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Interviews & Artikel

RASENDER STILLSTAND

Taking care of the people in the back

Es gibt Bands, da hört man tausend Einflüsse heraus und zugleich klingen sie doch ganz anders. RASENDER STILLSTAND aus Dortmund sind so eine Band, die das Ganze noch mit messerscharfen Texten und „female vocals“ drapieren. „Ausrasten“ heißt ihre dritte Platte, nach zwei selbstveröffentlichten Alben/Demos aus den Jahren 2011 und 2012 namens „Well Caught But Not Dead“ und „Wenn Einzelne nicht zählen“. Frau Paula und Rodger451 standen Rede und Antwort.

Mir gefällt, dass der Titel eurer neuen Platte zwei Sachen aufgreift, denn zum einen kann man auf und vor der Bühne ausrasten, zum anderen weil einen bestimmte Zustände zum Ausrasten bringen. Welcher Punkt ist euch wichtiger?


Paula: „Ausrasten“ ist ein stark emotionaler Zustand. Quasi weiße Blitze im Kopf kriegen, gekoppelt mit dem Bedürfnis, wild um sich zu schießen! Im Übrigen, wer dieses Gefühl noch nie verspürt hat, sollte sich vielleicht einmal ganz dringend selbst hinterfragen. Also ist der zweite Punkt wichtiger.

Ich finde euren Sound ziemlich einmalig. Manchmal glaube ich, Wavepunk-Anleihen zu hören, es ist aber auch Hardcore und Punk. Im Großen und Ganzen klingt ihr ziemlich verrückt. Wie würdet ihr euch selbst beschreiben?

Rodger451: Punk und Hardcore sind musikalisch unsere Wurzeln und schwingen wohl immer bei uns mit. „Wavepunk-Anleihe“ ist als Begriff eindeutig falsch, bezeichnet er doch eine Rückblende, die so nie existiert hat. Viele waschechte Punkbands von Mitte der Siebziger bis Anfang der Achtziger Jahre klingen aus heutiger Sicht seicht beziehungsweise poppig – was sie damals nicht waren. Erst die Musikindustrie kreierte aus den weniger militant agierenden Bands, die eingängiger waren und von daher in der Breite besser zu vermarkten waren, den Begriff „New Wave“, bekanntestes Beispiele sind da THE CURE. Es gab diese Begrenzungen einfach ursprünglich nicht, und warum sollten wir damit anfangen? Wer gibt uns das Diktat vor, dass wir uns in einem AZ, bei dem es doch, so meinen wir uns erinnern zu können, um „Freiheit“ geht, für unseren zu „unangepassten Punk“ kritisieren lassen müssen? Das ergibt keinen Sinn!

Ihr positioniert euch in den Texten politisch eindeutig links. Wie wichtig findet ihr das im Punk-Bereich?

Rodger451: Wer erklärt uns jetzt mal bitte schön jenseits vom Verfassungsschutz, was „eindeutig links“ ist? Darüber hinaus, wenn eine Aussage wie „Die westlichen Demokratien bestehen mehr und mehr nur noch aus wirtschaftlichen Machtkartellen mit dem einzigen Ziel der Maximierung ihrer Profite, wogegen Menschenrechte und das Völkerrecht von ihnen nur noch als ausgehöhlte Phrase hervorgeholt werden, um geostrategisch ab und an sich moralisch über andere ,Konkurrenzsysteme‘ stellen zu können!“ eindeutig links ist, dann sind wir wohl an dieser Stelle eindeutig links. Ansonsten erleben wir in unserem Umfeld „eindeutig links“ oft als Mystifizierung einer Zeit, in der in Deutschland einmal hunderttausende von Menschen auf die Straßen gegangen sind, in der ein fester Glaube verbreitet war, von unten etwas bewegen zu können, wie die Verhinderung des Baus von Atomkraftwerken. Waren die schlagartig auch alle eindeutig links? War Sophie Scholl, wie beim Verhör vor ihren Schlächtern selbst angegeben, „eindeutig unpolitisch“? Bullshit! Wir versuchen, so wie viele andere um uns herum auch, uns möglichst gegenseitig zu unterstützen, damit wir in einer komplexen und komplizierten Welt nicht den Kopf verlieren und nicht zu resignieren beginnen. Es geht darum, trotz der globalen Perspektivlosigkeit, des Ausverkaufs und der Zerstörungswut der „Reichen, Fiesen und Fetten“ bereit zu sein zu kämpfen, die notwendigen, oft ganz unspektakulären Schlachten des Alltags zu meistern und davon die eine oder andere auch mal zu gewinnen. Sich natürlich gesellschaftlich einzumischen und zu positionieren, da wo man was ändern kann, und vor allem die Leute zusammenzuhalten, egal wer jetzt Veganer ist oder nicht, wer gerade welches Land auch immer boykottiert oder nicht. Einfach da, wo es geht, zu helfen, wenn einer schlicht und ergreifend gerade nicht mehr klarkommt. Muss man, um das zu tun, eindeutig links sein? Gerade als Punk ist es wichtig, sich von fremdbestimmten Menschen oder Gruppen, die voll sind von Hass und Vernichtungsfantasien gegen andere, so wie es etwa Rassisten oder religiöse Fanatiker tun, zu unterscheiden.

Das Ruhrgebiet hat ja generell die eine oder andere auffällige Punkband hervorgebracht. Wie erlebt ihr die Szene im Ruhrgebiet?

Paula: Die Szene im Ruhrgebiet hat im Gegensatz zu den ganz großen Punk-Städten wie Hamburg und Berlin nie die großen auffälligen Bands hervorbringen können, es sei denn, du sagst uns, Mönchengladbach liegt im Ruhrgebiet. Dennoch gab und gibt es sehr viele unterschiedliche auffällige Bands mit einem sicherlich auch eigenen ruhrgebietsspezifischen Charakter. Dazu haben wir einen Buchtip: „Mit Schmackes! Punk im Ruhrgebiet“.

Ist das Ruhrgebiet ein gutes Pflaster für Punkbands?

Rodger451: Trotz des Drucks und Existenzkampfs der Kulturzentren, AZ oder auch kommerziell geführten Live-Locations bietet das Ruhrgebiet für Punkbands im Vergleich zu vielen anderen Regionen Deutschlands immer noch recht viele und interessante Auftrittsorte. Das Ruhrgebiet ist zwar weit weg von einem wilden „Punkhausen“, im Vergleich aber durchaus noch ein gutes Pflaster für Punkbands. Vom winzigen D.I.Y.-Wohnzimmerauftritt kleiner global agierender Punkbands bis zum Punk im Pott in der Turbinenhalle in Oberhausen als größter Veranstaltungsort ist alles dabei. Hier noch eine kleine Anmerkung an die Bands, die im Ruhrpott spielen: Bitte schaut genau hin, wo ihr seid. In den Läden sind fast immer Leute, die total viel Engagement, Herzblut, eigenes Geld und/oder unbezahlte Arbeit reinstecken, um euch einen tollen Auftritt zu ermöglichen. Wir erleben leider manchmal, dass Bands mit diesen „kleinen Helden“ gerne mal von oben herab, wie mit Dienstleistern im Niedriglohnsektor oder Pagen im Luxushotel umgehen. Also, egal wie kosmisch ihr euch fühlt oder wie cool oder aufgeregt ihr auch seid: Take care of the people in the back!

Eure Platte habt ihr über RaSt Records veröffentlicht. Ich unterstelle euch mal, dass das heißt, ihr habt das alles selbst in der Hand. Wo seht ihr die Vorteile und die Grenzen des Machbaren in Sachen D.I.Y.?

Paula: Die Sache mit RaSt Records hat tatsächlich in erster Hinsicht damit zu tun, dass wir, wie von dir „unterstellt“, in gewisser Weise auch ein klein wenig stolz darauf sind, in vier Jahren des Bestehens von RASENDER STILLSTAND, das Heft komplett in eigener Hand behalten zu haben und dass wir damit, zumindest was unsere Vorstellung von Punk entspricht, authentisch geblieben sind. Der Preis dafür liegt sicherlich in einem viel höheren Aufwand bei allen möglichen Dingen, die für einen Außenstehenden nicht so sichtbar werden. Ein gutes Beispiel sind unsere ersten beiden Alben, die komplett selber zusammengebastelt sind und von außen dafür hochgelobt wurden. Wenn du zur Fertigstellung eines solchen Exemplars alles in allem sechzig Minuten brauchst, fragst du dich schon manchmal bei allen anderen Sachen, die sonst noch so anfallen, ob du nicht total einen an der Klatsche hast. Die ersten dreißig Stück zu basteln hat sicherlich noch etwas mit Spaß und Kreativität zu tun, danach kommst du dir eher vor wie der Nachtarbeiter am Fließband. Der andere Nachteil von D.I.Y. ist sicherlich, dass es ungleich schwieriger ist, dich als Band nach vorne zu bringen, als wenn du ein engagiertes Label, eine Plattenfirma, einen Booker etc. hast, die dir – vermeintlich – große Auftritte besorgen, deine Platten oder CDs vertreiben, dich über Videos promoten , womit du schlagartig ein viel größeres Publikum erreichen kannst. Der Preis hierfür ist allerdings meistens eine immer größere Fremdbestimmung oder auch Entfremdung von deinen eigentlichen Zielen hin zu einer Ebene, auf der es immer mehr nur darum geht, zu funktionieren und den Anforderungen zu entsprechen, oft einhergehend mit dem Zerfall der Band als einst basisdemokratische Einheit mit gleichen Interessen, Kreativität und unangepasster Individualität.

Punk-Konzerte für mehr als fünf Euro. Ja oder nein?

Rodger451: Absurde Frage! Für die erfolgreiche Realisierung eines Punk-Konzertes spielen viele Faktoren eine Rolle. Brauchst du zum Beispiel eine gute PA für den Gig, liegst du mit einer Schnäppchenanlage schon bei 800 Euro. Die allein musst du durch Eintrittsgelder oft auf Risiko erst einmal einspielen. Dazu können kommen: Anmietung einer Location, Bühne, Backline, Reisekosten, Genehmigungen, Strom, Stagehands, Ton- und gegebenenfalls Lichttechniker, Logistik, GEMA, Werbung, Catering, Gagen, Reisekosten, Unterbringung, Reinigung. Natürlich kannst du in einem AZ mit vorhandener Logistik ein Konzert für fünf Euro durchziehen oder auch ein komplett kostenfreies „Umsonst & draußen“-Ding organisieren. Das geht aber immer auf die Knochen von vielen freiwilligen und idealistischen Helferzellen, die alles umsonst machen und das halten nicht viele Macher ihr Leben lang durch, sich ohne Bezahlung ständig richtig den Arsch aufzureißen. Auf der anderen Seite finden wir es erbärmlich, wie manche Bands durch Europa trampen, ohne zu wissen, ob es was zu essen, ob es irgendwo Pennplätze gibt oder ob es vielleicht ein paar Euronen auf die blanke Tasche gibt, um dann am Rande ihres eigenen Konzertes noch Leute auf Kohle anschnorren zu müssen. Viele Besucher von Punk-Konzerten geben ihr Geld für den letzten Mist aus, aber bei der Punkband XY holen sie die „Non profit“- oder „Punk darf nichts kosten“-Keule raus. Um sich anschließend über die Doppelmoral der Spießer zu ereifern! Unser klares Statement dazu: Ja, Punk-Konzerte dürfen definitiv mehr als fünf Euro kosten.

Philip Stratmann

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #115 (August/September 2014)

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