI hätten das sicher nicht gemacht, und FUGAZI auch nicht ... Aber FUGAZI waren zu einer Zeit groß, als Bands noch 100.000 Platten verkaufen konnten. Und sie verdienten Geld damit, denn sie hatten ja ihr eigenes Label. Heutzutage ist das alles anders, nicht mal TRAGEDY können von ihrer Musik leben, die auch mal 10.000 Stück von einer selbstveröffentlichten Platte verkaufen. Auf unserer neuen Platte singe ich genau über solche Fragen.

Willst du zum Schluss noch die Gelegenheit nutzen, eine Wantlist an unsere Leser zu senden?

Es gab doch mal eine Ox-7“ mit NOFX drauf. Die hätte ich gerne! Und dann gab es noch eine andere deutsche 7“ mit NOFX drauf, die mir fehlt. Ich habe neulich „Liberal Animation“ als Originalpressung erstanden, das hat mein Interesse an NOFX wieder geweckt, hahaha. Die CONFRONT-7“ in rotem oder pinkem Vinyl hätte ich auch gerne ... und wenn ich länger nachdenke, fällt mir sicher noch mehr ein. Ich müsste nur mal auf die Website „It Never Ends“ gehen und dann weiß ich, was ich noch haben muss, haha. Es hört nie auf ...

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #115 (August/September 2014)

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Selbstzweifel und Ängste sind groß, zwischenmenschlich läuft es mittelmäßig, die Lebensentwürfe sind festgefahren und die gesellschaftlichen Verhältnisse ein Grund zur Wut. Doch wenn der Unmut zu groß gewesen wäre, hätte man sich gar nicht ... mehr