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Interviews & Artikel

ANTI-FLAG

Worum es wirklich geht

Justin (Gitarre) und Chris #2 (Gesang, Bass) saßen mir Anfang April im Kreuzberger Büro ihres Labels gegenüber, eineinhalb Stunden redeten wir über die neue Platte namens „American Spring“, und weil dann längst noch nicht alles gesagt war, redeten wir um die Ecke im veganen Restaurant Viasko noch drei Stunden weiter – allerdings ohne Aufnahmegerät. ANTI-FLAG sind eine Band, die ich seit ihrer erste Platte verfolge, die ich immer schon geschätzt habe für ihre klaren Statements, doch erst in diesem intensiven Gespräch wurde mir klar, wie ernst Justin und Chris #2, aber auch Chris und Pat wirklich nehmen, was sie machen. Selten habe ich eine reflektiertere, diskussionsfreudigere Band erlebt, und auch wenn dieses Interview sehr lang ist, es lohnt sich, bis zum Schluss durchzuhalten.

Was für Erinnerungen habt ihr an die Frühzeit von ANTI-FLAG, was die Prägung als sich klar politisch positionierende Band betrifft?


Justin: Die Punk-Szene von Pittsburgh war traditionell sehr links und politisch, aber das wurde mir erst bewusst, als ich Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger anfing, etwas herumzukommen und die Szene in anderen Städten kennen lernte. Da traf ich oft auf ganz andere Einstellungen und dachte mir, das ist nicht der Punk, wie ich ihn mag.

Chris: Ich kenne das durch Justins Erzählungen und eigene Erfahrungen. Es gab Situationen, wo Bands mitten in der Show eine Pause machten für ein „Pledge the allegiance“, also eine Fahnenehrung. Das war während einer AGNOSTIC FRONT-Show. Zum Glück hat sich das inzwischen geändert.

Welche Rolle spielt in solchen Situationen das Publikum? Es kommt ja vor, dass auch von dieser Seite bestimmte Vorstellungen und Ideen, die von der Band nicht unbedingt geteilt werden, projiziert werden.

Chris: Klar, das haben wir auch schon mitbekommen. Wir waren mal mit einer Band unterwegs – den Namen verrate ich nicht –, deren Sänger sein Bühnenoutfit am jeweiligen Publikum ausrichtete. Waren mehr Skinheads da, zog er seine Bomberjacke an, waren es mehr Punks, nahm er die Lederjacke. Da wurde dem Publikum gegeben, was es haben wollte und mit dem Publikum gespielt.

Und erwartet speziell euer Publikum in dieser Hinsicht?

Chris: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unser Publikum meist sehr hungrig ist nach Input und nach Informationen, die herausfordern und den Status quo in Frage stellen. Im Zweifelsfall werden wir nicht für Inhalte kritisiert, sondern dafür, dass wir uns nicht für eine bestimmte Sache einsetzen. Kritik kam eigentlich nur in der Frühzeit der Band, also in der Form, dass wir angegriffen wurden, weil wir uns antinationalistisch äußerten und man uns fragte, warum wir in den USA leben wollen und nicht nach Russland gehen. So was sagt heute keiner mehr, da kommen eher Fragen, warum wir zwar über die Kriege und den Imperialismus der USA sprechen oder über Gleichbehandlung, aber nicht mal was über das Leben der Menschen vor Ort etwa in Indiana schreiben. Darauf antworten wir dann immer: „Gründe selbst eine Band, eine Fanzine, nimm eine Gitarre, schreib einen Song!“ Wir können nur darüber schreiben, was uns als Individuen umtreibt. Natürlich weiß ich nicht, wie viele der Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, die unsere Platten kaufen, wirklich kapieren, worum es uns geht. Aber ich weiß, dass ich fast jeden Tag Leute treffe, die mir sagen, dass sie, bevor sie auf Punkrock stießen, zu vielen Themen eine ganz andere Meinung hatten. Und das allein ist für mich Grund genug, so weiterzumachen wie bisher.

Ihr spielt auf vielen der großen Festivals, und wie RISE AGAINST und BAD RELIGION auch macht ihr melodiöse, mitreißende Musik. Ich behaupte, dass es dort vielen Menschen nicht um Inhalte geht, sondern allein darum, gut unterhalten zu werden.

Justin: Ja und nein. Die Menschen brauchen Orte, an denen sie sich ausleben können, wo sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Ich finde es erstaunlich, dass es in den letzten Jahren möglich war, ein immer größeres Maß an Toleranz zu erkämpfen. In den Achtzigern kämpften wir mit der Punk-Szene noch gegen Rassismus, in den Neunzigern gegen Homophobie, und auch wenn dieser Kampf nicht nicht zu Ende ist, so bin ich doch immer wieder begeistert, wie stark Punkrock und andere Gegenkulturen an der Spitze der jeweiligen Bewegung vertreten sind.

Tierrechte und Veganismus sind auch so ein Thema. Als das in den Achtzigern in der Anarchopunk-Szene thematisiert wurde, interessierte das in der Mainstreamgesellschaft niemanden. Heute ist es scheinbar allgegenwärtig.

Justin: Genau, ebenso wie Umweltschutz. Mir ist es wichtig, dass wir mit unseren Konzerten, ganz egal ob groß oder klein, eine Atmosphäre schaffen, wo sich jeder aufgehoben fühlen kann, wo jeder er selbst sein kann, solange er oder sie die anderen Anwesenden respektiert. Und auch Festivals können diese Funktion erfüllen. Es gibt immer noch Menschen, die das Gefühl haben, sich verstellen zu müssen, nicht sie selbst sein zu können – vor Mitschülern, Kollegen, Eltern –, und auf solchen Festivals treffen sie ihresgleichen, sie fühlen sich nicht mehr allein. Und damit meine ich noch nicht mal Menschen, die homosexuell sind, aber gerade in der jungen Generation in den USA ist das natürlich ein wichtiges Thema. Die wollen sich nicht mehr länger verstecken müssen!

Chris: Das hat auch viel mit der allgegenwärtigen Werbung zu tun, die natürlich vor allem auf junge Menschen zielt: „Kauf diese Hosen, denn wenn nicht, wirst du bald keine Freunde mehr haben!“ Sehr oft vermittelt Werbung eben eine Botschaft dieser Art. Wir schreiben deshalb eingängige, melodiöse Songs, weil wir es so schaffen, dass diese bei den Leuten hängenbleiben und wir so auf Festivals spielen können – und so Menschen mit Themen wie dem Drohnenkrieg der USA im Nahen Osten erreichen. Darum geht es uns bei ANTI-FLAG.

In der Tat vergisst man oft, wie es einem selbst als Punk in seinen Teenagerjahren ging, als man dachte, man ist allein auf der Welt, als man keine anderen Jugendlichen kannte, die diese musikalische Vorliebe teilten. Und dann kam eine Band in die Stadt, oder eine Festivaltour, und plötzlich merkte man, man ist nicht allein.

Justin: Genau, und für uns waren das damals Punk-Konzerte, aber in den USA kann heutzutage auch die Warped Tour diese Rolle erfüllen. In manchen Gegenden der USA ist die im Umkreis von 100 Meilen die einzige Möglichkeit, so eine Erfahrung zu machen. Die Warped Tour gastiert in Städten wie Boise, Idaho oder Bozeman, Montana, und da sieht man beim Blick ins Publikum förmlich, wie bei einer Band wie unserer den Kids fast der Kopf platzt. Das ist für die oft die erste Gelegenheit festzustellen, dass es noch andere Kids gibt, die so drauf sind wie sie selbst – die es nicht okay finden, Schwule anzugreifen und so weiter. Es geht um das Schaffen eines Zusammengehörigkeitsgefühls, und das haben wir in der Punk-Szene gelernt und versuchen das, etwa bei Festivals, auf ein größeres Publikum auszuweiten. Und die Menschen reagieren darauf, etwa wenn wir mittendrin die Leute auffordern, jemand neben sich einfach mal die Hand zu geben. Auf so was bekommen wir immer wieder gutes Feedback. Das ist für mich immer wieder ein Signal, dass Punkrock auf die Gesellschaft einen positiven Einfluss haben kann. Klar, genau genommen ist das wie mit Luftpistolen auf Panzer zu schießen, aber ich glaube fest daran, dass man mit Beharrlichkeit auf Dauer dennoch Erfolg haben kann.

Chris: Wenn man älter wird, erkennt man, dass Veränderungen nicht von jetzt auf gleich zu bewirken sind, sondern nur nach und nach. Und das gilt für die große, internationale Politik wie für Bürgerrechte. Man braucht Zeit und Geduld, und der erste Schritt ist immer, das Denken eines einzelnen Menschen zu verändern. Billy Bragg erzählte mal, dass er sich noch genau erinnert, wie er THE CLASH bei ihrem „Rock against Racism“-Auftritt sah. Er sagte, er könne sich nicht mehr erinnern, welche Songs sie gespielt haben, aber dass es sich gut anfühlte, dabei zu sein und Stellung zu beziehen gegen Rassismus. Und er sagte auch, dass es der Zynismus sei, der unsere Gegenkultur töten könne – die Tendenz, immer nur alles negativ zu sehen. Das haben wir uns zu Herzen genommen.

Justin: Deshalb freuen wir uns über jede motivierende Begegnung, etwa wenn uns bei einem Konzert jemand anspricht und erzählt, durch die Begegnung mit unserer Musik habe er den Beruf des Sozialarbeiters gewählt, um etwas zu verändern. Oder jemand wurde Anwalt, um für die ACLU zu arbeiten, die Amerikanische Bürgerrechtsunion. Da wir als Band schon so lange aktiv sind, haben wir die Möglichkeit, so was zu beobachten, etwa wenn jemand vor 15 Jahren auf uns stieß und seitdem sein Leben entsprechend ausgerichtet hat.

Chris: Ein gutes Beispiel ist der Typ, der lange unsere Website betreut hat: Als wir den kennenlernten war der 17, ein seltsamer Kerl, er hatte keine Freunde, und durch die Arbeit für unsere Website öffnete er sich, lernte Menschen kennen, begann sich zu engagieren, und führte schließlich in Winnipeg die Proteste von Occupy Wall Street an. Heute leitet er dort eine Lebensmittelkooperative und kam deshalb an und sagte entschuldigend, er habe leider keine Zeit mehr, unsere Website zu betreuen, und ob das okay sei. Klar ist das okay, sagten wir, und freuten uns über die Entwicklung, die er durchgemacht hat. Das sind Momente, wo uns klar wird, dass es bei unserem Tun nicht darum geht, wie viele Platten wir verkaufen oder wie viele Konzerte wir in einem Jahr spielen – sondern um die Menschen. Und wir führen ja nur fort, was wir mit Bands wie THE CLASH oder DEAD KENNEDYS erlebt haben.

Justin: Wir haben genau das gleiche erlebt, was unsere Fans berichten. Es kann eine Band sein, ein Fanzine, was auch immer, das dich so inspiriert, dass du dich berufen fühlst, selbst aktiv zu werden. Und es gehört Mut dazu, denn die Gesellschaft sieht das anders, die will, dass du Karriere machst, Geld verdienst und dir einen richtigen Job suchst.

Ihr habt politische Texte, deren Hintergründe ihr im Booklet mittels kleiner Essays erklärt. Was hat euch dazu bewegt, so vorzugehen? Viele Bands drucken heute ja nicht mal mehr ihre Texte ab.

Justin: Das fing mit dem „Die For Your Government“-Album an und wir setzten damit eine alte Punk-Tradition fort. Ich habe früher auch mal ein Fanzine gemacht, und das ist ja nicht viel anders. Über die Jahre hat sich das dann einfach weiterentwickelt.

Chris: Bei „Die For Your Government“ wurden aber noch keine Texte erklärt, sondern was über die Punk-Szene in Pittsburgh geschrieben. Ich war damals noch nicht in der Band, nur ein Fan – ich las das und fand es interessant. Ich hatte Punk damals gerade erst entdeckt, unter anderem durch eine Kassette mit BAD RELIGION und CRINGER darauf. GREEN DAY wurden gerade groß und „Dookie“ war überall. Jemand empfahl mir die DEAD KENNEDYS, ich besorgte mir eine Platte, und da war dieses Poster drin, „Fuck Facts“, das mich schwer beeindruckte. Und so war klar, dass ich später so was in der Art auch bei unseren Platten haben wollte. Dummerweise waren Ende der Neunziger CDs das Maß aller Dinge und wir mussten versuchen, all diese Informationen in so einem kleinen Booklet unterzubringen.

Justin: Haha, ja, wir haben immer wieder das Problem gehabt, dass das Booklet eigentlich zu dick geworden wäre, um es noch in die CD-Hülle reinzubekommen. Wir finden es wichtig, den Leuten noch mehr Infos zu geben, nachdem sie den Text eines Stückes gelesen haben.

Ist das heute überhaupt noch zeitgemäß? Ich finde das gut, aber im Internet kann man sich ja selbst alle Informationen zusammensuchen.

Chris: Es stellen sich hier zwei Fragen: Was will dein Publikum von dir? Und: Was willst du von deinem Publikum? Und weil wir diese Fragen beantworten wollen, machen wir nach wie vor dicke Booklets und suchen uns alle paar Jahre ein neues Label – wenn das bisherige mal wieder keine Lust mehr hat auf den Stress mit unseren Booklets, haha. Wir brauchen einfach Partner, die uns so kreativ sein lassen, wie wir wollen, und sich auf unsere Wünsche einlassen. Nichts macht mich wütender, als wenn ich die Platte einer Band in die Finger bekomme, nach den Texten suche und nur eine leere Fläche finde. Sagt was, möchte ich so einer Band zurufen. Es muss ja nichts Weltbewegendes sein, aber sagt was!

Justin: Wir sind einer ständigen Informationsflut ausgesetzt, und da mag es seltsam erscheinen, auch noch in ein CD-Booklet Informationen zu packen, auf Papier. Aber weil so viele Informationen herumschwirren, halte ich es für sinnvoll, unseren Fans etwas an die Hand zu geben, das direkt mit unserem Anliegen, unseren Songs verknüpft ist. Aktuell haben wir etwa einen Essay von Dr. Cornell West abgedruckt, der ist Aktivist und Sozialist. In seinem Text „Dr. King weeps from his grave“ spricht er die Fehler der Obama-Regierung an, etwa dass sich die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter öffnet, dass afroamerikanische junge Männer von der Polizei folgenlos umgebracht werden können, dass die USA immer noch in anderen Ländern Krieg führen und Dronen einsetzen. Ich las diesen Text und fand den so stark, dass ich der Meinung war, jeder solle ihn lesen und auch Dr. West kennen lernen, den ich für einen der klügsten Köpfe der Gegenwart halte.

Chris: Außerdem hat Dr. West sicher Besseres zu tun, als auf Punk-Konzerten Reden zu halten, also fanden wir es wichtig, Leute aus der Punk-Szene mit ihm vertraut zu machen. Ich entdeckte durch die „Fuck Facts“ der DEAD KENNEDYS ja einst auch Themen, auf die ich durch die normalen Medien nie aufmerksam geworden wäre. Dazu kam die grafische Arbeit von Winston Smith, der all das in Szene setzte.

Sprechen wir über das neue Album – und seinen Titel. Der „Arabische Frühling“ war eine große Hoffnung, viele Menschen in diesen Ländern glaubten an demokratische Reformen, doch das Gegenteil trat ein, Libyen und Syrien versanken im Chaos, ebenso Ägypten. Wie ist in diesem Kontext der Titel „American Spring“ zu verstehen?

Justin: Das Album bezieht sich in mehrfacher Hinsicht auf den „Arabischen Frühling“. Ein Aspekt ist, dass wir den Ideenreichtum junger Menschen würdigen wollten, was den Einsatz moderner Kommunikationsmittel zur Mobilisierung anderer betrifft. Davon können wir alle lernen und das wird für uns alle in der Zukunft noch wichtig werden. Ein anderer Aspekt ist die Analyse, was schiefgegangen ist. Von Nelson Mandela stammt die Aussage, dass jede Revolution eine Idee braucht für das, was danach kommt. Irgendwer muss konkrete politische Vorstellungen haben, wie die Ideen umgesetzt werden können, wenn die harte Arbeit auf der Straße erledigt ist. Bei der Analyse des „Arabischen Frühlings“ stellt man fest, dass dieser Aspekt fehlte. Keiner hatte einen Plan, wie die Gesellschaft sich organisieren sollte, nachdem der Umbruch geschafft war.

Chris: Ein weiterer Punkt ist, dass wir darstellen wollen, dass auch die Geschichte der jüngsten Vergangenheit dazu taugt, daraus Schlüsse zu ziehen. Das verbindende Element von „Arab Spring“ und „American Spring“, von Artwork und Texten ist die Botschaft eines neuen Anfangs, das Vermitteln von Hoffnung. Man kann den Titel als Anlass nehmen, darüber nachzudenken, dass der „Arabische Frühling“ funktionierte, bis es zum Einsatz von Gewalt kam. Eine Lehre muss also sein, Gewalt zu vermeiden. Man kann eine Linie ziehen von der Gewalt des US-Einmarsches in den Irak 1993 zu den Gewaltausbrüchen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart. Wir wollen, dass man mehr darüber nachdenkt, was passieren kann, wenn man in ein Land einmarschiert und einen Diktator beseitigt. Mehr Tote, mehr Gewalt? Damals hatte keiner einen Plan. Uns ist auch immer wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen zu den Ereignissen auf der Welt und bestimmte Strategien zu entlarven. Als etwa in den USA über den Anschlag auf Charlie Hebdo berichtet wurde, erweckten die Bilder in den Nachrichten und die Einblendungen den Eindruck, Paris sei eine Stadt wie Bagdad. Das war natürlich Quatsch, es ging nur darum, die Menschen mit dieser Berichterstattung und den ständig wiederholten Bildern in Angst und Schrecken zu versetzen – und sie dazu zu bringen, vor der Glotze sitzen zu bleiben und die Werbung zu schauen. Durch so eine Art der Berichterstattung bekommen die Menschen das Gefühl, dass das alles völlig unwirklich ist. Die Informationen sind nur oberflächlich, es fehlt die Tiefe. Und genau diese Tiefe fehlte auch in der Berichterstattung über den „Arabischen Frühling“, weshalb wir den Blick auf die Aspekte der Bewegung richten wollen, die funktioniert haben – und nicht auf das Scheitern als solches.

Justin: Die hoffnungsvollen jungen Menschen erkennen hoffentlich, dass das, was einmal – fast – geklappt hat, auch ein zweites Mal versucht werden kann. Vielleicht wird es ja eines Tages heißen, dass auch nie jemand geglaubt hat, der Kapitalismus könne beseitigt werden. Oder dass eine Überwindung des Zwei-Parteien-Systems in den USA möglich ist. Aber manchmal ist eben auch Unmögliches möglich. Ich denke also, der „Arabische Frühling“ taugt dennoch als Inspiration, auch wenn das Ergebnis nicht so ausfiel, wie wir uns das gewünscht hätten. Spannend finde ich auch die Verbindung zwischen der Occupy-Bewegung und dem „Arabischen Frühling“.

Und worin seht ihr eure Rolle? Als Chronisten solcher Ereignisse?

Chris: Ich sehe Künstler, Schriftsteller, Musiker in der Verpflichtung, solche Entwicklungen zu kommentieren. Und wir haben das Recht, uns die positiven Aspekte herauszupicken. Etwa, dass seit Beginn der Occupy-Wall-Street-Bewegung das Argument der 99% allgegenwärtig ist. Seitdem weiß die ganze Welt, wie ungerecht der Reichtum auf der Welt verteilt ist: 1% Reiche besitzen so viel wie die restlichen 99%. Darüber wird jetzt überall geredet, vorher war das nicht der Fall. Und das ist ein Erfolg. Das alles gehört zum Hintergrund von „American Spring“.

Aber wie könnte man sich einen „American Spring“ analog zum „Arab Spring“ vorstellen? Wie sieht eure Utopie aus?

Justin: Etwa so, wie sie Noam Chomsky beschrieben hat, mit einer Dezentralisierung von Macht. Gemeinden und Städte müssten wieder viel mehr selbst bestimmen können, über Abstimmungen nach dem Konsensprinzip. Dass das funktioniert, hat man bei der Occupy-Bewegung gesehen. Und man könnte dabei auf moderne Kommunikationsmittel setzen, die beispielsweise in Ägypten umfassend eingesetzt wurden. Die Großkonzerne dürften keinen Einfluss auf die Politik mehr haben. Und direkte Demokratie ist wichtig, die Abschaffung überkommener Formen des Regierens, des gegenwärtigen korrupten Systems der indirekten Demokratie. Aber das sind alles nur erste Ideen, wir wollen den Beginn einer Diskussion anregen. Es geht darum, Ideen zu entwickeln. Wir behaupten nicht, Antworten zu haben, aber wir wissen, es gibt andere Wege, unser aller Leben zu regeln.

Chris: Wir wollen eine Entwicklung anstoßen, und die Ideen entwickeln sich ständig weiter. Dies ist übrigens das erste gemeinsame Interview von mir und Justin zur neuen Platte, und es ist für uns beide spannend zu hören, was der andere dazu zu sagen hat. Genau jetzt beeinflussen wir uns gegenseitig!

Justin: So läuft das bei uns immer, und das mag ich an ANTI-FLAG so sehr. Unsere Proben bestehen nur zur Hälfte aus gemeinsamem Musikmachen, den Rest der Zeit diskutieren wir, tauschen Ideen aus. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele gute Ideen in all den Jahren einfach aus dem Austausch mit meinen Bandkollegen entstanden sind. Und genau so sollten es auch die Menschen tun, die sich mit unserer Musik und den Texten beschäftigen.

Chris: Ich muss klar sagen, dass ich kein „Bücherwurm“ bin wie Justin, der die Bücher von Noam Chomsky wirklich gelesen hat. „American Spring“, das Artwork, die Texte drehen sich auch darum, sich seiner eigenen Vorurteile und Reaktionen bewusst zu werden. Eine muslimische Frau auf das Cover eines Album zu packen und dann die Frage gestellt zu bekommen, ob das ein Kommentar zum Thema Terrorismus ist, ist spannend. Oder das Foto des amerikanischen Soldaten auf der Rückseite und die Frage dazu, ob das als Kommentar auf Babys tötende US-Soldaten gemeint sei. Wir müssen sehen, dass auch wir in der Punk-Szene Vorurteile haben und uns bisweilen heuchlerisch verhalten. Kaum sehen, lesen oder hören wir etwas, haben wir eine Meinung. Wir zeichnen mit dem neuen Album ein Bild aus sehr groben Strichen, aber es reicht aus, um sich bewusst zu werden, wie sehr wir jeden Tag mit Informationen bombardiert werden, und dass etwa eine BMW-Anzeige, von der ich als Punkrocker glaube, dass sie gar nicht auf mich abzielt, dennoch ihre Wirkung auf mich hat. Wir stehen nicht über den Dingen, das muss uns klar sein, und wenn wir das verstanden haben, dann können wir versuchen uns von solchen Sachen zu distanzieren. Das ist der Kommentar, den das Album darstellt. Der von einer Drohne verursachte Tod eines Kindes im Nahen Osten, die Tötung von Mike Brown, das Essen des Fleisches eines anderes Lebewesens – zu all dem gibt es eine Hintergrundgeschichte, und dessen müssen wir uns klar werden. Wenn uns das gelingt, haben wir die Chance, den Schaden zu ermessen, der durch so etwas ausgelöst wird.

Justin: Ich finde es erschreckend, wie losgelöst vom eigentlichen Vorgang die Medien in den USA über die Drohneneinsätze berichten. Da heißt es etwa, es seien fünf Aufständische getötet worden, die verdächtigt wurden, für Al-Qaida gearbeitet zu haben.

Das klingt fast wie die Nachrichten in Orwells „1984“.

Justin: Ja! So oft kommt mir bei den Nachrichten der Gedanke, dass das wie bei Orwell ist, wie eine Szene aus dem Buch! Orwell hätte das nicht besser formulieren können. Das ist erschreckend! Oder nimm nur Orwells „Big Brother“, der mittels TV-Gerät in die Wohnungen seiner Bürger blickt. Das existiert heute längst mittels der Kamera in Fernsehern und Computern. Das Schlimme ist, dass den meisten Amerikanern gar nicht auffällt, was da mit ihnen gemacht wird, die sind seit Jahren so konditioniert worden. Die glauben einfach, dass das alles Terroristen sind, die da im Jemen, Afghanistan oder Pakistan getötet werden, und deshalb gibt es keinen Grund, mit denen Mitleid zu haben. Das Problem ist, dass Menschen schnell dazu tendieren, andere als „die Anderen“ zu betrachten. Aber das ist Unsinn, es geht um Empathie, und das ist ein weiteres wichtiges Thema des Albums.

Wie sehr reflektiert ihr euer Tun?

Chris: Je älter wir werden, desto mehr lernen wir dazu. Und wir versuchen, Erklärungen zu finden für das, was wir da eigentlich tun.

Justin: Allein schon zu erklären, wie man sich gerade fühlt, kann bisweilen sehr schwer sein: „Wie fühle ich mich gerade und wie kann ich das interpretieren?“ Aber das kann man über einen längeren Zeitraum lernen.

Chris: Seit wir erkannt haben, wie wichtig Empathie ist, fällt uns auch auf, dass jene, die an solcher Empathie gegenüber Menschen irgendwo anders auf der Welt kein Interesse haben, sehr intensiv daran arbeiten, uns abzulenken. Aber auch hier hilft es, ein Bewusstsein für diese Ablenkungsstrategien etwa in den Medien zu entwickeln. Wir müssen lernen zu erkennen, was real ist, was konstruiert, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Nur so kann es uns gelingen, einen klaren Blick zu entwickeln.

Justin: „Sky’s falling down“ behandelt das Thema Drohnenangriffe, und der Essay bezieht sich auf die Hintergründe des Songs. Es geht da um einen pakistanischen Jungen, der als Zeuge vor den US-Kongress geladen wurde, um über Drohnenangriffe in seiner Heimat zu berichten. Er und seine Großmutter waren angegriffen worden, und sie waren keine „Kombattanten“, sondern Zivilisten. Es ist erschütternd, was der erzählt hat, etwa dass die Kinder in den entsprechenden Regionen von Pakistan für einen bewölkten Himmel beten, denn dann greifen die Drohnen nicht an. Die Vorstellung, dass man woanders auf der Welt einen strahlend blauen Himmel als Bedrohung ansieht, finde ich verstörend. Womit wir wieder beim Thema Empathie wären, denn die Regierung behauptet, es ginge bei diesen Angriffen darum, die „Bösen“ zu bekämpfen, dem entsprechenden Land Freiheit zu bringen und die Sicherheit der USA zu erhöhen. Das Ganze Drohnenprogramm wird dann auch noch verkauft als extrem zielgenau und die Zivilbevölkerung schonend. Empathie, das bedeutet für mich, Aufmerksamkeit auf solche Themen zu lenken, etwa indem wir ein Lied darüber schreiben.

Das Internet, Facebook, Twitter haben eine wichtige Rolle gespielt beim „Arabischen Frühling“, waren mächtige Waffen. Gleichzeitig erleben wir, wie Regierungen weltweit auf die Kontrolle des Internets setzen, um missliebige Meinungsäußerungen zu unterdrücken, aktuell etwa in der Türkei. Man ist ganz schnell vom „Arab Spring“ bei Drohnenangriffen und dann bei Edward Snowden. In Europa war und ist der ein großes Thema, doch neulich musste ich feststellen, dass das in den USA keinesfalls der Fall ist. Und dann stellt man fest, dass das Internet einerseits große Möglichkeiten bietet, man sich gleichzeitig aber großen Konzernen ausliefert.

Justin: Information bedeutet Macht. Deshalb versucht die Regierung der Türkei das Internet zu kontrollieren, deshalb ist die US-Regierung so hinter Snowden her. Deshalb sitzen viele Whistleblower in den USA im Gefängnis. Der Mann, der in den Siebzigern den Watergate-Skandal um Richard Nixon aufgedeckt hat, sagte neulich, dass die Obama-Regierung in ihrem Kampf gegen Whistleblower schlimmer sei als Nixon. Damit erkennt die Regierung an, dass die Ideen die stärkste Waffe sind, die Menschen haben, und es deshalb im Interesse der Mächtigen ist, diese zu kontrollieren. Auch hier kommt wieder das Thema Ablenkung zum Tragen: Sport, Entertainment, all das dient dazu, die Menschen von wichtigen Themen abzulenken. Das Schlimmste scheint in den Augen dieser Leute zu sein, dass Menschen anfangen könnten nachzudenken.

Chris: Ich frage mich oft, ob die Kommerzialisierung des Internets es uns als im Westen lebende Menschen erlaubt, so freien Zugang zu Informationen zu haben, wohingegen es in Regionen, in denen das Internet keine so große wirtschaftliche Rolle spielt, unfreier zugeht. Die Betreiber von Twitter und Facebook haben ein Interesse an freier Kommunikation, denn damit machen sie gute Geschäfte. Ein anderes, mindestens genauso wichtiges Thema ist für mich aber der Umgang mit Arbeitnehmerrechten. Sozialismus und eine organisierte Arbeitnehmerschaft werden in den USA als Bedrohung aufgefasst, die spielen im Alltag der Menschen keine Rolle. So viele Menschen beklagen sich, dass sie für wenig Geld beschissene Jobs machen müssen, weil sie sich nicht organisieren und für ihre Rechte kämpfen können – oft einfach, weil sie zu kaputt und müde sind, keine Zeit haben. Die oligarchische kapitalistische Elite der USA hat es geschafft, die Gewerkschaften weitgehend zu zerschlagen und zu entmachten, und es ist ihnen sogar gelungen, selbst die Idee gewerkschaftlicher Organisation weitgehend aus dem Bewusstsein der Menschen zu löschen. Das Schlimme ist, dass sogar Menschen, denen klar wird, dass eine Veränderung nötig ist, nicht erkennen können, wie sich das bewerkstelligen lässt, und die dann aufgeben. Um die Arbeitnehmerschaft zu organisieren, braucht es aber Menschen, die so was organisieren, und das war der Grund, weshalb die US-Gewerkschaften bis zum Beginn ihrer Entmachtung in den Reagan-Jahren so erfolgreich waren: die Gewerkschaften konnten Menschen dafür bezahlen, sich um die Organisation von Arbeitskämpfen und den Kampf für Arbeiterrechte zu kümmern. Und wenn ein Streik beschlossen wurde, dann haben die das organisiert. Heute gibt es das kaum noch, keiner organisiert einen Streik, Arbeitnehmer können nicht mehr streiken. Und scheinbar alles Wissen darüber wurde aus dem Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit getilgt, so dass ein freies Internet für die Mächtigen derzeit keine Bedrohung darstellt. Deshalb war die Occupy-Bewegung auch so eine Offenbarung für uns Amerikaner.

Justin: Ja, das war eine wirklich neue Erfahrung für viele Menschen, nach dem Motto: „Ich kann also echt zu diesem Occupy-Protest gehen und einfach loswerden, was mich gerade stört?“

Um ehrlich zu sein, hatte ich damals, als das losging, nicht so ganz verstanden, warum in den USA so ein Wind um diese Occupy-Bewegung gemacht wurde. In Deutschland ist in den großen Städten gefühlt jeden Tag irgendwo mindestens eine Demo für oder gegen etwas.

Chris: Wir Amerikaner haben in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr diese Protestkultur, die Menschen sind es nicht mehr gewohnt, eine Demonstration zu organisieren und einen öffentlichen Ort zu haben, an dem man seinen Unmut äußert.

Justin: Ich war gerade in Paris, da wurde wegen irgendwas gestreikt, und immer, wenn wir in Europa sind, ist irgendwo, wo wir sind, ein Streik. Ich finde das großartig, das freut mich, auch wenn es manchmal Umstände macht.

Lasst uns auf das Thema Meinungsfreiheit zurückkommen und den freien Zugang zum Internet. Meine These: Unsere Kommunikationsfreiheit ist ein Nebenprodukt des kommerziellen Interesses von Konzerten wie Facebook und Google. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass im Falle einer Änderung dieser Interessenlage auch unsere Freiheit bedroht ist.

Justin: So ist es. Und das ist genau die gleiche Situation wie mit Anonymous: die sind heute auf der Seite der Guten, aber was ist, wenn Anonymous die Seite wechselt? Ich sehe durchaus auch die Gefahr, dass Google sich entscheiden könnte, seine von Millionen Menschen genutzten Werkzeuge abzuschalten. Es ist aber auch so, dass wir uns wünschen, Konzerne wie Google würden verschwinden, denn es ist ja auch fraglich, ob überhaupt einzelne Konzerne so viel Macht über technische Erfindungen haben sollten. Es gibt dieses Schlagwort „Corporate Responsibility“, „verantwortungsvolle Unternehmensführung“, aber so was existiert ja gar nicht. Wir denken, im Sinne von Dezentralisierung und direkter Demokratie sollten Dienstleitungen wie Krankenhäuser, Infrastruktur, Wasserversorgung, Stromversorgung, Telekommunikation keinem kommerziellen Druck unterworfen sein. Konzerne wie Google oder Facebook sollten da nicht mitmischen, damit sie keine Kontrolle über uns haben.

Chris: Ich bin ja etwas jünger als Justin und Pat, und während die beiden einen Uniabschluss haben, habe ich gleich nach der Highschool begonnen, in einer Punkband zu spielen. Ich merke davon eigentlich nichts, nur manchmal wird mir dieser Unterschied bewusst, etwa wenn Pat zu mir sagt: „Du speicherst echt alles im Internet? Das wird alles eines Tages nicht mehr vorhanden sein.“ Haha, und ich schaue ihn nur komisch an. Ich habe mir vor einer Weile angewöhnt, bei jedem Konzert ein Polaroid-Sofortbild vom Publikum zu machen und mein Planung war, die einzuscannen und was dazu zu schreiben. Pat meinte nur, ich solle das auf die Rückseite der Fotos schreiben, denn das im Internet werde irgendwann nicht mehr da sein. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir dieser Gedanke nie gekommen!

Ich hatte schon Interviews, wo sich die Plattenfirma beschwerte, es sei nicht genug über das neue Album gesprochen worden. Bevor ich mich in dieser Hinsicht verdächtig mache, sollten wir genau das tun.

Chris: Haha, sollen sie sich doch beklagen! Uns egal! Aber wenn du schon fragst: Wir haben unser letztes Album vor dreieinhalb Jahren veröffentlicht, mittlerweile feierten wir den zwanzigsten Geburtstag unserer Band, und wir stellten uns irgendwann die Frage, ob wir überhaupt ein weiteres Album machen sollten. Wir können auch ohne neues Album auf Tour gehen und Festivals spielen. Unsere alten Songs sind textlich immer noch relevant, die Aussagen gültig – was eigentlich bedauernswert ist, wenn man mal an „Fuck police brutality“ denkt. Aus dieser Diskussion entstand die Retrospektive „A Document Of Dissent: 1993-2013“, die wir 2014 auf Fat Wreck veröffentlichten. Wir überlegten tatsächlich, ob das nicht unsere letzte Platte sein könnte, auf deren Basis wir dann touren. Doch dann schauten wir uns an und merkten, dass da noch eine ganze Menge neuer Songs in uns stecken, dass wir die Fähigkeit haben, noch eine Platte zu machen. Wir hatten die letzten beiden Alben in unserem eigenen Studio aufgenommen, ohne vorangehende Demo-Sessions, sondern spielten sie ein und veröffentlichten sie. Dem wollten wir etwas entgegensetzen, und so nahmen wir uns vor, zweieinhalb Jahre an einem neuen Album zu arbeiten, und jeder Song sollte der beste sein, den ANTI-FLAG je geschrieben haben. Wir haben an „American Spring“ härter gearbeitet als an jeder anderen Platte.

Weil es euch schwerer fiel ...?

Justin: Wir hatten eine große Erwartungshaltung, was uns selbst betraf. Und wir haben uns dem Album sehr intensiv gewidmet, intensiver als je zuvor. Ich würde die Situation nicht so dramatisch beschreiben wie Chris, also dass wir vorhatten, nie wieder einen neuen Song aufzunehmen. Es war eher eine philosophische Frage: Warum eine neue Platte aufnehmen? Uns war klar, dass wir darauf eine gute Antwort würden finden müssen – oder ein Problem haben. Wir stellten fest, dass wir heute noch mit der gleichen Leidenschaft Musik machen wie zu Beginn. Wenn ich mich auf die Bühne stelle, will ich die Menschen begeistern, jeden Abend aufs Neue. Und ich bin immer der Erste, der mehr proben will, wobei das ja eigentlich Quatsch ist: Wir haben genug geprobt mit dieser Band. Aber ich will einfach sicherstellen, dass wir auf die Bühne gehen und absolut super sind. Ich will den Leuten vermitteln, dass diese Band da steht, weil sie den Menschen in der Band wichtig ist, viel bedeutet. Und diese Botschaft soll rüberkommen.

Chris: Für mich ist die neue Platte eng mit persönlichen Veränderungen verknüpft, weshalb ich das alles sehr schwarz und weiß gesehen habe. Zu dem Zeitpunkt, als wir darüber diskutierten, ein neues Album zu machen, hatte sich gerade mein Leben massiv verändert, was ich auch in einem Song verarbeitet habe. Meine langjährige Beziehung war gescheitert, auch wegen dieser Band, die mir so viel bedeutet. Die Band, die ich so liebe, hatte das Leben zerstört, das ich mir in den 17 Jahren, die ich in der Band spiele, aufgebaut hatte. Ich hatte keine Lust, nur eine neue Platte zu machen, weil es eben wieder an der Zeit ist. Denn ich weiß ja, was das bedeutet: mehr Konzerte, weniger Zeit für mein Leben jenseits der Band. Und so wurde es eben zu meinem Mantra, dass alles besonders gut werden muss, wenn wir ein neues Album machen, was im Studio manchmal auch zu Spannungen führte zwischen Pat und mir. Er warf mir vor, unsere Freundschaft zu überstrapazieren, weil ich ihn wegen seines Schlagzeugspiels angebrüllt hatte. Ich habe einfach immer ganz genau im Kopf, wie etwas klingen soll, und das muss dann raus. Ich war einfach gestresst, mehr als je zuvor, und erst jetzt legt sich dieser Stress allmählich wieder. Aber es war eine interessante Erfahrung, denn weil ich emotional so mitgenommen und traurig war, während das Album entstand, war ich zu mehr Mitgefühl fähig. Ich fühlte mich viel stärker mit den Menschen verbunden, um die es in unseren politischen Texten geht. Ich konnte mich besser in sie hineinversetzen. Justin achtete darauf, dass wegen dieses Hintergrunds die Platte nicht thematisch eindimensional wird, und ich bin nach der ganzen Sache sehr dankbar dafür, Teil einer Band zu sein, die dich unterstützt, wenn es dir nicht gut geht.

Justin: Ich denke, es ist die dynamischste Platte, die wir bislang aufgenommen haben. Die Songs sind alle nicht eindimensional, jeder ist aus einer anderen Perspektive geschrieben, und das macht die Sache so spannend. Manche sind sehr direkt und politisch, andere ganz persönlich, und dadurch ist die Platte für mich so spannend und interessant. Gestern bei einem Interview fiel mir auch auf, dass ich im Studio wohl ganz schön stressig bin. Und ich weiß jetzt auch, warum: Mir ist klar, dass sich in diesem Moment im Studio entscheidet, wie der Song bis in alle Ewigkeiten in Erinnerung bleiben wird, er ist dann in Stein gemeißelt. Mir sind unsere Songs aber so wichtig, dass die Zeit im Studio für mich wirklich extrem stressig und lähmend ist. Mir sind unsere Songs so wichtig, ich will, dass alles stimmt, die Gitarren, das Schlagzeug, der Gesang. Wir stressen uns im Studio also deshalb gegenseitig so sehr, weil uns das alles so wichtig ist. Und ehrlich, erst gestern wurde mir klar, warum ich im Studio immer so leide. Immerhin sind wir als Band in der Lage, mit dieser Situation im Studio umzugehen und sie konstruktiv zu nutzen. Wir gleichen uns da zum Glück aus, wir verstehen uns, und das hat viel mit unserer langjährigen Freundschaft zu tun.

Chris: Ja, und manchmal sagen wir auch einfach „Fuck off!“, hahaha.

Justin: Wenn meine Besessenheit mal wieder zu heftig wird ... Ich fühle mich aber auch gut dabei, nach all den Jahren in der Band zu wissen, dass mir das alles immer noch so wichtig ist, und den anderen auch, und dass wir uns deshalb auch mal anbrüllen. Wir verspüren heute noch die gleiche Leidenschaft wie damals, als wir unsere erste Platte aufnahmen. Ein Song wie „Brandenburg Gate“ ist für mich deshalb ein gutes Beispiel, wie gut wir sein können, wenn wir zusammenarbeiten.

Was hat es mit dem Stück auf sich? Wir sitzen hier nur ein paar Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt.

Chris: Wie schon erwähnt, ging während der Entstehung des Albums meine Beziehung in die Brüche und ich musste erst mal wieder klarkommen. Eine Möglichkeit der Bewältigung ist, einen Song darüber zu schreiben. Der geht los mit den Worten „I lost my baby to a foreign war / She was cut down in the gunfire of the western world“ und ich ahnte schon, was kommen wird: keiner erwartet von ANTI-FLAG einen Song über eine verflossene Liebe. Ich spielte Justin und Pat meine Songidee vor, und sah direkt, wie die Zahnräder in ihren Köpfen zu rattern begannen. Die beiden stehen eher auf aggressive Songs, wobei Pat weniger mit dem Songwriting an sich zu tun hat – das sind Justin und ich –, aber er ist gut darin, uns hilfreiche Ratschläge zu geben. Wir fingen also an, über Orte zu sprechen, und mir wurde klar, dass ich das erste Mal merkte, dass in meiner Beziehung etwas nicht stimmt, als ich in einem Hotel nahe des Brandenburger Tors in meinem Zimmer saß und mit meiner Freundin telefonierte. Und dann gibt es die Passage „I will wait at the Brandenburg Gate / At the Brandenburg Gate I’ll wait“. Als Berlin noch geteilt war, war das Brandenburger Tor ein Symbol für das Unerreichbare. Und an der Stelle passte der Song für uns alle: für mich als Metapher für etwas Persönliches, für Justin und Pat als politisches Symbol für die Rolle des Sozialismus, für eine Krankenversicherung für alle in den USA, für scheinbar unerreichbare politische Ziele. Und so haben wir uns geeinigt: ich konnte zum Ausdruck bringen, was mir wichtig war, und sie hatten ihren Willen bekommen. Und es gibt eine weitere Doppelbedeutung, denn da ist von dreißig Jahren die Rede, und damit ist einerseits vom Dreißigjährigen Krieg die Rede und wie der Europa prägte, andererseits ist das eine Anspielung auf mein Alter. Es gibt bei ANTI-FLAG eine simple Regel, mit der wir alle gut klarkommen: Damit wir uns mit einem Stück auf die Bühne stellen können, müssen wir alle daran glauben. Manche Stücke nehmen wir zwar auf, aber wenn damit unterbewusst was nicht stimmt, schaffen die es nie auf eine Setlist.

Justin: Mir gefällt die Botschaft des Songs und das Bild mit dem Brandenburger Tor: es war fast dreißig Jahre lang unpassierbar, und dann ändert sich alles. Für uns in den USA sind sozialistische Ideen, ein für jeden bezahlbares Gesundheitssystem, ein für jeden offenes Bildungssystem, ehrenamtliches Engagement heute noch eine Utopie – aber das war die Öffnung des Brandenburger Tors auch. All das kann erreicht werden!

Chris: Unsere Art der Zusammenarbeit setzt sich aber auch bei der Musik fort, auch da wollten wir bei dieser Platte jeder einzelnen Note Bedeutung verleihen, nicht nur jedem Wort. Immer dann, wenn uns das in der Vergangenheit gelungen ist, war das Ergebnis eine Platte, mit der viele Menschen etwas anfangen konnten. Das macht es noch mal extra schwer und stressig, aber die Belohnung für eine solche Anstrengung ist auch größer.

Zum Schluss muss ich noch die Frage stellen, wieso ihr auf einem Metal-Label aus Finnland gelandet seid. Genau das ist ja der Hintergrund von Spinefarm Records, das seit einigen Jahren zum Major Universal gehört.

Chris: Spinefarm ist ein Label, das weltweit präsent ist, und wir finden, was wir machen, hat weltweite Aufmerksamkeit verdient. Als wir mit ihnen die ersten Gespräche führten, schlugen sie uns beispielsweise vor, Pressetage in London, Paris und Berlin zu machen. So was haben wir nie zuvor gemacht, auch nicht damals, als wir auf einem Majorlabel waren. Damals sah man nicht ein, dass es Sinn ergeben könnte, dass wir persönlich irgendwo hinfahren, um über unsere Lieder zu reden. Klar, das alles muss jemand bezahlen, aber wir haben keine Berührungsängste, wenn es um das Verbreiten unserer Ideen geht, was auch der Grund ist, weshalb wir auf der von Großkonzernen gesponsorten Warped Tour mitgefahren sind. Wir sind Optimisten, für uns ist das Glas immer halb voll, nicht halb leer. Klar, Spinefarm ist nicht gerade als Punk-Label bekannt, das ist ein Risiko, aber wir waren schon auf diversen Punk-Labels, wieso also nicht was Neues ausprobieren?

Justin: Entweder es wird ein Erfolg oder ein totales Desaster. Wir haben Ideen, von denen wir überzeugt sind, dass andere Menschen die mitbekommen sollten, und wenn wir in einem Akt von „ideologischem Imperialismus“ diese Ideen bestmöglich verbreiten können, dann ist das gut für uns. Da ist ein Label mit Büros in Finnland, Deutschland, Japan, England, USA und so weiter hilfreich. Bei verschiedenen Treffen haben wir dem Label auf den Zahn gefühlt, wir müssen ja wissen, was die von uns wollen und warum die uns signen möchten. Wir halten das für einen guten Schritt, und sowieso waren wir noch nie eine jener Bands, die nur für Punkrocker spielen und Platten machen will. Punk hat so viele gute Ideen vorangebracht in all den Jahren, und dazu braucht man Öffentlichkeit. Die ist mit Labels wie Fat Wreck oder SideOneDummy, mit denen wir immer noch befreundet sind, aber schwerer zu erreichen. Wir wollen aber nicht nur die Leute erreichen, die uns sowieso schon kennen.

Chris: Wir sehen Punkrock als Ideologie, nicht als einen Sound, und mit dieser Einstellung haben wir uns schon immer in den Randbereichen des Genres bewegt: den einen waren wir schon immer zu poppig für eine „echte“ Punkband, den anderen zu punkrockig für eine Popband. ANTI-FLAG haben immer schon von beiden Seiten Prügel bekommen, und so sagte das eine Punk-Magazin, es wolle nicht über uns berichten, weil sie ja auch nicht über GREEN DAY schreiben, und ein großes Musikmagazin will uns nicht, weil wir Anarchisten seien. Wir brauchen es, uns neue Aufgaben zu stellen, es uns unbequem zu machen, damit wir uns extra anstrengen.

 


1988

Sänger und Gitarrist Justin Sane gründet gemeinsam mit Schlagzeuger Pat Thetic die Band. Viele Gitarristen und Bassisten kommen und gehen, aber es gibt keine Konstante. Schließlich löst sich die Band nach ihrem ersten Auftritt auf.

1992

Justin und Pat starten einen neuen Anlauf mit ANTI-FLAG, diesmal mit Andy Flag am Bass, den Justin aus einer kirchlichen Jugendgruppe kennt.

1995

Die erste US-Tour der Band verläuft nicht ohne Streit zwischen Justin und Andy.

1996

Das erste Album der Band, „Die For The Government“, erscheint auf New Red Archives, dem in San Francisco ansässigen Label von UK SUBS-Gitarrist Nicky Garratt. Andy Flag verlässt die Band und Sean Whelan (NECRACEDIA, BAD GENES) wird der neue Bassist.

1997

Durch Sean Whelan kommt Chris Head als neuer Bassist in die Band, der aber bald die zweite Gitarre spielt und Jamie Cock den Part des Bassisten überlässt.

1998

Das zweite Album „Their System Doesn’t Work For You“ wird veröffentlicht.

1999

„A New Kind Of Army“ wird als Split-Release von Go-Kart und dem bandeigenen Label A-F Records veröffentlicht. Chris Baker, der auch Chris #2 genannt wird, ersetzt Jamie Cock am Bass.

2000

ANTI-FLAG nehmen an der Vans Warped Tour teil.

2001

Der Durchbruch gelingt mit dem vierten Album „Underground Network“, das mit dem Produzenten Mass Giorgini aufgenommen wird und bei Fat Wreck Chords erscheint.

2002

Das nächste Album „Mobilize“ wird von A-F Records im Februar veröffentlicht. Wegen kritischen Texten gegen die kriegstreiberische Politik der USA nach den Anschlägen des 11. Septembers wird das Album von einigen Läden boykottiert.

2003

Das Album „The Terror State“ erscheint bei Fat Wreck Records. Auch dieses hält sich nicht mit Kritik an der Bush-Regierung zurück.

2004

ANTI-FLAG werden in einer Rede im Abgeordnetenhaus von Jim McDermott gewürdigt, weil sie junge Menschen zum Wählen motivieren.

2005

Ein Vertrag mit dem Majorlabel RCA wird unterzeichnet.

Ein neues Album „The Bright Lights Of America“ wird von Tony Visconti, der auch mit David Bowie und T. REX gearbeitet hat, produziert und am 1. April veröffentlicht. Es folgt eine Europatour mit BILLY TALENT.

2006

„For Blood And Empire“ erscheint am 21. Mai. Die große USA-Tour „War Sucks, Let’s Party“ endet im April.

2009

Justin Sane bricht sich bei einem Auftritt in Norwich das Schlüsselbein. Daraufhin müssen mehrere Konzerte abgesagt werden. Das Album „The People Or The Gun“ erscheint am 9. Juni bei SideOneDummy.

2010

Direkt im Anschluss an ihre US-Tour startet die Band eine Australientour, die von PeTA, Greenpeace und Amnesty International präsentiert wird.

2011

ANTI-FLAG arbeiten an einem neuen Album. Justin Sane beschäftigt sich außerdem mit seinem Soloalbum.

2012

„The General Strike“ entsteht im eigenen Studio und wird am 20. März veröffentlicht. Eine Tour unter dem gleichen Motto wird gemeinsam mit den FLATLINERS und den HAVE NOTS absolviert.

2014

Das Best of-Album „A Document Of Dissent“ erscheint am 21. Juli auf Fat Wreck Chords.

2015

Das neunte Album „American Spring“ wird auf dem zum Universal-Konzern gehörenden Label Spinefarm Records veröffentlicht.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #120 (Juni/Juli 2015)

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