Interviews & Artikel : ANDRE LUX :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

ANDRE LUX

Baden-Württembergs Tom Angelripper

Ein Kind mit Teddy befragt Mutter, im Hintergrund sitzt der trauriggesichtige Vater am Tisch und säuft: „Warum trinkt Papa nach der Arbeit nur noch Jacky-Cola statt Wodka Bull?“ Es erhält zur Antwort: „Tja, wir werden alle mal älter, Schatz.“ Das ganze Setting wirkt wie die hochverdichtete Mischung aus einem Fassbinder-Film und dem MAD-Heft. Der Zeichenstil des zugrundeliegenden Bilds ist dabei ungefähr auf dem Level von Höhlenmalerei. Andre Lux veröffentlicht täglich einen Cartoon seiner Reihe „Egon Forever!“, man findet Zeichnungen von ihm überdies im Ox-Heft. Doch der geheimnisvolle Stuttgarter und SODOM-Ultra hat uns Menschen noch so viel mehr zu geben.

Wann hast du mit dem Zeichnen begonnen?


1994 ging es mit Egon los. Damals hieß er auch schon so – und ich war elf Jahre.

Und wann hast du festgestellt, dass du das mit dem Zeichnen nicht gut kannst, aber trotzdem oder gerade deshalb weitermachen willst?

Ja, ab wann stellt man fest, dass man etwas nicht kann? Anfang der 2000er Jahre, als wir uns noch alle über das Kabelmodem Zugang ins weltweite Netz verschafften, da scannte ich mal einen meiner Cartoons ein und schickte diesen mit meinem AOL-eMail-Account an einen Freund. Der fand das so lustig – also den Cartoon, nicht den Sendevorgang –, dass er ihn wiederum an seine Freundinnen und Freunde verteilte. Die meinten, ich solle davon mehr zeichnen und gefälligst irgendwo veröffentlichen. Das mache ich bis heute. Ich stellte wohl fest, dass Leute auch mit reduziertem Aufwand zu unterhalten sind. Wie bei Punkmusik.

Bei so minimalistischer Kunst kann es natürlich auch immer sein, dass das Konzept ist. Also wie die Garagerockband, bei der die Mitglieder eigentlich ausgebildete Musiker sind, aber cool genug, um das nicht durchblicken zu lassen. Also wie ist das bei dir? Könntest du eigentlich Freihand-Airbrush-Bilder?

Ich habe riesige Probleme mit Perspektiven oder Proportionen. Beeindruckende Designs und atemberaubend tolle Bilder überlasse ich Maz von Spastic Fantastic. Der kann das geil und arbeitet übrigens gerade am Cover meines ersten Romans, über den ich gerade viel lieber sprechen würde, als über tolle oder miese künstlerische Fähigkeiten.

Ein Roman ... wirklich? Worum geht’s, wie soll der heißen?

Der heißt „Drakula gegen Dracula“ und wurde von 42 Verlagen abgelehnt. Deshalb werfe ich nun einfach ein Book-on-Demand mehr auf den Markt. Das wollen die Leute. Das Buch ist übrigens meinem Bekannten Dr. Uwe Boll gewidmet und ist sehr spannend.

Hast du jemals über Farbe nachgedacht für Egon?

Nö. Es gab während meiner Kindheit immer rotes Blut, weil meine Comics natürlich hauptsächlich aus Mord und Todschlag bestanden. Der ganze Dilettantismus wirkt auch wirklich so, als würde da totales Kalkül dahinter stecken, doch die Wahrheit ist: Ich habe keinen Bock, noch irgendetwas dazuzulernen. Deshalb auch die unfreiwilligen Schreibfehler und die Tatsache, dass ich nicht mehr als neun Gitarrenakkorde greifen kann und möchte.

Gab es denn mal jemand, an dem du dich mit deinem Zeichenstil orientiert hast?

Mein Sitznachbar in der fünften Klasse: Claudio Roller. Der steckte mächtige Emotionen in seine Figuren, hatte allerdings starke Defizite im Storytelling. Gemeinsam haben wir 1996 den ersten Endlos-Comic der Welt gezeichnet. Irgendwo auf dem Dachboden meiner Eltern im Schwarzwald staubt er noch ein.

Wäre nicht eine Graphic Novel in deinem Stil – also die Erzählung über eine Pointe hinaus – ein interessanter Move?

Das würde sicher schnell langweilig werden. Jeder, der sagt, dass er oder sie sich die Cartoons wegen der feinen Strichfiguren anschaut, lügt. Die Zeichnungen sind nun mal Inhaltsträger. Wenn allerdings jemand ebenfalls deiner Meinung wäre und einen mehrstelligen Betrag für ein solches Projekt vorschießen würde – von dem ich gegebenenfalls zwei bis fünf Jahre halbwegs gut leben kann –, könnte ich mir die Arbeit an einer Graphic Novel sehr gut vorstellen.

Wie lange brauchst du für einen Cartoon?

Die Skizze zeichne ich oft liegend und mit einem flotten Song auf den Lippen. Das dauert dann circa fünf Sekunden. Beim Zeichnen selbst gebe ich mir mittlerweile wirklich sehr viel Mühe. Je nach Tagesform dauert das dann etwa zwei Minuten länger als die ursprüngliche Skizze.

Egon behandelt ja Zeitgeistthemen und Alltagsdeformationen – welche Themen funktionieren am besten?

Ich veröffentliche eigentlich alles. Egon ist so was wie mein Tagebuch und was mich beschäftigt, das wird eben gezeichnet. Außerdem habe ich oft die Hoffnung, dass jemand die ganzen Referenzen googlet oder sich sogar mit den erwähnten Power-Metal-Bands beschäftigt, den ganzen DROPKICK MURPHYS- oder Indierock-Mist ins nächste Schaufenster schmeißt und sich eine ARMORED SAINT-Platte kauft. In der Theorie funktioniert das spitze.

Könntest du mir beibringen, auch so zu zeichnen?

Ja. Ich wohne derzeit im Stuttgarter Westen beim Hölderlinplatz. Komm vorbei. Danach gehen wir noch Novoline spielen und Uludag trinken im Ixir-Imbiss.

Du bist ja live auch mit den beiden preisgekrönten Ottos vom Homestory-Magazin unterwegs. Woraus besteht deine Show auf der Bühne?

Da sitze ich mit einem Laptop und decke Panel für Panel meine Cartoons auf und lese diese dem Publikum vor. Zwischendurch mache ich immer dieselben Witze und lache auch selbst drüber. Anfangs sage ich dem Mischer oft, dass er das Mikrofon ein bisschen lauter machen soll. In der Mitte erzähle ich ab und zu ein paar Anekdoten vom Touren mit den Homestory-Jungs oder private Details. Am Ende bedanke ich mich dann meistens, wünsche viel Spaß mit dem restlichen Programm und weise auf meinen Merchandise hin: Bücher fünf Euro, Sticker kostenlos. Danach gehe ich dann von der Bühne und rauche eine Zigarette und trinke ein Bier, zumindest wenn Roland van Oystern von Homestory den Wagen fährt.

Und jene zwei Homestory-Macher planen, drei Monate ins Hinterland von Rumänien zu ziehen, um ein gemeinsames Buch über sich zu schreiben – im totalen Exil. Stichwort „Shining“. Glaubst du, wir werden die überhaupt wiedersehen?

Die beiden Männer werden das durchziehen und sie werden abliefern. Und dann wird die ganze Galaxie der Popliteratur endlich die Augen auf Roland van Oystern und Ferdinand Führer richten und sagen: „Fuck! Das ist so was von arschgeil! Wieso fanden wir die nicht schon so geil, als die noch Fanzines gemacht haben. Wir sind so unglaublich dumm. Jeder von uns. Wir bestellen uns jetzt schnell alles aus dem Mailorder von Nebula Fünf, dem gemeinsamen Musiklabel der zwei.“ Die einzigen Sorgen mache ich mir um Ferdinands Spielkonsolensessions: Er wird da sicher noch besser in „Kirby’s Ghost Trap“ und das dürfte unserer Freundschaft nicht besonders gut bekommen.

Es wird, wenn es um dich geht, auch immer geraunt, der sei „eigentlich Musiker“ und hätte „Dutzende coole Bands“. Kannst du uns da mal ins Bild setzen?

Mit den Homestory-Typen betreibe ich die vermutlich beste Band in Stuttgart-West beziehungsweise Augsburg, heißt: DAS WAHRE BESTECK. Die Musikkassette gibt es noch bei LastExitTapes und wenn nicht, macht der Labeltyp die nach, der schuldet uns sowieso noch Geld. Zudem gibt es noch Solomusik unter meinem richtigen Namen und früher mal als AUTOBOT. In Zukunft gründe ich sicher mal wieder eine Band und tausche die Mitglieder jährlich aus. Mein Ziel: Ich möchte einmal den Satz „Andre Lux, Baden-Württembergs Tom Angelripper!“ im Ox lesen.

Worauf dürfen wir uns 2015 freuen, was deine künstlerischen Aktivitäten betrifft?

Von mir gibt es immer das, was ihr zulasst!

Linus Volkmann

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #118 (Februar/März 2015)

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FUCKED UP aus Toronto ist es sicherlich zu verdanken, dass viele Indie-Kids ihre Berührungsängste mit hymnischen, aggressiven Hardcore überwunden haben. Schuld daran war zum einen das Meisterwerk „David Comes To Life“ aus dem Jahr 2011, zu dessen ... mehr