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Interviews & Artikel

REFUSED

Rückkehr der Punk-Intelligenzia

Es gibt Alben, die zum Klassiker werden. „The Shape Of Punk To Come“ von REFUSED war 1998 so ein Album. Es kombinierte Revolutionsparolen und Philosophie, Krachgitarren und Jazz zum Manifest des Aufbegehrens und der musikalischen Innovation. Doch der Klassiker forderte seinen Tribut. Kurz darauf lösten sich REFUSED auf – der Rummel war ihnen zu viel geworden. Trotz einiger Konzerte ab 2012 wollte niemand so recht an eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte aus Umeå, Schweden glauben – auch weil Frontmann Dennis Lyxzén mit seinen mannigfachen Projekten (T(I)NC, INVSN, AC4) ausgelastet schien. Bis jetzt, bis zu „Freedom“, dem neuen REFUSED-Album. Und es wirft Fragen auf, die Lyxzén beim Gespräch in einem Düsseldorfer Hotel gut gelaunt und offensichtlich mit sich und der Welt im Reinen beantwortet.

Dennis, ist dir bewusst, dass wir heute in einem Hotel sitzen, das nur einen Straßenzug vom ehemaligen Kling-Klang-Studio der Band KRAFTWERK entfernt ist?


Tatsächlich? Das ist ja interessant! Denn ich liebe KRAFTWERK! Eine großartige Band. Und eine der wenigen aus Deutschland, mit denen ich etwas anfangen kann. Neben EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN natürlich. Blixa Bargeld und seine Mitmusiker bewundere ich ebenfalls seit jeher.

Woran liegt es, dass dir Musik aus Deutschland ansonsten nicht zusagt?

Das ist so eine kulturelle Sache. Das, was die Deutschen in Sachen Krautrock und Elektronik gemacht haben, dieses Experimentelle, das ist großartig. Aber der deutschen Rockmusik wohnt stets so eine Strenge inne. Und die mag ich nicht.

Was ist mit DIE TOTEN HOSEN, die auch aus Düsseldorf kommen und derzeit als größte Rockband des Landes gelten?

Mit denen sind wir als THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY vor zehn Jahren mal getourt. Das sind fantastische Menschen, unheimlich freundlich. Sie sind trotz der ausverkauften Stadien auf dem Boden geblieben. Aber es steckt mir dann doch zu viel Spaß in ihrer Musik, lass es mich mal so ausdrücken. Also ist das auch nichts für mich.

Der verstorbene Krimi-Autor Stieg Larsson, der posthum zum Bestsellerkönig wurde, kommt wie du aus Umeå – was wiederum bedeutet, dass er dich als bedeutendste Persönlichkeit deiner Stadt abgelöst hat.

Haha, aber er hat es verdient. Dafür lebe ich noch, das ist schon in Ordnung. Zur Zeit spielt sich leider ein Drama um seinen Nachlass ab. Denn Larsson hat in seinem Testament verfügt, dass ein Teil seines Vermögens an die Kommunistische Partei in Schweden gehen soll. Und dagegen wehrt sich seine Familie gerade vor Gericht.

Diese konsequent linke Einstellung verbindet euch also irgendwie.

Absolut. Larsson war ein Radikaler und ein politisch sehr aktiver Mensch. Da gibt es durchaus Parallelen – vor allem in einer Stadt wie Umeå, die traditionell links, beinahe rot ist. Aber in diesem Larsson-Thema steckt noch eine andere, tragische Komponente: Es gibt einen weiteren Stieg Larsson aus der Gegend. Der lebt noch. Er ist ebenfalls Autor – aber er wurde nie berühmt, weil er arge körperliche und psychische Probleme hat. Er ist Trinker, nimmt Drogen und ist ein wenig abgedreht, hat aber unglaublich schöne, poetische Texte geschrieben. Auch er hätte ein wenig Ruhm verdient. Die Welt ist manchmal ungerecht ...

Es ist also nach wie vor einiges los in Umeå. Deine Heimatstadt war im vergangenen Jahr ja sogar die Kulturhauptstadt Europas...

Ja, aber das war ein Desaster. Es hat der Kulturszene unserer Stadt alles andere als gut getan. Weißt du, die kulturelle Szene Umeås zeichnete sich immer schon dadurch aus, dass sie eher klein, sehr eigen und somit fruchtbar war. Und auf einmal stellen uns die Stadtoberen ein Kulturhaus für zig Millionen hin, nur um den Titel „Kulturhauptstadt“ zu feiern – und haben kein Geld mehr, um die Kultur zu fördern! Jetzt schließen plötzlich Theater und Museen. Unfassbar, ein Desaster.

Die Journalistin einer großen deutschen Wochenzeitung schrieb über Umeå, dass es in dieser Stadt „sogar vegane, feministische Punker“ geben würde.

Haha, das ist natürlich ein schönes Klischee. Aber die Dame hat recht. Tatsächlich ist es genau das, was Umeå zu dieser einzigartigen Stadt gemacht hat. Diese radikale Offenheit.

Als ihr in den Neunzigern „The Shape Of Punk To Come“ veröffentlicht habt, erhielt diese neue, frische Hardcore-Szene in Umeå verstärkt Aufmerksamkeit und die Stadt wurde zur Keimzelle einer neuen Punk- und Hardcore-Gemeinde. Was hat sich seitdem verändert in der Stadt?

Heutzutage ist Umeå glücklicherweise immer noch recht cool. Denn seit damals passierten zwei Dinge. Erstens: REFUSED lösten sich auf – und andere Bands sprangen sofort für uns in die Bresche und brachten die Sache noch vielfältiger nach vorne. Sie wollten unser Erbe weiterführen. Und dadurch blieb diese kleine, lokale Szene lebendig und wurde noch vielfältiger. Zweitens: Die Leute von damals wurden älter und blieben meist dabei und begeisterten wiederum junge Menschen. Heute haben wir zwar eine kleine Szene – 150, vielleicht 200 Leute –, aber sie erstreckt sich über alle Altersklassen hinweg und verbindet Hardcore, Metal und Punk miteinander. Es ist eine gesunde Szene, wenn man bedenkt, dass die heutige internationale Punk-Gemeinde – die ja ihre Wurzeln in den Neunzigern hat – doch eine der uncoolsten Szenen überhaupt ist.

Aber wenn doch bei euch alles schon immer so cool war: Warum habt ihr damals überhaupt aufgehört?

Das hatte mit genau dieser neuen, internationalen Szene zu tun. Als Punks brauchen wir keine Idioten und Trittbrettfahrer. Wir brauchen Freaks! Das war es, was uns damals störte – abseits von Umeå: Die Sache um uns wurde zu groß. Wir wurden all dessen überdrüssig. Wir hatten keine Lust, uns irgendwann irgendwelchen Regeln und irgendeiner großen Szenepolitik zu beugen. „The Shape Of Punk To Come“ war ein Zeichen dafür, dass wir individuell bleiben wollten und eine eigene Definition von Punk und Hardcore hatten.

Dabei galt gerade „The Shape Of Punk To Come“ vielen als großes, umfassendes Manifest genau dieses „globalen“ Punk, mit dem ihr nichts mehr zu tun haben wolltet. Du musst zugeben, das klingt ein wenig paradox.

Das tut es. Aber man muss eben auch sehen, warum wir „The Shape Of Punk To Come“ aufgenommen und veröffentlicht haben: Es sollte nie ein Manifest sein. Es sollte den Leuten nicht sagen: So und so müsst ihr sein und dies und das müsst ihr tun! Es war gedacht als großes „Fuck off!“. Es war eine Absage an eben diese ganze Regeln und Gesetze einer riesigen Szene, zu der wir uns nicht mehr zugehörig fühlten.

Wann wurde euch das ganze Ausmaß dieses Dilemmas bewusst?

Das war 1996 bei unserer Tour mit SNAPCASE durch die USA. Wir freuten uns unheimlich darauf, die ganzen Bands und Fans dort zu treffen. Und dann kamen wir an und stellten fest, dass wir absolut gar nichts mit all dem zu tun hatten. Ich wurde Punk und Anhänger von Straight Edge und bin mit all dem verbunden, was Punk für mich ausmacht, weil ich damals schon eine politische Überzeugung hatte. Aber in den USA, wo ja in den Neunzigern die große, nächste Punk-Welle startete, spielte das kaum eine Rolle. Im Gegenteil: Die Leute dort hassten uns. Für die waren wir anarchistische, kommunistische Wichser. Wir wurden beschimpft und beleidigt. Wir konnten es nicht fassen! Und als wir wieder nach Hause kamen, fiel uns dann auch noch auf, wie viele Bands sich mittlerweile als REFUSED-Klone ausgaben und versuchten, uns zu kopieren. Also sagten wir: Ihr könnt uns mal!

Und jetzt seid ihr trotzdem wieder da – und klingt auf eurer neuen Platte „Freedom“ auch noch genauso wütend wie damals. So als habe sich doch nichts verändert. Das „revolutionary programme“ gilt also immer noch.

Na ja, das ist unserer persönlichen Geschichte geschuldet: Punkrock hat uns geprägt und ist ein Teil unseres Lebens. Er definiert uns als Menschen, nach wie vor. Dem kann man nicht entkommen. Deshalb hatten wir irgendwann auch wieder Lust, gemeinsam etwas zu machen. Und bevor wie die Arbeit an „Freedom“ begannen, sagten wir uns: Machen wir sie so, dass die Platte nach REFUSED klingt.

Dennoch: Manch einer wirft euch jetzt Inkonsequenz und die Zerstörung der eigenen Legende vor – schließlich hattet ihr damals eine Wiederkehr von REFUSED kategorisch ausgeschlossen.

Natürlich, diese Kritik bekomme ich mit. Und ich habe Verständnis dafür. Denn machen wir uns nichts vor, wenn etwa MINOR THREAT wieder auftreten würden, wäre ich zwar auch aufgeregt und würde nicht lange überlegen, ob ich aufs Konzert gehe. Aber als Fan würde ich gleichzeitig denken: „Was tut ihr? Warum zerstört ihr meine persönliche Geschichte, die ich mit euch habe?“ Genauso lebten viele Menschen seit 17 Jahren mit „The Shape Of Punk To Come“. Für sie war es die perfekte Platte. Und wir waren für sie die perfekte Band. Und jetzt kommen wir wieder, mit einem neuem Album. Aber es geht nicht darum, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Es geht darum, was du selber mit deiner Musik machen willst – und ob du Musik machen willst.

War es wirklich so leicht? Wir haben Bock auf Musik und tun es jetzt einfach ...

Nein. Wir nehmen das sehr ernst. Ehrlich: Wir haben es uns alles andere als leicht gemacht mit „Freedom“. Wir haben im Vorfeld wirklich tagelang diskutiert. Über Musik, aber noch mehr über Politik und unsere persönlichen Überzeugungen. Wir haben uns gefragt: Wo stehen wir? Was wollen wir? Doch es bleibt dabei: Letztlich sitzen wir hier wegen der Musik, oder? Ich liebe Musik. Du liebst Musik. Wir alle lieben Musik. Und die Liebe zur Musik ist der Hauptgrund, warum es neue Songs von uns gibt.

Und was würde der Dennis Lyxzén von 1998 zu „Freedom“ und dem REFUSED-Comeback sagen?

Haha, um ehrlich zu sein, wäre er absolut angepisst und würde sagen: Diese Scheißtypen! Was fällt denen ein? Sie wollten nie wiederkommen – und tun es jetzt doch wieder? Was für ein Mist!

Ich sagte es bereits, „Freedom“ klingt einmal mehr wie früher, sprich: extrem wütend. Mit „Sleepless Europeans“ ist auch ein Song darauf, in dem du all jene ansprichst, die die Dringlichkeit der Flüchtlingshilfe nicht erkennen. Ihnen sagst du: „Schlaft weiter und träumt weiter euren Traum. Es ändert sich eh nichts.“ Das klingt nicht nach REFUSED. Das klingt hoffnungslos.

Wenn man jung ist, so wie wir damals, dann kennt man die Welt noch nicht richtig. Man ist noch überzeugt, dass man sie im großen Stil verändern kann. Man boykottiert dies und boykottiert das. Später aber kommt der Moment, in dem jeder zum Realisten wird und erkennt: So einfach ist das nicht, wenn man die Welt verbessern will. Auf diesem Gefühl basiert auch dieser Song. Aber ich würde ihn nicht nur auf diese Weise interpretieren. In erster Linie prangert er nämlich an. Er sagt: Wir haben es verhältnismäßig gut. Wir haben Geld. Wir haben alle Möglichkeiten, etwas aus unserem Leben zu machen. Wir haben alle Möglichkeiten, um anderen zu helfen und diese Welt gerechter zu machen. Aber was tun wir? Wir kümmern uns um das neue iPhone und darum, was gerade bei „Two and a Half Men“ abgeht. Wir verfallen in Trance. Daher singe ich hier: „Go back to sleep“. Aber gleich danach folgt doch der positivste und am meisten Mut machende Satz des Albums: „Dream a new dream!“ Das ist nicht hoffnungslos. Das soll vielmehr aufrütteln und sagen: Tut endlich etwas! Wenn bislang alles in die Binsen ging, dann sollten wir zusehen, dass wir jetzt etwas Neues schaffen. Eine bessere Welt eben.

Welche Existenzberechtigung hat Punk heutzutage noch für dich?

Früher – 1978, als ich Punk wurde – war es das Uncoolste überhaupt. Punk war radikal, politisch, hässlich. Heute ist er trendy. Tattoos überall, Nietengürtel, RAMONES-Shirts bei Modeketten – das sind ja nur einige wenige von vielen schlimmen Auswüchsen. Aber: Ich liebe nach wie vor all das, was Punkrock für mich und mit mir getan hat. Damals waren wir die Freaks und Weirdos, die keiner ernst nehmen wollte. Und Punk und Hardcore, den ich dazuzähle, gaben uns eine Plattform, uns zu zeigen und das zu sagen, was wir zu sagen hatten. Deshalb ist Punk nach wir vor mein Leben. Und deshalb hat er nach wie vor eine Existenzberechtigung.

Ihr wurdet wegen „The Shape Of Punk To Come“ mehrfach als die Intelligenzia des Punks bezeichnet. Wem kommt diese Rolle heute zu?

Allen, die Protest in ihre Musik integrieren. Heutzutage sind das auch viele HipHop-Künstler.

HipHop als der neue Punk – das hört man heutzutage häufiger. Wann machst du Rap?

Niemals, haha! Ich brauche immer elektrische Gitarren auf meinen Alben!

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #121 (August/September 2015)

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