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Interviews & Artikel

FEINE SAHNE FISCHFILET

Meck-Pom forever

2006/2007 im nordostdeutschen Niemandsland gegründet, waren FEINE SAHNE FISCHFILET mit ihren beiden ersten Alben auf Diffidati Records nur eine Ska-Punk-Band unter vielen. Erst mit ihrer Erwähnung im Verfassungsschutzbericht 2011 des Landes Mecklenburg-Vorpommern erfuhr die Band bundesweite Bekanntheit jenseits von Szenekreisen – und das Hamburger Label Audiolith veröffentlichte 2012 das dritte Album „Scheitern & Verstehen“. Seitdem läuft es gut für die Band, und mit der vierten LP „Bleiben oder Gehen“ sind FSF nun noch etwas „erwachsener“ geworden, sind als Band mit klar politischer Ausrichtung sogar für Rock am Ring gebucht. Wir trafen Monchi Ende 2014 in Berlin.

Monchi, gleich beim ersten Song „Für diese eine Nacht“ eures neuen Albums wird nach „Bleiben oder Gehen“ gefragt. Bei euch dürfte diese Entscheidung ja gefallen sein, denn FSF sind ja im Allgäu oder Dortmund schwer vorstellbar.


Ja, das ist schon richtig. Ich würde FSF auch immer mit Meck-Pom verbinden, aber es ist trotzdem eine offene Frage, eine Sache, die uns seit ewig bewegt. Ob man da bleibt oder geht, ist eine präsente Frage, weil niemand von uns auch nur ansatzweise von dieser Band leben kann. Bei uns gibt es eben nicht so viele Jobs. Ich habe einen sehr guten Freund, der eineinhalb Jahre lang seinen Diplom-Ingenieur gemacht hat, sich eineinhalb Jahre in Meck-Pom beworben und keinen Job bekommen hat und nach Berlin gehen musste, weil man ja überleben muss. Der Großteil von uns schlägt sich mit Nebenjobs durch. Wir waren letztes Jahr an 43 Wochenenden unterwegs, und das ist dann nicht nur geil und einfach. Du fährst Freitagvormittag los und bist Sonntagabend wieder da – und wir wohnen am Arsch der Welt. Wenn es diese Band nicht gäbe, wären einige von uns definitiv schon weggezogen. Unser Schlagzeuger wollte nach Berlin ziehen, und ist nur wegen der Band geblieben, weil wir das hier durchziehen wollen und mit unserer Gruppe langfristig kontinuierlich arbeiten. Es geht aber auch bei dem Song um andere Dinge, wie Beziehungen, Trennungen und so weiter. Wie lange bleibst du in deiner Beziehung, wie lange kämpfst du darum, wie lange reibst du dich für etwas auf?

Die Songzeile „Niemand muss Bulle sein“ ist nachvollziehbar, aber es kommt schon ein bisschen was Anarchisches ums Eck ...

Keine Ahnung, vielleicht ist das gar nicht so mega tiefgreifend gemeint, sondern nur ein Ausdruck eines Gefühls, das man hat. Hier in Mecklenburg haben 40.000 Leute die Nazis gewählt. Die NPD sitzt im Landtag, darf wöchentlich ihre Aufmärsche machen und ich erfahre immer wieder am eigenen Leib, dass die Nazis den Weg freigeknüppelt kriegen. Dann denke ich ganz oft, dass die Polizei das nicht machen muss. Ich will die Polizisten nicht entmenschlichen, das sind Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Aber du musst keinen Menschen abschieben und du musst auch keinen Naziaufmarsch durchprügeln. Ich habe ganz oft dieses Gefühl von Wut, deshalb dieses „Niemand muss Bulle sein“.

Du warst ja mal Teil der Hansa-Rostock-Ultras. Aber wenn Hooligans gegen Salafismus demonstrieren und die Innenstadt verwüsten, kann man da die Polizisten nicht in dem Moment verstehen, wenn sie sich fragen, um was für einen Dreck sie sich kümmern müssen?

Wenn sich Nazis mit irgendwelchen Salafisten boxen, ist mir das scheißegal, weil Minus mal Minus Plus ergibt. Aber in Köln hat die Polizei auch keinen guten Job gemacht, weil zum Beispiel ausländische Imbisse angegriffen wurden. Man muss selbst handeln, ich kann mich nicht auf die Polizei verlassen. Mir wurden die Frontzähne rausgeschlagen, aber ich gehe nicht zu den Bullen. Ich sage ja nicht, dass jemand, der zur Polizei geht, um Hilfe zu holen, ein schlechter Mensch ist, aber wenn ich auf dem Dorf auf die Fresse bekommen habe, dann brauchte ich da nicht hingehen und Anzeige erstatten, weil der Typ, der mir die Fresse eingeschlagen hat, vielleicht der Sohn von dem Bullen ist. So etwas prägt dich einfach. Ich denke, man sollte sich nicht auf irgendwelche staatlichen Behörden verlassen, denn das hat schon sehr, sehr oft nicht geklappt – wenn man die NSU-Sache sieht, die ohne staatliche Behörden wie Verfassungsschutz und Polizei gar nicht hätte entstehen können. In Köln waren das ja nicht nur Nazis, sondern auch die gesellschaftliche Mitte. Dass die Nazis in Meck-Pom so stark sind, liegt nicht nur an den 1.000 Neonazis, die es gibt, sondern an den 40.000 Leuten, die die NPD gewählt haben.

Dann hat die Sache mit dem im Lied zitiertem „Straßenabitur“ auch wirklich einen realen Hintergrund?

Ich habe immer noch sehr gute Freunde bei den Hansa-Ultras, die auch auf Anti-Nazi-Demos gehen, das sind aber keine Antifas, müssen sie auch gar nicht sein, es sind einfach coole Leute. Seit ich 14 war, bin ich ja immer raus, dieses Bleiben oder Gehen war immer dabei, denn ich komme aus einer 3.000-Seelen-Kleinstadt. Da fuhr der letzte Bus am Freitagnachmittag und der erste am Montagmorgen wieder. Ich habe immer versucht „rauszukommen“, bin immer zu Hansa Rostock gefahren und habe auch megaviel Scheiße gebaut. Ich hatte Stadionverbot und alles. Wir sind bin ja keine Unschuldslämmer. Ich halte ganz bestimmt nicht die linke Backe hin, wenn mir schon die rechte eingeschlagen wurde. Wenn solche Typen vor mir stehen, schaue ich nicht nach unten und kusche vor denen. Es ist wichtig, sich ihnen in den Weg zu stellen. Ich heule also bestimmt nicht herum, wenn ein Nazi mal eine Backpfeife bekommt. Wenn es bei uns auf dem Dorf Feste gab, waren keine Schwarzen oder Schwulen unter den Gästen, weil denen dann einfach die Fresse eingeschlagen worden wäre.

Dirk von SLIME antwortete mal auf meine Frage, ob FSF ihre Nachfolger werden würden, dass er eure Band „rauf und runter“ höre. Das ist ja für eine D-Punkband fast ein Ritterschlag. Trotzdem glaube ich, mit den Themen Bullen und Nazis limitiert ihr euch bisweilen. Ich denke, ihr könnt mehr. Es gibt einige Düsseldorfer Bands, die ihre Texte privater anlegen. Habt ihr das auch vor? Ich finde eure eher persönlichen Texte nämlich viel besser.

Das hat er gesagt? Ist ja geil! Zur Zeit haben wir das nicht vor, weil diese Themen genauso zu uns gehören, wie dieses Land. Würde ich in Düsseldorf oder einer anderen Großstadt leben, in der ich damit weniger konfrontiert werden würde, wäre das vielleicht anders. Natürlich könnten wir es uns einfacher machen und müssten kein Lied über den NSU schreiben, das wäre bestimmt auch massenkompatibler. Das ist Lustige ist aber auch, dass es ja viele Antifas oder Punker oder Zecken gibt, die sagen, wir würden zu viele unpolitische Lieder machen. Wenn man damit also nicht leben kann, okay. Uns müssen nicht alle mögen.

Ich denke manchmal, dass das Auffällige an euch – das norddeutsche Idiom, die weichen Bläsersätze – junge Leute doch bestimmt anzieht. Wenn es dann aber immer gegen Nazis und um Gewalt geht, könnte das junge Hörer verschrecken.

Es gibt auch Konzerte, bei denen es uns eine Ehre ist, eine Antifa-Fahne hochzuhalten – in Moskau zum Beispiel, weil da ständig Leute ermordet werden. Es gab vier Mordanschläge auf den russischen Antifaschisten Igor P. und der vierte hat auch geklappt. Das sind Zustände, bei denen ich höchsten Respekt vor den Leuten habe, die dann nicht nur Liebeslieder schreiben, sondern sich in genau solchen Regionen auf die Bühne stellen. Ich finde nichts erbärmlicher, als hier in Deutschland auf einem Punk-Konzert eine Antifa-Fahne zu halten oder „Alerta Antifascista!“ zu rufen. Das machen wir schon seit längerer Zeit nicht mehr. Für das, wofür wir stehen, brauche ich nicht noch eine Fahne zu schwenken. Ich halte es für viel wichtiger, sich bei Festivals wie Rock am Ring oder dem Hurricane, wo wir bald spielen, zu positionieren und genau da eine Ansage zu machen. Da sind die Leute, die das auch mal vor den Kopf stößt. Beim reinen Punk-Konzert „Nazis raus“ zu rufen, ist nur Folklore oder Selbstbefriedigung.

Bei „Warten auf das Meer“ zum Beispiel singt ihr auch über anderes, es ist ein eher schmerzhaftes Lied.

Den Text hat unser Gitarrist Christoph geschrieben. Er und ich schreiben immer etwa zur Hälfte die jeweiligen Albumtexte. Es geht um einen Menschen, der ihm sehr nahesteht und krasse Angst davor hat, dass er stirbt. Mehr werden wir dazu nicht sagen. Leute, die schon in solchen Situationen waren, können sich da reinfühlen. Es gibt sehr schöne Lieder von uns, aber die kann ich manchmal gar nicht so gut auf der Bühne rüberbringen, einfach, weil es mir in dem Moment nicht so gut geht, so wie bei „Komplett im Arsch“ etwa. Ich bin bei „Warten auf das Meer“ sehr gespannt, wie das live sein wird. Als wir im Proberaum saßen und den Song zum ersten Mal hörten, war es danach sehr still.

Das ist das, was ich meinte: Die privaten Themen bieten doch mehr Aufarbeitungspotenzial, da kannst du was erreichen, vor der eigenen Haustüre kehren. Stichwort Freundschaften ...

Ich glaube, es ist eine wichtige Aufgabe, sich einen engen Kreis an Leuten zu suchen, denen man vertraut, von denen man sich auch gerne mal anhört, dass man ein Idiot ist. Das mag ich sehr gern. Reden ist immer wichtig. Oft passiert es doch, dass man sich aus dem Weg geht, dass die Probleme nicht angesprochen werden oder man nicht mehr sagt, was man am anderen doof findet. Dann gibt es zwar keinen Knall, aber es geht leise auseinander. Ich mag es, wenn es knallt. Ich pöbele auch mal einen Kumpel an, aber auf herzliche Art und Weise, und ich weiß dann, wir können uns in zwei Tagen wieder in die Augen sehen, dann sogar noch viel besser. Durch langes nicht miteinander reden wird es ja oft nur schlimmer, dann sollte man sich zusammensetzen und quatschen.

Seid ihr verkappte Politiker mit Gitarre oder seid ihr Musiker, die über Politik singen?

Wir sind Menschen, die ganz viele Sachen interessieren – sowohl Politik als auch persönliche Sachen – und diese verarbeiten wollen. Ich sehe mich nicht als Politiker, sondern als denkenden politischen Menschen. So sehen wir uns im Grunde alle. Wir gründen ja nicht die neue RAF. Heutzutage ist es oft so, dass sich die Leute nicht mehr positionieren und alles heititei und schön ist. Ich finde das unerträglich. Wir haben auf dem neuen Album nur drei, vier politische Lieder, ließen wir die aber weg, wären das irgendwie nicht mehr wir.

Es gibt den Begriff der „Stadionmusik“, unter den BROILERS, RISE AGAINST, GREEN DAY und auch die kritischen ANTI-FLAG fallen und die große Arenen füllen. Wäre dieser Weg für euch denkbar?

Ich habe nichts gegen Stadionmusik, denn ich halte nichts davon, nur im kleinen Kämmerchen zu bleiben. Wir haben schon mit den BROILERS gespielt und werden bald wieder zusammen in Zürich auftreten. Wir haben auch in der Arena Leipzig vor 10.000 Leuten und in Hamburg vor 8.000 Leute gespielt. Oder nimm das Berliner Konzert in der Zitadelle Spandau, auch mit den BROILERS, das einfach geil war. Ich weiß das auch zu schätzen, denn allein das ist ja auch ein Statement der BROILERS, dass die uns mitnehmen. Ich spiele auch gerne mal in kleinen Läden, kann mir aber auch vorstellen, mal im Berliner Olympiastadion spielen. Dabei fällt mir sicher kein Ei aus der Hose, haha.

Markus Franz

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #118 (Februar/März 2015)

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